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Album Reviews



 
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Heinz Gelking
image hifi, June 2015

Louis Krasner Testament SBT 1004
Louis Krasner Cleveland Orchestra Naxos 9.80226
Joseph Szigeti NBC Symphony Orchestra
Josef Suk, Czech Philharmonic Orchestra & Chorus Supraphon 50804
Arthur Grumiaux, Concertgebouw Orkest Decca 4781161
Gidon Kremer Philips 412523-1
Arabella Steinbacher Orfeo C778091A
Antje Weithaas Avi-music 4260085533053
Isabelle Faust Harmonia Mundi 902105
Frank Peter Zimmermann Warner 5099921750021

Selbst Meisterwerke haben ihre profanen Aspekte, zum Beispiel Verträge: Im Februar 1935 fragte ein amerikanischer Geigerukrainischer Herkunft namens Louis Krasner bei Alban Berg in Wien ein Violinkonzert an. Eigentlich war der Komponist mit der Fertigstellung seiner Oper „Lulu“ beschäftigt. Aber es ging ihm finanziell schlecht. Aus Deutschland kamen keine Tantiemen mehr, weil die Nazis seine Musik als „entartet“ gebrandmarkt hatten. Alban Berg und Louis Krasner einigten sich vertraglich auf eine Spieldauer von zwanzig Minuten, eine Honorarhöhe von 1500 Dollar und den 31. Oktober 1935 als Fertigstellungstermin.

Doch dann geriet alles ins Rutschen. Am 22. April 1935 starb die achtzehnjährige Manon Gropius an den Folgen einer Polio—Infektion. Sie war die Tochter von Alma Mahler-Werfel aus einer frühe ren Ehe mit Walter Gropius. Helene und Alban Berg waren mit Alma befreundet und kannten Manon von klein auf. Der Kontakt war eng. Am tragischen Krankheitsverlauf mit Lähmung und Tod nahmen sie Anteil. Die kinderlos gebliebene Helene soll sogar ein Foto von Manon auf dem Nachttisch gehabt habeil. Mag Krasners Auftrag den äußeren Anlass für das Violinkonzert gegeben haben, so setzte der Tod Manons den entscheidenden Impuls für seine inhaltliche Ausrichtung.

Schon am 11. August 1935 war die Arbeit am Violinkonzert mit der Reinschrift der Partitur beendet. An einem der folgenden Tage erlitt Alban Berg einen Insektenstich, aus dem sich bald ein Furunkel und, vermutlich in Folge laienhafter Behandlung, schließlich eine Blutvergiftung entwickelte. Alban Berg starb Heiligabend 1935. Damit blieb das Violinkonzert sein letztes voll endetes Werk. Man hat es gelegentlich als sein eigenes Requiem bezeichnet und Berg raunend eine Ahnung von seinem baldigen Tod abgedichtet—was mithalf, es zum populärsten Werk der Neuen Wiener Schule zu machen. Den größeren Anteil daran wird aber der Empathie fordernde Titel haben: „Dem Andenken eines Engels.“ Und natürlich die Musik.

Die Uraufführung fand am 19. April 1936 in Barcelona anlässhch eines Festivals statt. Louis Krasner war der Sohst, Hermann Scherehen sprang für Anton Webern ein, der die Proben geleitet hatte. Benjamin Britten saß im Publikum und war begeistert (er hätte bei Berg studieren wollen; drei Jahre später schrieb er selbst ein Violinkonzert; Daniel Hope hat heide auf einer CD gegenübergestellt).

Welche Aufnahmen sind historisch am nächsten dran? Louis Krasner hat das Violinkonzert wenige Tage später, am 1. Mai 1936, unter der Leitung von Anton Webern, damals als Dirigent, speziell als Mahler-Interpret weithin anerkannt, für die BBC aufgenommen und achtzehn Jahre später in recht ordentlichem Mono-Klang bei etwas schnelleren Tempi mit dem Cleveland Orchestra unter der Leitung von Artur Rodzinski für Columbia eingespielt—mit agogischer Freiheit, süffigen Portamenti und viel Vibrato, ganz wie ein „altmodisches“ Virtuosen -Konzert. Auch die mit Leidenschaft erzählende Lesart von Joseph Szigeti, der in Dimitri Mitropoulos 1945 einen ehemaligen Assistenten von Erich Kleiber an seiner Seite hat, steht im Kontrast zu modernen, oft empfindsamer und vielschichtiger angelegten, weniger auf den Solisten bezogenen Interpretationen. Alle drei Aufnahmen klingen wie aus einer anderen Zeit—musikalisch wie klangtechnisch. Aber sie sind „authentisch“. Man stelle sich vor, wir hätten eine Aufnahme aus dem Jahr 1806 und härten Franz Clement mit dem Violinkonzert von Beethoven ...

