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Album Reviews



 
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Klaus Kalchschmid
Süddeutsche Zeitung, April 2020

Was für eine tragische Geschichte: Weil er glaubt, für die abgöttisch geliebte Lisa ohne Vermögen keine gute Partie zu sein, versucht Hermann sein Glück im Spiel und erpresst vermeintlich todsichere Karten von einer alten Gräfin um den Preis ihres Todes. Weil es ihn wieder an den Spieltisch treibt, verliert Hermann endgültig seine geliebte Lisa, die sich das Leben nimmt. Am Ende siegt, anders als vom Geist der Gräfin vorhergesagt, die “Pique Dame”. Ein zarter Chor seiner Mitspieler, der wie altrussischer Gesang klingt, und ein wehmütig ätherisches Orchesternachspiel betrauern leise Hermann, der sich erschossen hat: “Herr verzeih ihm und gib seiner unruhigen, gequälten Seele Frieden.”

Als Mariss Jansons 2014 Peter Tschaikowskys düster abgründige letzte Oper in der Philharmonie im Gasteig—wie später in einer szenischen Produktion in Salzburg—irigierte, gab es kein Bühnenbild. Anders als beim konzertanten “Eugen Onegin” unter Jansons im Herkulessaal war in der Mitte eine Spielfläche für die auswendig singenden Protagonisten reserviert. Feine Lichtregie und sparsame Momente des Spielens und Interagierens boten eine szenische Konzentration auf das Wesentliche und legten den Focus ganz auf die alles erzählende Musik. Dank Jansons und der fulminanten BRSymphoniker besitzt das Orchestergewebe daher auch im Livemitschnitt auf CD plastische Präzision und ist stets von dunkler Expression und musikdramatischem Furor durchglüht. Wann spielen Streicher mit einer solchen Intensität, ohne schwülstig zu klingen! Wann leuchten (Blech-)Bläser so tief rubinrot bis fast schwarz! Selbst vermeintlich heitere Momente begrenzt ein scharfer, schmerzvoller Trauerrand.

Muttersprachler sorgen für große Authentizität im Sprachlichen wie Atmosphärischen und in der Charakterzeichnung: Misha Didyk bietet mit teils weiß—teils rotglühend dramatischem Tenor als Hermann bei aller Leidenschaft auch lyrische Facetten. Als seine Lisa ist Tatjana Serjan ebenfalls mit schöner, slawisch volltönender Stimme gesegnet und mit breiter Ausdruckskraft. Während auf der Bühne die 80-jährige Gräfin meist von alten Operndiven verkörpert wird, besitzt hier Larissa Diadkova jedoch einen Mezzo voller Saft und Kraft, aber im Festhalten an ihre Vergangenheit am Hof in Frankreich ist er auch voll dämonisch abgründigem Stolz. Prächtige Baritone sind Alexey Markov mit viril charismatischer Ausstrahlung als Fürst Jeletzkij, Nebenbuhler Hermanns, sowie ebenso intensiv und stimmgewaltig Alexey Shishlyaev als Graf Tomskij. Der pflanzt im ersten Akt in einer großen Arie die Legende vom Geheimnis der schicksalhaft erfolgreichen Karten in den Kopf Hermanns, treibt ihn damit letztlich in den Wahnsinn und wird so zum eigentlichen Auslöser dieses düsteren Spiels. © 2020 Süddeutsche Zeitung



D. Zweipfennig
Online Merker, August 2015

BR-Klassik hat gut daran getan, die semi-szenischen Aufführungen vom 4.-13.10.2014 mitzuschneiden und als Tondokument zu bewahren. Ein herrlich intensives und ausgewogenes Ensemble rund um Misha Didyk (Hermann), Tatjana Serjan (Lisa) und Larissa Diadkova (Gräfin) tauchen den Zuhörer unmittelbar in Puschkins und Tschaikovskys innerste Universen. Ob die formidable satt oder markant orgelnde Männerriege mit Alexey Shishlyaev (Graf Tomsky), Alexey Markov (Prinz Jeletzki), Vadim Zaplechny (Tschekalinskij), Tomasz Slawinski (Surin), Anatoli Sivko (Narumov), Mikhail Makarov (Chaplitsky) oder die Damen Oksana Volkova (Polina), Olga Savova (Gouvernante) und Pelageya Kurinaya (Chloe), alle sparen nicht an Einsatz und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks. Es gibt zweifellos Aufnahmen mit luxuriöser timbrierten Stimmen, aber selten in Kombination mit einem technisch untadeliger und klanglich berauschender aufspielenden Orchester als dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mariss Jansons, der die Rauheit und Kanten der Partitur wesentlich stärker herausarbeitet als etwa Gergiev, sorgt damit für die großen außergewöhnlichen, gleichsam unerhörten Momente. Schon die Finalszene der ersten Szene des ersten Aktes ist an dramatischer Wucht nicht zu überbieten. Ohne Sentimentalität stellt er das Orchester ganz in den Dienst des unerbittlich ablaufenden Plots. Die großartige Aufnahmequalität lässt jedes Detail in der Instrumentierung plastisch aufblitzen und die „Couleurs historiques“ von St. Petersburg golden schimmern. Auch das Sozialdrama um den armen Außenseiter, für den sich Lisa statt des reichen ihr anverlobten Fürsten Jeletzki entscheidet, kommt voll zur Geltung. Allzu impressionistische Klangmalerei ist Jansons Sache nicht, Stimmung mit instrumentalen Finessen zu schaffen und dynamisch zuzuspitzen, jedoch schon.

Von den Solisten ein explizites Sonderlob für Tatiana Serjan für ihre traumhaft schön gesungenen Arien und leuchtenden Höhen als Lisa sowie für den unüberbietbaren Weltklassechor des Bayerischen Rundfunks. © 2015 Der Neue Merker





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