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Album Reviews



 
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Sebastian Rose
www.klassik.com, November 2019

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:

Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts ‘Transzendentaletüden’ ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. © 2019 www.klassik.com



Alfred Rogoll
Badische Zeitung, May 2019

“Unaffektierte Musikalität” nannte Boris Giltburg ein wesentliches Element beim Spiel seiner Vorbilder Arthur Rubinstein, Emil Gilels und Grigori Sokolov. Auf seinem neuen Album übt sich der 35-jährige Pianisten in Franz Liszts “Études d’exécution transcendante” mit gemessener Attitüde. Wo viele Interpreten erstaunliche Schnelligkeit der Läufe und kraftvolles Akkordspiel herausmeißeln, da sucht der in Moskau geborene und mittlerweile in Israel beheimatete Virtuose gern vorsichtig Transparenz. Und er vertraut dabei auf die Fähigkeit des hier genutzten Fazioli-Konzertflügels, feine Klanggemälde aufleuchten zu lassen. Diesen romantischen, höchst anspruchsvollen Etüden Liszts Konzertparaphrase auf Verdis “Rigoletto” voranzustellen, mutet daneben wie ein leichtes Aufwärmtraining vor dem großen Match an—das Boris Giltburg letztlich klar, großflächig und in großem dynamischen Umfang gestaltet. Nach rund 74 Minuten dann noch “La leggierezza” aus den “3 Études de concert” als Schluss dieses randvoll gepackten Albums, das könnte vielleicht, wie auch die “Harmonies du soir” zuvor, partiell lyrischer dargeboten werden. Boris Giltburg aber pflegt souverän und konsequent die postulierte “unaffektierte Musikalität”. Ein beachtenswertes Album. © 2019 Badische Zeitung



Anja Renczikowski
Piano News, May 2019

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Matthias Kornemann
Fono Forum, April 2019

Manchmal sind bloße Tempi verräterische Indikatoren gestalterischer Reife. Der maßlos überschätzte Daniil Trifonov reißt die „Feux follets“—für die meisten Hände die schwierigste der Etüden—in dreieinhalb Minuten herunter. Rasant, akkurat und totlangweilig. Giltburg nimmt sich eine glatte Minute mehr! Er muss gar nicht zeigen, wie schnell er die kniffligsten beiden Durchgänge des Themas spielen kann. So gelassen und leichtgewichtig nimmt er sie, dass man bei einem Geringeren denken könnte, er poetisiere, um seine Grenzen zu bemänteln. Ein Künstler seines Formats beweist damit nur, dass sein Gestalten von virtuosem Repräsentationsbedürfnis geläutert ist und ganz und gar musikalischen Gesetzen folgt. So hören wir keine imposante Studie, sondern eine farbig flackernde, bezaubernd entmaterialisierte Tondichtung.

Diese Befreiung des poetischen Gehaltes von den Fesseln athletischer Selbstdarstellung prägt den ganzen Zyklus, der von notorischen Manierismen ziemlich gereinigt ist. Da begegnen uns keine hohl-rhetorischen Verzerrungen am Anfang der „Wilden Jagd“, kein billiges Losrasseln, wo es viel schwerer klingt, als es ist (f-Moll-Etüde), und die„Mazeppa“ wird bei aller packenden Steigerungsdramaturgie nicht zum Angriff auf den schönen Fazioli-Flügel. © 2019 Fono Forum




Remy Franck
Pizzicato, February 2019

Liszts ‘12 Études d’exécution transcendante’ sind das Hauptstück dieser neuen CD mit dem russisch-israelischen Pianisten Boris Giltburg. Er spielt die revidierte Fassung von 1852, deren programmatische Titel so manchen Interpreten fehl geleitet haben.

Giltburg hat sich sehr genau damit auseinandergesetzt, wie sein hoch interessanter Artikel im CD-Booklet zeigt. Er beweist, dass Liszt mit seinen Titeln keine willkürlichen Bezeichnungen schuf, sondern sehr präzise Programmabläufe im Kopf hatte. Und so sind denn auch Giltburgs ‘Etudes’ über alles Technische und Virtuose hinaus sehr narrativ, klangmalerisch, sehr bildhaft nicht im Sinne von Malerei, sondern eher filmisch-dramatisch und auch poetisch. Es ist schon erstaunlich, was er alles an Farben und Formen aus seinem Fazioli-Flügel herausholt.

