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Album Reviews



 
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Eberhard Kneipel
Das Orchester, September 2017

Er war Schönberg-Schüler und Hegel-Verehrer. Er folgte der Devise seines Freundes und Kampfgefährten Bertolt Brecht: „Ändere die Welt; sie braucht es!“, und wurde als „Karl Marx der Musik“ aus den USA ausgewiesen. Er nutzte „alle Künste des Handwerks“ und alle Genres und Stile, schöpfte aus der Tradition und experimentierte mit modernen Techniken und Medien, um neue Musik für neue Hörer und eine neue Zeit zu schaffen.

Für solches „Patchwork“-Komponieren liefert diese CD hinreißende und erhellende Eindrücke, zumal Hanns Eislers Bühnen—und Filmmusik zumeist noch eine Terra incognita ist: Selbst „alte Bekannte“ wie Kleine Sinfonie und Fünf Orchesterstücke oder Scherzo für Violine und Thema mit Variationen, die im Musikleben der DDR vielfältig präsent waren, ohne dass ihnen die Nä­he zu Dodekafonie, Jazz oder Hollywood geschadet hätte, tauchen nun in neuen Beziehungen und ihrem ursprünglichen Zusammenhang auf. Und sie offenbaren jene Art von Filmmusik, die Eisler in den Exiljahren 1938 bis 1948 in New York und Hollywood entwickelt hat—jenen „dialektischen Kontrapunkt“, der, „im Prinzip avancierte Methoden bevorzugend“, Bilder nicht illustrieren und Hörer nicht überwältigen will, sondern kommentierend und aufklärend wirken und dieser „angewandten Musik“ zudem eine solche Distanz verschaffen soll, dass sie auch autonom Bestand hat. Belege dafür bietet vor allem die 1938/39 entstandene Musik zum Dokumentarfilm The 400 Million von Joris Ivens über den Angriffskrieg Japans gegen China. Die umfangreiche Partitur ist zwölftönig strukturiert, folgt aber Eislers freien Regeln, die Tonalität ebenso zulassen wie deutliche semantische Bezüge: Präludium und Thema mit Variationen erhalten Marschcharakter, das Scherzo mit Solovioline besitzt Freundlichkeit und Optimismus, und die Fünf Orchesterstücke zeigen Ernst und Dynamik. Die Musik für den sozialkritischen Film The Grapes of Wrath (1941/42) und für den Anti-Nazi-Film Hangmen Also Die!—nach Brechts Drehbuch und 1944 für den „Oscar“ nominiert—steht in Opposition zu Hollywoods Kulturindustrie und ist eng miteinander verwandt: Kampfliedstil, Zwölfton-Largo, emotionale Dichte und schrille Begleittöne finden hier wie dort Verwendung.

Vollends ein Montage-Stück ist die 1932 uraufgeführte Kleine Sinfonie: Die lebhaften Ecksätze zwölftönig, das fulminante Allegro assai tonal und aus der Bühnenmusik zu Kaspar Hauser stammend, die Invention eine Verbeugung vor Bach und dem Jazz und der Musik zu Die Mutter zugehörig. Hörfleißübung (1931) schließlich, die in der 1. Orchestersuite und in der Deutschen Sinfonie wiederkehrt, vereint Dodekafonie mit Kampfmusik—und das verfremdete Arbeiterlied-Zitat will zusätzlich erkannt werden. Johannes Kalitzke und das Rundfunk—Sinfonieorchester Berlin werden dem Tempo der Zeit und der Kunst Hanns Eislers großartig gerecht—virtuos und elegant, mit Emphase und Biss bringen sie die Originalität und den Impetus dieser Musik eindrucksvoll zur Wirkung. © 2017 Das Orchester




Joachim Mischke
Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award), August 2017

Die Entstehungsgeschichte von „Hangmen also die“ gäbe einen prima Filmstoff ab: Bert Brecht und der Regisseur Fritz Lang arbeiteten für Hollywood an einem Anti-Nazi-Drama über das Attentat auf Heydrich. Die Musik lieferte Hanns Eisler, ein weiterer Exilkünstler, der sich damals gemeinsam mit Theodor W. Adorno theoretische Gedanken über das Genre Filmmusik machte. 1944 war dieser Soundtrack trotz der Kürze des Materials für einen Oscar nominiert—und geriet danach in Vergessenheit. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Johannes Kalitzke kombiniert für diese Einspielung Eisler-Frühwerke mit zwei weiteren Filmmusiken („The 400 Million“, „The Grapes of Wrath“). Ton-Dokumente einer Zeit, in der komplexe Ton-Kunst auch leidenschaftliche politische Botschaften transportieren sollte. © 2017 Preis der deutschen Schallplattenkritik (German Record Critics’ Award)




Kai Luehrs-Kaiser
kulturradio vom rbb, June 2017

Wenn Berlin einen speziellen Klang haben sollte, dann müsste er wohl auch auf CDs wiederzufinden sein. Die Frage ist nur, was drauf ist auf diesen CDs?

