Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

 
Keyword Search
 
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

Ludwig Steinbach
Der Opernfreund, November 2019

Dieses Jahr jährte sich der Geburtstag von Wolfgang Wagner zum hundertsten Mal. Dies ist ein trefflicher Anlass, die Aufnahme seines Bayreuther Rings von 1961 zu besprechen. Diese vor einiger Zeit bei dem Label ORFEO erschienene, 13 CDs umfassende Einspielung stellt einen beachtlichen Beitrag zur Diskographie von Wagners Tetralogie dar. Am Pult stand damals Rudolf Kempe, einer der besten Dirigenten seiner Zeit, was auch hier hörbar wird. Mit Kempe hatte eine neue Generation von Dirigenten auf dem Grünen Hügel Einzug gehalten, deren Herangehensweise an den Ring-Zyklus sich von den Deutungen namhafter Vorgänger deutlich unterschied. Kempe setzt bei seiner Interpretation nicht auf Pathos, sondern wartet mit einem entschlackten, an Schubert angelehnten Wagner-Klang auf, der sich obendrein durch vielfältige Nuancierungen und ein Höchstmaß an Transparenz auszeichnet. Dramatische Ausbrüche werden indes nicht vernachlässigt, insbesondere in der Götterdämmerung schöpft Kempe diesbezüglich aus dem Vollen. Auch um großangelegte Spannungsbögen und eine reiche Palette an spezifischen Coleurs ist er nicht verlegen. Die Sänger/innen werden an keiner Stelle zugedeckt. Das prächtig disponierte Orchester der Bayreuther Festspiele ist ihm ein kongenialer Partner. Insgesamt haben wir es hier mit einer intensiven, differenzierten musikalischen Wiedergabe des Werkes zu tun, die gut gefällt.

Auch die gesanglichen Leistungen bewegen sich fast durchweg auf hohem Niveau. Jerome Hines singt im Rheingold und in der Walküre den Wotan. Und das auf sehr beachtliche Art und Weise. Hier haben wir es mit einem echten, wunderbar italienisch geschulten Bass mit solider Höhe zu tun, der die verschiedenen Facetten des Göttervaters aufs Beste auslotet. Die großen dramatischen Ausbrüche gelingen ihm ebenso eindringlich wie die leisen emotionalen Phrasen. Dazu kommt eine gute Textverständlichkeit. Schade, dass er in der Walküre die Stelle Ha, Freche du! zu früh singt und die Passage Fällen sollst du Siegmund damit unterschlägt. Ein tadelloser, robust singender Wanderer ist der junge, viel zu früh verstorbene James Milligan. Mit äußerst kräftigem Sopran, der ein Höchstmaß an Dramatik aufweist, stattet Astrid Varnay die Brünnhilde in der Walküre aus. Indes singt sie stark durch die Nase, was nicht sein sollte. Da vermag die mit frischer Leuchtkraft und exzellenter Höhe die Brünnhilde in Siegfried und Götterdämmerung singende Birgit Nilsson schon etwas besser zu gefallen. Indes ist ihre Tongebung nicht im Körper verankert, sondern recht maskig. Und das stellt ebenfalls ein beachtliches Manko dar. Eine absolute Glanzleistung erbringt Hans Hopf als Siegfried. Hier handelt es sich um einen echten Heldentenor der alten Schule. Die baritonale Strahlkraft, die unangestrengte, phantastische Höhe und die ebenmäßige Linienführung seines prachtvollen Tenors samt der vorbildlichen Diktion begeistern sowohl in Siegfried als auch in Götterdämmerung. Hervorragend schneidet Fritz Uhl ab, der mit hellem, markantem und bestens fokussiertem Tenor einen vorzüglichen Siegmund gibt. Neben ihm ist Regine Créspin eine mit intensivem, farbenreichem jugendlich-dramatischem Sopran aufwartende Sieglinde. Sie singt auch ein gefällige Dritte Norn. Mit hellem, markantem Heldenbariton und sicheren Spitzentönen bringt Otakar Kraus die ganze Gefährlichkeit Alberichs trefflich zum Ausdruck. Als Hagen und Hunding ist Gottlob Frick zu hören, der mit seinem gut fokussierten, ebenmäßig geführten, sonoren und differenziert eingesetzten schwarzen Jahrhundert-Bass sowie hoher Ausdrucksstärke die ganze Boshaftigkeit seiner Rollen hervorragend auslotet. Etwas tiefgründiger als man es von Vertretern des Mime in dieser Zeit gewohnt ist, gibt Herold Kraus den Mime. Indes wartet er manchmal mit einem variablen Stimmsitz auf. Gerhard Stolze stattet den Loge mit einem soliden Tenor und einer eindringlichen Textbehandlung aus. In den Rollen von Donner und Gunther gefällt der kräftige Heldenbariton von Thomas Stewart. Lediglich eine mittelmäßige Leistung erbringt Wilma Schmidt als Gutrune und Freia. Eine etwas bessere italienische Technik wäre schön gewesen. Über eine solche verfügt die Waltrautes Erzählung sehr emotional und getragen vortragende Grace Hoffmann im Übermaß. Auch für die zweite Norn ist sie eine erstklassige Besetzung. Eine ebenfalls gefühlvoll und recht getragen singende Erste Norn stellt Elisabeth Schärtel dar, die auch als Floßhilde gefällt. Eine profunde Altstimme bringt Marga Höffgen für die Erda mit. Die Fricka von Regina Resnik ist als Mezzo besser eingesetzt als im Sopranfach, in dem sie zu Beginn ihrer Karriere tätig war. David Ward bringt Fasolts große Liebe zu Freia mit hellem, solide geführtem Bass gut zum Ausdruck. Enorme Bassgewalt zeichnet Peter Roth-Ehrang in der Rolle des Fafner aus. Ein sehr dünn singender Froh ist David Thaw. Eine solide Leistung erbringt Ingeborg Felderer in den Partien von Woglinde und Waldvogel. Ordentlich entledigt sich Elisabeth Steiners Wellgunde ihrer Aufgabe. Das Ensemble der kleinen Walküren besteht aus Gertraud Hopf, Wilma Schmidt, Elisabeth Schärtel, Lilo Brockhaus, Ingeborg Felderer, Grace Hoffmann, Elisabeth Steiner und Ruth Hesse. Mächtig trumpft in der Götterdämmerung der von Wilhelm Pitz grandios einstudierte Chor der Bayreuther Festspiele auf. © 2019 Der Opernfreund