Nicht weniger faszinierend  sind die ‘Rigoletto-Paraphrase’ und die ‘Leggierezza-Etüde’. © 2019 Pizzicato



Crescendo (Germany), February 2019

Im Lyrischen zaertlich und bewegend, im Virtuosen aufbrausend und leidenschaftlich © 2019 Crescendo (Germany)



NDR Kultur (NDR.de), February 2019

Herausragend! © 2019 NDR Kultur (NDR.de)




Stefan Pieper
Klassik heute, January 2019

Franz Liszt war im heutigen Sinne ein Recycler. Am Puls des Musikgeschehens griff er musikalisches Material auf, um es seiner eigenen Sache einzuverleiben. Seine eigene Sache? Will heißen: Die virtuose Ausreizung technischer Mittel, die Auftürmung pianistischer Schwierigkeiten, um sich letztlich vom Rest der Pianisten-Welt abzugrenzen. Auf jeden Fall der Wille, dass der Interpret noch dominierender als der Tonschöpfer der gespielten Werke im Mittelpunkt steht.

Wir wissen heute, dass auch bei Liszt solche Zuschreibungen teilweise ein Klischee sind. Noch weniger dürften solche Attribute für den 1984 geborenen Boris Giltburg gelten. Seine aktuelle Naxos-CD macht deutlich, worum es dem in Moskau geborenen Pianisten vor allem geht: Schier spektakuläre technische Instrumentenbeherrschung ist nicht mehr und nicht weniger als souveränes Understatement. Um damit verstehend möglichst tief zu blicken. Wenn er nun seine neue CD ausschließlich dem ungarischen langmähnigen Tastenlöwen widmet, dann geht es Giltburg um etwas anderes, Tieferes. Er möchte vor allem das Transzendierende an die Oberfläche holen und dafür den großen imaginären Bogen spannen, der zum Hören dieser ganzen CD in einem Durchgang geradezu zwingt.

Giltburg stellt in diesem Programm Liszts Paraphrasen aus Giuseppe Verdis Rigoletto-Oper an den Anfang, um dann in den weitläufigen „12 Études d'exécution transcendentes“ alle erdenklichen pianistischen Möglichkeiten in den Dienst einer großen Sache zu stellen.

Spannende Erwartung schürt, wie Boris Giltburg zu Beginn die Agogik direkt zu Beginn der Paraphrase ausdehnt, wie sein Spiel in schwelgerischer Agogik ausholt, um dann die imaginären Charaktere dieser Oper in den emotionalen Widerstreit miteinander zu schicken, wozu auch wilde Temperamentsausbrüche gehören. Und auch das nun folgende Hauptwerk, nämlich jene 12 transzendentalen Étuden atmen und dehnen sich aus, schwelgen, fordern und breiten genauso viel subtilen Tiefgang unter der schillernden Oberfläche aus. Dass es bei diesen „Etuden“ um mehr als nur die reine Technikstudie geht, das beweisen ja schon Titel wie „Paysage“, „Mazeppa“, „Vision“, „Eroica“, „Wilde Jagd“ oder „Ricordanza“. Mal rasend schnell und zupackend, etwa, wenn er in der d-Moll Etude „Mazeppa“ mit triumphaler Geste überwältigende Klanglawinen auslöst, dann wieder lyrisch und mit meditativer Nah-und Fernwirkung in der Dynamik. Giltburg hat die hohe Kunst tief verinnerlicht: Geht es doch darum, aus all dem nicht einfach möglichst viele gegensätzliche spieltechnische Herausforderungen zu schöpfen, sondern stattdessen den Zuhörer in tiefe Zustände von Versenkung mitzunehmen.

Für ein Auftauchen in entspannter Leichtigkeit ist die Schlussnummer hilfreich, nämlich eine Konzertetude mit dem treffenden Titel „La leggierezza“. © 2019 Klassik heute




Guido Fischer
Rondo, January 2019

Schon Robert Schumann wusste um die Klippen und Fallen, die nahezu hinter jedem Takt von Liszts „Études d´exécution transcendante“ schlummern. „Es sind wahre Sturm- und Grauseetüden“, so Schumann warnend. „Etüden für höchstens zehn oder zwölf auf dieser Welt, schwächere Spieler würden mit ihnen nur Lachen erregen.“ Die einen scheitern leider. Dafür sorgen die handverlesen Anderen für faszinierendes Staunen und die pure Verblüffung, wenn sie sich nicht nur mit ihren untadelig manuellen Fähigkeiten auf diesen zwölfteiligen Etüden-Parcours einlassen. Gelingt es ihnen zudem, wie jetzt Boris Giltburg, mit dem virtuosen Vollzug zugleich die poetische Idee und Tiefe zu offenbaren, die diese Etüden von all den anderen, schnell verpufften Showstücken abheben, die das 19. Jahrhundert zuhauf hervorgebracht hat, darf man sich zu den aktuell ganz Großen zählen.

