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ouverture - Das Klassik-Blog, May 2017

Was ist ein „Volkslied“, was ein „Kunstlied“? Mit dieser Frage hat sich Christian Gerhaher intensiv beschäftigt—und ein auch für das Publikum außerordentlich lohnenswertes Programm zusammengestellt.

FolksLied lädt ein zu einem Streifzug durch die Musikgeschichte, und präsentiert zugleich eine Liedauswahl, die so nur sehr selten zu hören ist, noch dazu teilweise in der ungewöhnlichen Besetzung für Gesang und Klaviertrio.

Instrumentale Partner sind dem Bariton dabei sein langjähriger Klavierbegleiter Gerold Huber, sowie Anton Barachovsky, Konzertmeister und Sebastian Klinger, Solo-Cellist des BR-Symphonieorchesters. Diese Zusammenarbeit ist kein Zufall: Entstanden ist dieser Konzertmitschnitt während Gerhahers Aufenthalt als Artist in Residence beim Symphonie-orchester des Bayerischen Rundfunks.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Konzept des „Volksliedes“ griff der Sänger auf Lieder aus England und Schottland zurück. Dort wurde dieses Erbe schon wesentlich früher dokumentiert als in Deutschland, und die Sammeltätigkeit war auch nicht vordergründig auf die Texte aus, „sondern schloss von vorneherein die Melodien mit ein“, berichtet Christian Gerhaher im Begleitheft zur CD. „Und so kam es hier sehr früh zu professionellen Bearbeitungen und Arrangements“—unter teilweise kuriosen Begleitumständen, wie der Bariton am Beispiel des zweiten Auftrages erläutert, der einst an Joseph Haydn ging: „Schon wieder in Wien, erhielt Haydn vom Herausgeber Thomson lediglich die Melodien, nach denen er dann tätig wurde, ohne zu wissen, worum es in den dazugehörigen Gedichten ging. Ein ziemlich einmaliger Vorgang: Die Texte wurden erst nach Fertigstellung und Erhalt der Partitur unterlegt—und eben nicht durch den Komponisten.“

Diese Tatsache ermutigte den Sänger, „die heute erhältlichen (…) Urtext-ausgaben nochmals wegzulegen—auch um eine kleine persönliche Hommage an Fritz Wunderlich zu verwirklichen“, so Gerhaher: „Von ihm gibt es eine wunderbare Aufnahme dieser mit naturseligen deutschen Gedichten des 20. Jahrhunderts unterlegten Liedauswahl. Man möge mir verzeihen, wie sehr ich hier sogar meinen eigenen Tonfall dem seinen schwärmerisch angepasst habe.“

Mit dieser Verneigung vor dem großen Tenor beginnt der Bariton sein Programm. Es folgen Folksong Arrangements von Benjamin Britten—ganz und gar nicht volkstümelnd, sondern ziemlich eigenwillig und voller Überraschungen.

Mit den Schottischen Liedern op. 108 von Ludwig van Beethoven schließt sich dann der Kreis. Nach Haydns Tod 1809 wurde er von George Thomson um Arrangements gebeten; vor allem unkompliziert sollten sie sein, mahnte der Verleger. Das freilich bedeutet nicht, dass sie ohne Anspruch sind, wie man beim Hören dieser Aufnahme feststellen wird. Gemeinsam mit dem Geiger Anton Barachovsky und dem Cellisten Sebastian Klinger sowie mit seinem exzellenten Klavierpartner Gerold Huber gestaltet Christian Gerhaher diese Lieder als abwechslungsreiche, mitunter auch ziemlich handfeste Miniaturen. Hinreißend! © 2017 ouverture - Das Klassik-Blog




Michael Wersin
Rondo, May 2016

Christian Gerhaher auf den Spuren von Fritz Wunderlich—eine recht ungewohnte Verbindungslinie, stehen doch Baritone seiner Generation oft unter dem Banne Dietrich Fischer-Dieskaus, während die Tenöre sich an ihrem großen Fach-Vorgänger abarbeiten. Und so erlebt der Kenner jener Live-Aufnahme von Haydns „Sechs schottischen und walisischen Liedern“, die der ORF mit Wunderlich in Wien fünfzig Jahre vor der nun vorliegenden produzierte, ein rechtes Vexierspiel mit Déjà-entendu-Qualität: Gerhaher gleicht bei diesen Liedern nämlich seinen Gesangsduktus und sein Timbre schwärmerisch demjenigen von Wunderlich an, wie er selbst freimütig im Beiheft zugibt. Allerdings—das muss man angesichts von so viel Offenheit seinerseits anmerken dürfen: Er kommt an die herzzerreißende schlichte Schönheit des Originals nicht heran. Stattdessen geht der sonst (etwa bei Wolf oder Schubert) so überwältigend Sprach-Genaue hier irritierend sorglos mit Wort und Silbengrenzen und dem Gefälle zwischen betonten und unbetonten Silben um—viel sorgloser als Fritz Wunderlich in vor-historisierender Zeit.

