Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

 
Keyword Search
 
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

Daniel Hauser
Opera Lounge, February 2020

Weiland meinte der große Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, ein bekennender Anhänger der klassischen Musik, Frauen hätten in der Kunst in vielen Bereichen ganz Großartiges geschaffen, große Komponistinnen aber, die gäbe es mitnichten. Nun sind die Namen Clara Schumann und Fanny Hensel, geb. Mendelssohn Bartholdy, zwar alles andere als unbekannt, aber erstere primär als Pianistin und Ehefrau von Robert Schumann, letztere vorrangig als jüngere Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Bringt man den Namen der Französin Louise Farrenc (1804-1875) ins Spiel, dürfte man vermutlich Achselzucken ernten. Dabei war die Pariserin zeitlebens nicht nur als Pianistin und Musikwissenschaftlerin, sondern eben auch als Komponistin  nicht nur bekannt, sondern auch anerkannt. Ihr Altersgenosse Hector Berlioz scheint sie sehr geschätzt zu haben. Auch wenn sie sich vorrangig mit der Komposition von Kammer- und Klaviermusik auseinandergesetzt hat, sind es gerade ihre überschaubaren Orchesterwerke, die allmählich wieder im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Immerhin drei Sinfonien, entstanden zwischen 1841 und 1847, zwei Ouvertüren von 1834 sowie zwei sogenannte Grandes Variations für Klavier und Orchester, im Grunde genommen Klavierkonzerte in einem Satz, hat sie hinterlassen. Alle diese Werke entstanden auf ihrem künstlerischen Zenit; im Alter ging ihre Kompositionstätigkeit stetig zurück und erlosch in ihrer letzten Lebensdekade beinahe vollständig.

Die Pioniertat der Wiederentdeckung dieser interessanten Persönlichkeit wurde indes schon zwischen 1997 und 2003 getan, als sich cpo aufmachte, die Sinfonien und die Ouvertüren mit der Radio-Philharmonie Hannover des NDR unter Johannes Goritzki einzuspielen. Wie gut diese Aufnahmen auch künstlerisch sind, kann man heute, wo Vergleichseinspielungen vorliegen, noch besser nachvollziehen. 2001 folgte eine weitere Einspielung der drei Sinfonien mit dem Orchestre de Bretagne unter Stefan Sanderling für Disques Pierre Verany (lange vergriffen). Nun legt auch Naxos bereits seine zweite Farrenc-CD vor, wie bereits die erste mit den Solistes Européens, Luxembourg, unter der musikalischen Leitung von Christoph König (Naxos 8.574094). Inkludiert sind die erste Sinfonie, die beiden Ouvertüren sowie—als Weltersteinspielung—die auf etwa 1838 datierten Grandes Variations sur un thème du comte Gallenberg für Klavier und Orchester mit Jean Muller als Solisten. Bei den Ouvertüren Nr. 1 in e-Moll und Nr. 2 in Es-Dur gibt es nur geringfügige Unterschiede zu Goritzkis Interpretationen. Da wie dort sind beide Konzertstücke etwa sieben Minuten lang und verbinden gekonnt die Wiener Klassik mit der Romantik. Hie und da fühlt man sich an Beethoven, aber auch an Mendelssohn und Schumann erinnert—in letzterem Falle quasi eine Vorwegnahme, entstanden dessen Orchesterwerke ja erst ab 1841. Die Ouvertüre Nr. 2 ist wohl das gewichtigere Werk, trotz der Dur-Tonart mit düsterem Beginn in Moll versehen, der gar leicht an die Don Giovanni-Ouvertüre von Mozart erinnert. Ist die Klangtechnik schon in den alten cpo-Produktionen wirklich ausnehmend gut, mag Naxos hier gar noch um Haaresbreite vorn liegen. Im Allgemeinen ist der Klang etwas dunkler timbriert und wirkt zumindest bei der Aufnahmesitzung vom 26. November 2018 im Großen Saal der Philharmonie Luxembourg, in welcher die Ouvertüren und das Klavierstück eingespielt wurden, auch etwas voller. Das ist insofern kurios, da es sich bei der bereits am 13. November 2017 aufgenommenen  Sinfonie in derselben Lokalität genau andersrum verhält, die Einspielung von Goritzki irgendwie „größer“ und etwas räumlicher klingt. Womöglich liegt dies aber auch ein wenig an den breiteren Spielzeiten, die Goritzki anschlägt—er ist mit 35 Minuten beinahe fünf Minuten getragener als König, der im langsamen, liedhaften Satz fast zwei Minuten und in den übrigen Sätzen jeweils etwa eine Minute schneller unterwegs ist. Dies nimmt der Aufnahme nichts von ihrer Wirkung, selbst wenn ich persönlich Goritzki hier noch etwas überzeugender empfinde. Sie sprechen beide ein Plädoyer aus für den sinfonischen Erstling, der keineswegs zurückhaltend, sondern stellenweise sogar sehr effektvoll instrumentiert ist. Louise Farrenc scheint gerade auch die Pauken geliebt zu haben, die manch deftigen Einsatz haben. Die beiden Themen im Kopfsatz sind nicht wirklich gegensätzlich, sondern ergänzen sich gegenseitig. Das Menuett steht ganz in der klassischen Tradition. Das Finale schließlich ist insgesamt vorwärtsdrängend, doch gibt es immer wieder ein kurzes Innehalten, gleichsam ein Rückbesinnen auf das zuvor Gewesene. Mit prachtvollem Gestus klingt das Stück aus. Mag man auch das Geniale der im selben Jahr komponierten Frühlingssinfonie von Schumann vermissen, muss sich das Stück wahrlich nicht verstecken. Gibt es einen spezifischen französischen Tonfall? Eher nicht. Denkt man an Berlioz‘ Symphonie fantastique, diesen Meilenstein von 1830, kommt Farrencs Erste doch ziemlich deutsch-österreichisch daher. Die Vorbilder wurden ja bereits genannt. Sehr hörenswert auch die Grandes Variations, die ein Thema des österreichischen Grafen Wenzel Robert von Gallenberg aufgreifen, ein virtuoses Mini-Klavierkonzert von erlesener Eleganz, hierin vielleicht noch ihr französischster Beitrag in Sachen orchestraler Musik. Eine feine Neuerscheinung, die jedem Liebhaber von Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ans Herz gelegt werden darf—Reich-Ranicki hätte womöglich unerwartete Freude daran gehabt. Da blickt man auch über das nur in englischer und französischer Sprache vorliegende, sehr knappe Booklet hinweg. © 2020 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, February 2020