Diesen Ruf hat sich Giltburg zwar schon lange und zu Recht erspielt. Aber mit diesem Liszt-Recital, das er auch mit großem leuchtendem Ton in der „Rigoletto“-Konzertparaphrase eröffnet und belcantistisch-chopinesk mit der Konzertetüde „La leggierezza“ beschließt, unterstreicht er einmal mehr in Gestaltung und pianistischem Zugriff seine ganze Klasse. Und natürlich hören sich bei ihm selbst jene wild flackernden „Irrlichter“ wie selbstgespielt gemeistert an, die etwa der tschechische Pianistenkollege Josef Bulva einmal als die vier brutalsten Minuten bezeichnet hat, die ein Pianist hinter sich bringen muss. © 2019 Rondo



Ingobert Waltenberger
Online Merker, January 2019

Naxos setzt den Aufnahmereigen mit dem russisch-israelischen Pianisten Boris Giltburg mit einer gelungenen Neueinspielung eines Schlüsselwerks von Franz Liszt fort. Seine Interpretation der h-Moll Sonate (2012) war ja schon länger beim Label Orchid erhältlich. Nun begibt er sich, ganz dem jetzigen Lisztomania-Taumel gemäß, wie kürzlich vor ihm Daniil Trifonov, auf die Spuren der 12 Études d’exécution transcendante. Giltburg spielt die 1852 fertig gestellte Version. Es handelt sich um die ,authentische Fassung‘, der zwei massive Revisionen des Zyklus des erst 15-jährigen Liszt vorangegangen waren, wobei das motivische Material im Kern erhalten blieb. Im Gegensatz zu den ersten beiden Versionen sind den zwölf Études nun programmatische Titel, wie „Paysage“, „Mazeppa“, „Feux follets“, „Vision“, „Eroica“, „Wilde Jagd“ oder “Chasse-neige“ beigestellt.

Robert Schumann, der den Zyklus schätze und lobte, wies auf die enormen technischen Anforderungen des Solisten hin. Obwohl Liszt bei seiner Bearbeitung manch virtuose Vertracktheit glättete, insgesamt kürzte, strukturell polierte und sich um die klangliche und atmosphärische Verfeinerung sorgte, geht von der Mehrzahl der Stücke eine greifbare bis rohe Körperlichkeit aus. Technik wird hier aus Sicht von Boris Giltburg zum erzählerischen Element, ist primär Mittel der Verbildlichung, der pastosen Farbgebung. Als Beispiel mag die Etüde Nr. 12 “Chasse neige” dienen, die eine Übung in Sachen Tremolotechnik sein könnte. Lautmalerisch gelten die zitternden Notengirlanden vom Ausdruck her aber klarerweise dem Tanzen der Schneeflocken, zuerst sanft und sich im Verlaufe der Durchführung zu einem schreckeinflößenden dichten Schneetreiben steigernd.

Genau so wie in der erzählerischen Direktheit setzt Boris Giltburg in Sachen orchestrale Effekte hohe Standards. Gleich, ob es sich um die Fanfaren in “Eroica”, die Waldhörner in der “Wilden Jagd” oder das Glockenspiel in den “Harmonies du soir” handelt, der Hörer staunt, was so ein Klavier alles kann. Natürlich unter der Voraussetzung, dass der Pianist—wie hier Giltburg—den goldrichtigen Anschlag und eine ebensolche Artikulation, zudem eine wohldosierte Verwendung des Pedals findet und insgesamt direkt in das poetische Herz der Komposition trifft. Falls die Etüden Liszts etwas von einem Instruktionscharakter haben, dürfte dieses Opus summum der hochromantischen Klavierkunst wohl als Meisterklasse für die Allerbesten gelten.

