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Album Reviews



 
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Robert Jungwirth
KlassikInfo.de, December 2017

Wer diese vor Energie vibrierende Musik hört, wird kaum glauben, dass ein knapp 90-Jähriger Dirigent diese Aufnahmen geleitet hat. Herbert Blomstedt straft all jene Lügen, die dem Alter vor allem Abgeklärtheit und Langsamkeit unterstellen. Nichts von alledem beim 11. Juli 1927 in Springfield/USA geborenen Blomstedt. Dieser Dirigent schwebt nicht über den Wassern, er krault durch sie hindurch. Beethoven ist für ihn ein Fitness-Programm der besonderen Art. Und noch etwas überrascht: Das Überraschende in dieser Musik. Blomstedt gelingt es, diese Symphonien, die jeder Klassikfan von Kindesbeinen an kennt, überraschend klingen zu lassen.

So spannend, so unerwartet, so kühn, so mitreißend kann, ja muss Beethoven klingen wie in dieser Gesamtaufnahme der 9 Symphonien Beethovens mit dem Leipziger Gewandhausorchester! Von 1998 bis 2005 war er dessen Chefdirigent. Man höre sich nur mal den ersten Satz der 7. Symphonie an, wenn auf die langsame Einleitung das Hauptthema jubelnd losbricht oder den Übergang vom dritten zu letzten Satz der 5.

Doch ist letztlich eben wohl die Erfahrung eines Dirigentenlebens nötig, um die Geheimnisse, die großartigen Aufschwünge, das Zweifeln und Grübeln, das Jubilieren und Rebellieren beim Musik-Revolutionär Beethoven vollends zu erfassen und zur Geltung zu bringen zu können. Wissen und Könnerschaft, nicht Abgeklärtheit, machen Blomstedts Überzeugungskraft aus. Und die Offenheit, sich immer wieder neu auf dieses Abenteuer einzulassen und neue Erkenntnisse mit aufzunehmen—wie etwa die neue Ausgabe der Symphonien, die Blomstedt gründlich studiert hat. Und die Leipziger sind ein über die Maßen flexibles und engagiertes Orchester, das den Vorgaben dieses Dirigenten bis in die kleinsten Finessen hinein unaufgeregt und mit ebensolcher Könnerschaft folgt.

Ein Dreamteam und also eine Sternstunde in der Beethoven-Discographie. Die Symphonien Nr. 6 und 7 sind zudem auf DVD erschienen. © 2017 KlassikInfo.de




Hanspeter Krellmann
Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award), November 2017

Fantasie-Arbeit, die eine kodifizierende Verbindlichkeit nie außer Acht lässt, aber entscheidend grundiert wird von einem geschmackssicheren interpretatorischen Persönlichkeitsbild, setzt den Maßstab für Blomstedts einzigartige Darstellung aller Beethoven-Symphonien. Mit seiner juvenil drängenden Resolutheit in Ansatz und Durchführung gelingt es dem Nestor der internationalen Dirigenten-Elite, seinen nie nachlassenden Gestaltungswillen umzumünzen in ein über jeden Zweifel erhabenes objektivierendes Wertungsstreben. Seine narrative Unbedingtheit vermittelt sich in allgegenwärtiger Klarheit wie eine quasi naturgegebene Alltäglichkeit. Eine von innovatorischer Durchdringungskraft erfüllte Wiedergabe erwächst zum Hör-Fest. © 2017 Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award)




Remy Franck
Pizzicato, July 2017

Nach der Veröffentlichung einiger Beethoven-Symphonien mit dem Gewandhaus-Orchester unter Herbert Blomstedt auf DVD und Blu-ray, legt Accentus nun die Gesamtaufnahme auf CD vor. Der Gesamteindruck ist hervorragend. Es handelt sich um eine in sich geschlossene Deutung der Symphonien, die mit traditionellen Mitteln, fern jeder historisch informierten Lesart, eine spannende Begegnung mit den Symphonien ermöglicht, deren Rhetorik sehr persönlich ist, mit immer wieder ganz tollen Steigerungen und Akzenten, mit einer fabelhaften Rhetorik, einem immer schneller oder langsamer pulsierenden Klang und mit einem durchwegs exzellenten Orchesterspiel.

Schon in den beiden ersten Symphonien lenkt Blomstedt die Aufmerksamkeit des Hörers auf besondere Details, belebt die Musik mit Akzenten und klugem Rubato, ohne aber im Tempo und in der Dynamik je mehr zu machen als nötig ist. Darin unterscheidet er sich von vielen jungen Dirigenten.

