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Album Reviews



 
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Alain Steffen
Pizzicato, April 2017

In meinem CD-Archiv stehen über 30 Gesamtaufnahmen von Wagners ‘Ring des Nibelungen’, angefangen mit den legendären Schellack-Aufnahmen von 1920 – 1924 und dem berühmten ‘Potted Ring von HMV aus den Jahren 1927–32 (beide natürlich stark gekürzt), über die drei legendären Einsopielungen von Böhm, Solti und Karajan, den überschätzten Boulez-Ring mit einer grauenhaften Gwyneth Jones als Brünnhilde bis hin zum Ring-Schlusslicht, nämlich der maßlos enttäuschenden Wiener Aufnahme von Christian Thielemann. Dank Orfeo werden in regelmäßigen Abständen wichtige Rundfunkübertragungen der Bayreuther Festspiele in einem neuen Mastering wieder auf den Markt gebracht. Viele dieser Dokumente waren bei italienischen oder amerikanischen Firmen schon seit vielen Jahren erhältlich, allerdings meistens in klanglich bescheidenen Fassungen.

Nach den Ring-Aufnahmen mit Krauss (1953) und Knappertsbusch (1956) veröffentlicht nun Orfeo eine dritte Live-Aufnahme, und zwar diesmal aus dem Jahre 1961. In diesem Jahr (wie auch schon 1960) dirigierte Rudolf Kempe Wagners Tetralogie auf dem Grünen Hügel. Und man muss sagen, dass dieser Ring zweifelsohne zu fünf besten Gesamtaufnahmen gezählt werden muss, die auf dem Markt erhältlich sind. Vor allem ist Kempes feuriges Dirigat hervorzuheben, das dem betulichen Pathos eines Knappertsbusch diametral gegenübersteht und durch das ein neuer Wagner-Dirigierstil, ähnlich wie bei Solti und Böhm, eingeleitet wurde.

Kempe setzt mehr auf spannendes Musizieren, auf Transparenz und Dynamik, er spornt seine Sänger permanent zu Höchstleistung an. Und im direkten Vergleich mit Böhm, Solti und Karajan hat Kempe auch die besseren Sänger, resp. die selben Sänger in besserer Verfassung zur Verfügung. An erster Stelle muss man Birgit Nilsson (Brünnhilde) und Hans Hopf (Siegfried) nennen, die ohne Durchhänger diese beiden schwierigen Partien mit viel Stilgefühl und einer atemberaubenden Leichtigkeit bewältigen. Die Walküren-Brünnhilde wird von Astrid Varnay gesungen, auch hier muss man feststellen, dass dies eine der besten Aufnahmen dieser Partie von dieser Sängerin ist. Jérôme Hines und James Milligan als Wotan und Wanderer sind würdige Erben des legendären Hans Hotter. Hines besticht mit einer enorm warmen und Ehrfurcht gebietenden Stimme, während der am Anfang einer vielversprechenden Karriere stehender Milligan einen virtuosen und gewaltigen Wanderer gibt. Leider ist Milligan vier Monate nach seinem Bayreuther Debut durch einen plötzlichen Herzstillstand gestorben. Gerhard Stolze singt eine der besten, wenn nicht die beste Loge-Darstellung der Schallplattengeschichte und übertrifft hier seine schon phänomenale Interpretation bei Karajan. Der immer noch unterschätzte Fritz Uhl ist ein beeindruckender Siegmund, während Régine Crespin ihm als Sieglinde in nichts nachsteht. Otakar Kraus beeindruckt als Belcanto- Alberich, während sein ‘Bruder’ Herold Kraus keine Mühe hat, im ‘Siegfried’ dem stimmgewaltigen Hans Hopf Paroli zu bieten. Die beiden dunkel-dämonischen Figuren Hunding und Hagen finden in Gottlob Frick einen idealen Interpreten. Der Rest der Besetzung liest sich wie ein who’s who: Regina Resnik (Fricka), Grace Hoffmann (Waltraute und 2. Norn), Marga Höffgen (Erda), Thomas Stewart (Donner und Gunther), sowie David Thaw (Froh), Wilma Schmidt (Freia und Gutrune), Peter Roth-Ehrang (Fafner) und David Ward (Fasolt). Für mich persönlich ist dieser Kempe-Ring zu einem ganz besonderen Liebling geworden, und liegt jedenfalls weit vor Karajan, Solti und Janowski. © 2017 Pizzicato