Ein direkter Hörvergleich zwischen Trifonov und Giltburg geht für mich nach Punkten zugunsten von Giltburg aus. Giltburg vermag mit seiner zupackenden Art, der extremen dynamischen Ausdeutung sowie kühnen Rubati eine innere Dramatik, ein Feuer zu entwickeln, das aus den Etüden Tondichtungen macht—nicht nur in dicken Ölfarben gespachtelte Gemälde, sondern dreidimensionale wie in Stein gemeißelte Reliefs. Trifonov legt die Etüden wesentlich lyrischer an, konzentriert sich auf die Feinzeichnung auch dort, wo wilde und ungebändigte Energien am besten investiert sind. Die Kühnheit der Lisztschen Visionen, deren Modernität als fantastische, packende Studien, ihre transzendente Kraft kommen bei Giltburg optimal zum Ausdruck.

Giltburg rahmt die Etüden mit der Konzertparaphrase auf Verdis “Rigoletto”, von Liszt für seinen Schwiegersohn Hans von Bülow geschrieben und der mittleren der drei Konzertetüden mit dem Titel “La legierezza”. Die Opernparaphrase auf Rigoletto ist nicht ein Potpourri aus verschiedenen Nummern der Oper, sondern zielt ausschließlich auf das berühmte Quartett im dritten Akt ab, wo Gilda samt ihrem Vater Zeugen des Flirts des untreuen Herzogs mit Maddalena werden. Auch hier verdichtet Giltburg meisterlich die vier Stimmen in der unheimlichen nächtlichen Szene.

Eine CD für die einsame Insel? Für Freunde von Klaviermusik auf jeden Fall eine ernst zu nehmende Option. © 2019 Online Merker



Hans Reul
BRF1 Radio, January 2019

Mit einer atemberaubender Fingerfertigkeit lässt er uns die Schwierigkeiten der Etudes d’éxecution transcendante beinahe vergessen und stellt die Musikalität in den Vordergrund. Ein Hörvergnügen. © 2019 BRF1 Radio



Susann El Kassar
Deutschlandfunk, January 2019

Boris Giltburg spielt Liszt

Tongedichte fürs Klavier

Zwölf Etudes d'execution transcendante hat Franz Liszt geschrieben – virtuose Stücke, die staunen machen, die aber auch Geschichten erzählen. Der Pianist Boris Giltburg ist dieser doppelten Aufgabe ganz selbstverständlich gewachsen. Hierbei vertraut er auf einen ganz bestimmten Flügel.

Manch ein Klavierschüler, manch eine Klavierschülerin denkt nur ungern an Czerny oder Hanon zurück, an die eher stumpfen Geläufigkeitsübungen, die sich die beiden Komponisten ausgedacht haben, (und) die aber zum Training der Finger oft im Unterricht vorkommen. Nach diesem Trockenfutter können dann ambitioniertere Etüden von Johann Baptist Cramer oder Frédéric Chopin folgen. Und für die allermeisten Pianistinnen und Pianisten in unerreichbarer Ferne liegen (dann) die Etüden von Franz Liszt, z.B. seine Etudes d'execution transcendante. Noch heute setzen diese Etüden von 1852 so eine Meisterschaft und Virtuosität voraus, dass es ein Wagnis ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei ist es im Fall dieser Lisztschen Tücken nicht so, dass die Technik überwunden werden muss, um zur Musik zu kommen, wie bei Chopin; Bei Franz Liszt sind die technischen Tricks und Kniffe auch gleichzeitig seine musikalische Mittel. Beispielsweise in der letzten der 12 Etudes d'execution transcendante, mit dem Titel „Chasse-neige“, auf Deutsch: Schneepflug. Auf den ersten Blick eine Studie für Tremoli, tatsächlich aber verkörpern die Tremoli das Schneegestöber:

Musik: Etudes d'exécution transcendante Nr.12 „Chasse-Neige“

Chasse-neige von Franz Liszt, gespielt vom jungen russisch-israelischen Pianisten Boris Giltburg. Beim Label Naxos ist in diesen Tagen seine Aufnahme der Etudes d'execution transcendante erschienen. Er umrahmt diese extremen Herausforderungen mit der Rigoletto-Paraphrase von Franz Liszt und der Konzertetüde „La leggierezza“.

Von Rachmaninow zu Liszt

Boris Giltburg zog 2013 die Aufmerksamkeit auf sich, als er den renommierten Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewann. Und er hat sich dann vor allem mit Werken von Sergej Rachmaninow einen Namen gemacht; eine virtuose Musik, deren technische Ansprüche selbstverständlich sein müssen, um überhaupt in der Lage zu sein, auch ihren Sinn und Inhalt zeigen zu können. Franz Liszt – dem Paganini des Klaviers – lag besonders viel daran, das Publikum mit seinen Kunststücken von den Stühlen zu reißen, darum sind die Etüden gespickt mit großen, schnellen Akkordsprüngen, mit halsbrecherischen Läufen, oder mehrschichtigen Passagen. Für Boris Giltburg alles kein Problem.

