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Album Reviews



 
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Gerhard Eckels
Opera Lounge, March 2020

Sergei Rachmaninow, bekannt als Pianist und Schöpfer bedeutender Klavierwerke, hatte sich nach seiner Emigration 1917 in die Schweiz und später in die USA nicht mehr an wortbetonten Kompositionen versucht, wohl ein Zeichen für den tiefgehenden Verlust seiner Heimat. Seine vier Opern sind sämtlich vor der Emigration entstanden; es sind dies neben der Fragment gebliebenen Monna Vanna (1907 nach Maurice MaeterlinckAleko (1892 nach PuschkinsZigeuner), Der geizige Ritter (1905 nach Puschkins gleichnamiger Kleinen Tragödie) und Francesca da Rimini (1906 aus Dante Alighieris GöttlicherKomödie).

Rachmaninows Erstling Aleko spielt im Zigeuner-Milieu, wo der Titelheld und Semfira mit dem gemeinsamen Kind leben. Als sich Semfira in einen jungen Zigeuner verliebt, tötet der eifersüchtige Aleko beide. Wider Erwarten üben die Zigeuner keine Rache, sondern verstoßen ihn aus ihrer Mitte.

Der geizige Ritter ist eine fast wortgetreue Vertonung von Puschkins „kleiner Komödie“ aus dem Mittelalter: Ein besitzgieriger Ritter hält entgegen den Standespflichten seinen Sohn Albert so arm, dass dieser fast den Einflüsterungen eines jüdischen Geldverleihers nachgibt, den Vater zu töten. Als dieser seinen Sohn des Diebstahls beschuldigt und der Herzog als Landesherr zwischen beiden vermitteln will, trifft den Alten der tödliche Schlag.

Im Zentrum von Francesca da Rimini steht eine tragische Liebesgeschichte: Heerführer Lanceotto Malatesta, der eine Liebesbeziehung zwischen seiner Frau Francesca und seinem Bruder Paolo vermutet, stellt beiden eine Falle. Beim Vorlesen der Geschichte vom Ritter Lancelot und der schönen Ginevra, der Gemahlin des Königs Artus, erkennen sich Paolo und Francesca im Schicksal beider wieder und gestehen einander ihre Liebe; Malatesta hat sie belauscht und tötet sie.

Die drei Kurzopern wurden unter dem Titel Troika zusammengefasst und 2015 während der Renovierung des Théâtre de la Monnaie am Brüsseler TheatreNational produziert; ein Mitschnitt vom Juli 2015 ist bei BelAir erschienen. Für die Inszenierung der äußerst selten gespielten Opern hatte man die Dänin Kirsten Dehlholm verpflichtet, die auch als Performance- und Medienkünstlerin bekannt ist. Das Orchester ist vorn auf dem Podium postiert, die Sängerinnen und Sänger dahinter auf einer großen, nach hinten aufsteigenden Treppe, die durch Bäume mit Herbstlaub und meist abstrakt-farbigen Videos „bebildert“ wurde (Maja Ziska/Magnus Pind Bjerre). Während in Aleko und Francesca da Rimini das Orchester zu sehen ist, erscheint es im Geizigen Ritter nur schemenhaft hinter einem Vorhang Leinwand, vor der die Sänger ihren Part nur selten Emotionen zeigend ins Publikum singen. Solisten und Choristen sind in allen Opern abenteuerlich bunt, teilweise übermäßig unförmig gekleidet, offenbar um in nichts die Personen zu kennzeichnen, die sie darstellen (Manon Kündig). Die Personenführung ist mit unverständlichen Gesten derart stilisiert á la Robert Wilson, dass man die tragische Dramatik der Stücke nur ahnen kann. Manche mögen das—ich kann mich damit nicht anfreunden. Ein großer Nachteil ist auch, dass so von der Musik, die man ja bei so selten gespielten Werken eigentlich kennenlernen will, allzu viel ablenkt, denn sichtbar gibt es keine Handlung, und die Videos illustrieren im Grunde nur. Also, entweder man führt solch unbekannte Stücke konzertant auf, oder versucht sich an der szenischen Gestaltung— aber bitte nicht so ein Misch-Masch!

Bleibt die Musik—wenigstens die findet eine niveauvolle Wiedergabe: Mikhail Tatarnikov, Chefdirigent am St. Petersburger Mikhailovsky-Theater, hat ein gutes Gespür für die vorwärtsdrängende, romantisierende Musik mit zahlreichen folkloristischen Anklängen in Aleko, aber auch für das Parlando im „geizigen Ritter“ und die Leitmotivik in Francesca da Rimini. Das in allen Gruppen ausgezeichnete Orchestre symphonique de la Monnai folgt seinem temperamentvollen, aber stets präzisen Dirigat und leistet damit eine ansprechende Ausdeutung der unterschiedlichen Werke. Dazu trägt auch der Chor des Theaters (Einstudierung: Martino Faggiani) durch ausgewogene Klangpracht bei. Die sängerische Besetzung zeigt ebenfalls recht hohes Niveau: Als Zemfira und Francesca gefällt Anna Nechaeva, die beide Partien mit hoher Tessitura glänzend und blitzsauber ausfüllt und die Ensembles überstrahlt. Den jeweiligen Liebhaber, den jungen Zigeuner und Paolo, präsentiert ausgesprochen stimmschön Sergej Semishkur. Mit dunklem, weich geführtem Bassbariton gefällt Kostas Smoriginas als Aleko. Den Alten im Geizigen Ritter gibt Sergei Leiferkus mit der ganzen Ausdrucksstärke seiner immer noch tragfähigen Stimme. Der prägnante Bariton von Dimitris Tiliakos passt bestens zur Rolle des eifersüchtigen Malatesta in Francesca da Rimini. In weiteren kleineren Partien überzeugen mit markantem Tenor Dmitry Golovnin als Albert und Dante, die Mezzosopranistin Yaroslava Kozina als Zigeunerin, Alexander Kravets als jüdischer Geldverleiher, der Bassist Alexander Vassiliev als alter Zigeuner, Diener (im Geizigen Ritter) und als Vergils Schatten sowie mit weichem Bariton Ilya Silchukov als Herzog.

