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Album Reviews



 
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Markus Dippold
Stuttgarter Zeitung, June 2015

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J.M. Wienecke
Das Opernglas (Germany), May 2015

Zum 25. Bestehen des Festivals „Rossini in Wildbald“ beschenkte sich die Leitung 2013 mit ihrer bislang anspruchsvollsten Opernproduktion auf eindrucksvolle Weise selbst. Die auf CD gebannte ungekürzte Fassung der im französischen Original gesungenen Oper ist nun auf vier CDs mit knapp viereinhalbstündiger Spieldauer bei Naxos erschienen.

Rossinis erste und letzte Grand Opéra, zugleich sein imposanter und wegweisender Abschied von der Welt der Bühne, musste in seiner Aufführungshistorie immer wieder zum Teil erhebliche Kürzungen und generelle Revisionen über sich ergehen lassen. Meist ist sie daher nur in verstümmelter Form zu erleben. Selbst bei den Münchner Opernfestspielen 2014 zeigte man diesbezüglich trotz optimaler Rahmenbedingunen wenig Skrupel.

Umso mehr ist der Anspruch auf Vollständigkeit bei den Bad Wildbader Aufführungen nicht hoch genug zu würdigen. Auf Basis der kritischen Edition der Fondazione Rossini und des Ricordi-Verlags wurde jene Komplettfassung rekonstruiert, die selbst bei der Pariser Premiere am 3. August 1829 nicht einmal mehr zur Aufführung gelangen durfte. Aus dramaturgischen und zeitlichen Gründen hatte Rossini bereits vorab selbst den Rotstift angesetzt und auch nach den ersten Reprisen weitere, zum Teil erhebliche Striche vorgenommen. Später wurde die Oper sogar brutal auf einen Dreiakter zusammengestutzt. Für „Rossini in Wildbald“ wurden diese inzwischen in den Anhang der Partitur verwiesenen Teile wieder reintegriert. Einzelne Nummern der ausgedehnten Ballettmusik, eine alternative Fassung des eingängigen Chors der Tiroler und das neue Finale der überarbeiteten Parises Aufführung von 1831, in dem der Komponist den berühmten Galopp der Ouvertüre im Finale der Oper nochmals aufgriff, wurden in Bad Wildbad ergänzend in einem vormittäglichen Sonderkonzert zu Gehör gebracht. Dieser Einspielung sind sie als hörenswertes Supplément beigegeben.

Trotz der kritischen Länge „wagnerschen“ Ausmaßes hält der Mitschnitt hervorragend die Spannung. Antonio Fogliani am Pult der Virtuosi Brunensis tribt das über viele Jahre bewährte Festival-orchester mit hoher Konzentration immer wieder zu Höchstleistungen an. Foglianis Brio besticht, er baut die Ensembles klug auf, setzt glanzvolle Höhepunkte, nimmt sich als einfühlsamer Begleiter wenn es Not tut zurück. Einen brillanten Breitwandsound, mit dem Einspielungen der populären Ouvertüre gerne glänzen, ermöglicht die Bad Wildbader Trinkhalle mit ihrer mitunter leicht topfigen Akustik indes nicht. Die Tontechniker des SWR leisteten in der Nacharbeit dennoch hervorragende Arbeit und präsentieren den Mitschnitt mit einem stilgerecht schlanken Sound nebst allen Vor- und Nachteilen der Live-Bedingungen, störende Bühnengeräusche mit eingeschlossen.

Die Aufnahme zeichnet die Inspiration des Augenblicks hervorragend nach und nimmt mit vielen wunderschönen Details und dem überwältigenden Gesamterlebnis für sich ein. Was szenisch bei den begrenzten Möglichkeiten der kleinen Bühne damals offen bleiben musste, erfüllt die hochkarätige Besetzung in weiten Teilen auf sehr beachtlichem Niveau. Insgesamt vier Aufführungen liegen der CD-Aufnahme zugrunde. Das Ergebnis des Zusammenschnitts überzeugt: Allein schon Michael Spyres’ Arnold lohnt die Anschaffung dieser Box. Sein männlich timbrierter, in der Höhe bombensicherer Tenor und seine begeisternde Musikalitat des Vortrags brachten den Saal seinerzeit zum Kochen. Auch bei der rein akustischen Wiedebegegnung lässt er kaum Wünsche offen. Man achte auf das schwärmerische Duett mit Mathilde und nicht zuletzt die effektvoll vorgetragene Arie mir abschließender Stretta „Amis, amis, secondez ma vengeance“ des vierten Akts. Andrew Foster-Williams’ Tell erfreut durch seinen kernigen, zu schönem Legato fähigen Bariton. Ein Mann des nachhaltigen Ausdrucks in guter Stimmform. In der vorliegenden Komplettfassung deutlich aufgewertet findet sich Tells Sohn Jemmy, hier mit eigener Arie „Ah, que ton âme se rassure“, exzellent gesungen von Tara Stafford. In weiteren tragenden Partien sind der präsente Mezzo von Alessandra Volpe (Hedwige) und Judith Howarth als Mathilde zu hören. Letztere stattet mit großer Leidenschaft, Gestaltungswillen, zarten wie ausladenden Tönen aus, bei denen ihr die Höhe mitunter allerdings Probleme bereitet. Das nicht allzu große Ensemble des Camerata Bach Chors (Ania Michalak) aus PoznaƄ bewältigt seine unfassende Aufgabe mit bedingungslosem Totaleinsatz geradezu bravourös. Hier spürt man die pure Freude am Musizieren für das einzigartige Projekt zu jeder Zeit. So gelingen auch die großen Ensembleszenen mit ihren überwältigenden Aktschlüssen (wunderbar die finale Apotheose „Tout change et grandit en ces lieux“) dank der exzellenten tontechnischen Abmischung mit bleibendem Eindruck. © 2015 Das Opernglas (Germany)



