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Album Reviews



 
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Uwe Krusch
Pizzicato, November 2017

Das Leben der Lulu, die auf dem Weg ihres gesellschaftlichen Aufstiegs ihre Männer in den Tod treibt oder umbringt, führt sie ins Gefängnis, aus dem sie mit List befreit ihren sozialen Abstieg ertragen muss. Dieser endet als Prostituierte, bis sie schließlich von Jack the Ripper ermordet wird. In aller Kürze lässt sich so der Handlungsstrang skizzieren.

Diese dreiaktige Oper mit Vorspiel wird nunmehr zumeist, auch hier, in der von Friedrich Cerha anhand des Particells vervollständigten Fassung aufgeführt. Für die Komposition sind zwei Merkmale kennzeichnend. Zum einen setzt Berg verschiedene Zwölftonreihen in der Art ein, dass jeweils einer Person eine Reihe zugeordnet ist, was man bei Wagner als Leitmovitik bezeichnen würde. Zum anderen ist die Oper als Palindrom aufgebaut, was sich in der exakten Anlage zeigt und in der Verwendung der männlichen Rollen, die im ersten Akt denen im dritten entsprechen, einschließlich der gleichen auftretenden Sänger.

Man wird ohne Übertreibung sagen können, dass die Oper durch die Vervollständigung gewonnen hat und zu den Meisterwerken des Jahrhunderts zählt.

Dmitrij Tcherniakovs Regie verwendet durchgehend ein Bühnenbild aus Glaskästen, die als Spiegel und Labyrinth funktionieren. Diese bieten in den orchestralen Zwischenspielen das Podium für Statisten, die sich paarweise verschiedenen menschlichen Aktivitäten hingeben und damit andeuten, dass die Lulu und ihre Verehrer in jedem von uns stecken. Vor und in der ersten Reihe dieser Glaswände agieren die Hauptprotagonisten.

Das Sängerensemble ist durchweg großartig, und alle Beteiligten prägen ihre Rollen sowohl sängerisch als auch als schauspielerisch. Vor allen muss Marlis Petersen als Lulu gepriesen werden. Ihre nunmehr neunte Verkörperung der Rolle zeugt davon, dass sie hier ihre Bestimmung gefunden hat zum Genuss aller Zuhörer. Die große Rollenerfahrung kommt ihrem natürlichen Agieren zugute, das ihr eine unbegrenzt scheinende Breite von Empfindungsdarstellungen erlaubt. Ihr Gesang leidet nicht durch diese sängerisch sehr fordernde Partie und wird auch nicht durch ihr schauspielerisches Engagement geschwächt oder abgelenkt und andersherum. Ihre Stimme passt sich mühelos der Darstellung ihrer Empfindungen an und wird auch nicht müde.

Das Bayerische Staatsorchester wird von seinem Chef Kirill Petrenko zu Höchstleistungen angeregt. Sein Dirigat aus punktgenauer Steuerung des Orchesters bei gleichzeitiger Entspanntheit in Kenntnis der herausragenden Qualitäten seiner Musiker schafft die Verbindung von kammermusikalischem Moment zu durchaus auch partiell spätromantischem Volumen in gelenktem, aber auch entspanntem Fließen.

Allen nicht Erwähnten wird damit Unrecht getan, aber in diesem Rahmen kann nicht jede Nuance erläutert werden. Sehen und hören Sie sich einfach diese Referenzaufnahme an.

Nicht verheimlicht sei ein böser Missgriff des Labels, der massive Bewertungsabzüge—zum Schaden der Sänger und Musiker—gerechtfertigt hätte.

Noch eine Bemerkung zur Präsentation: Solange man das Auswahlmenu auf dem Bildschirm hat, wird dieses mit Musik, immerhin aus dem Werk, unterlegt. Sowas passiert ja oft. Hier aber wird auch der Abspann der beiden DVDs musikalisch unterlegt. Wozu dieser Schwachsinn? Vor der Oper und danach möchte man die Ohren frei haben! © 2017 Pizzicato



Walter Weidringer
Crescendo (Germany), September 2017

Marlis Petersen in ihrer neunten Lulu-Produktion, 2015 an der Bayerischen Staats­oper: Das bedeutet ein formidables Charakterporträt, gezeichnet am Schnittpunkt von stimmlicher Frische und äußerer Jugend auf der einen Seite sowie Rollenerfahrung und darstellerischer Tiefe auf der anderen. Kirill Petrenko zapft am Pult des prächtig klingenden Staatsorchesters das Herzblut von Alban Bergs schwelgerischer, mit Jazz­elementen gewürzter Zwölftonoper an, die hier in Friedrich Cerhas Komplettierung gegeben wird. Auch das übrige Ensemble (darunter Bo Skovhus, Daniela Sindram und Matthias Klink) agiert markant und präzise in jenem Labyrinth aus Schaufenstern oder Glasstürzen, das Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov geschaffen hat: ein aseptisches, gefühlsfeindliches Ambiente mit einer Lulu ganz in Weiß, in dem sich diese Unglückliche den Todesstoß zuletzt selbst zufügt. © 2019 Crescendo (Germany)