Das Konzert hat zwei Sätze, die sich wiederum in Abschnitte unterschiedlichen Charakters und unterschiedlicher Tempi aufteilen. Die Abfolge ist Andante—Allegro (Teil I), Allegro—Adagio (Teil 2). Micheie Reverdy erkannte „ ...eine Bogenform, die langsam beginnt und zur Langsamkeit zurückkehrt, mit einer Klimax in den schnellen Sätzen in der Mitte.“ Alban Berg webt Zitate wie ein Volkslied aus Kärnten und Bachs Choral„Es ist genug“ in die Partitur ein und lässt zudem Walzer und Marsch anklingen . Aus dem Verlauf der Musik erschließt sich ein Inhalt, der von Äußerungen des Komponisten gestützt wird : Der erste Teil nimmt Bezug auf Leben und Charakter von Manon. Er hat charmante und lyrische Elemente, wir hören jedoch auch schon unheilverkündende Seufzer-Motive und tragische Untertöne. Der zweite Teil handelt von Krankheit und Tod, aber er weist schließlich darüber hinaus. Bestimmte Momente wie der „Aufschrei-Akkord“ am Beginn und der vernehmbare „Todeskampf“ am Ende des zweiten Allegros sowie das Auftauchen des Chorals am Anfang des Adagios wird jeder Hörer erkennen. Die tief bohrende Musikwissenschaft hat darüber hinaus viel Zahlensymbolik aus der Partitur zutage gefördert.

Obwohl Alban Berg die als sperrig verrufene Neue Wiener Schule vertritt, ist sein Violinkonzert gut zugänglich. Der Komponist hat zu einer Verbindung von Reihentechnik und Tonalität gefunden, die Musik erscheint gleichzeitig fremd und vertraut. Ihre Faszinationskraft ergibt sich aus dem dramatischen Verlauf, ihre Wirkung aus dem Mut zum Klischee und zum Gefühl: Mal schluchzen die Geigen wienerisch, mal rufen die Blechbläser von den Bergen. Das womöglich Wichtigste: Alban Berg gelang eine Musik des Trostes. Sie endet eben nicht mit der Katastrophe, sondern klingt friedvoll aus.

Es läge nahe, das Violinkonzert und die den zitierten Choral enthaltende Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“, BWV 60, auf einem Tonträger miteinander zu koppeln. Darauf ist meines Wissens nur Supraphon bei der 1967 publizierten Aufnahme von losef Suk gekommen. Sie wirkt etwas konventionell, erst im Vergleich zeigt sich das Besondere: Niemand bringt das Violinkonzert von Berg so nah an den Klang einer Mahler-Sinfonie wie Karel Ancerl. Das ist eine historisch legitime, freilich auch einseitige Perspektive. Die griffige Artikulation der Bläser und die prägnant ausgespielten „volkstümlichen“ Passagen machen plausibel, dass beide Komponisten aus derselben Tradition stammeil. Sie folgen gewissermaßen unterschiedlichen Grammatiken, aber sprechen denselben Dialekt. Geigerisch unbed ingt kompetent, verbirgt losef Suk seinen Gestaltungswillen hinter schnörkellosem Spiel und „auf Augenhöhe“ gefiihrten Dialogen mit der Tschechischen Philharmonie. Eine gute Aufnahme, die ich gerade LP-Sammlern ans Herliege; sie ist aber auch auf CD veröffentlicht worden.

Arthur Grumiaux spielt freier und raffinierter als Josef Suk. Die Spreizung zwischen lyrischen und kämpferischen Passagen ist größer—nicht nur beim Interpreten. sondern vor allem beim Concertgebouw Orkest. das hier von einem ehemaligen Schüler des Uraufführungsdirigenten geleitet wird, nämlich Igor Markevitch. Details wie die Spielanweisung „collegno“ in den tiefen Streichern, wo die Saiten mit der hölzernen Bogenstange zum Klingen gebracht werden,sind in einem weit aufget:icherten Klang integriert—alles ist hörbar, nichts t:illt heraus. Für das Spitzenorchester aus Amsterdam war Bergs zum Aufnahmezeitpunkt gerade erst 30 Jahre alte Musik schon keine Fremdsprache mehr, sondern bereits vertrautes Idiom. Eine kultivierte Aufnahme. die aber keineswegs das Dramatische unterschlägt—schön.