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, May 2015

Im Rahmen der Kooperation mit dem deutschen Rossini Festival Bad Wildbad und dem Südwestfunk SWR veröffentlicht Naxos nun den Livemitschnitt von Rossinis noch immer selten gespieltem Spätwerk Guillaume Tell zur Freude der entdeckungshungrigen Rossini-Gemeinde, aber auch der Liebhaber von Belkanto und französischer Grand Opera. Die lebendige Aufnahme, die seit Wochen an der Spitze der französischen Klassikcharts steht, wird vom musikalischen Direktor des Rossini Festivals in Wildbad, Antonio Fogliani mit sicherem Gespür für effektvolle Rossinische Steigerungen, aber auch im Auskosten romantischer Lyrismen agogisch einfühlsam geleitet. Wie schon bei den ebenfalls bei Naxos erschienenen Aufnahmen der Opern des Schwans von Pesaro, Semiramide und Otello, stehen ihm als Orchester die fabelhaften Virtuosi Brunensis zur Verfügung. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als eine Auswahl der besten Musiker des Brünner Janacek Theaters und der Brünner Philharmoniker. Als im Dauereinsatz singender Chor engagieren die Wildbader regelmäßig stimmkräftige Sängerinnen und Sänger aus Polen, und zwar die Camerata Bach Choir, Poznàn, die sich aus Mitgliedern des Opernchors aus Poznan und der Krakauer Philharmoniker zusammensetzt.

Das Unternehmen steht und fällt mit dem Dirigenten Antonio Fogliani, der seine Sache sehr gut macht und eine von Tempi, packender Unmittelbarkeit und Spannungsreichtum wesentlich überzeugendere Umsetzung anbietet als etwa Lamberto Gardelli in seiner berühmteren, aber dahinplätschernden EMI Einspielung (mit Gedda und Caballé). Spannend ist das Unterfangen philologisch auch deshalb, weil die Wildbader Einspielung als Supplement auch das Finale der Pariser Fassung aus 1831 und die Originalversion des Pas de trois und Choeur tyrolien anbietet.

Von den Sängern her kann die neue Aufnahme naturgemäß nicht mit der Referenzversion unter Riccardo Chailly (Milnes, Pavarotti, Freni, Ghiaurov, Connell, Tominson, della Jones!!!) konkurrieren, bietet aber teils erstklassige bis anständige Leistungen der Protagonisten. Besonders gut gefällt mir der Arnoldo des Michael Spyres. Der junge amerikanische Tenor, der schon als Hofmann in Barcelona und in La donna del lago an der Royal Opera Covent Garden zu hören war, meistert die wahrlich rauhen Klippen der Partitur mit metallisch unterlegtem, gut sitzendem lyrischen Tenor. Er braucht kaum einen Vergleich mit anderen berühmten Sängern dieses Fachs zu scheuen. Auch Andrew Foster-Williams als Tell und Judith Howarth als unglücklich liebende Habsburger Prinzessin Mathilde bietet exzellente Leistungen und singen mit rundem Ton und gebotener Emphase ihre großen Arien und Ensembles in Rossinis großer Freiheitsoper. Die Amerikanerin TaraStafford in der Hosenrolle des Jemmy, Sohn des Wilhelm Tell (das ist der Junge „mit dem Apfel auf dem Kopf“) bringt ihren schönen lyrischen Koloratursopran ins Rennen und singt vor allem ihre große Arie im Finale des 3. Aktes ganz vorzüglich. Der einzige wirkliche vokale Schwachpunkt ist Raffaele Facciolà in der Rolle des Bösewichts Gessler. So rauh, brüchig und bröselig darf ein Bass nicht, und schon gar nicht in einer Rossini-Oper klingen.

Insgesamt bereitet die auch technisch exzellente Aufnahme aus Bad Wildbad aus dem Jahr 2013 ein hohes Hörvergnügen und stellt eine echte Bereicherung der doch noch recht knappen Diskographie dieser Oper dar. Im Booklet findet man neben den üblichen Informationen auch eine spannende Erklärung über den Mythos von Rossinis „Verstummen“, der aus Sicht des Autors Reto Müller eher an den jahrelangen Rechtsstreitigkeiten um Rossinis französische Rente (unter Karl X und Louis-Philippe) als an angeblichen kompositorischen Schwächen und schöpferischen Grenzen auszumachen war. Ein interessanter, durchaus plausible klingender Ansatz. Und doch sehr schade für die Musikwelt, falls es stimmen sollte. Denn dann hätte das staatliche Rentenkürzungsprogramm unter Louis-Philippe u.a. wohl die Entstehung des Rossinischen Faust als erste von fünf vereinbarten weiteren Opern für die Académie Royale de Musique auf dem Gewissen. © 2015 Der Neue Merker





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