RĂ¼diger Winter
Opera Lounge, August 2018

Noch ein Ring aus Bayreuth gefällig? Der wievielte eigentlich? Ich habe sie nicht gezählt. Schon auf die Gefahr hin, am Ende einen vergessen zu haben. Nach Keilberth, Knappertsbusch, Krauss, Böhm, Boulez, Barenboim, Thielemann nun auch Rudolf Kempe. Seit er für die EMI einen Querschnitt durch das Rheingold mit angepassten Überleitungen zwischen den einzelnen Szenen (1959), die Meistersinger-Gesamtaufnahmen (1951 in Dresden und 1956 EMI) und einen kompletten Lohengrin (1963 EMI), dem 1951 die Münchener Rundfunkproduktion bei BASF vorausgegangen war, vorgelegt hatte, war sein Name mit Wagner unauflöslich verbunden. Insofern war es nur logisch, dass er auch nach Bayreuth gerufen wurde. Dort dirigierte er den Ring des Nibelungen zwischen 1960 und 1963. Bei Orfeo ist der Mitschnitt von 1961 herausgekommen (C 928 613 Y). In Mono, dafür aber wie immer sorgfältig aufgefrischt. Seinen hohen Ansprüchen an den Klang bleibt das Label auch mit dieser Edition treu. Aus den Lautsprechern soll möglichst viel von dem herüber kommen, was das Publikum einst im Festspielhaus gehört hat. Alle in der Reihe erschienen Aufnahmen dokumentieren also nicht nur Sänger, Orchester und Dirigenten—sie dokumentieren auch die Akustik, die Atmosphäre, die Stimmung einschließlich aller möglichen Bühnengeräusche und Befindlichkeiten der Atemwege des Parketts, die sich in befreiendem Husten äußern. Als würde Luft in Gläsern konserviert. So etwas grenzt an Wunder. Erneut gelingt das Unmögliche. Auf CD kommen auch diesmal die jeweiligen Vorstellungen. Nachträglich wird nicht herumgeschnippelt, um aus verschiedenen Bändern eine astreines Produkt zusammenzubasteln. Beifall darf auch sein, weil der damals in Bayreuth meist zustimmend gewesen ist. Vorstellungen endeten nicht in einem Buh-Orkan, der sich in der Regel gegen die Regie richtet. LIVE ist im Logo der Bayreuther Festspielserie von Orfeo nicht ganz zufällig in Gold, Versalien und in herausragender Schriftgröße verankert. Live bedeutet Programm, Versprechen und Anspruch. Live ist, was wirklich geschah. © 2018 Opera Lounge




