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Album Reviews



 
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Christian Lahneck
Concerti, September 2019

Der musikalische Furor des jungen Verdi in „I due Foscari“ wird vom Münchner Rundfunkorchester unter Chefdirigent Ivan Repušić treffend umgesetzt.

Der musikalische Furor des jungen Verdi—in „I due Foscari“ nach einem Piave-Libretto wird er hörbar, treffend umgesetzt vom Münchner Rundfunkorchester unter Chefdirigent Ivan Repušić. Das zündet und besitzt andererseits die nötige Wehmut, das klingt arios und theatralisch, je nach den Forderungen der Partitur. Der Chor des Bayerischen Rundfunks singt tadellos, während die chinesische Sopranistin Guanqun Yu als Lucrecia beweist, dass sie das Dramatische beherrscht, manchmal aber könnte sie freier wirken. Ivan Magrìs Jacopo überzeugt, einigen Tränensüßlichkeiten zum Trotz. Besondere Beachtung verdient Leo Nucci, mittlerweile jenseits der 75. Wie er als Francesco den Zwiespalt seiner seelischen Rollen als Doge und als Vater herausarbeitet, ist in hohem Maße eindringlich. Die Stimme ist noch gut in Schuss, aber seine Art der Darstellung, vereint Erfahrung als Sänger und spontanes Durchleben dieser Partie. © 2019 Concerti





Rolf Fath
Opera Lounge, July 2019

Im Alter von 76 Jahren bestieg Leo Nucci am 23. und 25. November 2018 im Münchner Prinzregententheater und zwei Tage darauf im Müpa in Budapest das Konzertpodium, um nochmals das „Vecchio cor“ des greisen Dogen Francesco Foscari schlagen zu lassen. Nicht zum ersten Mal, wovon man sich auf DVDs mit Aufführungen aus Neapel (2000) und Parma (2011) überzeugen kann. Vermutlich wird er den 65. Dogen von Venedig, den Lord Byron in seinem Verstragödie The Two Foscari und Verdi in seiner Oper I due Foscari verewigten, auch nicht zum letzten Mal verkörpert haben, nähert er sich doch erst jetzt dem wahren Lebensalter des Francesco Foscari an (1373-1453). Der in München und Budapest entstandene Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks (2 CD 900328) baut vor allem auf die Präsenz des Baritons, dessen Ton in der erwähnten Romanza („O vecchio cor, che batti“) etwas nasal, trocken und eng klingt, der aber auf seine gute Technik bauen kann und in dem vorausgehenden Szene immer noch von bedeutender Autorität ist und die Gebrochenheit des alten Dogen vermittelt, der das Urteil unterschreiben muss, welches seinen Sohn Jacopo, der in eine Mordintrige verwickelt ist, zu lebenslangem Exil verbannt. Während Jacopo eher in die Linie der leidensfähigen, sanft aufbegehrenden Verdi-Helden gehört, was Ivan Magri vor allem in der Preghiera des zweiten Aktes ausdrucksstark und mit sicherer Emphase vermittelt, ist Francescos Schwiegertochter Lucrezia eine geradezu wild aufbegehrende junge Frau, die sich leidenschaftlich für ihren Mann einsetzt. Für die 1844 in Rom von Marianna Barbieri-Nini kreierte Partie, die drei Jahre später auch die erste Lady Macbeth war, istGuanqun Yu zu handzahm und wenig leidenschaftlich. Für die Lucrezia braucht es eine im Kern dramatische Stimme. Sehr gut sind Miklós Sebestyén als der unversöhnliche Loredano vom Rat der Zehn, der Vater und Sohn Foscari stürzen will, und István Horváthals Senator Barbarigo, der Mitleid mit Lucrezia und ihren Söhnen zeigt. Der kroatische Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters Ivan Repušić, der bereits im Jahr zuvor eine Luisa Miller mit Marina Rebeka aufführte und aufnahm, hat offenbar ein fabelhaftes Gespür für den frühen Verdi, dessen Cabaletten er mit zündender Kraft voranpeitscht. Die Szenen sind mit drängendem Elan verblendet, die Atmosphäre, was Verdi mit „tinta“ umschrieb, in den düsteren Gemächern des Palastes in den dunklen Bratschen- und Celloklängen zwingend eingefangen und der Chor des Bayerischen Rundfunks grandios inszeniert. © 2019 Opera Lounge



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, June 2019

Der kroatische Dirigent Ivan Repušić trägt bei Verdi keine Handschuhe, die Ärmel sind aufgekrempelt. Es darf auch temperamentvoll knallen. Ob er im Verdi-Fach in die Fußstapfen Sinopolis treten wird? Gut vorbereitet als Gastdirigent an der Deutschen Oper Berlin und als Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover übernahm Repušić in der Spielzeit 2017/2018 das Amt des Chefdirigenten des Münchner Rundfunkorchesters. Leo Nucci ist noch einmal in einer charismatischen Dogenrolle zu erleben.

Nicht allzu oft gebührt dem Dirigenten in der Oper das erste Wort. Bei dem fabulösen Ivan Repušić geht es jedoch nicht anders. Der kroatische Jungpultmeister setzt eine schöne Verdi-Tradition fort: Dieses genuine unverwechselbare rauschhafte Gefühl aus furiosen Ensemble-Effekten, das Aufeinander von Cantabile und Cabalettas, Preghieras, gedehnten Dreierrhythmen und barcarole-typischen 6/8 Takten, die unwiderstehliche Sogwirkung aller von Verdi unnachahmlich aufgepeitschten Extremsituationen der Protagonisten, erleben nun bei Ivan Repušić ein Revival.

