Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

Email Password  
Not a subscriber yet?  
Keyword Search
 in   
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

Beatrice Schwartner
MDR.DE, July 2017

Eigentlich müsse man 25 Jahre lang Pianist sein, meinte der fabelhafte Geza Anda, um allein die erste Etüde aus Chopins op. 10 richtig spielen zu können. Und auch andere Granden am Klavier scheuten sich vor den Chopin-Etüden: Arthur Rubinstein bekannte frank und frei, dass er sie nie komplett gekonnt hat. Und Vladimir Horowitz fand, sie seien alle schrecklich. Gerade die erste sei für ihn schrecklich schwer.

Und dann kommt dieser junge Amir Katz und spielt sie so unbeeindruckt brillant, als ob es nix Leichteres gäbe als diese vertrackten Doppelgriffe, die ganze Klaviatur hoch und runterlaufenden Akkordbrechungen, die technischen Klippen in jedem einzelnen Stück, weit mehr als einfache Fingerübungen also. Keine Angst vor großen Namen, Amir Katz? Immerhin gibt es ja nicht besonders viele Aufnahmen von den Chopin-Etüden, aber doch Referenzaufnahmen von Gavrilov, von Perahia und Pollini.

Diese Klangästhetik trifft mitten ins Herz

Amir Katz spielt das enorm schwierige Entrée cool und gelassen. Der Mann hat einen ausgeprägten Tast—und Spürsinn auf dem Klavier, eine Klangästhetik, die einen mitten ins Herz trifft: Katz beleuchtet, wo es des Lichts bedarf, er dimmt, wo Tiefe und Zerbrechlichkeit sich ausbreiten, er lässt der Musik einen ganz natürlichen Pulsschlag. Mal rasant, dann wieder kurzes Atemholen durch ein fast unmerkliches Ritardando. Ausgesprochen elegant und intensiv. Wo, fragt man sich beim Hören, ist da der Trick?

Quer durch den Quintenzirkel geht es mit diesem Chopinzyklus, wenn man op. 10 und op. 25 als Gesamtheit nimmt, gewidmet übrigens Franz Liszt—beginnend in C, endend in C, tonartlich, aber jeweils auch dramaturgisch zu einem ruhigen Mittelpunkt hinfindend. In ihrer Symmetrie folgen die Lehrstücke ganz klar dem Vorbild von Bachs wohltemperierendem Klavier. Ob nun Schwarze Tasten-Etüde, irisierende Äolsharfen oder Oktav-Etüde: Amir Katz nimmt für jedes einzelne Stück das Präzisionsbesteck, lässt hin und wieder vielleicht das Mondäne in diesem Chopin ein bisschen aus dem Blick, das Geheimnisvolle. Aber andererseits: Katz ist jetzt 44 Jahre alt—da ist doch definitiv noch Zeit für eine zweite Einspielung.

Über Amir Katz

Erst mit elf Jahren hat er überhaupt angefangen, Klavier zu spielen. Amir Katz war also alles andere als ein Wunderkind. Aber dann ging alles ganz schnell: Schon vier Jahre später belegte er den 1. Platz bei einem internationalen Klavierwettbewerb in Barcelona. Danach trat er sofort mit renommierten Orchestern auf. Noch keine 20 Jahre alt, tourte Katz durch Europa, spielte Konzerte über Konzerte und: Brauchte eine Pause.

Zwei Jahre dauerte diese Unterbrechung, bis Amir Katz sich 1995 Konzertpodium zurückkehrte. Hochgelobt wurde er unter anderem von argentinisch-isralischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim für seine klare Textur und für das Gefühl, das er in seinem Spiel transportiert. Mittlerweile hat der Israeli Amir Katz, der seit geraumer Zeit in Berlin wohnt, viele renommierte Klavier-Wettbewerbe gewonnen und sich die Bühnen dieser Welt erobert als Mendelssohn—und Schubert-Spezialist. Und auch die Etüden Frederick Chopins beherrscht Katz. 24 Etüden, je 12 des op. 10 und op. 25 hat Katz nun eingespielt. Sie sind weit mehr als Etüden in ihrer engeren Bedeutung, also mehr als Fingerübungen für Pianisten. Damit ist Amir Katz uns in der MDR KULTUR-Musikredaktion nicht mehr aus den Ohren gegangen. © 2017 MDR.DE



