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Renate Wagner
Online Merker, April 2017

Es gibt DVDs, nach denen greift man um der Werke willen—und bekommt dann noch eine überraschende Draufgabe. Im Fall der Rossini’schen „Semiramide“ aus Antwerpen noch eine Inszenierung, die es schafft, das heutige „Regietheater“ so weit zu treiben, dass man absolut nichts damit anfangen kann—und man nur die Sänger bewundert, die es auf sich nehmen, ein solches „Konzept“ zu realisieren…

Das Werk zuerst: einer der dramatischen Rossinis im „Große Oper“-Duktus, die ja die längste Zeit auf unseren Bühnen vernachlässigt wurden, weil Donizetti das Feld bestellte. Schon bevor die Bayerische Staatsoper ihre einigermaßen abstrakte Inszenierung von David Alden heraus brachte, die fest auf der Souveränität der Joyce DiDonato ruhte, kam die „Semiramide“ bei  der Vlaamse Opera (die in Antwerpen und Gent spielt, die Premiere war am 12. Dezember 2010 in Antwerpen) heraus. Ungekürzt—nun auf den zwei  DVDs kommen zwei Minuten weniger als vier Stunden dabei heraus.

Der „ernste“ Rossini, den die Opernhäuser ja jahrzehntelang Pesaro überlassen haben, wird unterschätzt. 1823 uraufgeführt, nach einem Stück von Voltaire entstanden, ist unter „Semiramide“ die babylonische Königin gemeint (die wir in unserer Welt nie auf der Bühne sehen werden—es sei denn, die Met nimmt sich vielleicht einmal des Werks an…). Und diese sollte einer der besten Sängerinnen ihrer Zeit—Rossinis Gattin Isabella Colbran  die Möglichkeit geben, alles zu zeigen, was sie stimmlich konnte, nämlich ausgereiften virtuosen Koloraturgesang und die Konturierung eines wirklich dramatischen Schicksals mit Hilfe des Gesangs.

Denn Semiramide, die hier nicht mehr ganz jung ist, hat 15 Jahre davor ihren Gatten ermordet. Wenn sie nun einen Nachfolger ernennen soll, weiß sie nicht, dass der junge Arsace, den sie dafür ins Auge fasst, ihr eigener Sohn ist, den sie tot wähnte. Die Geschichte nimmt hoch dramatische Wendungen, in denen der Komplize der Königin, Assur, eine große Rolle spielt. Das Ende—als Arsace irrtümlich die Mutter anstelle von Assur tötet—ist so tragisch, wie eine Opera seria nur sein kann.

Und für die musikalische Umstezung hatte man nun mit dem damals schon greisen Alberto Zedda eine lebende Legende am Pult—er ist seither verstorben, und nach seinem Tod 6. März 2017 im Alter von 89 Jahren huldigte die Presse ihm als führenden Rossini-Experten, -Forscher und –Dirigenten unserer Zeit. Tatsächlich wird diese „Semiramide“ als eine von Zeddas letzten Arbeiten ihren besonderen Rang einnehmen. Wie er ohne billige Effekte die Dramatik und Tragik des Geschehens aus der Musik holt, wie die Musik „läuft“ und klingt, sich ballt und schwingt, das ist Rossini vom Feinsten.

Und hier ist der Ort, auch gleich die Sänger zu loben—die Griechin Myrto Papatanasiu mit effektvoller Blondhaarperücke, gertenschlank, ist mit ebenso schlanker Stimme (ein schwer zu fassendes Zwichenfach zwischen Sopran und Mezzo) eine interessante, souveräne Interpretin der Titelpartie, wobei noch nicht von der Inszenierung die Rede sein soll. Gemeinsam mit Ann Hallenberg, einer Expertin für alte Musik, die ihren Sohn Arsace mit wunderschönem Mezzo singt, erreichen sie vor allem in den Duetten wunderbare Wirkung. Der Österreicher Josef Wagner (scheußlich gewandet) ist der sonore Assur, Robert McPherson lässt als Idreno hören, dass Rossini auch Männern allerlei verrückte Verzierungen in die Kehle legt, die Nebenrollen halten alle das Niveau. Wäre es „nur“ eine CD, man könnte hier die Kritik hier ohne Einschränkungen beenden.

Aber man interessiert sich ja für Inszenierungen, und da lässt der Brite Nigel Lowery als Allround-Gestalter (Regie / Bühnenbild / Kostüme) einiges sehen, worüber man den Kopf schütteln kann. Warum die blonde Semiramide immer wieder eine Doppelgängerin erhält, bleibt ebenso unklar wie Assurs Bekleidung in ein langärmliges orangenfarbenes T-Shirt, das ihn in keiner Weise definiert. Dass die seltsamen Elemente der Dekoration von dem im Krieg zerbomben Palast Saddam Husseins inspiriert sein sollen, dass muss man gelesen haben, um es zu wissen, und letztendlich bringt es für die Optik des Abends, die hauptsächlich verstört, nichts. Wollte der Regisseur einfach nur eine nach Kriegsfolgen seelisch und faktisch zerstörte Welt zeigen? Man vollzieht es nicht nach: Man liest dankbar die deutschen Untertitel und weiß, wie sehr das, was man sieht, nichts mit dem zu tun hat, was die Sänger da singen und was als Handlung vorgesehen ist…

Aber die Musik, aber Zedda, aber die eindrucksvollen Sänger: Nicht nur Rossini-Fans werden wissen, was sie dennoch an dieser DVD haben. © 2017 Online Merker





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