Gidon Kremer knüpft 1983 wieder bei der Tradition solistischer Dominanz an und reißt das Konzert förmlich an sich—nicht durch Lautstärke, obwohl die Tontechnik ihn hervorgezogen hat, sondern durch die Vielgestaltigkeit seines Spiels. Es ist süßer, zerbrechlicher, kratzbürstiger, schlicht wandlungsfähiger als bei Grumiaux oder Suk. Seine Risikobereitschaft, im Interesse des Ausdrucks auch „hässliche“ Töne zu produzieren, macht den lettischen Geiger zum Pionier. Ohne ihn wäre der heutige Erfolg einer Patricia Kopatchinskaja kaum denkbar. Verglichen mit Suk oder Grumiaux, die eine klare Linie verfolgen, wirkt seine Interpretation allerdings zerrissen, vielleicht fairer formuliert: bis zum Zerreißen gespannt. Colin Davis und das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks halten dieses extreme „Wechselbad der Gefühle“ nämlich dennoch als schlüssige Szenenfolge zusammen, indem sie den Orchestersatz in spätromantischer Pracht auskleiden . Das schafft ein Gegengewicht. Vielleicht die stärkste noch auf LP erschienene Version.

Um das Jahr 2010 herum haben drei deutsche Geigerinnen das Violinkonzert von Berg eingespielt—starke Aufnahmen, gleichwertig. Alle drei folgen einem ähnlichen Konzept: Die Solo-Violine trägt weiterhin die Hauptrolle, aber sie bindet sich stark ins Orchester ein. Ist es Zufall oder symptomatisch, dass sie das Konzert von Berg dabei mit dem von Beethoven gekoppelt haben? Auf jeden Fall ist es eine schlüssige Entscheidung. Weder Beethoven noch Berg ging es um Bravour-Wirkungen, anders als der Epoche dazwischen, und in beiden Kompositionen trägt das Orchester entscheidend zum Ganzen bei, ist mehr als „Begleitung“ oder „Widerpart“. Ein wenig findet sich der alte Antagonismus allenfalls noch bei Arabella Stein bacher und dem WDR Sinfonieorchester. Das liegt weniger an der Geigerin als an Andris Nelsons, der das Orchester zu fulmi nantem Ausdrucksspiel animiert und bei Klangeffekten wie Trommelwirbeln oder bei den Spannungssteigerungen in Richtung der Höhepunkte nichts anbrennen lässt. Da muss man als Solistin mit seiner kleinen Geige erst mal den Kopf oben behalten und sich behaupten. „Concertare“ heißt ja wetteifern. Hinzu kommt eine Tontechnik, die nur zu gerne die tieffrequente Wucht von großer Trommel, Bass-Tuba und Kontrafagott abfeiert und Soli im Orchester demonstrativ hervorhebt, obwohl speziell dieser Klangkörper als Rundfunkorchester ohnehin auf Deutlichkeit und Klarheit ausgerichtet ist. Die Interpretation gewinnt eine Thriller-Spannung, wie man sie sonst nur aus Schostakowitsch-Sinfonien erlebt. Arabella Stein bacher krönt die Aufnahme mit intensivem und doch diszipliniertem Spiel, dem man allenfalls entgegenhalten könnte, dass es nicht die Risikobereitschaft von Kremer an den Tag legt, sondern—darin Grumiaux ähnlich—noch im Moment des größten Ausdrucks eine Mitte behält. Wenn die CD zu Ende ist, bleiben vor allem die wundervollen Zwiegesänge der Geigerin mit Holzbläsern und solistisch eingesetzten Streichern in Erinnerung. Dicke Empfehlung!

Ein größerer Gegensatz als zwischen Krasner, Szigeti oder Kremer und Antje Weithaas lässt sich kaum denken. Sie spielt das Werk wie „Harold en Italie“ von Hector Berlioz, wo die Solo-Bratsche zwar Protagonistin ist, aber als Stimme im Orchester aufgeht. Es versteht sich von selbst, dass bei einer so etablierten Geigerin wie Antje Weithaas kein Mangel an Kraft und Können hinter dem VerLieht auf Dominanz steht, sondern ein ausgereiftes Konzept, eine Haltung zum Werk und vielleicht auch zum Musizieren allgemein. Ihr Geigen hat Stil und Kontur. Mit Steven Sloane und dem Stavanger Symfoniorkester findet siezu einer dichten, kammermusikalischen VerLahnung, aus der sich fast zwangsläufig auch tendenziell rasche Tempi ergeben. Dieses Berg-Konzert wird nicht ausgewalzt; umso klarer offenbart sich sein Aufbau. Die dramatischen Höhepunkte mit großen Klangballu ngen, wo die Musik sich weidwund windet, werden trotzdem nicht nivelliert. Antje Weithaas: „Die innere Zerrissenheit und VerLweiflung findet Ausdruck auch in der physischen Anstrengung. Um mit meiner Geige durchzukommen, muss ich unglaublich viel Kraft und Härte aufwenden, bis nichts mehr von Schönheit übrig bleibt.“ Da trifft sie sich eben doch mit Gidon Kremer. Für mich ist dies die CD mit dem natürlichsten Klangbild (die Steinbacher-Aufnahme klingt spektakulärer, aber nicht glaubwürdiger). Und seitens der Solo-Violine eine wunderbar durchgestaltete Interpretation.