Oliver Fraenzke
The New Listener, May 2017

Zweifelsohne sind die 24 Etüden von Frédéric Chopin ein Meilenstein der Klavierliteratur. Nicht nur in technischer Hinsicht sind sie revolutionär, sondern auch hinsichtlich der Dichte des Ausdrucks und Klarheit der Aussage. Jede der Miniaturen ist für sich ein ganzes Universum, vereint Reduktion auf das Wesentlichste und Schlichtestes mit höchsten Anforderungen an die Finger—und vor allem auch Armtechnik. Dabei beschränkt sich jede der Etüden nur auf wenige Herausforderungen, und diese werden auf unterschiedlichste Weise beleuchtet, quer durch konträre Tonarten und Dynamikschattierungen geschleust, und verlangen somit Flexibilität, äußerste Präzision der Ausführung und nicht zuletzt physische Ausdauer. Obgleich natürlich ein zyklischer Zusammenhang besteht, müsste doch eigentlich jedes Stück für sich alleine betrachtet werden, auch hinsichtlich der pianistischen Darbietung.

Amir Katz stellt sich für Orfeo der Herausforderung aller 24 Études. Zuhause ist der israelische Pianist besonders in filigranen und feingliedrigen Passagen. Leichtigkeit und Beschwingtheit liegen Katz im Blut, er brilliert durch feine melodische Gestaltungsgabe in den wüstesten Notenfluten, in sämtlichen von Chopin mit brillante oder leggiero gekennzeichneten Stellen. So fließen Nummern wie Op. 10 Nr. 5, Op. 25 Nr. 2 und vor allem die berüchtigte Terzenetüde Op. 25 Nr. 6 in herrlicher Ungezwungenheit und Mühelosigkeit dahin, beeindrucken dabei mit gehaltvoller Ausdruckskraft. Auch in der gespreizten Lage vermag Katz den Fluss aufrecht zu erhalten, sei es mit phänomenalem Legato (Op. 25 Nr. 10), im spielerischen Staccato-Marcato (Op. 25 Nr. 4) oder mit Hervorhebung der verschiedenen Stimmen (Op. 10 Nr. 10). Nun wäre noch wünschenswert, dass Amir Katz sich auch einmal den einfachsten Melodien in gleicher Subtilität nähert wie er es in den komplexen Passagen so eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die bloßen Melodien tragen nicht, haben kaum Volumen oder vokale Qualität, bleiben auf bloßer Tasten-Ebene. Wie herrlich wäre es, beispielsweise die Melodiestimme von Op. 25 Nr. 1 wirklich in ihrem sängerischen Ausdrucksspektrum zu vernehmen oder den Lento-Beginn von Op. 25 Nr. 7 als zarte Kantilene erfassen zu können. Besonders deutlich wird der Kontrast in der „Winterwind“-Etüde Op. 25 Nr. 11: Während die virtuose Hand fein und in bestechender musikalischer Qualität brilliert, bleiben die anderen Stimmen blass und fahl, der Choral wird in keiner Weise entfaltet. In den langsameren Etüden kompensiert Katz diese Schwäche mit schnellerem Tempo, hier wird sein Manko besonders augenfällig. Ebenso in der „Schmetterlings-Etüde“ Op. 25 Nr. 9: da fehlt die Leichtigkeit und das „Torkeln“ des Daumens, da wäre leisere Grunddynamik und größere Verspieltheit erforderlich.

Auch bei Amir Katz wird einmal mehr ersichtlich, wie umfassend die 24 Etüden Chopins den Pianisten herausfordern, bei den allerwenigsten gelingen alle Etüden in einigermaßen gleichbleibender Qualität, kaum einer wird allen diametral entgegengesetzten Schwierigkeiten musikalischer Natur gleichermaßen gerecht. Auch bei technischer Perfektion und reflektierter Darbietung wird im Laufe des Zyklus ersichtlich, wo persönliche Stärken liegen und wo noch intensivere Erarbeitung von Subtilitäten vonnöten ist. Die Arbeit an solchen musikalischen Kristallen hört sicherlich niemals auf und genau das zeichnet diese Werke eben auch aus: die schiere Unmöglichkeit einer vollendeten Aufführung. © 2017 The New Listener




