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Album Reviews



 
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Oliver Fraenzke
The New Listener, May 2017

Knappe 100 Jahre lag diese Oper im Verborgenen. Walter Braunfels hatte sich nach dem ersten Weltkrieg von diesem antikatholischen Werk distanziert, da er selbst vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert war. Erst 2011 wurde die 1913 komponierte Oper neu entdeckt und in Gera auf die Bühne gebracht. 2014 schließlich wurde Ulenspiegel in Linz erneut aufgeführt und anschließend aufgenommen, allerdings in einer Fassung für kleineres Orchester, die eigens von Werner Steinmetz angefertigt wurde. Dies kommt der Rezeption insofern zugute, als es die Sänger schwer hatten, sich gegen das vollbesetzte Orchester zu behaupten. Noch immer sind manche Partien durch die Dopplungen herausfordernd, allerdings durchaus im Bereich des Realisierbaren.

Das Libretto stammt von Braunfels selbst, basierend auf einem Roman von Charles de Coster. Die Geschichte des berühmten Schalks wird zum Kriegsdrama ausgebaut, Ulenspiegel erscheint als Widerstandskämpfer gegen die spanische Besetzung und kämpft trotz Folter und Gefangenschaft gegen die Unterdrücker. Die kollektiv blutrünstige Kriegslust vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs ist unverkennbar, das Werk ist politisch ambitioniert, preist patriotische Aufopferung und Heldentum.

Die Oper ist markant im Tonfall, bleibt streckenweise mit großem Wiedererkennungswert im Ohr und ist reich an Durchchromatisierung und raffinierten Details. Es gibt keine übermäßigen Neuerungen in dieser Musik, doch mangelt es nicht an interessanten Feinheiten und erlesener Liebe zum Detail.

Das trotz starker Reduzierung klangvoll erscheinende Orchester klingt im Tutti oft nicht gerade transparent, und nicht allzu oft gelingt es Martin Sieghart, die wünschenswerte Luzidität zu erreichen. Allgemein mangelt es an dynamischem Fluss und Breite des Spektrums. Die reinen Orchesterpassagen weisen mehr an bemerkenswerter musikalischer Ausgestaltung auf, und immer wieder gelingt es doch, den Hörer mit manch schönem Momente in den Bann zu ziehen. Inspiriert funkelnd ist die Partie der Nele mit Christa Ratzenböck besetzt, die sich in ihre Rolle förmlich eingelebt hat und die halsbrecherischen Partien mühelos meistert, obwohl einige tiefe Töne schon die Untergrenze ihrer Sopranlage sprengen. Marc Horus als Ulenspiegel kann im Pianobereich überzeugen, wirkt in aufbrausenden Momenten hingegen etwas gekünstelt, überbetont auch vieles; seine schauspielerische Leistung ist fesselnd und zweifellos eigenartig und ungewöhnlich. Klas, gesungen von Hans Peter Scheidegger, überzeugt in seiner recht kurzen Partie, und auch Joachim Goltz ist als Profoss keineswegs fehlbesetzt. Am überzeugendsten agiert jedoch der in der Oper oft erscheinende EntArteOpera Choir, einstudiert von Franz Jochum, der mit Einheit des Ausdrucks und Bündelung der Energie ergötzt, auch in Phrasierung und Tongebung zu gefallen weiß.

Wie auch die anderen kürzlich erschienen CDs mit Musik von Walzer Braunfels bei Capriccio ist vorliegendes Album eine Empfehlung wert. Zwar vermag die Darbietung nicht immer vollständig überzeugen, doch tut dies die Musik einer vernachlässigten Größe am Opernfirmament. © 2017 The New Listener




Uwe Krusch
Pizzicato, April 2017

Der Roman ‘Thyl Ulenspiegel’ von Charles de Coster ist die Vorlage zu der Oper von Walter Braunfels. Gut hundert Jahre hat diese Oper im Archiv der Staatsoper Stuttgart geschlummert, bevor sie wieder aufgeführt worden ist.

Vor dem Hintergrund der spanischen Inquisition in Flandern im 16. Jahrhundert sind Folter und der Tod seines Vaters der Ausgangspunkt für Ulenspiegel, um gegenüber dem Beherrscher Rache zu üben und das ängstliche Volk mitzureißen. Nachdem er die Besatzer mehrfach narren konnte, wird er gefangen genommen, kann aber befreit werden. Während seine Freundin Nele sie beide in sichere Gefilde führen möchte, will er an der Seite der Geusen, der Aufständischen, bleiben. Nach weiteren siegreichen Kämpfen bleibt nur der Anführer der Unterdrücker, sein großer Gegenspieler. Als dieser ihn erschießen will, wirft sich Nele in den Schuss und rettet ihn unter Einsatz ihres Lebens. Haben die Ereignisse ihn zum Manne reifen lassen, so schaffen sowohl der Verlust des Vaters als auch von Nele nicht, in von seinen Zielen abzulenken, er verharrt im Rachegedanken…

Der Roman ist flandrisches Nationalepos geworden. Die Oper wurde wegen schlechter Vorbereitung und Besetzung bei der Uraufführung kein Erfolg und bald abgesetzt. Erst jetzt, zum hundertjährigen Jahrestag der Oper und des Ersten Weltkrieges, hat es neue Aufführungen gegeben. Die Einspielung zeigt diejenige aus der Tabakfabrik in Linz. Als Ambiente hat die Inszenierung eine Industriebrache gewählt, in der man heutzutage osteuropäische Armutszuwanderer vermutet. Das Orchester ist auf einem Podium im Hintergrund postiert.

