Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

Email Password  
Not a subscriber yet?  
Keyword Search
 in   
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

ouverture - Das Klassik-Blog, March 2018

„Klänge, die atmen“, lautet das Motto des Bachchores Mainz. Das Ensemble, das seit 32 Jahren von Ralf Otto geleitet wird, hat nun erstmals die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Die Aufnahme, an der auch das Bachorchester Mainz mitgewirkt hat, ist geprägt durch Ottos bewährten Leitsatz: „Historisch informiert, aber zeitgemäß interpretiert“.

So ist diese Interpretation gleicher-maßen dramatisch wie berührend, pulsierend und lebendig, klanglich transparent, aber dabei beseelt und ausgewogen. Derart mitreißend hat man Bachs Werk lange nicht gehört. Otto verzichtet auf übertriebene Schroffheit und auf Manierismen, die man bei „Alte“-Musik-Ensembles leider mittlerweile häufig wahrnimmt (und oftmals als nervig empfindet). Im Mittelpunkt steht hier klar Bachs Musik, die konsequent darauf befragt wird, was sie uns heute zu sagen hat.

Auch das Solistenensemble überzeugt. Georg Poplutz gestaltet den Part des Evangelisten gekonnt und mit großer Klarheit. Yorck Felix Speer ist als Jesus zu hören. Die Arien singen Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Daniel Sans und Matthias Winckhler.

Eine Besonderheit der vorliegenden Aufnahme ist die Ergänzung der Partiturversion des Jahres 1749, die als Bachs finale Fassung gilt, um die zusätzlichen Sätze der abweichenden Partiturversion von 1725. Sie wurden der Einspielung angehängt. So kann vergleichen, wer das möchte. Und noch eine erfreulíche Nachricht zum Schluss: In den kommenden Monaten will der Bachchor Mainz noch Bachs Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe einspielen. Da zu erwarten ist, dass diese Aufnahmen von ähnlich hoher Qualität sind wie die der Johannes-Passion, darf man darauf schon heute sehr gespannt sein. © 2018 ouverture - Das Klassik-Blog



Matthias Lange
www.klassik.com, March 2018

Eine sehr schöne, vor allem atmosphärisch dichte Johannes-Passion, deren herausragendes Merkmal sicher eine auf hohem Niveau enorm ausgeglichene Solistenriege ist: Weniger Sorgen musste man sich in dieser Hinsicht selten machen. Eine stimmige Aufnahme. © 2018 www.klassik.com




Rainer W. Janka
Klassik heute, March 2018

„Als nun diese theatralische Musik anging, so gerieten alle diese Personen in die gröste Verwunderung, sahen einander an und sagten: Was soll daraus werden?“ Wenn man diese neue Aufnahme der Bach’schen Johannespassion hört, kann man die Verwunderung dieser „hohe(n) Ministri und Adeliche(n) Damen“ verstehen: Ralf Otto, der sich seit über vierzig Jahren den Werken von Bach widmet, hat mit seinem Bachchor Mainz eine Johannespassion eingespielt, die dramatisch begeistert, ja überrumpelt, die einen sofort hineinreißt in das größte Drama aller Zeiten, die beseelt ist vor vorwärtsdrängender Mitteilungsleidenschaft, die geradezu bebt vor Erregung—die aber trotzdem musikantisch beschwingt und fließend ist. Wenn es nicht blasphemisch klänge, könnte man sagen, dass alle Sänger und Musiker hier große Freude beim Musizieren haben. Alles klingt „historisch informiert“, aber es ist nie klanglich skelettiert oder bloß sportlich stürmisch wie bei manch anderen „historisch“ spielenden Ensembles, alles hat—bei aller schmerzlichen Dramatik—eine geradezu prall-sinnliche Klangqualität. Dazu tragen auch die Atmosphäre und der hervorragende Raumklang der Mainzer Christuskirche bei, Hauptkirche der rheinland-pfälzischen evangelischen Landeskirche und Sitz des Bachchores seit über sechzig Jahren, ein im Stil der Hochrenaissance errichteter Bau von exquisiter Akustik. Der Tonmeister hat da wirklich gute Arbeit geleistet, hat alles in größter Transparenz akustisch unmittelbar überwältigend nach vorne gerückt.