Ekkehard Pluta
Opernwelt (Germany), February 2017

WAGNER, R.: Rheingold (Das) [Opera] (Goerne, DeYoung, Begley, Sidhom, Cangelosi, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660374-75
WAGNER, R.: Walküre (Die) (Goerne, DeYoung, Skelton, Melton, P. Lang, Struckmann, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660394-97
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival 2008, Thielemann) OACD9000BD
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival Chorus and Orchestra, Kempe, Hines, T. Stewart, Thaw, Stolze, D. Ward, Roth-Ehrang) C928613Y

Man kann sie kaum noch zählen, die kompletten Aufführungen von Wagners « Ring des Nibelungen », die in den letzten Jahren als Mitschnitte auf CD oder DVD erschienen sind. Wien, Hamburg, Frankfurt, Weimar, Lübeck, Kopenhagen, Amsterdam, Seattle usw. Und jetzt also auch noch Hongkong. Dort hat man vor zwei Jahren einen konzertanten Zyklus gestartet, der nun bis zur « Walküre » gediehen ist und in fortgeschrittenster Aufnahmetechnik bei Naxos publiziert wird. In diesem Jahr kommt « Siegfried » heraus, Ende Dezember 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Wer braucht das?, möchte man angesichts des Überangebots fragen. Denn sieht man einmal vom Reiz des exotischen Orchesters ab, findet man auf dem Besetzungszettel durchweg Namen von Künstlern, die schon in früheren Live-Aufnahmen zu erleben sind. Einzige Ausnahme: Matthias Goerne, der bei dieser Gelegenheit sein Wotan-Debüt gibt.

Seine Leistung ist in vokaler wie gestalterischer Hinsicht beachtlich und macht neugierig auf die weitere Entwicklung des Sängers in diesem Fach, auch wenn er kein echter Heldenbariton ist (und wahrscheinlich auch nicht werden wird). Doch die deklamatorische Prägnanz in den Dialogen mit Fricka und Brünnhilde und das vollmundige Legato bei Wotans Abschied lassen auch beim verwöhnten Hörer kaum Wünsche offen. Ihm ebenbürtig an mustergültiger Diktion und liedhafter Phrasierung ist der australische Tenor Stuart Skelton als Siegmund. Das ist Wagner-Belcanto pur, wie man ihn heute nur noch selten erlebt. Falk Struckmann, der Wotan im Hamburger « Ring », hat jetzt den Hunding übernommen, ohne deshalb ein Bassist geworden zu sein. Ihm fehlen die dunklen Farben, die man von Gottlob Frick oder Kurt Moll im Ohr hat, aber dank scharfer sprachlicher Profilierung bringt er die sinistren Seiten der Figur deutlich heraus.

Mit den weiblichen Protagonisten kann ich mich weniger anfreunden. Heidi Melton nimmt mit schöner Mittellage für sich ein, neigt in der Höhe aber schnell zum Kreischen—mit einiger Skepsis sehe ich ihrer Brünnhilde im demnächst folgenden « Siegfried » entgegen. Die wird hier von Petra Lang mit einer immer noch jugendlich klingenden Stimme gestaltet, die freilich in den exponierten Lagen aus dem Fokus gerät, mit einer Tendenz zum leicht heulenden Portamentieren. Michelle De Young reduziert die Fricka auf den keifenden Ehedrachen: dadurch geht die argumentative Kraft ihrer Auseinandersetzung mit Wotan verloren.

