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ouverture - Das Klassik-Blog, March 2020

Erstaunlich frisch wirkt die Musik von Max Reger (1873 bis 1916), die Ira Levin auf dieser CD mit dem Brandenburgischen Staatsorchester präsentiert. Zum Auftakt erklingen die Bach-Variationen op. 81; ursprünglich entstanden sind sie für das Klavier.

Ira Levin, selbst ein erfolgreicher Konzertpianist, hat sie für Orchester arrangiert. Dabei folgt er dem Vorbild Regers, der eigenhändig eine Orchesterfassung seiner Beethoven-Variationen erstellt hat. Ziel der Bearbeitung war es, Regers „incredibly creative and colourful work“, so Levin, einem größeren Publikum vorzustellen—und mit den Möglichkeiten des Orchesters einerseits die Struktur klarer hörbar zu machen, andererseits aber auch Klangmöglichkeiten auszureizen.

1915 hatte Reger in Jena auch Bachs berühmtes Choralvorspiel O Mensch, bewein' dein' Sünde groß für Orchester arrangiert. Dabei transponierte er das Stück von Es-Dur nach D-Dur, was insbesondere die Streicher gefreut haben dürfte. Ansonsten blieb er erstaunlich dicht am Vorbild.

Seine Tätigkeit als Meininger Hofkapellmeister, in den Jahren 1911 bis 1914, bot Reger Gelegenheit zu Klangexperimenten mit dem Orchester. Dabei legte er offenbar Wert auf differenzierte Gestaltung jeder einzelnen Stimme. Außerdem suchte er nach einem Weg an der Sinfonie vorbei—ein beeindruckendes Ergebnis sind beispielsweise die Vier Tondichtungen op. 128, angeregt von Gemälden Arnold Böcklins, auf dieser CD ebenfalls zu hören.

Klaudyna Schulze-Broniewska, die Konzertmeisterin des Brandenburgischen Staatsorchesters, gestaltet das umfangreiche Violinsolo im ersten Satz mit jener „herben Süßigkeit“, die Reger für seinen geigenden Eremiten im Sinn hatte. Im zweiten Satz lassen die Musiker das Spiel der Wellen, das gleißende Glitzern, in beinahe impressionistischer Manier erlebbar werden. Fahle Klänge zeichnen uns anschließend das Bild der Toteninsel, bevor schließlich das wilde Bacchanal den Schlusspunkt setzt.

Ira Levin führt das Orchester ausdrucksstark, mit intensivem Klang. Unter seiner Leitung bieten die Musiker aus Frankfurt/Oder eine spektakuläre, rundum beeindruckende Interpretation von Werken Regers, die noch immer faszinieren. Bravi! © 2020 ouverture - Das Klassik-Blog



Gerhard Eckels
Opera Lounge, December 2019

Bedeutende Werke von Max Reger enthält eine neue, ebenfalls bei Naxos erschienene CD, die der amerikanische Dirigent Ira Levin, derzeit Chefdirigent am Theatro Municipal in Rio de Janeiro, mit dem Brandenburgischen Staatsorchester aus Frankfurt/Oder aufgenommen hat. Als Ersteinspielung erklingen die für Klavier komponierten Variationen und Fuge auf ein Thema von J. S. Bach op.81, die Levin orchestriert hat. Er reduzierte das Riesenwerk auf rund 25 Minuten, verteilte die Themen, Melodien und Figurationen auf unterschiedliche Instrumentengruppen im Orchester und setzte an den Höhenpunkten zusätzliches Schlagwerk wie Tamtam, große Trommel und Becken ein. Dadurch erzielt er überraschende Effekte, die das gut aufgestellte Orchester unter seiner Leitung wirkungsvoll zur Geltung bringt. Reger selbst hat das berühmte Choralvorspiel von Bach O Mensch, bewein‘ dein‘ Sünde groß für Orchester gesetzt, das in der Interpretation der genannten Musiker große Ruhe, beinahe Gelassenheit ausströmt. Schließlich enthält die CD die Vier Tondichtungen nach Arnold Böcklin, die in ihrer programmatischen Vielgestaltigkeit überzeugend ausgedeutet werden. © 2019 Opera Lounge



