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Album Reviews



 
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Daniel Hauser
Opera Lounge, June 2020

Auch heute, drei Jahrzehnte nach seinem Ableben, ist Leonard Bernstein trotz seiner unbestreitbaren kompositorischen Fähigkeiten primär als Dirigent in Erinnerung geblieben. Seine Welterfolge als Komponist feierte er vor allem mit Candide (1956) und West Side Story (1957). Mit seiner Mass egte er 1971 sein vielleicht kontroversestes Werk überhaupt vor. Mit vollem Titel als MASS: A Theatre Piece for Singers, Players, and Dancers bezeichnet, erfolgte der Kompositionsauftrag durch die US-amerikanische Präsidentenwitwe Jacqueline Kennedy. Dargestellt wird ein Gottesdienst, bei welchem einiges durcheinander gerät. Der Zelebrant—die vokale Hauptrolle—feiert zusammen mit seiner Gemeinde, den sogenannten Street People, eine katholische Messe. Lebens- und Glaubenskrisen des Geistlichen sowie der Gemeindemitglieder sorgen für Unterbrechungen. Stilistisch ist ein Großteil der Musik des 20. Jahrhunderts abgedeckt, vom Jazz und Blues über den Rock und den Broadwaystil bis hin zum Expressionismus und zur Atonalität.

2018, im Jahre, in welchem Bernstein seinen 100. Geburtstag hätte begehen können, wurde die nun bei Capriccio vorgelegte Neuaufnahme des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien unter Dennis Russell Davies eingespielt (Capriccio C5370). Mit Vojtěch Dyk in der Rolle des Zelebranten setzte man auf einen vor allem im Popbereich tätigen jungen tschechischen Sängerschauspieler. In Leonard Bernsteins eigener legendärer Weltersteinspielung von 1971 (CBS) übernahm der damals noch blutjunge Bariton Alan Titus diesen Part; später sollte er gerade als Wagner-Sänger eine große Karriere machen, die ihn bis nach Bayreuth führte. Bernstein-Schülerin Marin Alsop setzte in ihrer Aufnahme von 2008 den ebenfalls primär in der populären Musik beheimateten Bariton Jubilant Sykes ein (Naxos). Dieses Vorgehen hat also durchaus Vorbilder, mag aber nicht unbedingt den Intentionen des Komponisten entsprechen. Unter klanglichen Aspekten ist die Neueinspielung dann tatsächlich ganz vorne anzusiedeln, obwohl selbst die bald 50 Jahre alte Bernstein-Aufnahme für ihr Alter noch immer erstaunlich gut herüberkommt. Die hysterische Intensität von damals wird heute nicht mehr erreicht, was vielleicht auch gar nicht mehr möglich ist, fehlen doch die damaligen Zeitumstände, die dieses Werk in der vorliegenden Form überhaupt erst hervorbrachten. Das Wiener ORF-Orchester schlägt sich wahrlich wacker und versucht sich an einem idiomatisch-amerikanischen Klang, angespornt vom aus Ohio stammenden US-Dirigenten. Neben der Wiener Singakademie kommen Schülerinnen und Schüler der Opernschule der Wiener Staatsoper sowie die Company of Music als Street Chorus zum Einsatz. Im direkten Vergleich sind dann indes Bernstein und auch Alsop wohl doch vorzuziehen, obwohl sich bei der Neuproduktion keine gravierende Schwachstelle ausmachen lässt. Dies mag am Ende dann auch an den durchgängig amerikanischen Beteiligten in den älteren Aufnahmen liegen. Als „europäisierte“ Alternative ist die Capriccio-Einspielung aller Ehren wert und bereichert die Bernstein-Diskographie um eine weitere Facette. © 2020 Opera Lounge



Martin Demmler
Fono Forum, May 2020

Eine traditionelle Messvertonung ist Leonard Bernsteins „Mass“ von 1971 nicht, das macht schon der Untertitel deutlich: „A theatre piece for singers, players and dancers“. Das Werk entstand in einer Zeit, als Jazz und Pop Einzug in die Kirchenräume hielten. Vielfach wurden Gottesdienste als Pop-Messen gestaltet, nicht zuletzt, um ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Mit seinem feinen Gespür für den Zeitgeist setzt Bernsteins „Mass“ genau dort an. Das Libretto basiert auf dem lateinischen Messtext, ergänzt durch Abschnitte in englischer Sprache, die der Komponist zum Teil selbst verfasste. Der Handlungsverlauf schildert eine Messe, die immer wieder durch Einwürfe der „Street people“ gestört wird, wobei zen­trale Glaubensfragen thematisiert werden. Bernstein komponiert hier eine Mischung aus Jazz, Klassik, Gospel und Pop; entsprechend sieht das Instrumentarium neben einem klassischen Sinfonieorchester auch E-Gitarre oder Synthesizer vor. Musikalisch erinnert die „Mass“ ein wenig an die großen Musicals aus jener Zeit wie „Hair“ oder „Jesus Christ Superstar“.

Etwas angestaubt wirkt diese Form der Mess-Darstellung nach fast 50 Jahren schon. Dennoch gelingen Bernstein immer wieder eindrucksvolle Momente, etwa wenn er das Kyrie als schräge Marsch-Persiflage gestaltet, in den drei sinfonischen Intermezzi oder im abschließenden Lobgesang. Kein anderer konnte vielleicht die Stilebenen so gekonnt durchmischen wie dieser Komponist.

