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Guido Fischer
Rondo, December 2015

Der 1920 in Venedig geborene und 1973 in Darmstadt verstorbene Komponist, Dirigent und Lehrer Bruno Maderna gilt als eine der Lichtgestalten der Neuen Musik. Bei den Darmstädter Ferienkursen, diesem intellektuellen Markt- und Umschlagplatz der Nachkriegsavantgarde, zählte er zu den Wortführern. Zu seinen Freunden und Schülern gehörten Luigi Nono und Luciano Berio. Und Maderna teilte sich 1958 mit den Kollegen Boulez und Stockhausen bei der Uraufführung von Stockhausens „Gruppen“ die drei Dirigentenpulte. Doch auch wenn der Italiener kompositorisch die angesagten Neue Musik-Konzepte aus dem FF beherrschte, blieb seine Beschäftigung mit der menschlichen (Gesangs-)Stimme und ihren eben vom italienischen Erbe geprägten Möglichkeiten wohl wichtigster Dreh- und Angelpunkt. Stellvertretend dafür stehen die Solo-Konzerte für Oboe bzw. Flöte, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind. Die Grundlagen hatte Maderna bei seinem Lehrer Gian Francesco Malipiero gelegt, der sich schon früh für Monteverdi und Frescobaldi einsetzte. Und mit dem 1946 komponierten „Requiem“ wagte sich der 26-Jährige nicht nur an eine Gattung, der nicht zuletzt Verdi seinen Stempel aufgedrückt hatte. Auslöser dafür waren Madernas Erlebnisse im 2. Weltkrieg und speziell im italienischen Widerstand. Die Uraufführung konnte er jedoch nicht mehr miterleben. Nachdem der amerikanische Komponist Virgil Thomson sein Versprechen nicht einlösen konnte, das „Requiem“ in den USA erstaufführen zu lassen, verschwand die Partitur für die nächsten Jahrzehnte in amerikanischen Archiven. 2013 kam es schließlich in Chemnitz zur Deutschen Erstaufführung dieses u.a. mit drei Klavieren nicht gerade alltäglich besetzten Werks. Der Live-Mitschnitt von dieser Aufführung ist jetzt auch die Weltersteinspielung eines musikalischen Totengedenkens, das klangsprachlich so gar nichts von bevorstehenden Zeitenwechseln in der Musik erahnen lässt. In seiner holzschnittartigen Wucht und Rhythmik ruft das „Requiem“ eher Hindemith, Orff und Strawinski in Erinnerung. Dann wieder scheinen Streicherpathos, unerbittliche Paukenschläge sowie markante Blechbläserfanfaren vom Dramatiker Verdi abgelauscht. Trotzdem strahlt dieses „Requiem“ nicht zuletzt dank einer äußerst engagierten und beeindruckenden Gesamtleistung des von Dirigent Frank Beermann angeführten Musikerstabes eine bewegende Kraft aus, die so gar nicht retrospektiv, sondern aktuell wirkt. © 2015 Rondo




kulturradio vom rbb, October 2015

Der italienisch-deutsche Komponist Bruno Maderna gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zur musikalischen Avantgarde, sein Name ist eng mit den Darmstädter Ferienkursen verbunden. Luigi Nono war sein Freund und Schüler, mit Luciano Berio hat er zu Beginn der 50er Jahre in Mailand das Studio für elektronische Musik gegründet. Jetzt ist beim Label Capriccio ein frühes Werk von ihm auf CD herausgekommen—sein Requiem von 1946.

Maderna war 1943 von der italienischen Armee zum Militärdienst eingezogen worden und hat als Soldat gekämpft. Gegen Kriegsende hat er sich antifaschistischen Partisanen angeschlossen und ist für kurze Zeit in deutsche Gefangenschaft geraten, er ist damals in Dachau verhört und dann wieder freigelassen worden.

Das war damals ein Moment, in dem er glaubte, er habe nur noch eine Möglichkeit: “Ein Requiem schreiben und dann sterben”, so hat er das später selbst mal gesagt. 1946 war es fertig und sollte in den USA aufgeführt werden—aber daraus ist nichts geworden und die Partitur ist schließlich in einer Bibliothek in New York weggepackt worden.

Maderna selbst war mit seiner Musik mittlerweile schon in anderen Klangwelten unterwegs, hat die Zwölftonmusik für sich entdeckt und die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik—an seinem, wenn auch gewaltigen und sehr gelungenen Frühwerk, dem Requiem, hatte er kein großes Interesse mehr. Erst 2009 hat ein italienischer Musikwissenschaftler das Werk dann neu herausgegeben—und dann gab es auch die Uraufführung im La Fenice in Venedig. 2013 hat Frank Beermann das Requiem in Chemnitz aufgeführt—seine Version ist auf dieser CD zu hören.

