Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

Email Password  
Not a subscriber yet?  
Keyword Search
 in   
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

, September 2017

Man muss Musik des 20. Jahrhunderts oder die Dortmunder Philharmoniker schon sehr mögen, wenn man sich zu Hause die neue CD des Orchesters mit Werken von Viktor Ullmann auflegt. Das Klavierkonzert des österreichischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten, der 1944 in Auschwitz ums Leben kam, weil seine Eltern jüdische Vorfahren hatten, ist—wie auch seine siebte Klaviersonate und die Variationen über ein Thema von Schönberg keine melodische Wohlfühlmusik.

Der Rhythmus gibt das Tempo vor. Und der fegt schon im ersten Satz des Klavierkonzerts fiebrig durch die Boxen. Manchmal schimmert Gershwin durch, mehr aber Strawinskys oder Bartóks Puls und Schönbergs Unerbittlichkeit. Nervöse Musik ist das im dritten Satz des Klavierkonzerts, das Moritz Ernst technisch souverän spielt und sogar hin und wieder Melodie aufblitzen lässt.

Große Ernsthaftigkeit und viel Präzision

Für die Dortmunder Philharmoniker, die mit ihrem Generalmusikdirektor Gabriel Feltz einen Riesensprung nach vorn gemacht haben, und Musik, bei der es auf Präzision ankommt, perfekt spielen können, ist es eine Ehre, auf der CD der Partner des Pianisten zu sein.

Zu hören war das Werk bereits in dieser Besetzung 2014 im Philharmonischen Konzert im Konzerthaus Dortmund.

Moritz Ernst spielt auch die Klaviersonate und die Variationen mit großer Ernsthaftigkeit und Präzision. Noch minimalistischer als das Klavierkonzert klingt die Sonate, eines der letzten Werke von Ullmann aus dem Todesjahr. © 2017 RuhrNachrichten.de




Hans Ackermann
kulturradio vom rbb, June 2017

Sein Klavierkonzert hat der österreichische Komponist 1939 noch in Freiheit komponiert. Die Klaviersonate Nr. 7 aber entstand 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt—wenige Monate bevor Viktor Ullmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

1898 als Sohn jüdischer Eltern in Östereichisch-Schlesien, im heutigen Polen, geboren, hat Ullmann ab 1918 in Wien bei Arnold Schönberg studiert. In Prag arbeitete er danach erfolgreich als Dirigent und Komponist. Gefördert von Alexander Zemlinsky entwickelte Ullmann in den Zwanziger—und Dreißigerjahren eigene ästhetische Positionen zwischen Tonalität und Atonalität, die er selbst als “Polytonalität” bezeichnet hat.

Geistige Freiheit

Die Werke der CD präsentieren verschiedene Stadien dieser künstlerischen Entwicklung, von den frühen, noch an Schönberg orientierten Variationen op. 3a, bis hin zum Klavierkonzert von 1939 und zur Sonate Nr. 7 aus dem Jahr 1944. In diesem letzten großen Werk hat sich Ullmann zumindest künstlerisch eine Freiheit bewahrt, die ihm in physischer Hinsicht zu jenem Zeitpunkt von den Nationalsozialisten schon für immer genommen worden war.

Produktiv

Nach der Annexion der Tschechoslowakei im März 1939 war Ullmann 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Dort hat er als Dirigent und Pianist Konzerte für die Lagerinsassen organisiert und buchstäblich “um sein Leben komponiert”. Als Komponist konnte er so bis zu seiner Ermordung 1944 noch mehr als zwanzig Werke fertigstellen, darunter eine Oper und drei große Klaviersonaten.

Kontrapunkt

Wie alle Schönberg-Schüler verfügte Viktor Ullmann über hervorragende Kenntnisse der kontrapunktischen Satztechnik. Er war dadurch in der Lage, moderne Fugen und Fugatos zu schreiben und komplexe selbstständige Stimmverläufe zu kreieren, die im dritten Satz des Klavierkonzerts für einen Höhepunkt dieser expressiven Komposition von 1939 sorgen.

Die Dortmunder Philharmoniker zeigen hier im präzisen Zusammenspiel mit dem Solisten ihre hervorragenden Qualitäten. Der Dirigent Gabriel Feltz kann bei dieser Aufnahme auf die Vorzüge eines Ensembles zurückgreifen, das in früheren Jahren von Marek Janowski geleitet wurde und heute ganz zurecht einen Status als A-Orchester genießt.