Musik: Etudes d'exécution transcendante Nr. 6 „Vision“

Einige der Etudes d’execution transcendante tragen Titel, die andeuten, dass diese romantischen Etüden eher als Tondichtungen gemeint sind. Die vierte und bekannteste Etüde, „Mazeppa“, z.B. hat Liszt sogar orchestriert und als sinfonische Dichtung veröffentlicht. Sie erzählt die Geschichte vom Pagen Mazeppa: Wegen einer unerlaubten Liebesbeziehung wird er zur Strafe nackt, rücklings auf ein Pferd gebunden und in die Steppe gejagt. Der wilde Pferdegalopp mit den aufsteigenden Terzen in der musikalischen Mittelebene gehört zu den schwierigsten Passagen des Etüdenzyklus, gesteht Boris Giltburg. Er geht hier aber auch ein besonders hohes Risiko ein, denn so schnell wie bei Giltburg galoppiert Mazeppas Pferd nicht immer. Hier der Anfang von Mazeppa, der Etudes d’execution transcendante Nr.4.

Musik: Etudes d'exécution transcendante Nr.4 „Mazeppa“

Vordergründig etwas Ruhe nach diesen wilden Figuren – vielleicht ist Ihnen kurz vor dieser Beruhigung der chromatische Oktavlauf aufgefallen, den Boris Giltburg überraschend trocken spielt, so dass sein Flügel fast wie ein mechanisches Player Piano klingt – ein cooler Effekt! Andere Interpreten lassen solche Passagen auch gerne mal im Pedalklang verschwimmen.

Besondere Wahl des Instruments

Boris Giltburg spielt aber auch nicht auf einem typischen Steinway-Flügel, sondern auf einem Flügel der Firma Fazioli – ein italienischer Hersteller, der seit 1981 diese Instrumente baut und unter einigen Pianisten und Pianistinnen hohes Ansehen genießt. Sie schätzen insbesondere die Mechanik und die Tonqualität: Die Höhe beispielsweise fügt sich beim Fazioli-Flügel organischer in den Gesamtklang ein. Bei Steinway-Instrumenten reißt der Diskant oft mit greller Schärfe aus dem Gesamtgefüge aus. In Konzertsälen dominiert klar die Marke Steinway, auf CD können Pianisten von diesem Standard aber abweichen.

Musik: Etudes d'exécution transcendante Nr. 10

Erste Ideen zu diesen Etudes d’execution transcendante hatte Franz Liszt bereits im Alter von 15 Jahren, da hießen sie noch Grandes Etudes und sollten einmal 24 Nummern umfassen – für jede Tonart eine. Es blieb aber bei zwölf Etüden und diese hat Liszt mehrmals überarbeitet. Er hat den Schwierigkeitsgrad dosiert und auch formale Änderungen vorgenommen. – 1852 erschien die letzte und heute üblicherweise gespielte Fassung. Mit Stücken wie diesen hat Liszt die Klavierkunst auf einmalige Weise geprägt, der Liszt-Zeitgenosse und Musikkritiker Francois Joseph Fétis sprach 1841 sogar von der Neuerfindung des Klaviers.

Dramaturgisches Verständnis

Liszt entwickelte das Klavier mit seinen 88 Tasten zu einem symphonischen Instrument und der Pianist muss wie ein Dirigent die Partitur durchdringen und abschätzen, an welchen Stellen er sich welche Freiheiten nehmen kann, nehmen muss, um das Werk an sich verständlich zu machen. Boris Giltburg ist hier hin und wieder vorsichtig, zumindest was das Herausarbeiten von Höhepunkten angeht. In der siebten Etüde, „Eroica“, setzt er das Marsch-Thema edel im piano in Szene, aber das folgende Crescendo zum höchsten Zielton und zum fortissimo fehlt bei ihm, dabei würde es dem strukturellen Verständnis dieser Passage durchaus helfen. Und wäre auch dramaturgisch weitaus interessanter als der gleichbleibende Gestus.

