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Ingrid Wanja
Opera Lounge, March 2020

JANÁČEK, L.: From the House of the Dead [Opera] (Bavarian State Opera, 2018) (NTSC) BAC173
JANÁČEK, L.: From the House of the Dead [Opera] (Bavarian State Opera, 2018) (Blu-ray, Full-HD) BAC573

„Schlimmer geht’s nimmer“, denkt  sich der naive Opernfreund bereits beim Lesen der Inhaltsangabe im DVD-Booklet zu Janáceks Lageroper Aus einem Totenhaus, aber weit gefehlt: Wenn Frank Castorf die Regie übernimmt strömt das Blut statt in Bächen in Strömen, wird alles Schreckliche doppelt, nämlich zusätzlich noch auf einer Videowand gezeigt, inspiriert nicht ein verletzter Raubvogel die Freiheitsideen der Lagerinsassen, sondern ein Paradiesvogel wie aus einer Revue im Moulin Rouge. Dazu kommen die üblichen Ingredienzien einer Castorf-Inszenierung wie zusätzliche Personen, Texte, Handlungen-hier u.a. der Selbstmord durch Erhängen in Video-Großaufnahme- und neben viel Körperflüssigkeit auch auf Boe Skovhus‘ an sich angenehmem Gesicht grässliche große Eiterbeulen—etwa schon Aids? Denn natürlich werden auch Zeit und Ort nicht respektiert, denn mexikanischer Totenkult verweist zwar auf Leo Trotzki und dessen Tod durch Eispickel, Reklame für Pepsi Cola auch nicht gerade auf das zaristische Straflager, das Dostojewski erdulden musste, sondern, bedenkt man das Erscheinen der Iswestija, auf die Stalinzeit. Immerhin herrscht kein sexueller Notstand, denn anstelle der einen armseligen Prostituierten bei Janácek gibt es im Castorf-Lager einige sehr hübsche Mädchen in attraktiver Gewandung. Das so praktikable wie atmosphärereiche Bühnenbild auf der Drehbühne stammt von Aleksandar Denić, kann ohne Umbauten Lazarett, Kommandantenstube oder Appellplatz mit Stacheldraht und Elektrozaun zeigen. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzni beschränken sich nicht auf Lagertrübnis, sondern legen der Phantasie besonders, wenn die Häftlinge Theater spielen, keine Fesseln an. Sehr stimmungsvoll ist die Lichtregie von Rainer Casper. Zu ihr passt am besten die ein feines akustisches Farbspektrum auffächernde Leistung von Simone Young am Dirigentenpult der Bayerischen Staatsoper. Ihr entströmen auch Trost und Heilsversprechen, die optisch nur in der Freilassung des Adlers und der Entlassung des Adligen Häftlings Gorjančikov ihre Entsprechung haben. Alle anderen müssen ihr elendigliches Leben im Lager fortführen, einige profilieren sich im Verlauf der drei Akte durch die Erzählung, eher das Wiederaufleben ihrer blutigen Taten, die sie (im Original) nach Sibirien gebracht haben.

Peter Rose ist als Gorjančikov die sympathischste der Figuren, gewinnt Profil eher durch seine schauspielerische Leistung, da er wenig zu singen hat, das aber bassabgrundtief. Berührend  mit kristallklarem Sopran gibt Evgeniya Sotnikova den jungen Tartaren, dem er das Lesen beibringt, spielt zugleich den Adler im prunkvollen Federkleid. Charles Workman singt den Skuratov, der seinen Nebenbuhler ermordet hat, mit höhensicherer Stimme. Eine ganze Oper für sich ist Bo Skovhus als Šiškov, der die von ihm geliebte Frau aus Eifersucht umgebracht hat. Vokale und darstellerische Leistung überbieten einander. Von der Kamera bevorzugt wird Galeano Salas als Betrunkener, der mit drei Wodkaflaschen im Arm immer wieder ins Bild geholt wird. Sehnsüchtige Volksliedtöne steuert Dean Power als Stimme aus der kirgisischen Steppe bei. Auch der Kommandant, Christian Rieger in beeindruckender Starrheit, dürfte, so meint es eine tiefe Narbe im Gesicht, einst Opfer von Gewalt gewesen sein.