Neben dem Text, der nicht einem Opernlibretto gehorcht, ist ein Manko der Oper, dass sie handlungsgetrieben ist und keine Entwicklung der dahinter stehenden großen Ideen, wie Heroismus, zulässt. Diesen Subtext muss man bereits kennen, man kann ihn nicht erfahren.

Während die Unterdrücker an schwarzen Uniformen erkennbar sind, werden die Bürger ihren Professionen entsprechend ausstaffiert. Lediglich Ulenspiegel macht einen clochardartigen Eindruck.

Die sängerischen Leistungen lassen keine Wünsche offen. Insbesondere Marc Horus, der den Ulenspiegel dargestellt, glänzt mit dem mehrschichtigen Auftreten als Schelm, Sohn, Liebender und als Rächender, indem er der Rolle Naivität, Verrohung und Enthusiasmus beigibt. Christa Ratzenböck gibt der Nele die Wärme und Intensität der einzigen weiblichen Rolle. Joachim Goltz als Profoss, der große Gegenspieler Ulenspiegels, überzeugt mit herzloser Kälte, während Hans Peter Scheidegger als Vater Klas den vorsichtigen Alten verkörpert, der trotzdem sterben muss.

Das ‘Israel Chamber Orchestra’, das unter Leitung von Martin Sieghart an dieser Reihe von Aufführungen wiederentdeckter Werke entarteter Kunst beteiligt ist, widmet sich der extra eingerichteten Fassung für Kammerorchester mit Hingabe. Da selbst in dieser Version das Orchester seinen Platz behaupten kann, kann man sich vorstellen, dass die große Besetzung die Sänger streckenweise zudeckt.

Die Ausrichtung auf die Handlung wirkt auch auf die Musik, die sich nicht immer in allen Farben entspannt entfalten kann. Vielleicht liegt es auch an der Situation der Aufführung in einer ehemaligen Fabrik, dass manche Klangrelationen nicht wirklich ausgewogen beim Hörer ankommen und einiges sogar unkonzentriert und unsauber klingt. © 2017 Pizzicato



Renate Wagner
Online Merker, February 2017

Auch Walter Braunfels (1882–1954) gehört, obwohl er—ein verfemter „Halbjude“—das Glück hatte, das Dritte Reich zu überleben, zu jenen Komponisten, die aus ihrer Karriere und aus ihrem Schaffen gerissen wurden. Zwischen 1905 und dem Zweiten Weltkrieg hat er zahlreiche Opern geschaffen, deren Wiederentdeckung ansteht. „Die Vögel“ kamen bereits gelegentlich zur Aufführung (u.a. 1999 an der Wiener Volksoper), der „Ulenspiegel“ nach dem seinerzeit sehr bekannten Roman von Charles de Coster, 1913 in Stuttgart uraufgeführt, musste bis 2011 warten, dass er in Gera wieder einmal das Licht einer Bühne erblickte.

Besonders eindrucksvoll war dann die nächste Produktion des Werks, die 2014 in Linz anlässlich des Bruckner-Festes herausgebracht wurde und die nun auf DVD zu betrachten ist. Damals hatte Werner Steinmetz im Auftrag der Produzenten eine Fassung für Kammerorchester erstellt, die vom Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart realisiert wurde, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, eine „kleine“ Version des Werks zu hören.

Die Geschichte spielt an sich in und um Gent in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als der Herzog von Alba im Auftrag von König Philipp II. von Spanien als Statthalter gnadenlos regierte. „Terror in Gent“ hatte in der Linzer Tabakfabrik (der ehemalige Prestigebau der Nazis bietet ein echte Hallenambiente, das auch in der Aufzeichnung zu spüren ist) keinerlei historischen Anstrich—Ulenspiegel bewegt sich hier in einer Welt der Wohnwägen, der alten Autos, der Unterprivilegierten, aber gegen die wird ja genau so brutal vorgegangen wie einst gegen die einheimische Bevölkerung: „Terror in Gent“ hat also ganz aktuellen Charakter, „die Spanier sind da, Gnade uns Gott“ kann man ohne weiteres in diese Welt „übersetzen“, und das gibt der Inszenierung von Roland Schwab jede Glaubwürdigkeit. Diese Oper führt im Grunde in einen Kampfschauplatz, Brutalität, Folter und Hinrichtungen beherrschen diese Welt.

Braunfels ist in seiner Musik noch der Erbe der Tonalität, obwohl er sich in seiner Expressivität jenseits jeder Gefälligkeit befindet, und das gilt auch für die Aufführung, die in ihrem düsteren Umriß solcherart im Grunde umso eindrucksvoller wird.

Till ist hier kein Schalk, das Geschehen ist nicht lustig, und Marc Horus geht den Weg zum Widerstandskämpfer (für den sich sein Vater geopfert hat) höchst überzeugend. Gar nicht lieblich, aber besonders ergreifend ist Christa Ratzenböck als seine Nele. Stark wirkt Joachim Goltz als Profoss, der Vertreter der ungerechten Macht. Die restlichen Darsteller und der Chor fügen sich in ein dichtes Gesamtbild.

Das ist freilich kein Werk, das man in den DVD-Player schiebt, um sich einen „gemütlichen Opernabend“ zu machen: Aber wer sich für das Genre an sich und zumal für Unbekanntes interessiert, der wird hier gut bedient sein. © 2017 Online Merker




Concerti, February 2017

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