Alain Steffen
Pizzicato, April 2017

In meinem CD-Archiv stehen über 30 Gesamtaufnahmen von Wagners ‘Ring des Nibelungen’, angefangen mit den legendären Schellack-Aufnahmen von 1920 – 1924 und dem berühmten ‘Potted Ring von HMV aus den Jahren 1927–32 (beide natürlich stark gekürzt), über die drei legendären Einsopielungen von Böhm, Solti und Karajan, den überschätzten Boulez-Ring mit einer grauenhaften Gwyneth Jones als Brünnhilde bis hin zum Ring-Schlusslicht, nämlich der maßlos enttäuschenden Wiener Aufnahme von Christian Thielemann. Dank Orfeo werden in regelmäßigen Abständen wichtige Rundfunkübertragungen der Bayreuther Festspiele in einem neuen Mastering wieder auf den Markt gebracht. Viele dieser Dokumente waren bei italienischen oder amerikanischen Firmen schon seit vielen Jahren erhältlich, allerdings meistens in klanglich bescheidenen Fassungen.

Nach den Ring-Aufnahmen mit Krauss (1953) und Knappertsbusch (1956) veröffentlicht nun Orfeo eine dritte Live-Aufnahme, und zwar diesmal aus dem Jahre 1961. In diesem Jahr (wie auch schon 1960) dirigierte Rudolf Kempe Wagners Tetralogie auf dem Grünen Hügel. Und man muss sagen, dass dieser Ring zweifelsohne zu fünf besten Gesamtaufnahmen gezählt werden muss, die auf dem Markt erhältlich sind. Vor allem ist Kempes feuriges Dirigat hervorzuheben, das dem betulichen Pathos eines Knappertsbusch diametral gegenübersteht und durch das ein neuer Wagner-Dirigierstil, ähnlich wie bei Solti und Böhm, eingeleitet wurde.

Kempe setzt mehr auf spannendes Musizieren, auf Transparenz und Dynamik, er spornt seine Sänger permanent zu Höchstleistung an. Und im direkten Vergleich mit Böhm, Solti und Karajan hat Kempe auch die besseren Sänger, resp. die selben Sänger in besserer Verfassung zur Verfügung. An erster Stelle muss man Birgit Nilsson (Brünnhilde) und Hans Hopf (Siegfried) nennen, die ohne Durchhänger diese beiden schwierigen Partien mit viel Stilgefühl und einer atemberaubenden Leichtigkeit bewältigen. Die Walküren-Brünnhilde wird von Astrid Varnay gesungen, auch hier muss man feststellen, dass dies eine der besten Aufnahmen dieser Partie von dieser Sängerin ist. Jérôme Hines und James Milligan als Wotan und Wanderer sind würdige Erben des legendären Hans Hotter. Hines besticht mit einer enorm warmen und Ehrfurcht gebietenden Stimme, während der am Anfang einer vielversprechenden Karriere stehender Milligan einen virtuosen und gewaltigen Wanderer gibt. Leider ist Milligan vier Monate nach seinem Bayreuther Debut durch einen plötzlichen Herzstillstand gestorben. Gerhard Stolze singt eine der besten, wenn nicht die beste Loge-Darstellung der Schallplattengeschichte und übertrifft hier seine schon phänomenale Interpretation bei Karajan. Der immer noch unterschätzte Fritz Uhl ist ein beeindruckender Siegmund, während Régine Crespin ihm als Sieglinde in nichts nachsteht. Otakar Kraus beeindruckt als Belcanto- Alberich, während sein ‘Bruder’ Herold Kraus keine Mühe hat, im ‘Siegfried’ dem stimmgewaltigen Hans Hopf Paroli zu bieten. Die beiden dunkel-dämonischen Figuren Hunding und Hagen finden in Gottlob Frick einen idealen Interpreten. Der Rest der Besetzung liest sich wie ein who’s who: Regina Resnik (Fricka), Grace Hoffmann (Waltraute und 2. Norn), Marga Höffgen (Erda), Thomas Stewart (Donner und Gunther), sowie David Thaw (Froh), Wilma Schmidt (Freia und Gutrune), Peter Roth-Ehrang (Fafner) und David Ward (Fasolt). Für mich persönlich ist dieser Kempe-Ring zu einem ganz besonderen Liebling geworden, und liegt jedenfalls weit vor Karajan, Solti und Janowski. © 2017 Pizzicato



