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Album Reviews



 
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Manuel Brug
Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award), May 2018

Diese Oper ist ein Schmuckstück des Repertoires: parfümiert, aber doch wahrhaftig, und mit einer Titelpartie, nach der sich lyrische Tenöre die Finger lecken. Tatjana Gürbaca hat den “Werther” klug, neu und intensiv in Zürich inszeniert. Klaus Grünbergs baute eine helle Bühne, fokussiert als enge, sich perspektivisch verkürzende Zimmerschachtel. Der utopische Fiebertraum eines wahnsinnig Liebenden bricht sich apart mit Massenets köstlichem Melodiegeträufel, dem Cornelius Meister die Kalorien entzieht, indem er die Konturen schärft. Juan Diego Flórez gestaltet den Werther gleichzeitig heutig und entrückt, als Prototyp und Individuum. Nie stellt er nur Töne aus: Dieser Sänger, große Klasse, geht vollkommen in seiner Rolle auf. © 2018 Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award)




Uwe Krusch
Pizzicato, April 2018

Das enge beklemmende Zimmer des Bühnenbildes erinnert an eine Gefängniszelle aus einem Monte Christo-Film. Da man früher schon auf Menschenrechte achtete, musste auch eine Zelle dem genügen. Dabei kam es nicht auf die Ausstattung wie feuchte Wände, Ratten als Mitbewohner oder auf die Fläche an. Eine hohe Zelle, also Volumen, mit unerreichbarem Fenster im Kellerverlies erfüllte auch die Maßstäbe.

In diesem Zimmer lebt Charlotte, eben wie in einem Gefängnis. Wie ihrer Mutter versprochen, hat sie Albert geheiratet und agiert als Ersatzmutter für die kleinen Geschwister. Im Kreise einer Spießerfamilie wird ausgelassen, fast grotesk Weihnachten gefeiert. In dieses Idyll dringt von außen Werther als schwarzer Mann ein. Damit wird gleich deutlich, dass Welten aufeinandertreffen, die nicht zusammenpassen. Charlotte lebt in und für ihren Haushalt. Die Schränke öffnen sich für alles, was man braucht und schlucken auch alles, was wegkann, inklusive der Gäste. Nur eben Werther lässt sich nicht verstauen. Da Charlotte ihr Leben nicht lassen kann oder will, kommt es dann zu dem bei Goethes Werk angelegten bitteren Ende.

Dass dieses deprimierende Geschehen trotzdem glückliche Gesichter im Publikum hinterlässt, liegt an den Zutaten dieser Inszenierung. Eigentlich sollte man alle Beteiligten als Ganzes für die gelungene Umsetzung unterschiedslos herausheben. Aber einige sind dann doch noch gesondert zu nennen.

Auf Seiten der Regie schafft Tatjana Gürbaca es, die Waage zu halten zwischen der Realität und Schein- oder Traumwelten. So etwa, wenn hinter den geöffneten Schranktüren der Schnee fällt oder der Sternenhimmel vorbeizieht, wobei man sich fragen kann, wessen Traum das ist. Die Balance gelingt ihr auch damit, die Themen anzuzeigen, aber nicht mit Bedeutung zu überfrachten, so dass dem Betrachter gedankliche Spielräume bleiben, sich eine eigene Sicht zu verschaffen.

Massenet hat dieses Liebesdrama meisterhaft instrumentiert. Sowohl Chor wie Orchester können von interessanten Partien profitieren. Cornelius Meister leitet vom Orchestergraben aus und arbeitet sowohl die Klangfarben wie die dynamischen Finessen sehr vielfältig und detailliert heraus. Mit einer stets flexiblen Rubato-Dramaturgie kann er ausgezeichnet Spannungen erzeugen. Da wirken nur wenige Klangwogen etwas übertrieben und einzelne Fortissimostellen etwas grob. Aber lobend sei erwähnt, dass er schnell wieder die leisen Töne herauskitzelt. So schaffen Meister und das Orchester Farben in ungewöhnlicher Vielfalt, wie etwa jene des Saxophons, die das Geschehen beleben.