Vojtěch Dyk erweist sich geradezu als Idealbesetzung für die Rolle des Zelebranten, auch die Blues- und Rocksänger leisten Hervorragendes, treffen genau den „Ton“ dieser Musik. Dennis Russel Davies leitet mit gewohnter Souveränität die enormen Klangmassen, die Bernstein in seiner Partitur vorsieht. © 2020 Fono Forum




Remy Franck
Pizzicato, March 2020

Leonard Bernsteins ‘Mass’ ist ein multikulturelles und Genreübergreifendes Stück, eine Art modernes Oratorium mit der katholischen Liturgie als Basis, aber genau so vielen kritischen Tönen gegenüber eben dieser Kirche und sogar gegenüber Gott und dessen Schöpfung. De facto ist die 1971 entstandene Mass ein Produkt der Protestbewegung gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Rassismus und gegen Krieg. Sie hat in diesem Sinne nichts an Aussagekraft und leider auch nichts an Aktualität eingebüßt.

Diese Neuaufnahme ist musikalisch prall und klingt ganz toll! In dieser Hinsicht ist sie sogar der Mehrkanalaufnahme von Kent Nagano bei Harmonia Mundi überlegen, weil der Toningenieur die Klangeffekte und räumliche Disponierung im Stereosound völlig beherrscht.

Aber auch der interpretatorische Ansatz ist bei Dennis Russell Davies ein anderer als bei Nagano, der die geistige Dimension über die musikalische Form und ihren Eklektizismus stellte. Die Interpretation von Russell Davies ist viel straffer, spontaner und unmittelbarer als die abgerundetere von Nagano, und bringt so die Extreme der Partitur viel schärfer zu Gehör. Darin ist der Dirigent dem Schöpfer Bernstein näher, ohne allerdings dessen auch sehr tänzerisch wirkende Aufnahme nachzuahmen. Jazz, Rock, Gospel und Klassik treffen in der Wiener Produktion direkter aufeinander, so dass es richtig im Gebälk knirscht.

Das Wiener ORF-Orchester spielt engagiert und rhythmisch sicher, die Chöre und Solostimmen sind von beeindruckendem Niveau.

Der tschechische Schauspieler und Bariton Vojtech Dyk versucht als Zelebrant nicht wie ein klassisch ausgebildeter Sänger aufzutreten, was er als Bandsänger nicht ist, und gefällt sowohl im Singen wie im Rezitieren mit einer engagierten und im Gegensatz zu anderen Interpreten in dieser Rolle unaffektierten Darbietung.

Mit ihrem klaren, präzisen Klang spiegelt diese Aufnahme die ganze expressionistische Erregtheit der Komposition und sie ist unbedingt zu den Referenzeinspielungen der Mass zu zählen. © 2020 Pizzicato



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, March 2020

Ich erinnere mich an eine Aufführungsserie von „Mass“ in deutscher Sprache an der Wiener Staatsoper 1981. Zehn Jahre zuvor, genau am 8.9.1971, war das „Theatre piece for singers, players and dancers“ des Leonard Bernstein in Washington uraufgeführt worden. Das Libretto setzt sich aus dem lateinischen Messtext sowie englischen Worten von Bernstein und Stephen Schwartz zusammen.

Wir hören keine Messe im landläufigen Sinn, sondern eine christliche Friedens- und Liebesbeschwörung, die unentschieden zwischen Musicalschmuseklang à la Jesus Christ Superstar („A Simple Song“) und expressiv durchschlagenden Chören durchmischt mit ungezähmten Broadway Tanzrhythmen („West Side Story“ schau oba) schwankt. Bernstein will hier musikalisch eindeutig zu viel. Gustav Mahler steht noch dazu bei den gemischten Chören/Kinderchören und den banalen Rummelplatzblasmusikeinschüben Pate. Das gesprochene Wort über Zweifel/Sinn/Hintersinn von Vertrauen in Gottes Willen und Größe in der Nachfolge von Schönbergs „Moses und Aaron“ darf auch nicht fehlen. Natürlich hat die pompöse Anlage und die Botschaft des Werks auch einen einfachen zeitgeschichtlichen Hintergrund: Bernstein hat Mass wurde für die Eröffnung des John F. Kennedy Centers for Performing Arts in Washington D.C geschrieben, der Vietnamkrieg war noch nicht zu Ende… 

„Dear brothers (and sisters)“: Wen dieses Sammelsurium an Stilen von mittelalterlichem Choral bis Jazz, Blues, Pop und Gospel nicht stört, kann mit der vorliegenden trefflich musizierten Aufnahme glücklich werden. Dirigent Dennis Russell Davis hält die Fäden straff zusammen und kann so die Extreme der Partitur ungebrochen aufrauschen lassen. Das um E- und Bassgitarre, Synthesizer und Keyboards erweiterte ORF Vienna Radio Symphony Orchestra zeigt sich sattelfest in allen Gassen vom gewaltig orchestralen Tohuwabohu bis hin zum zartesten Flötengezirpe. Wirklich beeindruckend ist die Performance des Vokalensembles Company of Music (Einstudierung Johannes Hiemetsberger) für den Street Chorus. Der aus Prag stammende Schauspieler und Bariton Vojtěch Dyk, Frontmann der Band Nightwork und Sänger der Brünner Swing-Formation B-Side Band, gefällt als Zelebrant eindeutig besser als einst Franz Waechter an der Staatsoper. Die Wiener Singakademie (Einstudierung Heinz Ferlesch) agiert professionell und ausdrucksstark, klingt in den höchsten Lagen  (Tenöre, Soprane) aber bisweilen angestrengt.  Die Opernschule der Wiener Staatsoper (Knabensolisten Gustav Harms, Emil Lang, Nicolas Rudner) zeigt sich top. Insgesamt referenzwürdig. © 2020 Online Merker





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