Zum “Berliner Klang”—Thema des Tages im Kulturradio—gehören jene zeitgenössischen Werke, welche die Straßen-Geräuschkulisse am Besten einfangen (wie die “Messagesquisse” von Pierre Boulez) und ebenso jene Werke, die in Berliner Archiven und Bibliotheken mehr einstauben als dass sie aufgeführt würden. Es zählen aber auch jene Komponisten und Orchester mit dazu, die das Berliner Klangleben am nachhaltigsten prägen.

Nach den Berliner Philharmonikern ist das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) das für etliche Kritiker (auch für mich) zweitbeste Orchester von Berlin. Mit Hanns Eisler haben Sie sich auf ihrer neuen CD einem in Berlin tätigen (und aus Berlin zwischenzeitlich vertriebenen) Komponisten gewidmet, der—indem nach ihm eine Musik-Hochschule benannt ist—sogar namentlich für den Berliner Klangnachwuchs sorgt.

Neben der “Kleinen Sinfonie” und der “Hörfleißübung” (beide aus den frühen 30er Jahren) stehen drei Filmmusiken im Mittelpunkt, die Eisler während des amerikanischen Exils in Los Angeles schrieb: “The 400 Millionen” (ein Dokumentarfilm über den chinesisch-japanischen Krieg), “The Grapes of Wrath” von John Ford sowie “Hangman also die”, Fritz Langs Hollywood-Film über die Folgen des Attentats auf den Reichsprotektor Heydrich 1943 in Prag.

Dem Filmmusikgenre wird unter Leitung von Johannes Kalitzke mit seltener Klang-Seriösität und Raffinesse gehuldigt. Es ist eine der wohl hochkarätigsten Filmmusik-CDs überhaupt. So gelingt eine paradoxe, historisch ambivalente Berlin-CD. Denn: Dass der “Klang von Berlin” einfach schön sein müsse (oder könne), damit wird ja ohnehin niemand gerechnet haben. © 2017 kulturradio vom rbb




Uwe Krusch
Pizzicato, May 2017

Als Mitbegründer der heute noch beliebten Störtebeker-Festspiele auf Rügen sowie als Filmkomponist ist Hanns Eisler wohl weniger bekannt denn als Komponist eines reichhaltigen Liedschaffens, dass von seiner politischen Einstellung geprägt wurde. Zur Filmmusik kam er in Hollywood, wohin er als Jude und Kommunist aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen war. Als Schüler von Arnold Schönberg war er ein Vertreter der Zwölftonmusik, die er allerdings nach seiner Façon verwendete.

Mit diesem musiktheoretischen Ansatz stand er im Gegensatz zur Filmmusik der Zeit. Deshalb tastete sich erst über konventionellere Wege an die Aufgabe heran und setzte seine Vorstellungen erst später auch in diesem Genre um, nachdem sich erste Erfolge eingestellt hatten. So wurde gleich seine erste Komposition für den Film ‘Hangmen Also Die!’—eine fiktive Darstellung des Attentats auf Heydrich, die in Kooperation mit dem Brecht als Drehbuchautor und Fritz Lang als Regisseur entstand—ein Erfolg, der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Während noch die Titelmelodie spätromantisch gestaltet ist und nur zurückhaltend seinen Kampfliedstil einsetzt, sind das anschließende Largo in bester Zwölftontechnik und die Krankenhausszene ‘brillant kreischend’, wie auf dem letzten Loch pfeifend, gesetzt.

In ‘The 400 Million’ wird der japanische Angriffskrieg auf China thematisiert. Hier findet er zu seinem persönlichen Stil der Dodekaphonie, der Wiederholungen von Tönen und Motiven ebenso erlaubt wie Passagen, die geradezu tonal klingen. Teile dieser Musik wurden als ‘5 Orchesterstücke’ auch in der DDR gespielt und gedruckt, obwohl die Zwölftonmusik als formalistisch geächtet war.