Ekkehard Pluta
Opernwelt (Germany), February 2017

WAGNER, R.: Rheingold (Das) [Opera] (Goerne, DeYoung, Begley, Sidhom, Cangelosi, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660374-75
WAGNER, R.: Walküre (Die) (Goerne, DeYoung, Skelton, Melton, P. Lang, Struckmann, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660394-97
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival 2008, Thielemann) OACD9000BD
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival Chorus and Orchestra, Kempe, Hines, T. Stewart, Thaw, Stolze, D. Ward, Roth-Ehrang) C928613Y

Man kann sie kaum noch zählen, die kompletten Aufführungen von Wagners « Ring des Nibelungen », die in den letzten Jahren als Mitschnitte auf CD oder DVD erschienen sind. Wien, Hamburg, Frankfurt, Weimar, Lübeck, Kopenhagen, Amsterdam, Seattle usw. Und jetzt also auch noch Hongkong. Dort hat man vor zwei Jahren einen konzertanten Zyklus gestartet, der nun bis zur « Walküre » gediehen ist und in fortgeschrittenster Aufnahmetechnik bei Naxos publiziert wird. In diesem Jahr kommt « Siegfried » heraus, Ende Dezember 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Wer braucht das?, möchte man angesichts des Überangebots fragen. Denn sieht man einmal vom Reiz des exotischen Orchesters ab, findet man auf dem Besetzungszettel durchweg Namen von Künstlern, die schon in früheren Live-Aufnahmen zu erleben sind. Einzige Ausnahme: Matthias Goerne, der bei dieser Gelegenheit sein Wotan-Debüt gibt.

Seine Leistung ist in vokaler wie gestalterischer Hinsicht beachtlich und macht neugierig auf die weitere Entwicklung des Sängers in diesem Fach, auch wenn er kein echter Heldenbariton ist (und wahrscheinlich auch nicht werden wird). Doch die deklamatorische Prägnanz in den Dialogen mit Fricka und Brünnhilde und das vollmundige Legato bei Wotans Abschied lassen auch beim verwöhnten Hörer kaum Wünsche offen. Ihm ebenbürtig an mustergültiger Diktion und liedhafter Phrasierung ist der australische Tenor Stuart Skelton als Siegmund. Das ist Wagner-Belcanto pur, wie man ihn heute nur noch selten erlebt. Falk Struckmann, der Wotan im Hamburger « Ring », hat jetzt den Hunding übernommen, ohne deshalb ein Bassist geworden zu sein. Ihm fehlen die dunklen Farben, die man von Gottlob Frick oder Kurt Moll im Ohr hat, aber dank scharfer sprachlicher Profilierung bringt er die sinistren Seiten der Figur deutlich heraus.

Mit den weiblichen Protagonisten kann ich mich weniger anfreunden. Heidi Melton nimmt mit schöner Mittellage für sich ein, neigt in der Höhe aber schnell zum Kreischen—mit einiger Skepsis sehe ich ihrer Brünnhilde im demnächst folgenden « Siegfried » entgegen. Die wird hier von Petra Lang mit einer immer noch jugendlich klingenden Stimme gestaltet, die freilich in den exponierten Lagen aus dem Fokus gerät, mit einer Tendenz zum leicht heulenden Portamentieren. Michelle De Young reduziert die Fricka auf den keifenden Ehedrachen: dadurch geht die argumentative Kraft ihrer Auseinandersetzung mit Wotan verloren.