Remy Franck
Pizzicato, April 2017

Wenn ein Interpret zu einer kohärenten und ehrlich-persönlichen Darstellung eines Zyklus wie den Chopin-Etüden gelangt, ohne Chopin zu verraten, verdient das durchaus Interesse. Der israelische Pianist Amir Katz (*1973) spielt beide Reihen als eine kontinuierliche Komposition, manchmal ohne Pause, und wenn, dann mit einem sehr knappen Anhalten. Aber das haben andere auch gemacht. Die Interpretation von Katz fällt vor allem wegen ihrer Klarheit auf, wegen ihrer eigenwilligen Rhythmik, ihren oft noch eigenwilligeren, ins Schnelle tendierenden (aber nie verhetzten) Tempi—mit 53 Minuten ist es eine der kürzesten Aufnahmen im Katalog—und der Vermeidung jeglicher Sentimentalität. Wie schon vormals in seinen Schubert-Interpretationen, bleibt er im Lyrismus hinter anderen Interpreten zurück, gibt den Stücken aber umso mehr Charakter und nicht selten einen heroischen. Auch sehr besondere Ausbrüche von ungehaltener Virtuosität prägen das Spiel von Katz.

Wer offen ist für neue und durchaus solide Chopin-Erfahrungen, dem sei diese CD angeraten. © 2017 Pizzicato



Peter Cossé
Klassik heute, April 2017

Mit der Stadt Dortmund verbindet man bei weitem nicht nur den jüngst schwer getroffenen Fußballverein BVB, es gibt da auch seit 1987 den zunehmend geschätzten Schubert-Wettbewerb. Eine zweijährlich stattfindende internationale ausgeschriebene Veranstaltung für Pianisten, seit 2009 im Wechsel auch für Klavier solo und Lied-Duo. Die Leitung hat nach massiven Führungsproblemen 1993 der Pianist Arnulf von Arnim übernommen. Somit hat er auch den aus Israel stammenden, 1973 in Ramat Gan geborenen Amir Katz erlebt, als dieser zusammen mit Yong Kyu Lee den geteilten Ersten Preis errang.

Mit den 24 Etüden von Chopin begibt sich der u. a. von Elisso Wirssaladze und Michael Schäfer unterrichtete Katz auf ein musikalisch-technisch ebenso verlockendes wie brandgefährliches Gebiet. Eine Fülle von eigenwillig pointierten, bis in virtuose Grenzbereiche „vortastenden“ Einspielungen von Backhaus, Harasiewicz bis hin zu Pollini und dem jungen Gawrilow sind vertraut und stehen weitgehend auch zur Verfügung. Unter ihnen jene von György Cziffra, der diese wundersamen und zugleich in die pianistische Zukunft weisenden Miniaturen unverfroren in der Nähe von Paganini-Capricen lokalisierte. Amir Katz nun zeigt sich rein manuell gesehen und hörend-betrachtet auf der Höhe zuverlässigen, in manchen Passagen auch florierenden Klavierspiels. Aber ich erlaube mir auch den einen oder anderen Einwand zu formulieren, bzw. ein Fragezeichen zu setzen. Letzteres betrifft die Etüde Nr. 6 aus dem ersten Zwölferpack. Es ist sicher nichts einzuwenden, wenn ein Musiker im Bereich der Tempoentscheidung eigene Wege geht. Aber Katz spult dieses an sich elegische, zumindest verhalten konzipierte es-Moll-Andante in schier irrwitziger Geschwindigkeit, wobei die kreiselnde Begleitfigur den Charakter einer leise formulierten Revolutionsetüde annimmt. Im Begleitheft ist die Spieldauer dieser Etüde mit vier Minuten angegeben. Tatsächlich benötigt Katz für das bei vielen Pianisten nur dezent beliebte Stück noch nicht einmal zwei Minuten!

Im Umfeld der sprunglebendigen Stücke op. 25 Nr. 3, 4,5 und 9 erweist sich Amir Katz als sicherer Erklärer der jeweils technischen Ausgangsituationen. Sein Spiel hat Richtung und es mangelt auch nicht an Durchsichtigkeit. Enttäuschend freilich ein markanter Mangel an Poesie, an Anschlagsqualität im Verlauf der As-Dur-Etüde op. 25,1. Den in hoher Lage vereinzelt gesetzten Melodienoten fehlt es an Leuchtkraft, an liebevoller Platzierung, mehr noch: an akustischer Lebensfähigkeit. Ich nenne hier nur die Einspielung von Adam Harasiewicz, aber auch ein vergleichsweise nüchterner Maurizio Pollini hat hier mehr Sentiment, mehr Sinn für Liebreiz und Schmelz bewiesen als Amir Katz. © 2017 Klassik heute





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group