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Album Reviews



 
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Friedrich Sprondel
Fono Forum, January 2019

Stetig schneien Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen auf die Liebhaber dieses Gipfels barocker Claviermusik hinab, musiziert auf dem Cembalo, der Orgel, dem Clavichord und mehrheitlich auf dem modernen Flügel. Dass man trotzdem keineswegs schon alles gehört hat, macht einem diese Aufnahme schlagartig klar.

Das liegt nicht nur am Instrument: einem Lautenwerk, einer seltenen Spielart der Kielinstrumente, von der Bachs Nachlass zwei verzeichnet. Sein Erbauer Keith Hill hat die spärlichen Angaben frei weiterentwickelt, die auf uns gekommen sind. Das Instrument besitzt Darmsaiten und zwei Reihen Docken, die die Saite wahlweise an unterschiedlichen Punkten anreißen; dazu einen Bezug aus messingnen Resonanzsaiten. Der Klang ist warm, singend und transparent.

Doch ist es vor allem das Spiel Wolfgang Rübsams, das die Variationen neu erschließt. Wer auch nur einmal eine der Glenn-Gould-Aufnahmen gehört hat, dem klebt das Losstürmen der ersten Variation hartnäckig im Ohr—Rübsam bietet Heilung: Bedächtig betritt er Bachs Variationskosmos, lässt Motorik gar nicht erst aufkommen; verteilt durch Brechung die Taktschläge immer wieder neu auf die Stimmen, die so auf ungewohnte, aber sehr klare Art „miteinander singen“, wie Bachs akademisches Sprachrohr Birnbaum es ausdrückte.

Nichts ist hier selbstverständlich, kein Zug, auf den man einfach aufspringen kann, auch nicht die Annahme, dass der Spieler die Nähe zum Zupfinstrument ausreizt. Denn Rübsam spielt durchaus claviermäßig, verziert mit Feingefühl und schlägt simultan an, wo er es für angemessen hält. Doch jeder Takt, jedes Tempo will neu verhandelt sein—und die Spannung hält an bis ins abschließende, abermals ungewohnt ruhige Quodlibet. Lässt man sich einmal darauf ein, so bleibt großer Hörgenuss und nur ein Bedauern: Dass Rübsam nicht den Schritt zur Doppel-CD getan und alle Wiederholungen musiziert hat. © 2019 Fono Forum




Detmar Huchting
Klassik heute, September 2018

Wolfgang Rübsam, 1946 in Gießen geboren, gehört zu den bedeutendsten deutschen Organisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine 1977 aufgenommene und bei Pilips erschienene Gesamtaufnahme des Orgelwerks von J. S. Bach gehörte als LP und später als CD zu den international erfolgreichen Gesamteinspielungen und bescherte dem Solisten Ruhm und der Schallplattengesellschaft jahrelang hervorragende Umsätze. Als Opfer des Desinteresses der sogenannten Major Companies der Tonträger-Industrie an ihren wichtigen Künstlern und erfolgreichen Produktionen verschwand sie im neuen Jahrtausend bis auf wenige Ausnahmen im preiswerten Segment spurlos aus dem Katalog. Bei der Firma Naxos fand Rübsam eine neue Heimstätte; hier kann er bis heute seiner Kreativität freien Lauf lassen, wie seine 2017 eingespielte Aufnahme von Bachs Goldbergvariationen auf einem Lautenklavier zeigt.

Vom Lautenwerk, wie J. S. Bach selbst das Instrument nannte und von dem sich zwei Exemplare in seinem Besitz befanden, sind keine originalen Exemplare aus seiner spätbarocken Blütezeit erhalten geblieben. Es vereint die Bauart und virtuosen Möglichkeiten des Cembalos mit der klanglichen Intimität der Laute. Allerdings ist es seinerzeit ausführlich beschrieben worden und konnte also in Nachbauten wiedererstehen—schon allein dadurch verdient das Lautenwerk Interesse. Rübsam ist seit Jahren ein aufrichtiger Anwalt für dieses mit Darmsaiten ausgestattete Instrument; er ist überdies seit Jahren ein begeisterter Mitstreiter des Instrumentenbauers Keith Hill, des Bruders des renommierten Cembalisten Robert Hill und bedeutenden Pioniers im Bau von Lautenklavieren.

Jedoch nicht allein die berückenden klanglichen Eigenschaften des Lautenwerks sind hier im Fokus, handelt es sich doch bei den Goldbergvariationen um das bedeutendste Variationswerk des Spätbarocks für Tasteninstrument: Als Bach es 1740 schrieb, stattete er es mit einer großartigen Architektur aus, die dem späteren grandiosen kompositorischen Entwurf der Kunst der Fuge keineswegs nachsteht.

Mit seinen beiden gegensätzlich anmutenden Interpretationsansätzen hat Glenn Gould im 20. Jahrhundert das Werk am Klavier in antagonistischen Ansatzpunkten ausgeleuchtet, doch bleibt—gerade angesichts des stets höchst eigenständigen Gestalters Gould—die Frage danach, wie Bach selbst wohl die Goldbergvariationen aufgefasst haben mag, die er 1741 als „Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ veröffentlicht hat.

Eine vermutlich genaue Beschreibung von Bachs Klavierspiel lieferte 1842 der Braunschweiger Professor Friedrich Konrad Griepenkerl (1782–1849), die er im Unterricht bei seinem Lehrer Nikolaus Forkel (seinerseits Schüler Wilhelm Friedemann Bachs, der wiederum von seinem Vater unterrichtet worden war) erfahren hatte: „Bach selbst, seine Söhne und Forkel trugen die fraglichen Meisterwerke mit einer so großen Feinheit, mit einer so tiefgreifenden Deklamation vor, dass sie wie mehrstimmige Gesänge erklangen, die von einzelnen großen Künstlern gesungen wurden. … es wurde sogar, wenn ich es so sagen darf, an den rechten Stellen, nämlich wo der Satz zu Ende ist, geatmet… Davon haben die neueren Virtuosen auf dem Pianoforte keinen Begriff, denn sie können auf ihrem Instrumente nicht singen, und bachische Stücke wollen mit aller Kunst gesungen sein.“ Diesen einfühlsamen Vortrag hat Wolfgang Rübsam sich zum Vorbild genommen und mithilfe des wandlungsfähigen Klangbildes des Lautenwerks stimmungsvoll und gleichzeitig in hoher polyphoner Klarheit umgesetzt. Und weil „bachische Stücke mit aller Kunst gesungen“ sein wollen, bringt Rübsam auch immer wieder höchst geschmackvoll Verzierungen an, die nicht störend in den Ablauf eingreifen, sondern die Deklamation eines gesanglichen Vortrags stärken. © 2018 Klassik heute



Rheinische Post, September 2018

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