Ingrid Wanja
Opera Lounge, September 2017

Nüchterner, um nicht zu sagen steriler, hätte die Bühne von Dmitri Tcherniakov für Alban Bergs Lulu in München nicht ausfallen können, und auch das verführerische Kindweib Lulu, stets in unschuldiges Weiß gekleidet und mit strenger Duttfrisur, allerdings in feurigem Rot, entspricht nicht den Erwartungen, die man gemeinhin in Bezug auf die Männerverführerin und—verderberin hat. Zwischen Eisengestänge geben Plexiglasscheiben den Blick auf die Bühne frei. Zunehmend roher und gewaltsamer tummeln sich dort zu den Zwischenspielen Paare aller Altersklassen in knallbunten, zeitlosen Kostümen (Elena Zaytzeva), zuletzt allerdings fast entblößt, während die Solisten den schmalen, nur mit Stühlen bestückten Streifen davor bevölkern. Das berühmt-berüchtigte Gemälde der Titelheldin ist hier nur eine mehr oder weniger vollständige Silhouette, wie sie bei Un—oder Kriminalfällen mit Kreide gezeichnet werden. Das Spiel wird als solches deutlich gemacht, wenn sich der Medizinalrat nach seinem Tod erhebt und die Bühne verlässt oder wenn der Kleidertausch zwischen Lulu und dem Pagen nicht stattfindet. Da auch der dritte Akt mitsamt dem heiklen Parisbild gespielt wird, erweist sich die an sich akzeptable Grundidee doch als Spannungskiller und lässt die Vorstellung nicht nur als reichlich lang, sondern auch streckenweise langweilig erscheinen. Daran ändert auch nichts, dass die „Fünfzehnjährige“ als junges Ebenbild Lulus erscheint und den Zuschauer ahnen lässt, dass auch in Zukunft die Männerwelt in Gefahr ist, den Verstand zu verlieren. Abgeändert hat die Regie den Schluss, indem sich Lulu selbst das Messer von Jack the Ripper in den sündigen Leib stößt. Das ist ebenso diskussionswürdig wie die verordnete Zeitlosigkeit für ein Werk, bei dem zumindest das Libretto auf der Grundlage von Wedekinds Lulu-Zyklus ein typisches Zeitprodukt in der Epoche der Frauenemanzipation ist.

Es dürften bereits an die zehn Produktionen sein, in denen Marlis Petersen die schwierige Partie mit hoher vokaler Kompetenz, aber doch auch mit nachlassender optischer Überzeugungskraft bewältigt hat. Nahaufnahmen sind ihr nicht gerade dienlich, aber der Sopran bewältigt auch die unangenehmsten Extremhöhen, die mörderischen Intervallsprünge fast unangestrengt. Dass sie von der Regie im Parisbild zu unablässigem Grimassieren und hektischem Gestikulieren, zum Sichwinden um den Stuhl herum angehalten wird, trägt nicht dazu bei, Optik und Musik miteinander in Einklang zu bringen, und das Laszive der Figur scheint die Regie nicht interessiert zu haben. Zu bebrillter Hässlichkeit verdammt ist Daniela Sindram als Gräfin Geschwitz des puren vokalen Wohllauts, der ihr Aufbegehren am Schluss zu einer der schönsten Szenen des Abends werden lässt. Nicht ganz heran an diese Leistung kommt Matthias Klink als Alwa in seinem Hymnus auf die Schönheit Lulus, dem er es etwas an lyrischem Schmelz, an Ekstase mangeln lässt, bei einer insgesamt doch beachtlichen Leistung, die durch die zeit-, aber auch charakterlosen Kostüme nicht eben gesteigert wird. Dem Machtmenschen Dr. Schön weiß Bo Skovus einen kraftvollen Bariton und eine angemessenen Darstellung zu verleihen. Als The Ripper erscheint er fast unkenntlich mit Perücke, was unerfahrenen Zuschauern beim Verstehen des Werks nicht dienlich ist. Einen höchst angenehmen Tenor setzt Rainer Trost für den Maler ein, gar nicht asthmatisch, sondern stimmpotent verkörpert Pavlo Hunka den Schigolch, stramm in jeder Hinsicht ist Martin Winkler als Athlet und Tierbändiger, für dessen Prolog der Regie leider nichts eingefallen ist. Die vielen anderen Mitwirkenden insbesondere im Parisbild bleiben gesichts—und charakterlos, nicht nur weil auf der schmalen Vorderbühne relativ aktionslos aufgereiht. Ganz anders klingt, was man aus dem Orchestergraben zu hören bekommt: Unter Kirill Petrenko schwelgt das Bayerische Staatsorchester in schillernden Farben bei kammermusikalischer Durchsichtigkeit, und die Sänger dürften sich gut aufgehoben gefühlt haben. Mehr noch als bei anderen Produktionen werden hier die Zwischenspiele zu den spannendsten Teilen der Aufführung. © 2017 Opera lounge





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