Im « Rheingold » war Goerne der einzige deutsche Sänger im Ensemble, und man muss anerkennen, in welchem Maße auch die anderen um eine präzise Artikulation des Textes bemüht waren, auch wenn sie ihren jeweiligen Akzent nicht leugnen konnten. Loge, Alberich und die beiden Riesen bieten ansprechende, wenn auch nicht sonderlich profilierte Leistungen, das restliche Ensemble hält gutes Stadttheaterniveau. Das chinesische Orchester ist von seinem holländischen Chefdirigenten Jaap van Zweden gut auf Wagner eingeschworen worden. Van Zweden dröselt die Partitur gleichsam auf, nimmt das Orchester oft zurück, um die Sänger plastischer hervortreten zu lassen. Über weite Strecken erlebt man ein Kammerspiel. Das ist wohlgetan und ganz in Wagners Sinne. Die breiten Tempi—der « Vorabend » dauert eine halbe Stunde länger als bei Clemens Krauss und Karl Böhm—werden allerdings nicht durch innere Spannung ausgefüllt, die orchestralen Höhepunkte stehen etwas isoliert da, dem Ganzen fehlt der große epische Atem.

Gleichzeitig mit der « Walküre » aus Hongkong bringt Naxos den schon früher veröffentlichten kompletten Bayreuther « Ring » von 2008 zu einem relativ günstigen Preis erneut auf den Markt. Die Kassette ist in erster Linie ein Dokument des Kultes um den Wagner-Dirigenten Christian Thielemann, der sich hiermit gleichsam selbst Konkurrenz macht, denn seit Jahren ist auch sein Wiener « Ring » von 2011 (Deutsche Grammophon) im Handel. « Auf dem Siegertreppchen » verortet der für alle Teile der Tetralogie identische Booklet-Text den Maestro und prophezeit dem Mitschnitt, dass er nicht nur in die Bayreuther Annalen, sondern auch in die Schallplattengeschichte eingehen werde. Letzteres darf mit Fug bezweifelt werden. Unbestritten ist Thielemanns intime Kennerschaft der Partitur, Geschmackssache bleiben seine in breiten Tempi sich auslebenden Klangvorstellungen, die gewollt eine Gegenposition einnehmen zu den eher analytischen Interpretationen der jüngeren Vergangenheit von Boulez bis Petrenko. Auf vokaler Ebene sind aber kaum denkwürdige Leistungen zu registrieren.

Um die völlig verloren gegangenen Maßstäbe des Wagner-Gesangs in Bayreuth und anderswo wieder zurechtzurücken, kommt der bei Orfeo erstmals publizierte « Ring » von 1961 unter Rudolf Kempe gerade recht. Im homogenen Ensemble finden sich einige Sänger, die mit ihren RollenporRollenporträts eine ganze Epoche geprägt haben. Dazu zählen an erster Stelle Birgit Nilsson als Brünnhilde und Gottlob Frick als Hunding und Hagen. Die Nilsson übernimmt ihre Glanzrolle hier von Astrid Varnay, die im Bayreuth der fünfziger Jahre gleichsam ein Monopol darauf hatte und hier in der « Walküre » noch einmal ihre Klasse zeigen kann. Régine Crespin, später Karajans Brünnhilde, ist eine leuchtkräftige, sinnliche Sieglinde, Regina Resnik eine imponierende Fricka. Loge wurde nie charakterschärfer gezeichnet als von Gerhard Stolze, und Otakar Kraus ist als Alberich ein ernsthafter Gegenspieler von Wotan. Den verkörpern hier die Bayreuth-Debütanten Jerome Hines und James Milligan (« Siegfried »), beide mit großer vokaler Autorität und Gespür für die Finessen von Wagners Deutsch. Der 33-jährige Kanadier Milligan stand am Beginn einer Weltkarriere, erlag aber nur wenige Monate nach diesem Auftritt während einer Probe in Basel einem Herzinfarkt. Thomas Stewart lässt als Donner und Gunther schon erkennen, dass er sich zum führenden Wotan seiner Generation entwickeln wird. Die glücklosen Helden sind hinsichtlich der Stimmfarbe eher ungewöhnlich besetzt. Fritz Uhl gibt mit heller schneidender Loge-Stimme den Siegmund, der sehr baritonal klingende Hans Hopf den Siegfried als gestandenes Mannsbild, nicht als naiven Jüngling. Rudolf Kempe baut in Bayreuth auf seinen Londoner « Ring »-Erfahrungen auf, schafft bei einem schlanken Gesamtklang einen ruhigen Erzählfluss, aus dem sich die dramatischen Höhepunkte organisch entwickeln. © 2017 Opernwelt (Germany)





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