Nach der gelungenen Debüt CD-Einspielung von “Luisa Miller” mit Marina Rebeka in der Titelpartie (BR Classics) stellt Ivan Repusic mit den Kräften des Münchner Rundfunkorchesters, dem wie immer professionellen Chor des Bayerischen Rundfunks und einer feuerspeiend die Leidenschaften bis zum sprichwörtlichen Wahnsinn auskostenden Solistenschar (Leo Nucci als Francesco Fosacari, Guanqun Yu als Lucrezia Contarini, Bernadette Fodor als Pisana, Ivan Magrì als Jacopo Foscari, István Horváth als Senator Barbarigo, Miklós Sebestyén als Jacopo Loredano, Moon Yung Oh als Fante del Consiglio und Matthias Ettmayr als Servo del Doge) Verdis „I Due Foscari“ vor. Einst fragte man Renato Bruson nach der musikalisch ergiebigsten aller Verdi-Opern aus den experimentell so reichen “Galeerenjahren”, und er antwortete ohne zu zögern „I Due Foscari“. Wer diese Aufnahme hört, weiß warum.

Lord Byron lässt in dem Stück das Schicksal eines Dogen Revue passieren, den die Macht und politischen Fallstricke den Sohn und schließlich ihn selbst dahinraffen. Wir erinnern uns hier—nicht unbedingt stilistisch—an Verdis „Simon Boccanegra“, das musikdramatisch subtilere Dogenpalast-Epos. Byron bedurfte der fetzigen Theaterpranke des Librettisten Francesco Maria Piaves, um ein Libretto ganz nach dem Geschmack und den wachsenden Möglichkeiten des Giuseppe Verdi gerecht zu werden. Weniger Psychologie der Fäden steht in der Oper im Vordergrund, dafür umso mehr an geraffter Intrige und die Unerbittlichkeit des Zehnerrats als Machtkollektiv. Wichtig für das strukturelle Verständnis laut Sebastian Stauss ist, dass „Verdi Leitmotive nicht strukturgebend einsetzt und verarbeitet, sondern beinahe in Vorwegnahme filmischer Mittel schnittartig und zur Überblendung zwischen den Auftritten verwendet.“

Die oben genannten Besetzung glänzt durch Licht mit Halbschatten gemischt. Der aus Catania stammende lyrische Tenor mit spinto Qualitäten Ivan Magrì (Elena Habermann führte 2018 ein interview mit ihm für den Online Merker) war ja schon der Tenorstar der Luisa Miller. Auf der neuen Aufnahme besticht der Sizilianer durch einen jung forschen, gut sitzenden Tenor, Temperament und offensive Strettas. Im Stück soll Jacopo Foscari einen Gegner seiner Familie getötet haben und soll daher sterben. Das Urteil wird zum Exil “abgemildert”, nachdem Jacopos Frau Lucrezia beim Dogen Fürsprache einlegt. Die chinesische Sopranistin Guanqun Yu müht sich nach Redlichkeit, den adäquaten Verdi-Ton zu treffen. Das gelingt ihr auch über weite Strecken. Ihr Sopran ist zwar ausreichend dramatisch gestählt und lodert passioniert, allerdings gibt es Verengungen in extremen Lagen zu konstatieren. Übersteuern war aber noch nie ein adäquates Mittel, um in einem Fach zu wachsen. Hoffen wir das Beste für ihre Zukunft, das Stimmmaterial gäbe ja Anlass zu großen Versprechungen.

Im Zentrum der Ausführung steht Leo Nucci als Doge Francesco Foscari. Das herbe unverwechselbare Timbre ist selbst nach so vielen intensiv gelebten Opernjahren in bester Verfassung. Das gewisse für meine Ohren nicht angenehme Raufschleifen von Tönen hat er sich allerdings auch nicht abgewöhnt. Bleibt ein Routinier und Verdi-Veteran von Gnaden, der den goldrichtigen Stil aus dem Effeff kennt, aber gewisse Abnutzungserscheinungen nicht verleugnen kann. In der gaumigen trockenen Tonproduktion erinnert er in Ansätzen an den mittleren Wächter. Es ist nicht seine erste Aufnahme des Dogen: Aus dem Teatro Regio di Parma gibt es einen DVD/Blu-ray Mitschnitt aus dem Jahr 2011 mit Roberto De Biasio, Roberto Tagliavini und Tatjana Serjan unter der musikalischen Leitung von Donato Renzetti. Schon 2000 wurde “I Due Foscari” mit Leo Nucci im Teatro San Carlo in Neapel gefilmt, mit Scola und Pendatchanska unter dem Dirigenten Nello Santi. Ebenfalls noch auf DVD erhältlich. Eine Frage muss hier gestattet sein: Warum tut sich dieser verdienstvolle Sänger jetzt noch eine dritte, stimmlich weniger gute Aufnahme an?

Bernadette Fjodor als Pisana, István Horvath als Barbarigo und Miklós Sebestyén agieren stimmlich gediegen.

Nach wie vor unübertroffene Referenzeinspielung von ”I Due Foscari”: Piero Cappuccilli, Jose Carreras, Katia Ricciarelli, Samuel Ramey, ORF Symphonie Orchester unter Lamberto Gardelli, Decca 1977 © 2019 Online Merker





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