Kuriose Besetzung

Die Besetzung fällt aus dem Rahmen: Vier Solisten, Sopran, Alt, Tenor, Bass, der groß besetzte Chor und dann: Drei Klaviere! Und das Orchester, mit einigem Schlagwerk. Diese Besetzung mag auch einer der Gründe dafür sein, dass das Werk so lange nicht aufgeführt wurde, denn: Das ist aufwändig, für drei Klaviere braucht man Platz auf der Bühne und Geld, das ist keine preiswerte Aufführung. Aber—diese sehr eigensinnige Klangfarbe, die dabei herauskommt, rechtfertigt jedes zusätzliche Instrument, zumal Maderna damit sehr geschickt umgeht. Er gibt neben gewaltigen Donnerpassagen, in denen die Bläser schmettern und das Schlagwerk scheppert auch viel Raum für Solostellen, für die Klaviere, für die Posaune, die da eine ganz erhebliche Rolle spielt, als himmlische Stimme, und auch für die Pauken.

Das ist ganz klar ein Komponist, der sich noch nicht in die Avantgarde gestürzt hat. Erst drei Jahre später, 1949 hat Maderna ja Herrmann Scherchen getroffen, Dallapiccola, und die serielle Musik, die Zwölftonmusik für sich entdeckt.

Im Requiem sind noch ganz andere Einflüsse zu hören—Strawinsky, Hindemith, es besteht auch eine gewisse Nähe zu Francis Poulenc. Und Maderna hat sich natürlich mit den großen romantischen Vorbildern beschäftigt, das Verdi-Requiem zum Beispiel hat ihm mit seiner Opulenz ganz sicher auch vor Augen gestanden.

Insgesamt hat er sich an viele Traditionen gehalten, die mit dem Requiem einhergehen, so zum Beispiel dieser typisch versunkene, sehr innerliche a-capella-Beginn, und das Aufschreien am Beginn des Dies Irae. Das ist ein Werk von einem Mann, der ganz klar vom Kriegsgeschehen gezeichnet ist und nicht nur etwas zu sagen, sondern auch herauszuschreien hat! Und es ist ganz klar auch ein musikalisches Ausrufezeichen für den Frieden.

Höchstes Niveau in Chemnitz

Auf der CD ist Mitschnitt der Aufführung im September 2013 in Chemnitz zu hören, das war damals die deutsche Erstaufführung in dieser Besetzung und die CD-Produktion ist die Weltersteinspielung. Man kann dem Dirigenten Frank Beermann, dem Generalmusikdirektor in Chemnitz, gar nicht genug Respekt zollen, dass er das dort herausgebracht hat. Mit Maderna hat man einen Avantgarde-Komponisten, der keine Massen in die Säle spült, und was für ein gewaltiges, beeindruckendes Werk das ist, das kann man ja auch kaum vorher dem Publikum vermitteln, das muss man selbst hören. Das war also ein Wagnis, und das ist aufgegangen—das Publikum und die Kritiker waren sehr beeindruckt vom Werk und von der Aufführung, und das hört man auch dem Mitschnitt an, wie da alle im Saal die Luft anhalten.

Frank Beermann ist im Moment einer der interessantesten Dirigenten, der viel Bewegung in die klassische Musikszene bringt, gerade erst hat er mit der CD-Produktion der Meyerbeer-Oper Vasco da Gama wieder mal für einen sehr verdienten Echo Klassik gesorgt.

Madernas Requiem—eine echte Entdeckung

Madernas Requiem ist ein ungeheuer beeindruckendes Werk, das dem Reigen der vielen gängigen Requiem-Vertonungen etwas ganz eigenes hinzufügt.

Was Frank Beermann mit diesem Werk gemacht hat, ist ebenso beeindruckend wie das Werk selbst. Die Besetzung ist sehr gut, die Solisten haben Großes zu leisten, die Musiker im Orchester müssen immer mal wieder an ihre Grenzen gehen, die Hörner zum Beispiel spielen fast Unspielbares. Der Chor ist grandios—übrigens vorher einstudiert von dem Belgier Bart van Reyn—und wie Frank Beermann durch diese Stimmungslandschaften, diese Klanggebirge, die abgrundtiefen Schluchten führt und diese tiefe Trauer, das ist sehr bewegend. Bis zum allerletzten ersterbenden Chorton, bis zum letzten endgültigen Paukenschlag des Requiems hält man da den Atem an. © 2015 alte-musik-forum.de





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