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Uwe Krusch
Pizzicato, September 2017

DONIZETTI, G.: Rosmonda d’Inghilterra [Opera] (Pratt, Mei, Schmunck, Donizetti Opera Choir and Orchestra, Rolli) CDS7757.02
DONIZETTI, G.: Rosmonda d’Inghilterra [Opera] (Fondazione Donizetti, 2016) (NTSC) DYN-37757
DONIZETTI, G.: Rosmonda d’Inghilterra [Opera] (Fondazione Donizetti, 2016) (Blu-ray, HD) DYN-57757

Die von Gaetano Donizetti für eine Bühne in Florenz auf das Libretto von Felice Romani komponierte Oper, original als ernstes Melodram eingestuft, war die letzte Zusammenarbeit dieser beiden. Das Libretto auf ein Werk von Sir Walter Scott über das wahre Leben einer Mätresse Heinrichs II., die nicht beseitigt wurde, erfüllt nicht die höchsten Ansprüche. Die Musik dagegen überzeugt mit dem italienischem Charme und ausgefeilten Arien für die Solisten.

König Heinrich II. von England (Enrico) kehrt aus dem Krieg gegen Irland zurück, auch um seine Geliebte Rosmonda zu treffen. Seine Frau Leonora (Königin Eleanor) erfährt von dem Pagen Arturo von der heimlichen Mätresse des Königs. Deswegen stellt auch Clifford den König zur Rede. Clifford ahnt nicht, dass es seine Tochter Rosmonda ist. Diese wartet auf die Rückkehr ihres Geliebten ‘Edegardo’, dessen wahre Identität sie nicht kennt. Im Streit mit ihrem Vater erfährt Rosmonda, dass ‘Edegardo’ der König ist. Als dieser selbst erscheint, fällt sie in Ohnmacht. Auch Leonora findet sich mit ihrem Hofstaat ein. Enrico erklärt Leonora als Königin für abgesetzt und ordnet an, sie nach Frankreich zu schicken. Leonora versucht vergeblich, ihn umzustimmen. Clifford befiehlt seiner Tochter die Flucht nach Frankreich, wo er sie mit Arturo verheiraten will. Enrico kann Rosmonda nicht umstimmen. Sie wartet auf Arturo. Doch es erscheint Leonora. Rosmonda beteuert ihre Unschuld und erzählt von der geplanten Flucht. Leonora ist schon geneigt, der Rivalin zu glauben. Doch als Enricos angekündigt wird, ersticht sie Rosmonda und macht Enrico verantwortlich.

Chor und Orchester der ‘Donizetti Opera’ des Festivals von Bergamo lassen die Musik unter der Leitung von Sebastiano Rolli perlen und wogen. Zum Glück tritt der Chor als friedfertiger schwarzer Block auf und bewältigt seine Aufgaben bravourös. Die Sängerriege in dieser Kostümoper im sparsam ausgestatteten und dunklen Bühnenraum beschreitet die Szene eher gemessen, Gefühle werden nicht durch Bewegung gezeigt.

Sängerisch vermögen alle Solisten durchaus zu überzeugen. Jessica Pratt als Rosmonda kann gefühlvoll und intensiv ihre wechselhaften Gefühlswelten darstellen. Eva Mei als Leonora überzeugt mehr mit ihrer Wut auf die Rivalin und ihren Mann als mit den auch angelegten verstehenden Gedanken. Enrico wird von Dario Schmunck entsprechend der Rolle mit königlichem Tenor und nicht mit heldenhaftem Überschwang gesungen.

Die Vater und Lehrerfigur des Clifford findet in Nicola Ulivieri einen Bass, dem man die Vertrauensrolle ohne Zögern abnimmt. Der Page Arturo schließlich ist die Hosenrolle für Raffaella Lupinacci, die sie mit der nötigen Mischung aus rollenbedingter Servilität und auch Chuzpe für die Offenbarung des Verhältnisses gibt.

Bei dieser Aufnahme handelt es sich wohl erst um die zweite verfügbare Gesamtaufnahme dieser im Schatten stehenden Oper. War bei der Uraufführung der erste Akt der beliebtere, so ist doch zu sagen, dass der zweite in dieser Produktion flüssiger erscheint und die Melodien eingängiger wirken. © 2017 Pizzicato



Ekkehard Pluta
Opernwelt (Germany), July 2017

DONIZETTI, G.: Rosmonda d’Inghilterra [Opera] (Fondazione Donizetti, 2016) (NTSC) DYN-37757
DONIZETTI, G.: Lucrezia Borgia [Opera] (Royal Opera House, 1980) (NTSC) OA1237D

Mit seiner «Rosmonda d’Inghilterra » auf ein Libretto von Felice Romani, der die historische Geschichte von Henry II. und seiner Geliebten Rosamund de Clifford sehr frei behandelte, errang Gaetano Donizetti bei der Uraufführung (Florenz, Februar 1834) nicht mehr als einen Achtungserfolg. Noch zu seinen Lebzeiten verschwand das Stück von den Spielplänen. Erst im Zuge der Donizetti-Renaissance tauchte es wieder auf. Eine CD-Produktion des Labels Opera Rara (mit Renée Fleming in der Titelrolle) entstand 1994. Gelsenkirchen wagte zehn Jahre später eine szenische Wiederbelebung, die allerdings folgenlos blieb.