Christoph Schlüren
Klassik heute, December 2019

Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 9
Gesamteindruck: 10

Der in Berlin lebende amerikanische Klaviervirtuose, Dirigent und Arrangeur Ira Levin, einst Student des großen Jorge Bolet, hat mit seinen exzellenten Bearbeitungen sowohl von Klavier-, Orgel- und Kammermusikwerken für großes Orchester als auch von Orchesterwerken für Klavier solo (z. B. eine wilde Transkription von Salomes ‚Tanz der sieben Schleier‘) einen Genrebereich wiederbelebt, der in unserer Zeit weitgehend von willkürlichem Collagegebastel und originalitätswütender Pseudokunst verdrängt wurde. Man muss von Levin die Orchestration von Busonis Fantasia contrappuntistica oder Liszts B-A-C-H-Fuge gehört haben, um zu verstehen, was hier möglich ist. Oder man hört vorliegende Orchestration von Max Regers anspruchsvollstem Klavierwerk, den Variationen und Fuge über ein Thema von Bach op. 81 von 1904, das Levin unter Herauskürzung von vier Variationen effizient gestrafft hat (Reger selbst tat nichts anderes bei der späten Orchestration seiner eigenen Beethoven-Variationen). Levin versucht bewusst nicht, exakt im Reger’schen Idiom zu instrumentieren, und doch kommt er dem echten Tonfall, der natürlich primär mit der wild mäandernden Harmonik und dem extremen Dynamik-und Agogikgefälle zu tun hat, immer wieder erstaunlich nahe. Und seine Orchestration ist insgesamt von makelloser Professionalität und kann damit der gleichfalls sehr bemerkenswerten Fassung des gleichen Werkes für Klavier und Orchester vom einst bewährten Regerianer und Meister der musikalischen Empathie Karl Hermann Pillney ein gleichgewichtiges Gegenstück präsentieren. Würden seriöse Bearbeitungen (und nicht unseriöse wie Zenders Winterreise!) im Allgemeinen in unserem Musikleben nicht immer wieder mit so viel Argwohn bedacht (sieht man einmal von geradezu unauslöschlichen Dauerbrennern wie Mussorgsky/Ravel oder vielleicht auch Mahler/Cooke ab), so dürften wir uns wohl um der reinen Qualität willen auf so manche Aufführung dieser höchst wirkungsvollen Bach-Hommage Regers im opulenten Klanggewand auch in der Wiedergabe unserer führenden Orchester freuen. So bleibt es eine exotische Rarität, und wir hoffen, dass freisinnigere Zeiten den alten Ideologien den Garaus bereiten.

Außerdem spielt das unter Levin sehr wach und entschlossen agierende Brandenburgische Staatsorchester aus Frankfurt an der Oder noch zwei ‚echte Regers‘: das freie Arrangement von Bachs Choralvorspiel O Mensch, bewein‘ dein Sünde groß für Streichorchester, mit erlesensten harmonisch-melismatischen Duftnoten bekrönt und beinahe ‚in Schönheit ersterbend‘, und mit den 4 Tondichtungen nach Arnold Böcklin op. 128 von 1913 eine der gewaltigsten und ergreifendsten Schöpfungen des einzigartigen harmonischen Unruhegeists, der hier endlich auch in seinem ureigenen, unverkennbaren Idiom das spätromantische Orchester ebenso meisterhaft und bildhaft zeichnend und malend beherrscht wie seine Zeitgenossen und Konkurrenten Strauss, Mahler, Reznicek, Zemlinsky, Schillings, Wetzler oder Schreker. Die vertonten Böcklin-Gemälde zählen zu seinen bekanntesten: Der geigende Eremit (eine von Regers wehmütig bezauberndsten Schöpfungen, mit der ausgezeichneten Klaudyna Schulze-Broniewska als Violinsolistin); Im Spiel der Wellen, ein kapriziös umherschäumender verkappter Walzer mit irrwitzigen Stimmungswechseln und Erzählungswendungen; die Toteninsel, ein Schlüsselwerk sowohl des Malers als auch des Komponisten, der auch in seinem späten, krönenden Hebbel-Requiem ‚Seele, vergiß sie nicht‘ zu dergleichen Tonfall zurückgreifen sollte und den Hörer damit unwiderstehlich hinan zieht wie das Weibliche, allerdings wahrhaft todnah und mit harscher freier Dissonanz als visionärer Vorbote des Expressionismus erschütternd—auch ist diese Toteninsel in ihrer Konzentration der Faktur und der motivischen Mittel das Gegenteil ausschweifender Fantastik, und auf jeden Fall eines der ganz großen Meisterwerke dieser unheilschwangeren Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg; und das beschließende Bacchanal, das in seiner Bizarrerie heute wie damals vielen schwer verständlich sein dürfte—Reger hat eben seinen ganz eigenen Humor, und das kommt bei ihm mit schwerem Geschütz und ist vielleicht nicht gerade seine gewinnendste Seite. Ira Levin navigiert das Orchester mit sicherer Hand und straffer Energie durch die Tumulte und Traumverlorenheiten der grandiosen Partitur. Nun würden man zu gerne auch seinen Busoni auf CD sehen!

Für den exzellenten Booklettext sorgt Susanne Popp, die Autorin der maßstabsetzenden Reger-Biographie ‚Werk statt Leben‘ (oder ‚Werkstatt Leben‘, je nachdem, wie man es eben liest, es passt in jedem Fall zum Gegenstand und sei hier noch einmal ausdrücklich empfohlen). Das Klangbild ist im Forte und Fortissimo nicht immer ganz vorbildlich durchsichtig, was wahrscheinlich in der Akustik vor Ort zu tun hat. Jedenfalls scheint mir, dass Dirigent und Tontechniker taten, was sie konnten. Und es ist ihnen damit eine substanzielle Ehrenrettung des vielgeschmähten und lange schon nicht in Mode gewesenen Meisters, dessen Merkwürdigkeit auch nach über 100 Jahren nach wie vor Tonverbindung für Tonverbindung unüberhörbar ist, gelungen. © 2019 Klassik heute





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