Eine Sympathie für die Neue Wiener Schule durchzog die ganze Karriere von Claudio Abbado. Wenn er erst im hohen Alter ein so zentrales Werk wie das Violinkonzert von Berg aufgenommen hat, dann ist das auch ein Kompliment für die Solistin, Isabelle Faust. Übrigens ein vollkommen berechtigtes. Leider gibt es ein aufnahmetechnisches Manko: Man hört zwar jede Nuance ihres facettenreichen Spiels, aber die „Dornröschen“-Stradivari hat durch einen zu geringen Mikrofonabstand einen aggressiven Beiklang bekommen, der ihr in natura nie und llimmer eigen ist (und dem Spiel von Isabelle Faust genauso wenig). Claudio Abbado schlägt gemäßigte Tempi an. Das von ihm gegründete Orchestra Mozart spielt transparent und grenzt sich damit von einem dunkel-romantischen Klangideal ab. Doch der eigentliche Unterschied zu einem jungen Hochbegabten wie Andris Nelsons liegt darin, dass der Altmeister den längeren Atem hat. Er kurbelt die Musik nicht dauernd an, sondern gibt ihr Raum, sich zu entwickeln. Unterschwellig und dezent liegt hier so viel Spannung in der Luft, dass ich anfangs eine reine Live-Aufnahme vermutet hatte. Tatsächlich wurden neben Konzert- auch Probenmitschnitte herangezogen. Was die Orchesterleitung angeht, ist das die stärkste Einspielung, selbst wenn das Orchestra Mozart den etablierten Klangkörpern anderer Aufnahmen nicht überlegen ist.

Wer spielt am schönsten im ganzen Lind? Vielleicht doch Frank Peter Zimmermann. Seine Aufnahme mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Gianluigi Gelmetti entstand 1991 (ein Live-Mitschnitt von 1996 mit dem Concertgebouw Orkest und Riccardo Chailly war in der Jahrlmndert-Geiger-Edition der SZ erhältlich, ist aber offenbar nicht mehr auf dem Marktöffentliche Büchereien haben manchmal noch Exemplare). Zimmermann wurde attestiert, als einziger lebender Geiger einen Ton wie David Oist rach zu haben. Einerseits stimmt das, andererseits ist Zimmermann der modernere Cdger. Im Berg-Konzert setzt er seinen Bogen-Arm durchaus mal forciert ein, um es ausdrucksvoll knarzen zu lassen. Ob Oistrach sich das getraut hätte? Alban Berg hat die Solo-Stimme streckenweise mit Ausführungshinweisen nur so gepflastert: wienerisch, rustico, molto espressivo finden sich innerhalb weniger Takte Zimmermann spielt das genussvoll aus. Puristen mögen fragen, wie geschmackssicher sein sinnlicher Ton bei Berg ist. Ein Problem liegt in der Nähe zum Kitsch. Throdor W. Adorno deutet es an: „Am Violinkonzert stört mich nicht nur der Stilbruch an der Stelle mit dem Bach-Choral, sondern auch das Strausssische Thema von Tod und Verklärung. Trotzdem ist das Vim etwas anderes, was Berg geschrieben  hat. Die kontrolliert- expressive Grafik einer Antje Weithaas beugt der Gefahr vor, dolinkonzert nicht nur von größter Schönhdt, sondern von einer herzbrechenden Gewalt der Rührung wie kauass dieses Violinkonzert auf süßliche Weise melancholisch wirken könnte. Frank Peter Zimmermann geht dagegen aufs Ganze. Er spielt das Violinkonzert, als hätte Custav Klimt es gemalt. Da ist jeder Widerstand zwecklos, laufen alle Bedenken ins Leere. Gerade den „himmlischen“ Ausklang mit dem Bach-Choral, den Mahler-Reminiszenzen und erneuten Anklängen ans Kärntner Volkslied gestaltet er zwingend. In seiner Wirkung ist das eigentlich nur noch mit anderen singulären Leistungen der Aufnahmegeschichte wie Christa Ludwigs Interpretation desAbschieds ausdelll „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler vergleichbar. © 2015 image-hifi.com





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