Das musikgeschichtliche Schicksal der französischen Komponistin, Pianistin und Musiklehrenden Louise Farrenc—eigentlich Jeanne-Louise Dumont—ist in Kenntnis der verdienstvollen Editionen des Hauses cpo und den hervorragenden auf dieser CD vorgestellten Instrumentalwerken Anlass genug, sich wieder einmal bewusst gegen das idiotische Vorurteil zu stemmen, dass Frauen per se die weniger begabten Tonsetzerinnen seien. Das große Genie im 19. Jahrhundert hatte nämlich apodiktisch männlich zu sein.

1804 in Paris geboren, entstammte Louise einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Jacques-Edmé und der Bruder Auguste waren begabte Bildhauer. Sie selbst studierte Klavier bei Cécile Soria (Schülerin von Clementi), Ignaz Moscheles und Johann Nepomuk Hummel. Der Kompositionsunterricht bei Anton Reicha währte nur kurz, zog sie es doch vor, mit dem ihr frisch angetrauten Kommilitonen Aristide Farrenc, seines Zeichens Flötist, nach der Hochzeit in Frankreich auf ausgedehnte Konzerttournéen zu gehen. Da solches Umherreisen anstrengend ist, zogen es beide vor, das erfolgreiche Musik-Verlagshaus Farrenc zu gründen. Später wurde Louise Farrenc Professorin  für Klavier am Conservatoire de Paris. Der Riesenerfolg ihres Nonetts Op. 38 für Bläser und Streicher dürfte mit dazu beigetragen haben, dass ihr das Konservatorium denselben Lohn zahlte wir ihren männlichen Kollegen, damals (und selbst heute noch in vielen Sparten) alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Freilich dauerte es trotz eines anders als bei Clara Schumann wohlwollenden Gatten und ihres bei Lebzeiten großen Erfolges weit über 100 Jahre lang—Farrenc starb 1875—um ihr fantastisches und hoch qualitätsvolles, vielseitiges kompositorisches Werk nicht nur dem Vergessen zu entreissen, sondern in ihrer ganzen originären Pracht und Schönheit entsprechend zu würdigen. Dazu gehören neben Aufführungen die Veröffentlichung hochwertiger Aufnahmen dieser kostbaren Raritäten, wie sie die mutigen Labels cpo und Naxos auf so großartige Art und Weise pflegen.