Musik: Etudes d'exécution transcendante Nr.7 „Eroica“

Dass Boris Giltburg aber Gespür für die große Linie hat, und lange Bögen zu gestalten weiß, zeigt er in der Rigoletto-Paraphrase von Franz Liszt, die er auf seiner neuen CD vor die 12 Etudes d'execution transcendante gesetzt hat. Liszt hat hier ein Gesangsquartett aus Verdis Oper Rigoletto aufgegriffen und pianistisch reizvoll umspielt. Hier überzeugt Giltburg durch seinen warmen Anschlag und die perlenden Läufe.

Musik: Rigoletto-Paraphrase

Franz Liszt
Etudes d'exécution transcendante
Rigoletto-Paraphrase
La Leggierezza
Boris Giltburg, Klavier
Naxos © 2019 Deutschlandfunk



Oliver Fraenzke
The New Listener, January 2019

Die bisherigen CDs von Boris Giltburg schufen bei mir ein gemischtes Bild von einem äußerst fähigen Pianisten mit enormer Technik und durchaus Aussagekraft, der sich jedoch oftmals zu wenig Mühe gibt, die Werke auch musikalisch zu ergründen. Manches, was ihm besonders am Herzen liegt, erklingt in hinreißender Ausführung, alles andere jedoch stellt in erster Linie die Virtuosität zur Schau. Mit seiner neuesten Veröffentlichung enttäuscht Giltburg jedoch vollkommen und spricht Liszts transzendentalen Etüden einen Großteil ihrer Musikalität ab.

Dies beginnt schon beim kurzen, aber kecken Preludio, welches Giltburg durch willkürliche Rubati deformiert, die sich – wie sich herausstellt – durch den ganzen Zyklus ziehen sollen. Lautere Dynamik scheint für den Pianisten automatisch auch schnellere Tempi zu bedeuten und leise Passagen werden bisweilen langsamer; diese „Gesetzmäßigkeit“ wird normalerweise jedem Laien in den ersten Jahren des Klavierunterrichts ausgetrieben. Auch Taktschwerpunkte geben Anlass genug für Giltburg, sie durch kleine Tenuti länger zu halten, wodurch die Musik plump und hinkend erscheint.

Bei Mazeppa schockiert etwas weiteres, das sich auch in anderen Etüden wie der Vision, in Ricordanza oder Harmonies du soir fortsetzt: In den herrlichen Umspielungen und Paraphrasierungen der Themen geht die Melodie verloren; Giltburg fokussiert sich alleinig auf die Zurschaustellung der virtuos-schwierigen Begleitungen. Der gesamte Formale Aufbau der Etüden leidet darunter. In Vision stellt sich der Tastenlöwe sogar gegen die eindeutige Anweisung von Liszt, denn als dieser für sein tiefes pochendes Motiv auf G „marcatissimo“ vorschreibt, hören wir das Motiv überhaupt nicht durch, sondern werden von raschen Läufen der rechten Hand geblendet.

Eine akzeptable Aufnahme liefert Giltburg lediglich von der namenloser Nr. 10 und von Chasse-neige, die tatsächlich ihre Leichtigkeit mit gleichzeitiger Rastlosigkeit vermittelt, welche sie so ausmacht. Dazu spielt bei beiden Etüden, das Giltburg die Pedalisierung meisterlich fein gestaltet und auf das Nötigste reduziert, um vollen Klang bei Klarheit der Linie zu ermöglichen. Feux Follets begehren zu schnell auf, um das Gespenstische und Irrlichthafte auszustrahlen, und selbst La leggierezza tönt zu mechanisch, um dem Titel gerecht zu werden. Bei den beiden ruhigen Etüden Paysage und Harmonies du soir vermisse ich die Ruhe und Gelassenheit, die schier unendliche Weite der Klangflächen sowie die Schlichtheit der Weisen.

Ein so gefragter Pianist wie Boris Giltburg sollte sich mehr Mühe geben, nicht nur, wenn er solch einen Meilenstein der Klavierliteratur wie Liszts Transzendentale Etüden aufnimmt. Ich verstehe, dass er gewissermaßen im Zwang steht, viel zu konzertieren und ebenso viel aufzunehmen, um dadurch im Fokus der Presse und Öffentlichkeit zu bleiben; aber zu viel Repertoire heißt auch, sich nicht voll auf ein Projekt konzentrieren zu können, weil fünf weitere bereits ins Haus stehen – und genau das wurde meiner Einschätzung nach dieser Einspielung zum Verhängnis. Denn Giltburg könnte, wenn er wollte. © 2019 The New Listener







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