Die Musik zu ‘The Grapes of Wrath’ nach John Steinbeck komponierte Eisler in bewusster Abgrenzung zu der von Alfred Newman vorliegenden Vertonung, wobei er zu zwei Szenen mehrere Varianten umsetzte.

Abgerundet wird das Programm dieser CD durch zwei frühe dodekaphonische Werke. Es sind dies die ‘Kleine Symphonie’ sowie der Satz ‘Hörfleissübung’ aus der Suite für Orchester Nr. 1.

Mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin als einem der führenden Berliner Klangkörper, das seit seiner Gründung Musik unterschiedlichster Stile spielt, hat sich ein hervorragender Sachwalter gefunden, der unter der versierten Leitung von Johannes Kalitzke sowohl die romantischen als auch die neuen Klänge ausdrucksvoll und mit technischer Exzellenz darbietet. © 2017 Pizzicato



Reinhard Ermen
SWR2 Radio, April 2017

Hanns Eisler hat in Amerika nicht einfach nur Filmmusik komponiert. Finanziert durch die Rockefeller Foundation, arbeitete er ab 1940 an den theoretischen und praktischen Grundlagen des Genres. Es ging um die Frage, inwieweit Verfahrensweisen der Neuen Musik Eingang in die aktuelle Produktion in Hollywood finden können. Das war auch eine Aufgabenstellung speziell für Emigranten aus dem alten Europa, die ihre andere Weltsicht dem kommerziellen Kino anbieten konnten. Die Ergebnisse hat Eisler zusammen mit Theodor W. Adorno 1947 in dem Buch „Komposition für den Film“ niedergelegt.

Repräsentant der sogenannten „angewandten“ Musik

Trotz seiner (harten) Ausbildung bei Schönberg wurde Eisler ein Repräsentant der sogenannten „angewandten“ Musik. Das heißt, er konnte das avantgardistische Potential der zweiten Wiener Schule ins Praktische übersetzen, ohne sich dabei zu verbiegen. Das zeigen auch die entsprechenden Beiträge zum „Filmmusikprojekt“, die Eisler (so lautete der Forschungsauftrag) selbst zu schreiben hatte. Eindrücklichstes Beispiel seiner dementsprechenden Bemühungen war die Musik zu „Hangmen also die“ (Auch Henker sterben) von Fritz Lang, die parallel zu dem Projekt entstand. Es ging um das Attentat auf Reinhard Heyderich, den (stellvertretenden) Reichsprotektor in Böhmen und Mähren im Mai 1942.

„Hangmen also die“ stark im Gedächtnis der Cineasten

Dieser Politthriller ist schon durch seine appellativ zugespitzte Dramaturgie der spannende Repräsentant einer angewandten Filmkunst, der Eisler mit einer erweiterten Wahrnehmungsebene zuarbeitet. Dass sich gerade diese Musik so stark im Gedächtnis der Cineasten etablieren konnte, liegt auch an der Art und Weise, wie Eisler sie im Sinne einer emanzipierten Erzählweise in dem Forschungsbericht beschreibt. Da gibt es zum Beispiel eine winzig kleine Szene, fast beiläufig, aber eindringlich: Heyderich, der Henker (Zitat), „mit zerschmettertem Rückgrat im Wasserbett, Bluttransfusion. Grausige Krankenhausatmosphäre um den Sterbenden“. Eisler assoziiert mit dieser Szene bewusst den „Tod einer Ratte“, und dazu erfindet er diese (Zitat) „Brillant kreischende Sequenz, fast elegant, sehr hoch gesetzt, eine Auslegung der Redensart: auf dem letzten Loch pfeifend“. Ganze 14 Sekunden dauert dieser Augenblick, so sagt es Eisler in dem Filmmusikbuch. In der neuen CD sind das gerade mal neun Sekunden.