Gleich der Eingangschor bestürzt mit aufwühlenden harten Schlägen im Generalbass, während die Flöten und Oboen legato singen. Da versteht man John Eliot Gardiner, der in seinem Buch „Bach—Musik für die Himmelsburg“ meint, dass in dieser Ouvertüre die Stimmung der Mozart’schen Idomeneo und Don-Giovanni-Ouvertüren vorwegnehme und schon ein direkter Vorfahre der Beethoven’schen Leonoren-Ouvertüren sei. Der Chorklang ist sehr rund und ausgewogen, dabei recht üppig, trotz der „nur“ 34 Sänger. Die Herr!-Rufe kommen sehr exakt. Insgesamt haben alle Turba-Chöre energische Wucht: Der Bist-du-nicht?-Chor kommt erregt-schreiend und anklagend, die Juden (Wäre dieser nicht ein Übeltäter) hecheln und heulen erregt chromatisch, und zwar deutlich in allen Chorstimmen. Überhaupt darf man endlich auch einmal den Chor-Alt hören, der in vielen Chören unterbelichtet klingt. Im darauffolgenden Chor (Wir dürfen niemand töten) hetzen die Geigen hörbar, ihr angebliches „Gesetz“ schleudern die Juden dem Pilatus mit verkürztem und deshalb gezischtem „tz“ entgegen. Und auch die Endfermate des Wohin?-Chores negiert Ralf Otto, so dass dieser Chor fast atemlos wirkt, doch endlich einmal notensicher. Ein Irrsinnstempo legt Ralf Otto bei dem Chor der um Christi Rock würfelnden Soldaten hin, ein Tempo, das der Chor gerade noch bewältigt, das aber dazu führt, dass die Aliberti-Bässe, die die rollenden Würfel symbolisieren, im Klang fast untergehen. Und dafür scheint am Ende, beim Schlusschoral, ein bisschen die Luft raus zu sein, der hat wenig Binnensteigerung. Das ist ein Schlusspunkt, aber kein Ausrufezeichen.

Binnensteigerung haben allerdings alle anderen Choräle. Die sind klangsatt, natürlich atmend, außerordentlich textbetont mit sehr gut abgesprochenen Endkonsonanten, mit geradezu sprechenden Fermaten und kleinen rhetorischen Kunstpausen vor bedeutsamen Worten. Und außerordentlich bedeutsam durch Verlangsamung und geradezu rhetorisches Piano ist der Choral Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, der mit seinen Antithesen-Ballungen das theologische Zentrum bildet—und mit seinem kreuzreichen E-Dur auch das musikalische Zentrum, das nur noch übertroffen wird durch das Fis-Dur nach dem Es ist vollbracht—das Ralf Otto im mystisch erschauernden Piano nimmt statt im auch möglichen triumphalen Forte.

Damit sind wir auch bei Jesus, der mit Yorck Felix Speer wahrhaft herrscherlich, ja machtvoll-präsidial tönt. Sein hohes „e“ in Das ist mein Reich ist selbstbewusst-sicher attackiert und getroffen. Und auch hier hört man, wie subtil Ralf Otto die Continuo-Gruppe strukturiert: Wenn Jesus singt Ich bin ein König, verstummt die Gruppe wie erschreckt, bloß das Cembalo zirpt ein paar verlorene Töne. Wenn Jesus klagt: Mich dürstet!, spielt das Cembalo symbolisch trocken.

Das stützt auch den Evangelisten: Georg Poplutz erzählt mit kernig leuchtendem Tenor oft innerlich erregt, und wenn er von des Petrus‘ Weinen erzählt, mit langem Atem drängend quellend. Christian Wagner ist als Pilatus ein sich seiner Würde bewusster römischer Beamter.

Und auch die übrigen Solisten passen gut zu dieser klangüppigen Passion: Der Tenor Daniel Sans realisiert prächtig in seiner ersten Arie (Ach mein Sinn) das, was Gardiner darüber schreibt: „Das Stück sprüht vor Energie und Emotion“, während das Orchester genauso prächtig mit heftiger Punktierung das seelische Chaos des Sängers malt. Und genauso präzise zeichnet Daniel Sans in seiner zweiten Arie (Erwäge!) die von Gardiner apostrophierte „geheimnisvolle Erotik von Wunden“ nach. Der Bassist Matthias Winchkler deklamiert hervorragend wortbezogen und wortdeutlich, Gerhild Romberger führt einen kräftigen Alt mit wenig Vibrato, ihr Es ist voll bracht! kommt wahrlich triumphierend, die Gambe in dieser Arie klingt ausgesprochen schön—es ist immerhin Hille Perl! In der ersten Alt-Arie (Von den Stricken) überrascht der fast tänzerische Bass, der die federnden Staccati im Notenbild ganz ernst nimmt.

Der mit natürlich-innigem Timbre versehene Sopran von Julia Kleiter bettet sich herrlich ein in das berückende Klangbild der Oboen und Flöten in der Zerfließe-Arie, ihr Sopran zerfließt nicht kopfig-dünn wie so oft, sondern bleibt durchaus sinnlich präsent und sie beherrscht auch den barockopernhaften Gestus der Tonrepetition.

