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Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, March 2016

Walter Braunfels kennt der beflissene Musikfreund auf Tonträgern meist nur von der verdienstvollen DECCA Serie „Entartete Musik“, wo eine Gesamtaufnahme der Oper „Die Vögel“ unter Lothar Zagrostek in der 90-er Jahren oder später wiederum DECCA mit Jeanne D‘Arc für Furore gesorgt hatte. Die Freunde des Dirigenten Günter Wand werden sich noch an eine Aufnahme erinnern, als dieser 1952 mit Leonie Rysanek als Solistin eine exemplarische Interpretation des Te Deum mit den Musikern des WDR vorgelegt hat (Festkonzert zum 70. Geburtstag des Komponisten).

Umso verdienstvoller ist die Initiative des Labels Capriccio einzustufen, das nunmehr mit einer hochkarätigen Lied CD (Marlis Peterson, Konrad Jarnot; Eric Schneider am Klavier) und der Introduktion und sieben Variationen zu Don Juanneue Facetten dieses bedeutenden deutschen Komponisten beleuchtet. Die Uraufführung der höchst humorvollen, frechen Variationen nach Themen und Motiven aus Mozarts Don Giovanni fand unter keinem Geringeren als unter dem Dirigent Wilhelm Furtwängler 1924 in Leipzig statt. Beginnend mit der Champagner-Arie in der ersten und zweiten Variation wird in der dritten „La ci darem la mano“ zitiert. Da wird in allen möglichen Klangmischungen und dem Einsatz raffinierter Intrumentenkombinationen verführt, Lebenslust und Todesangst beschworen, feierlich ironisch innegehalten, um in einer rasanten Stretta ins Finale zu stürzen. Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera macht seine Sache gut, der Dirigent Markus L. Frank animiert zu romantischen Klangakkumulationen mit keckem Augenzwinkern. Die lachenden Kehrtwendungen und die beschwingte Grundtendenz lassen diese Variationen eher das Dramma Giocoso mit Betonung des Witzes und der Lebenslust als jedwede erdenschwere Tragik oder gar Dämonie beschwören. Das Klangbild könnte allerdings transparenter sein und mit einer höheren Durchhörbarkeit der strukturellen Details aufwarten.

Als weitere Entdeckung erklingen die Symphonischen Variationen über ein altfranzösisches Kinderlied, das der Sammlung „Vieilles Chansons pour les petits“ entnommen ist. Braunfels hält zu seinem sinfonischen Erstling fest: „Die Variationen entnehmen dem Thema oft nur ein kleines Motiv, das wie ein deutender Finger auf das Thema hinweist; Das Verbindende ist eine gemeinsame lyrische Welt.“ Interessant ist, dass Felix Kaiser meint, Braunfels habe die Rückerinnerungen eines alten Mannes an seine Kindheit komponiert. Mit weichen disharmonischen schattenhaften Klängen würde das unwiederbringliche der an Märchen und Wundern reichen Kindheit eingefangen. Es handelt sich jedenfalls um ein zauberhaft schönes Werk, das in höchster Kunstfertigkeit bisweilen an Humperdincks Hänsel und Gretel erinnert.

Mit der CD erfolgt auch eine dringend gebotene weitere Rehabilitierung dieses großartigen Komponisten, der ab 1933 unter einem rassistisch motivierten Aufführungsverbot zu leiden hatte. Der Stellenwert, den Braunfels einnahm, manifestiert sich wohl am deutlichsten darin, dass Dirigenten wie Hans Pfitzner, Ernst von Schuch, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter, um nur einige zu nennen, seine Orchesterwerke schätzten und dirigierten. Es dauerte unbegreiflicherweise Jahrzehnte (!) bis manche seiner Werke wieder im Konzertsaal erklangen. Jetzt hat jeder Musikfreund die Möglichkeit, sich an dieser herrlichen Musik zumindest auf Tonträgern zu erfreuen. © 2016 Der Neue Merker





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