Insgesamt ist die Aufnahme trotz aller szenischer Vorbehalte eine gute Gelegenheit, sich den unbekannten, äußerst selten aufgeführten Kurzopern Rachmaninows zu nähern (BelAir BAC133, 2 DVD). © 2020 Opera Lounge



Renate Wagner
Online Merker, March 2017

Die Idee war von großem Reiz, vor allem, weil Sergei Rachmaninov ja kein häufiger Gast auf unseren Bühnen ist. Drei Opern von ihm sind erhalten („Monna Vanna“ nach einem einst berühmten Theaterstück von Maeterlinck hat er nie vollendet), und alle rangieren unter dem Damoklesschwert der „Kurzoper“, mit denen das Repertoire im allgemeinen (die Ausnahme ist natürlich die „Cavalleria“ / „Bajazzo“-Paarung) so wenig anfangen kann.

Aus den drei Rachmaninov Stücken „Aleko“, „The Miserly Knight“ (Der geizige Ritter) und „Francesca da Rimini“ nun (erstmals in der Operngeschichte) ein Bühnen-Trio zu machen, oder vielmehr eine „Troika“, was noch interessanter klingt, war eine fabelhafte Idee 2015 in Brüssel, wo ohnedies Notstand herrschte: Während das Haupthaus, das Theatre de la Monnaie, renoviert wurde, war man auf der Suche nach einer Ausweichspielstätte. Und tatsächlich, das „Theatre National“ war ein interessanter und passender Rahmen für eine Produktion, die normale Operngewohnheiten hinter sich ließ (wenn man nicht gerade an Robert Wilson denkt…)

Man kann aus der Not eine Tugend machen. Ein Einheitsbühnenbild für drei Werke, auch noch eine (bei geringen Variationen) im Grunde einheitliche Ästhetik, aller inhaltlicher Unterschiede zum Trotz. Eine Treppe ist—außer für Sänger, denen das singende Leben treppauf, treppab nicht wirklich erleichtert wird—szenisch oft eine gute Idee, zumal wenn die Regie auf strenge Stilisierung ausgerichtet ist und man diese Treppen zwischendurch irrational schimmern oder quasi wellenartig fließen lassen kann.

Das war der Zugang der Dänin Kirsten Dehlholm, die auch als Performance—und Medienkünstlerin bekannt ist, als solche eine eigene Compaganie, „Hotel Pro Forma“ leitet, und mit ihnen diese Idee des optisch bestimmten Gesamtkunstwerks vor die akkurate szenische Umsetzung der Inhalte (zweimal zu einer Puschkin-Vorlag, einmal Dante) gestellt hat. Gemeinsam mit einer weiblichen Crew (Maja Ziska für die Bühnenbilder, Manon Kündig für die oft abenteuerlichen Kostüme, die mehr auf Schock als auf Geschmack setzen) bietet sie vor allem absurd-surreale Schauwerte. Im Mittelteil des Abends spielen dann auch Videosequenzen eine große Rolle.

Wilson wurde erwähnt, seine gemessene Bewegungschoreographie greift auch hier, und wie bei Wilson wird das Publikum gespalten sein, in jene, die sich von einer fast meditativen Betrachtung des Irrationalen gefangen nehmen lassen, und jenen, die—zweifellos zu Recht, diese Werke sind als „Opern“ mit starker Handlung gedacht—Bühnenhandlung reklamieren. Aber, wie die Kritik schrieb, in Brüssel ist man bekannt dafür, „abenteuerliche“ Interpretationen zu bevorzugen (was der interessierte Opernfreund mitverfolgen kann, da immer wieder Produktionen des Monnaie, nachdem sie abgespielt sind, kurze Zeit als Streams zugänglich gemacht werden).

Musikalisch hat man diese griffigen, russisch-romantischen Werke dem jungen russischen Dirigenten Mikhail Tatamikov aus St. Petersburg anvertraut, der—im ersten und letzten Stück mit dem Orchester hoch vor der Treppen-Bühne gelagert—die Musik so dicht webt, dass sie das Schiff ist, auf der das seltsame Boot dieser Inszenierung beruhigt segeln kann.

Auch wenn man von der Handlung nicht viel mitbekommt und die Sänger allein durch die Kostüme wie Kunstfiguren durch das Geschehen tapsten, so ragte doch unter den durchwegs russischen Sängern Anna Nechaeva hervor. Auch wenn nicht jede Anna „die nächste große Anna“ ist, beeindruckte sie stimmlich in „Aleko“ als die ungetreue Ehefrau des Titelhelden und im letzten Stück als Francesca.

Im ersten Stück ist Kostas Smoriginas der betrogene Titelheld, im zweiten begegnet man in der Rolle des geizigen alten Vaters den einst auch auf unseren Bühnen zu hörenden Sergeï Leiferkus, dem sein feindlicher Sohn in Gestalt von Dmitry Golovnin künstlerisch wacker zur Seite steht. Sergey Semishkur ist sowohl für „Aleko“ wie als Paolo in „Francesca da Rimini“ für die jungen Liebhaber zuständig. Und das Publikum an den Bildschirmen daheim muss sich wie jenes in Brüssel entscheiden, ob man sich hingerissen in diese seltsame Welt fallen lässt oder nur den Kopf schüttelt. Immerhin, die Musik siegt auf ganzer Linie. © 2017 Online Merker





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