Die Kamera holt die jeweils auch stimmlich Agierenden ins Bild, der Opernhausbesucher hatte stets die gesamte Bühne mit unzähligen Nebenhandlungen vor Augen, so dass man davon ausgehen kann, dass man am häuslichen Fernseher die Einzelschicksale mehr zu würdigen weiß als im Theater. Das dürfte wohl auch eher im Sinne von Dostojewski und Janácek sein (BelAir BAC573). © 2020 Opera Lounge



Ludwig Steinbach
Der Opernfreund, March 2020

JANÁČEK, L.: From the House of the Dead [Opera] (Bavarian State Opera, 2018) (NTSC) BAC173
JANÁČEK, L.: From the House of the Dead [Opera] (Bavarian State Opera, 2018) (Blu-ray, Full-HD) BAC573

Live von der Bühne der Bayerischen Staatsoper München kommt ein Mitschnitt von Leos Janaceks auf einem Roman von Dostojewski beruhenden Oper From the House of the Dead, zu Deutsch Aus einem Totenhaus. Aufgenommen wurde eine Aufführung vom Mai 2018. Einen trefflichen Eindruck hinterlässt die Inszenierung von Frank Castorf in dem Bühnenbild von Aleksandar Denic und den Kostümen von Adriana Braga Peretzki. Hier haben wir es mit einer typischen Castorf-Produktion zu tun. Dem neugierigen Auge erschließt sich alles, was man gemeinhin mit diesem Regisseur in Verbindung bringt. Es ist ein wahres Alptraum-Szenarium, das er hier gekonnt schildert. Denic hat ihm ein mit Wachturm und Stacheldraht ausgestattetes Gefangenenlager auf die Bühne gestellt, das wahrlich eine düstere Atmosphäre atmet. Das ganze Elend der gefangenen Menschen wird hier gnadenlos aufgezeigt. Mit Hilfe der Drehbühne wird das Szenarium in die unterschiedlichsten Stellungen gebracht. Nachhaltig werden hier verschiedene Zeiten beschworen. Der Zarenadler verweist auf das alte Russland der Zaren, der Sowjetstern auf die Sowjetunion. Dabei geht es nicht nur um dieses Reich. Auch die Werte des kapitalistischen Westens werden nachhaltig thematisiert. So sieht man eine Pepsi-Werbung im oberen Bereich prangen. Dann erblickt man noch von Choristen getragene mexikanische Totenmasken als Sinnbild des Sensenmannes. Immer wieder werden Texte auf eine Leinwand projiziert. In spanischer Sprache verliest der betrunkene Sträfling eine Passage aus dem Lukas-Evangelium. Hier bezieht sich Castorf auf Dostojewskis Roman Die Dämonen. Das hinterlässt einen starken Eindruck. Ein trefflicher Regieeinfall war es auch, den eigentlich männlichen Gefangenen Aljeja, eine Hosenrolle, hier wirklich als Frau darzustellen. Das gibt der Inszenierung eine berührende Komponente. Auch unter dem Wachpersonal befinden sich Angehörige des weiblichen Geschlechts. Auf beiden Seiten sind mithin den Frauen im Gefängnis Tür und Tor geöffnet. Das ist durchaus logisch. Das entspricht heutigen Verhältnissen. Insgesamt haben wir es hier mit wahren Bilderfluten zu tun, die einzeln an dieser Stelle gar nicht beschrieben werden können. Dazu sind es einfach zu viele. Immer wieder sieht man auf der Bühne Kameraleute, die das Geschehen filmen und auf riesige Leinwände werfen. Auch das ist bei Castorf nichts Neues mehr. Das hat er schon oft so gemacht. Das I-Tüpfelchen der gelungenen Inszenierung ist ein Stall mit lebenden Hasen.

Eine hervorragende Leistung erbringt Simone Young am Pult. Sie und das bestens disponierte Bayerische Staatsorchester zeigen sich mit den geballten Klangwogen von Janaceks anspruchsvoller Partitur bestens vertraut. Im Orchestergraben geht es manchmal ganz extrem zu. Alle Befindlichkeiten werden hier trefflich ausgelotet. Den auf den Punkt genau und differenziert spielenden Musikern gelingt das aufs Beste, was sie nicht zuletzt der sicheren Hand der Dirigentin verdanken.

Peter Rose singt mit ansprechendem, profundem Bass den Gorjancikov. Ein darstellerisch sehr berührender und stimmlich solider Aljeja ist Evgeniya Sotnikova. Charles Workman singt den Skuratov ziemlich maskig. Das gilt auch für Ales Brisceins Luka. An tiefgründigem Stimmklang ist ihnen der Siskov von Bo Skovhus überlegen. Von dem sonor singenden Johannes Kammler als Cekunov hätte man sich mehr gewünscht. Eine gute Leistung erbringt Callum Thorpe, der mit vollem, rundem Stimmklang den Don Juan und den Brahmanen gibt. Nichts auszusetzen gibt es an dem profund intonierenden Popen von Peter Lobert. Ordentlich geben Kevin Conners den Sapkin und Dean Power die Doppelrolle des Cerevin und der Stimme. Christian Rieger macht aus der kleinen Partie des Gefängnisgouverneurs viel. Nur dünnes Stimmmaterial bringen Tim Kuypers und Ulrich Ress für den kleinen und den alten Gefangenen mit. Trefflich präsentiert sich der von Sören Eckhoff einstudierte Chor der Bayerischen Staatsoper. © 2020 Der Opernfreund





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