Tatsächlich hat man den Eindruck, Gerhaher habe sich an jenem Münchner Abend im März 2013 erst nach seiner Wunderlich-Hommage wirklich freigesungen: Den großartigen „Folksong Arrangements“ Benjamin Brittens drückt er souverän seinen eigenen interpretatorischen Stempel auf, und auch mit Beethovens „Schottischen Liedern“ op. 108 (die übrigens Fischer-Dieskau schon 1952 für den RIAS eingespielt hat) geht er so kreativ und frei um, wie man es sich nur wünschen kann—der Hörer freue sich auf überraschende Effekte.

Insgesamt wird deutlich, dass der schmale Grat zwischen Volkston und Kunstgesang, den diese Lieder durchweg bilden, gar nicht leicht zu bewandern ist: Soll man den differenzierten Umgang mit Sprache, den das „echte“ Liedrepertoire fordert, hier hintanstellen—und wenn ja, wie radikal? Nicht wenige der hier versammelten Melodien sind hinsichtlich ihres Tonumfangs und ihrer Intervallstruktur deutlich umtriebiger als die genuin klassischen, und der gesangstechnische Anspruch ist beträchtlich. Keine leichte Aufgabe, auch für einen so standfesten Sänger wie Gerhaher. © 2016 Rondo




Kai Luehrs-Kaiser
kulturradio vom rbb, March 2016

Naivität oder gar Rustikalität, die man bei diesen Werken erwarten könnte, sind gewiss nicht Gerhahers natürliche Stärken. Von daher stehen die Deutungen weniger in der Tradition etwa des britisch knorrigen Bryn Terfel (oder der herrlichen Janet Baker), sondern eher in der Nachfolge von Dietrich Fischer-Dieskau, des von Gerhaher aus kritischer Distanz bewunderten Jahrhundert-Baritons.

Das Englisch Gerhahers ist—merkwürdigerweise—nicht das Beste. Dennoch begegnen wir in allen Werken einem hochelaborierten, auf Text-Plastizität literarisch erpichten Kunstvortrag. Man hört den Frack, den sich Christian Gerhaher angezogen hat.

Auch lässt sich nicht ganz verhehlen, dass eine leichte Gefahr, die sich bei früheren CDs dieses großen Sängers anzukündigen schien, hier klarer bestätigt wird als bisher: die Tatsache nämlich, dass aus Natürlichkeitsbemühen allmählich Manier wird.

Mit leichtem Druck

Jeden Ton versieht Christian Gerhaher mit ganz leichtem Druck, so dass die Musik nie fluten, der Fluss der Musik nie Fahrt aufnehmen kann. Diese Eigenheit sorgt andernorts gerade für den Eindruck einer besonders angelegentlichen Emphase. Es handelt sich geradezu um den genialischen “Trick” dieses Sängers. Allerdings weiß man ihn bei anderem Repertoire als Ausdrucks-Mehrwert stärker zu schätzen.

Der Unterschied ließe sich in etwa mit der Tatsache umschreiben, dass es nicht dasselbe ist, ob man ein Fahrrad schiebt (wobei man für jede Fortbewegung eine leichte Kraft aufbieten muss) oder ob man auf einem Fahrrad fährt (so dass man Geschwindigkeit gewinnt und entspannt einen Gang runterschalten kann). Gerhaher neigt eher dazu, dass Fahrrad zu schieben. Und nicht stürmisch auf ihm dahinzufliegen.

Der Repertoirewert der CD ist beträchtlich, da hochkarätige Aufnahmen dieser Werke notorisch selten sind. Die Begleiter sind exquisit. Was immer man kritteln mag: Wir meckern auf beneidenswert hohem Niveau. © 2016 Kulturradio





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