Sehr rhetorisch und mit einem dichten, geschmeidigen Klang, viel federnder Rhythmik in den schnellen Sätzen, viel Expressivität im Trauermarsch erklingt die ‘Eroica’.

In der Vierten fasziniert das mit großer Wärme, viel transparenter Dichte und viel schönem Legato gespielte Adagio, während die übrigen Sätze dieser Symphonie mit viel Drive lebendig musiziert werden.

Blomstedts flexibles ‘Power Management’ kommt der Fünften Symphonie entgegen, deren Schicksalsdramatik er spannungsvoll steuert. Er hält dabei immer so viel Power in der Reserve, dass er nicht schon am Anfang sein ganzes Pulver verschießt, sondern in der ganzen Symphonie mit viel Spannung Akzente setzt und so den finalen Höhepunkt gut vorbereitet.

Gut gelaunt geht Altmeister Herbert Blomstedt Beethovens ‘Pastorale’ an, und das wirkt ansteckend aufs Orchester. So wird Beethovens Maxime umgesetzt, die Symphonie sei mehr Ausdruck der Empfindung als Klangmalerei. Blomstedt wird jedenfalls dem Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande bestens gerecht.

Sehr bewegungsreich und schwärmerisch folgt der zweite Satz, tänzerisch und lustig der dritte. Nach dem hoch dramatischen Gewitter kann man im Finale hören, wie sehr die Luft gereinigt ist. Das Gewandhausorchester spielt mit viel Wärme und einer schlanken, kantabel-transparenten Beweglichkeit.

Vergleichsweise banal wirkt dagegen die Siebte, mit einem klassisch- schönen und detailreich gedeuteten, letztlich aber doch etwas schwergewichtigen ersten Satz. Kantabel erklingt das Allegretto, detailreich das Presto, und dann fehlt es dem Finale an Leichtigkeit und Frische: Das Gewandhausorchester wirkt in der kraftvollen Umsetzung des Blomstedtschen Dirigats etwas routiniert.

Die eigentlich wenig populäre Achte Symphonie wird mit viel Liebe zum Detail und viel Schwung aufgewertet und zu einem durchaus kecken Stück. Im Allegretto scherzando entdeckt Blomstedt mehr Humor als die meisten seiner Kollegen hier zum Ausdruck bringen.

Wenn Blomstedt im ersten Satz der Neunten den Paukenwirbel als ein Gewitter inszeniert, das dem der ‘Pastorale’ überlegen ist, merkt man, dass hier mehr passiert, als erwartet. Der Dirigent hat so manche neuen Ideen im ersten und auch im fein differenzierten, sehr liebevoll und leicht aufbereiteten zweiten Satz. Das Tempo ist relativ flott. Der generell in seinen Beethoven-Einspielungen aus Leipzig energetischere und schnellere Chailly braucht für diesen zweiten Satz 14:16, während Blomstedt ihn in 13:47 spielt. Aber Chailly ist erheblich schneller im ersten Satz (13:31 gegen Blomstedts 14:19), im Adagio (12:51 gegen 13:23) und im Finale (22:11 gegen 23’37). Das sind keine riesigen Unterschiede, aber wo ich Chaillys Dirigieren als unnatürlich schnell und drängend empfand, wirkt Blomstedt in kontinuierlichem Fluss sehr natürlich.

Sehr einfühlsam gestaltet und in fast überirdischer Schönheit erklingt dann der langsame Satz, ohne jede Feierlichkeit, ohne Weihrauch, ohne Pathos, einfach nur in natürlich geatmeter Schönheit.

Sehr rabiat beginnt der letzte Satz, ehe Christian Gerhaher mit der ihm eigenen Ausdruckskraft und Humanität andere Töne fordert. Simona Saturova singt brillant, Mihoko Fujimura bewegend schön und vergeistigt. Christian Elsner ist souverän in seinem nicht einfachen Part.  Die Chöre verleihen dieser Aufnahme einen weiteren Pluspunkt, und diese vokalen Elemente samt Orchester fügt Herbert Blomstedt in eine großartig gewahrte Linie ein, tiefschürfend, unpathetisch als Loblied auf die Freude und die Menschlichkeit.

So endet dieser Zyklus als Ausdruck der Liebe Blomstedts zur Musik, der Liebe eines nunmehr Neunzigjährigen, der für seine Arbeit die Frische eines Jugendlichen bewahrt hat, gepaart mit der Weisheit, die sich aus der Summe seiner Erfahrungen ergibt. © 2017 Pizzicato





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