Auch wenn Juan Diego Florez in der Partie des Werther und Anna Stéphany als Charlotte dank ihrer stimmlichen Strahlkraft keine Mühe haben, mit dem vollen romantischen Orchester zu konkurrieren, hätten sie es ohne die Spitzen leichter gehabt. So strahlkräftig Florez auch singt, in den Pianoregionen kann seine berückend schöne Tenorstimme wirklich punkten wie im nuancenreichen Gestalten von zerbrechlichen und schattierten Gesangslinien. Dieser Werther ist ins Verliebtsein verliebt und so ins eigene Raffinement. Und darin hat er auch einen Vorsprung vor Charlotte, die durch glasklare Linienführung, wenn auch gelegentlich mit viel Vibrato, beeindruckt und mit ihrem warmen Timbre den perfekten Kontrast zum Titelhelden schafft. Auch sie findet differenzierte Ausdrucksnuancen, aber die stimmliche Dramatik variiert weniger ausgeprägt.

Der Bariton Audun Iversen gefällt mit seinem klangvollen runden Timbre für den Albert und stimmlich bietet ihm diese Partie keine Probleme, wenn er auch keinen Ausbund an Klangfarbenvielfalt einbrachte. Die Sophie der quirligen Mélissa Petit sing hell und agil. © 2018 Pizzicato



Renate Wagner
Online Merker, March 2018

Wer nach dieser DVD greift, tut es vermutlich in erster Linie um des Titelhelden willen: Juan Diego Flórez ist nun Mitte 40 und weiß genau, dass er nicht in alle Ewigkeit die Rollen des italienischen Belcanto-Fachs singen kann (und will), für die er berühmt geworden ist—mit dieser schlanken, klaren, hellen Tenorstimme und den bombensicheren hohen und höchsten Tönen, noch über das hohe C hinaus. Die Ansprüche an diese Rollen liegen vor allem in der Technik wenn auch gelegentlich wie beim Bauerntölpel Tonio in der „Regimentstochter“ oder bei Nemorino im „Liebestrank“ Ansprüche an die Vis Comica gestellt werden. Aber Florez kann und will mehr, und der Züricher „Werther“ ist wieder ein Schritt in die richtige Richtung.

Es ist eine anspruchsvolle Partie mit berüchtigt schwierigen Übergängen, es ist sehr viel, Verschiedenes und Berühmtes zu singen, und auch ein Liebender darzustellen, der in den Tod geht—da ist Glaubwürdigkeit gefragt. Florez, der seine schlanke, jugendliche Silhouette bewahrt hat, ist stimmlich auf der Höhe der Anforderungen, so ein romantischer Franzose singt sich anders als die Italiener, sein Tenor bietet jetzt volleren, sinnlicheren Schmelz. Strahlende Höhen und verschwebende Piani verweisen auf die exzellente Technik, mit der er schon immer seine Karriere bestreitet. Und er kann die geforderten Gefühle auch mit der Stimme ausdrücken, die Liebe, die Verzweiflung, das Sterben—auch wenn er damit vielleicht manchmal an seine Grenzen kommt. Das „Pourquoi me réveiller“ sang er jedenfalls mit solcher Intensität, dass das Züricher Publikum in einen Beifallssturm ausbrach.

Er muss seinen Liebenden allerdings in einer Inszenierung abliefern, wie wieder typisch dafür ist, was Regisseure den Künstlern und dem Publikum zumuten. Es ist Tatjana Gürbaca am Werk, die in Wien letzten Dezember den künstlichen „Ring“ am Theater an der Wien zusammen gebastelt hat und von der man weiß, wie sehr sie ihre oft uneinsichtigen Ideen liebt.