Überlebenswille

Der Rhythmus zu Beginn des Klavierkonzertes wirkt gehetzt und gejagt. Man ist geneigt, diesen musikalischen Ausdruck mit den tatsächlichen Lebensumständen des verfolgten Komponisten in Zusammenhang zu bringen. Doch wie ist der durchaus heiter wirkende erste Satz der Sonate Nr. 7 von 1944 zu deuten? Hat Ullmann hier mit musikalischen Mitteln Mut und Überlebenswillen zu Ausdruck gebracht ?

Das Werk, das von Moritz Ernst mit Klarheit und Präzision gespielt wird, endet jedenfalls mit einem atonal verfremdeten Scherzo und den abschließenden “Variationen und Fuge über ein hebräisches Volkslied”.

Zum letzten Mal hat Viktor Ullmann hier seine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts gezeigt, wenige Wochen nach der Vollendung dieser Sonate wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überführt.

Vergessen

Die in Theresienstadt komponierte Oper “Der Kaiser von Atlantis” ist im Übrigen erst 1975 in Amsterdam uraufgeführt worden, in Deutschland noch viel später, 1989, in der Neuköllner Oper in Berlin. © 2017 kulturradio vom rbb



Xaver Fr├╝hbeis
WDR (Westdeutscher Rundfunk), May 2017

Sein Repertoire reicht von barocker Virginalmusik bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Statt es sich in einer Epoche bequem zu machen, spannt er den stilistischen Bogen von Bach bis Rihm. Ein Nischendenker ist er nicht, der Pianist und Cembalist Moritz Ernst; doch wenn es einen Schwerpunkt in seinen breit gestreuten musikalischen Interessen gibt, dann ist es das Engagement für einst verfemte Komponisten, die bis heute nicht die verdiente Aufmerksamkeit erlangt haben. Seine neue CD vereint solistische und konzertante Klavierwerke Viktor Ullmanns, der dem Nazi-Terror zum Opfer fiel.

Ein hebräisches Lied eröffnet das Finale von Ullmanns letzter Klaviersonate; der Komponist schrieb sie 1944 in Theresienstadt, wenige Wochen vor seiner Ermordung in Auschwitz. Erst in der Verfolgung besann er sich auf seine jüdisch-tschechischen Wurzeln; im österreichisch-ungarischen Teschen geboren, fühlte er sich zunächst der deutschen Kultur stark verbunden. Nachdem Ullmann als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen war, studierte er Komposition bei Arnold Schönberg in Wien, wirkte unter Zemlinsky als Kapellmeister in Prag und betrieb eine anthroposophische Buchhandlung in Stuttgart. Vor Hitler floh er zurück nach Prag, doch 1939 machte der Einmarsch deutscher Truppen auch diese Stadt zur tödlichen Falle.

Ästhetische Gegenwelt zum menschlichen Leid

Dem vielschichtigen Klavierkonzert op. 25 hört man die verzweifelte Entstehungszeit kurz vor der Deportation in den massiven Martellato-Passagen des ersten Satzes genauso an wie im sarkastisch überdrehten Scherzo. Doch es gibt auch selbervergessene Inseln voll Melos und impressionistischer Klangschönheit. “Zu betonen ist, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war”—so beschrieb Ullmann das rätselhaft reiche künstlerische Wirken in Theresienstadt, diesem Durchgangslager auf dem Weg in den Tod. Es ging wohl um die Schaffung einer ästhetischen Gegenwelt zum unvorstellbaren menschlichen Leid.

Fulminantes musikalisches Erlebnis

Moritz Ernsts brillante, feinfühlige und nuancenreiche Interpretation lässt nie an wohlgemeinte moralische Wiedergutmachung denken, sondern gerät zum fulminanten musikalischen Erlebnis. Schließlich war es Viktor Ullmann so wenig wie Pavel Haas oder Hans Krasa in die Wiege gelegt, als “Theresienstädter Komponisten” zu enden. Sie gehörten einer vielversprechenden Prager Schule an, die künstlerisch ganz nah am Puls der Zeit angesiedelt war und noch viel zu sagen gehabt hätte, wäre sie nicht von der braunen Barbarei ausgelöscht worden. Der Triumph eines hebräischen Liedes und eines alten Hussitenchorals in Ullmanns letzter Sonate blieb ein symbolischer Sieg—und ein musikalischer! © 2017 WDR (Westdeutscher Rundfunk)





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group