Im « Rheingold » war Goerne der einzige deutsche Sänger im Ensemble, und man muss anerkennen, in welchem Maße auch die anderen um eine präzise Artikulation des Textes bemüht waren, auch wenn sie ihren jeweiligen Akzent nicht leugnen konnten. Loge, Alberich und die beiden Riesen bieten ansprechende, wenn auch nicht sonderlich profilierte Leistungen, das restliche Ensemble hält gutes Stadttheaterniveau. Das chinesische Orchester ist von seinem holländischen Chefdirigenten Jaap van Zweden gut auf Wagner eingeschworen worden. Van Zweden dröselt die Partitur gleichsam auf, nimmt das Orchester oft zurück, um die Sänger plastischer hervortreten zu lassen. Über weite Strecken erlebt man ein Kammerspiel. Das ist wohlgetan und ganz in Wagners Sinne. Die breiten Tempi—der « Vorabend » dauert eine halbe Stunde länger als bei Clemens Krauss und Karl Böhm—werden allerdings nicht durch innere Spannung ausgefüllt, die orchestralen Höhepunkte stehen etwas isoliert da, dem Ganzen fehlt der große epische Atem.

Gleichzeitig mit der « Walküre » aus Hongkong bringt Naxos den schon früher veröffentlichten kompletten Bayreuther « Ring » von 2008 zu einem relativ günstigen Preis erneut auf den Markt. Die Kassette ist in erster Linie ein Dokument des Kultes um den Wagner-Dirigenten Christian Thielemann, der sich hiermit gleichsam selbst Konkurrenz macht, denn seit Jahren ist auch sein Wiener « Ring » von 2011 (Deutsche Grammophon) im Handel. « Auf dem Siegertreppchen » verortet der für alle Teile der Tetralogie identische Booklet-Text den Maestro und prophezeit dem Mitschnitt, dass er nicht nur in die Bayreuther Annalen, sondern auch in die Schallplattengeschichte eingehen werde. Letzteres darf mit Fug bezweifelt werden. Unbestritten ist Thielemanns intime Kennerschaft der Partitur, Geschmackssache bleiben seine in breiten Tempi sich auslebenden Klangvorstellungen, die gewollt eine Gegenposition einnehmen zu den eher analytischen Interpretationen der jüngeren Vergangenheit von Boulez bis Petrenko. Auf vokaler Ebene sind aber kaum denkwürdige Leistungen zu registrieren.

Um die völlig verloren gegangenen Maßstäbe des Wagner-Gesangs in Bayreuth und anderswo wieder zurechtzurücken, kommt der bei Orfeo erstmals publizierte « Ring » von 1961 unter Rudolf Kempe gerade recht. Im homogenen Ensemble finden sich einige Sänger, die mit ihren RollenporRollenporträts eine ganze Epoche geprägt haben. Dazu zählen an erster Stelle Birgit Nilsson als Brünnhilde und Gottlob Frick als Hunding und Hagen. Die Nilsson übernimmt ihre Glanzrolle hier von Astrid Varnay, die im Bayreuth der fünfziger Jahre gleichsam ein Monopol darauf hatte und hier in der « Walküre » noch einmal ihre Klasse zeigen kann. Régine Crespin, später Karajans Brünnhilde, ist eine leuchtkräftige, sinnliche Sieglinde, Regina Resnik eine imponierende Fricka. Loge wurde nie charakterschärfer gezeichnet als von Gerhard Stolze, und Otakar Kraus ist als Alberich ein ernsthafter Gegenspieler von Wotan. Den verkörpern hier die Bayreuth-Debütanten Jerome Hines und James Milligan (« Siegfried »), beide mit großer vokaler Autorität und Gespür für die Finessen von Wagners Deutsch. Der 33-jährige Kanadier Milligan stand am Beginn einer Weltkarriere, erlag aber nur wenige Monate nach diesem Auftritt während einer Probe in Basel einem Herzinfarkt. Thomas Stewart lässt als Donner und Gunther schon erkennen, dass er sich zum führenden Wotan seiner Generation entwickeln wird. Die glücklosen Helden sind hinsichtlich der Stimmfarbe eher ungewöhnlich besetzt. Fritz Uhl gibt mit heller schneidender Loge-Stimme den Siegmund, der sehr baritonal klingende Hans Hopf den Siegfried als gestandenes Mannsbild, nicht als naiven Jüngling. Rudolf Kempe baut in Bayreuth auf seinen Londoner « Ring »-Erfahrungen auf, schafft bei einem schlanken Gesamtklang einen ruhigen Erzählfluss, aus dem sich die dramatischen Höhepunkte organisch entwickeln. © 2017 Opernwelt (Germany)





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group