Schöner Text im Begleitheft

Man könnte Lust bekommen, das nach wie vor stimmige Filmmusikbuch von Eisler und Adorno wieder zu lesen. Aber das Wichtigste, was man wissen muss, vermittelt auch der schöne Text von Peter Deeg im Begleitheft. Präzise, durchsichtig, aber auch etwas aseptisch klingt das mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Johannes Kalitzke. Neben der Musik für den Film von Fritz Lang, finden sich hier zwei weitere Partituren, die zu „The 400 Million“ von Joris Ivens und „The Grapes of Wrath“ (Früchte des Zorns) nach Steinbeck. Eisler hatte im Rahmen des Forschungsprojekts zu der bestehenden Komposition von Alfred Newman Alternativen vorgelegt. © 2017 SWR2 Radio



Cinesoundz, April 2017

Der Schonberg-Schuler Hanns Eisler (1898–1962) ging, von den Nazis ais Musikbolschewist verfolgl, zunachst ins europaische, spater ins amerikanische ExiL Seine kurze, gleichwohl Oscar-nominierte Partitur fur Fritz Langs Film Hangmen AIso Die (1943), an dessen Drehbuch auch sein langjahriger Partner Bertolt Brecht beteiligt war, schrieb Eisler in Hollywood. Das auf der vorliegenden Cd enthaltene Programm beinhaltel auBerdem die Musik zur Doku The 400 Million uber den japanischen Angriffskrieg gegen China, filmmusikalische Vorarbeiten und zwei fruhere Orchesterwerke, Kleine Symphonie & HorfIeiBübung, mit denen der Exilant sich Schonbergs Zwolflonlechnik annaherte. Es pielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Johannes Kalitzke. © 2017 Cinesoundz




Matthias Keller
BR-Klassik, April 2017

Kein Zweifel: Hanns Eislers Verhältnis zur Hollywood-Traumfabrik war kein ungetrübtes. Das zeigt schon der sogenannte “Main Title” zu Fritz Langs Anti-Nazi-Film “Hangmen also die”—“Auch Henker müssen sterben”: Man hört den anti-kommerziell eingestellten Komponisten buchstäblich nach dem richtigen Tonfall suchen. Und weil dieses Projekt eben nicht—wie die “Begleitmusik zu einer Lichtspielszene” seines Lehrers Arnold Schönberg—reines Planspiel war, sondern eine reale Kino-Produktion, musste Eisler den Spagat leisten zwischen künstlerischem Selbstanspruch und demjenigen des Publikums. Daher der spätromantisch-expressive Gestus seiner Titelmusik—der dann allerdings ein zwölftönig basiertes “Largo” im Stil der Zweiten Wiener Schule folgt—mündend in den berühmten “zehnstimmigen Akkord”, den Eisler und Adorno später in ihrem gemeinsamen Buch “Composing for the Films” so leidenschaftlich und idealisierend diskutierten: als dissonante Gegenmaßnahme zu Hollywoods Gefühls-Stereotypen.

Kontrapunktischer Filmmusik-Ansatz

Zwar zählt dieser Akkord in Wirklichkeit nur ganze sieben Stimmen, aber das nur am Rande. Wahr ist, dass Eisler für diese Musik 1944 eine Oscar-Nominierung erhielt. Wahr ist auch, dass er mit seinem kontrapunktischen Filmmusik-Ansatz tatsächlich interessante Alternativen zu gängigen Hollywood-Klischees bot und hierbei mitunter holzschnittartig knapp verfuhr, wie sein 10-sekündiges Kürzel für den Nazischlächter Heydrich zeigt: “Brillant kreischende Sequenz” heißt es hierzu in Eislers und Adornos gemeinsamem Buch, woraus vor allem der Theoretisierer Adorno spricht. Eisler dagegen, das führt diese CD sehr schön vor Ohren, war Vollblutmusiker und Pragmatiker.

Stil-Idiome als Chiffre

Und ironischerweise greift Eisler in der Liebesszene aus “Hangmen also Die” genau jenes Hornmotiv aus Tschaikowskys “Fünfter” auf, das Adorno als kitschtriefendes Hollywood-Idiom verspottete. In dieser spätromantischen, an Gustav Mahler erinnernden Musik zeigt sich einmal mehr Eislers pragmatische Fähigkeit, auch mit Stil-Idiomen zu arbeiten und sie als eine Art Chiffre zu benutzen—nämlich im vorliegenden Fall für Lüge und die widerstreitenden Gefühle der Hauptdarstellerin.

Sehr hohes Niveau

All diese Filmbeiträge Hanns Eislers nun dem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ist das große Verdienst dieser neuen CD. Unter der Leitung von Johannes Kalitzke knüpft das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin damit an frühere wichtige Filmmusik-Beiträge an—auf einem musikalischen Niveau, das demjenigen symphonischer Repertoirepflege in nichts nachsteht. © 2017 BR-Klassik





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