Die erste Symphonie in c-Moll, Op. 32, von Form und lyrischer Emphase zwar den Vorbildern Beethoven und Mendelssohn verpflichtet, aber dennoch kraftvoll eigenständig, entstand 1841, zwei weitere Symphonien sollten 1845 und 1847 folgen. Sieben Jahre vor der ersten Symphonie schrieb Louise Farrenc die beiden auf dem Album zu hörenden dramatischen Ouvertüren  in e-Moll und Es-Dur. Was wäre Farrenc doch für eine Opernkomponistin geworden, muss anhand der Kontraste der wie Gegner miteinander fechtenden Instrumentengruppen, der komplexen Rhythmik und wirkungsvollen romantisch-tragödischen Anlage (Weber nicht unähnlich) heute gemutmasst werden. Selbst Berlioz bewunderte die Instrumentierungskunst dieser Stücke. Übrigens hat auch Robert Schumann das Klavierschaffen der französischen Kollegin durchaus geschätzt.

Ein besonders Zuckerl erwartet den Hörer bei den „Grandes Variations sur un thème du comte Gallenberg“ in der Version für Klavier und Orchester aus dem Jahr 1838. Der Themenlieferant Wenzel Robert von Gallenberg war ein österreichischer Komponist, auf Ballettmusiken spezialisiert, und mit der Beethoven-Schülerin und Widmungsträgerin der Mondschein-Sonate Gräfin Giulietta Giucciardi verheiratet. Auf der CD-Weltpremiere begeistern vor allem die virtuose Pranke und interpretatorische Eleganz des Pianisten Jean Muller, der Louise Farrencs Bezeichnung der Variationen als „Groß“ in jeder Hinsicht gerecht wird. Farrenc liebte dieses Genre der Variation, das dem kompositorischen Einfallsreichtum und Werkzeugkasten keine Grenzen setzt. Sie verfasste neben den von Gallenberg inspirierten auch Variationen über Themen von Rossini, Bellini, Weber, Donizetti und Onslow.

Einen Riesenanteil an der außergewöhnlichen Qualität des Albums tragen die Solistes Européeen Luxembourg, ein Orchester, das unter der musikalischen Leitung von Christoph König seinen Spitzenplatz unter vergleichbaren europäischen Klangkörpern erobert hat. Mit welchem Feuer und Schwung sie an das dem Meister aus Bonn würdige Allegro assai in der ersten Symphonie herangehen, mit welcher Spannungsbreite, geschickt gesetzten Rubati und liebevollen Phrasierungen sie die lyrischen Bögen spannen und dramatischen Binnenakzente setzen, ist eine helle Freude. Besonders dem heroischen Blech (Hörner) und den edel aufspielenden Holzsolisten (Flöten), aber auch dem balsamisch satten Klang der tiefen Streicher gebührt ein Extralob.

Die Aufnahmen entstanden 2017 und 2018 im Grand Auditorium der Philharmonie Luxembourg. Warum es dann oft so lange dauert, bis Naxos seine Alben publiziert, dürfte nicht nur mir ein Rätsel sein.

Tipp 1: Naxos hat bereits 2018 ein Album mit den Solistes Européens Luxembourg unter Christoph König mit den Symphonien Nr. 2 und 3 von Louise Farrenc veröffentlicht.

Tipp 2: Den Solistes Européens Luxembourg und Christoph König ist mit dem im letzten Jahr beim Label Rubicon erschienenen Album (Dvoraks Symphonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“, „Quiet City“ von Aaron Copland und „Washington‘s Birthday“ von Charles Yves) ebenfalls ein künstlerischer Volltreffer gelungen. © 2020 Online Merker





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group