Sie stellt „Werther“ in ein reizlos kaltes Bürgerzimmer, das als Einheitsbühnenbild fungiert (Klaus Grünberg), wo der sterbende Werther dann irgendwann in der Diele liegt, während draußen Schnee fällt. Hier tummelt sich eine schreckliche, parodistische Bürgerlichkeit, und in der Kinderschar befindet sich auch eines im Rollstuhl—politisch korrekt. Was ein Fest im Freien sein soll, wird von einer Schar alter Frauen unter blumigen Rüschenhäubchen, die starr im Raum sitzen, frequentiert. Die Lichtgestaltung, für die auch der Bühnenbildner zuständig ist, taucht das Geschehen mal in lila, mal in blaues Licht, wohl um es von der Realität abzuheben—eine Realität, die so hässlich ist, dass man nicht versteht, wie ein Romantiker wie Werther sich hier herein verlieren und hier verlieben kann…

Juan Diego Florez ist das vordringlichste Opfer der Regie, und man kann nur bewundern, wie er alle Anforderungen exekutiert (vielleicht nicht wirklich mit Begeisterung, oder?)—ob er mit einem Indianerfederschmuck am Kopf geschmückt wird oder eine Liebesarie zu einer wirklich mikrigen Puppe singen muss, die er in der Hand hält, ob er mit einem Waschschaff agiert oder Luftballonen—nun, seine Charlotte muss ja auch einmal große gelbe Putzhandschuhe tragen… wie so oft bei dieser Regisseurin geht es darum, das Geschehen so tief wie möglich herunterzuziehen, als ob diese Oper tatsächlich etwas mit Küchenarbeit zu tun hätte.

Anna Stéphany als Charlotte ist einer jener Mezzos, die mehr wie ein Sopran klingen, und keinesfalls ein junges Mädchen, das einen jungen Mann entzücken muss. Als verheiratete Frau legt sie an Überzeugungskraft zu, die Briefszene gelingt intensiv. Mélissa Petit (die 2017 auf der Bregenzer Seebühne die Micaela gesungen hat) war eine Sophie mit leichter, hübscher Stimme, die anderen Darsteller mussten albern agieren und konnten solcherart nicht wirklich beeindrucken.

Dass am Ende, während Werther stirbt, ein uraltes Paar in der Wohnküche tanzt (mit dem Indianerkopfschmuck und dem Krönchen, die Werther und Sophie früher getragen haben), mag der Regisseurin tiefgründig vorgekommen sein, im Grunde ist es nur das übliche, absichtsvolle Getue, das auf die Aufmerksamkeit des Feuilletons schielt.

Cornelius Meister am Pult nahm die Musik manchmal sehr langsam, was vor allem für Werther eine Anstrengung bedeutet hätte—wäre es nicht Juan Diego Florez, der so sehr in dieser Rolle drinnen stand, dass ihm nicht passieren konnte, Und man ihm bald eine jener schönen, romantischen Inszenierungen wünschen würde, wie Kaufmann sie in Paris und New York singen durfte… Bis dahin geben sich die Fans allerdings zweifellos mit dieser DVD zufrieden. © 2018 Online Merker



Online Merker, February 2018

MASSENET, J.: Werther [Opera] (Zürich Opera, 2017) (NTSC) ACC-20427
MASSENET, J.: Werther [Opera] (Zürich Opera, 2017) (Blu-ray, Full-HD) ACC-10427

Inszenierung: Tatjana Gürbaca. Cornelius Meister leitet die Philharmonia Zürich.

„Wer ist dieser Werther und für was steht er? Regisseurin Tatjana Gürbaca lässt die Frage offen. Ist er ein großer Künstler oder ein selbstverliebter Träumer? Ist er moralisch zu verurteilen, weil er zum Ehebruch verführt und letztlich durch Selbstmord endet? Oder ist er der Verehrung wert, weil er das Lebensgefühl junger Menschen zum Ausdruck bringt, die sich mit den Verhältnissen, in die sie hineingeboren wurden, nicht abfinden wollen?

Vorliegende Aufnahme ist ein Mitschnitt aus dem Opernhaus Zürich (2017) mit Juan Diego Florez als Aushängeschild, seine begehrte Charlotte ist für uns „Nicht-Züricher“ eine Entdeckung—und dieses Kennenlernen auch wert: Anna Stéphany.

Am Pult: Beeindruckend Cornelius Meister, bereits auf dem Sprung in die allererste Kategorie der Pultstars.

Wer die wohl poetischte Oper der französischen Romantik des 19. Jahrhunderts liebt, für den ist diese Aufnahme ein unbedingtes Muss! © 2018 Online Merker





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