Ergänzend bietet diese Doppel-CD Bachs Bearbeitungen von 1725: aus der Matthäuspassion den Chor O Mensch bewein dein Spünden groß, der hier als Eingangschor, sowie den Choral Christe, du Lamm Gottes, der als Schlusschor figuriert. Interessanter sind da die zwei Erregungs-Arien des Tenors, die durchaus einmal in einer Aufführung gebracht werden könnten. © 2018 Klassik heute



Ingobert Waltenberger
Online Merker, March 2018

Ralf Otto ist ein hocherfahrener Chorleiter und versteht seinen Bach. Für die vorliegende Aufnahme hat er die späte Fassung des Jahres 1749 gewählt, fünf zusätzliche Nummern (1 Choral, 1 Chor, drei Arien) aus der Version 1725 sind in einem Anhang zu hören. Die wohl theatralischste Passionsvertonung folgt einem rein musikalisch motivierten Konzept, die Texte sind ja—anders als bei der Matthäus Passion—uneinheitlich und setzen sich aus Bibelquellen, aber auch Dichtungen barocker Poeten wie Barthold Hinrich Brockes, Christian Heinrich Postel oder Christian Weise zusammen. Die Anzahl der solistischen Partien ist vergleichsweise begrenzt und somit die rezitativische Wiedergabe des Evangeliumsberichts ein wesentlicher Faktor.

Ralf Otto betont mit dem ganz herausragenden Bachchor Mainz und dem nicht minder versierten Bachorchester Mainz den „theatralischen“ Faden der Partitur und setzt diese mit viel Swing und einer schon fast tänzerischen Geste um. Transparent, aber gnadenlos vorwärtsdrängend, ohne Rast und Ruhe, dafür einem untrüglichen Gespür für Klangmalerei und dramatische Akzente, baut Otto mit seinen Mitstreitern das formal strenge, jedoch so menschlich berührende Gerüst dieses musikalischen Leidenswegs Jesu Christie. Freilich verleiht der theologische Gehalt, Christi final als siegreichen König darstellen zu wollen, dem Gesamtduktus etwas weniger Kontemplatives und als dies bei der Matthäus-Passion der Fall ist.

Die Aufnahme kann auch mit einer Reihe an erstklassigen Solisten aufwarten. Georg Poplutz ist mit seinem hellen lyrischen Tenor ein Evangelist wie aus dem sprichwörtlichen Büchl, Yorck Felix Speer mit profundem Bass ein seinem Schicksal folgender Jesus. Die Arien sind bei Julia Kleiter (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Daniel Sans (Tenor) und Matthias Winckhler in allerbesten Kehlen. Der homogen singende Kammerchor (11 Soprane, 8 Alte, 7 Tenöre, 8 Bässe) reüssiert in den Chorälen, aber um die Qualität vollends schätzen zu können, höre man etwa die vom rasanten Tempo her fast unsingbaren Chöre „Wäre dieser nicht ein Übeltäter“ oder „Wir dürfen niemand töten“. Stupend, wie hier einheitliches Vorpreschen „vor dem Takt“, Leichtigkeit, innere Kohäsion, Klangschönheit in allen Lagen und vollkommenen Durchhörbarkeit Hand in Hand gehen. Das fabelhafte Bachorchester Mainz stellt den gesamten Reichtum an farbiger Instrumentierung in den Dienst der gemeinsamen Sache. So differenziert und den Charakter der einzelnen Instrumente betonend habe ich ein der Originalklangbewegung verpflichtetes Orchester diese Passion noch nicht spielen gehört. Die Aufnahmequalität des in der Christuskirche Mainz aufgenommenen Albums genügt auch hohen audiophilen Ansprüchen.

Diese Johannes-Passion soll der erste Teil eines Bach-Zyklus sein, der bis 2019 Einspielungen des Weihnachtsoratoriums, der Matthäus-Passion und der h-Moll-Messe umfassen soll. Man darf sich trotz übersättigtem Markt darauf freuen. © 2018 Online Merker




Remy Franck
Pizzicato, February 2018

Ralf Otto dirigiert die Version der Johannes-Passion aus dem Jahre 1749 sowie, im Anhang auf der zweiten CD, zusätzlich noch Musik aus der Fassung von 1725.Insgesamt schärft er in seiner Interpretation die Dramatik der Partitur mit einer Darstellung von großer Intensität. Wenn Bachs Musik tanzen soll, wie es der Luxemburger Bach-Experte Carlo Hommel einmal formulierte, dann ist Ottos Aufnahme ein Beispiel dafür, wie gut es klingt, wenn Bachs Musik tatsächlich tanzt. Doch Ottos Tempi sind nicht durchgehend zügig, sie sind reich differenziert, dem darstellerischen Gestus entsprechend. Das schafft einen kohärenten Handlungsablauf, in dem sich die einzelnen Teile sehr gut zusammenfügen. Die Passion erlangt eine große innere Geschlossenheit und zugleich trägt sie auch noch die persönliche Handschrift Ottos, der neben der fast opernhaften Dramatik das Gefühlvolle der Musik nicht außer Acht lässt.

Mit prägnantem und engagiertem Gesang ist der Tenor Georg Poplutz ein großartiger Evangelist, Yorck Felix Speer sowie Christian Wagner bieten gute Leistungen als Jesus und Pilatus, während die übrigen Solisten—sie sind leider nicht alle von bester Qualität—sehr textbezogen singen. © 2018 Pizzicato





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group