Nun liegt eine Produktion aus Donizettis Heimatstadt Bergamo auf DVD vor, die einer Rekonstruktion der Originalfassung gleichkommt und die bislang geringe Wertschätzung des Werks unverständlich erscheinen lässt. Zwei Monate nach «Lucrezia Borgia» und anderthalb Jahre vor «Lucia di Lammermoor» herausgekommen, ist «Rosmonda» in jeder Beziehung eine Oper der Reifezeit: Die Schablonen des romantischen Melodrams werden aufgebrochen, die Türen zu einem moderneren Verständnis des Musikdramas aufgestoßen.

Zwar versorgt Donizetti die fünf Protagonisten—in der Premiere sangen wie kurz darauf in «Lucia» Fanny Tacchinardi Persiani und Gilbert- Louis Duprez—in Fülle mit eingängigen Kantilenen und attraktiven Bravourstücken, aber in den Duetten mit ihren ständigen Peripetien findet spannendes Theater statt. Dass er am Ende (nachdem die Gattin ihre Nebenbuhlerin ermordet hat) auf die große Finalarie verzichtete, das Stück stattdessen mit einem stillen Tableau beschloss, nahmen Publikum und Kritik dem Komponisten sehr übel.

In Bergamo erfuhr «Rosmonda» im vergangenen Herbst eine musikalisch wie szenisch gleichermaßen packende Wiederbelebung. Sebastiano Rolli und das Orchester der Donizetti Opera begeistern schon in der detailgenauen, musikantisch spritzigen Ouvertüre und setzen im Folgenden markante dramatische Akzente. Die Inszenierung der Schauspielerin Paola Rota konzentriert sich auf das Wesentliche: eine differenzierte Personenführung bei sparsamer Bewegung in einem auf Reduktion und Abstraktion setzenden Bühnenraum (Nicolas Bovey). Dieses Konzept trägt vor allem in dem großen Ehekriegs-Duett zwischen Enrico und Leonora im zweiten Akt Früchte, in dem Dario Schmunck und Eva Mei auch sängerisch zu großer Form finden. Jessica Pratt bleibt als Rosmonda blasser und wirkt stimmlich mit schneidenden Spitzentönen etwas kühl («freddina, freddina» empfand Donizetti seinerzeit schon die Tacchinardi). Der Bass Nicola Ulivieri als Rosmondas Vater und die Mezzosopranistin Raffaella Lupinacci in der Hosenrolle des in sie verliebten Pagen Arturo bleiben ihren Partien nichts schuldig.

Es trifft sich gut, dass eine schon legendäre Londoner Aufführung der «Lucrezia Borgia» von 1980 (Regie: John Copley) jetzt auf DVD wiederveröffentlicht wird, die einen Blick ins Opernmuseum erlaubt. Wie es sich für ein Königliches Opernhaus geziemt, ist alles auf Repräsentation ausgerichtet. Das Teuerste ist gerade gut genug. In üppigen Renaissance- Kostümen bewegen sich Pappkameraden über die Bühne. Und auch das Orchester spielt unter Richard Bonynge eher gravitätisch-bedeutungsvoll als dramatisch pulsierend. Zwei epochale Sänger im Spätsommer ihrer Karriere, die allerdings keine begnadeten Darsteller waren und auch hier mehr posieren als spielen, waren wohl die raison d’être dieser Produktion. Joan Sutherland imponiert in der Titelrolle mit vokaler Power und technischem Know-how, ohne als Figur zu berühren. Alfredo Kraus gibt den jugendlichen Heißsporn Gennaro im Habitus eines spanischen Granden, überrumpelt aber mit der ungebrochenen Strahlkraft seines flexiblen Tenors. In der von Donizetti nachkomponierten Arie des zweiten Aktes («T’amo qual s’ama un angelo»), die ihm in der RCA-Aufnahme von 1966 noch vorenthalten wurde, stoppt er regelrecht die Show. Stafford Dean als Alfonso und Anne Howells als Orsini stehen vokal hinter den Stars nicht zurück. © 2017 Opernwelt (Germany)



Rolf Fath
Opera Lounge, May 2017

2016 kam es in Donizettis Geburtstadt Bergamo zur Aufführung von Olivo e Pasquale in Maria Chiara Bertieris Sichtung zeitgenössischer Quellen für eine Version, die Donizetti nach der im Januar 1827 erfolgten Uraufführung am Teatro Valle in Rom für eine im Herbst des gleichen Jahres folgende Aufführung in Neapel erstellte. Unten in der Neustadt fanden im Teatro Donizetti die Aufführungen der Rosmonda d’ Inghilterra statt, die nach konzertanten Voraufführungen im Oktober 2015 in Florenz nun beim Donizetti Festival ihre szenische Abrundung erlebte. Auch sie in einer Fassung, die Alberto Sonzogni nach dem Autograf der Uraufführung 1834 erstellte und nicht in der genehmeren Version, welche Donizetti für eine 1837 geplante Aufführung in Neapel anfertigte, die aus mehreren Gründen nicht stattfand.

Donizettis Rosmonda d’ Inghilterra wurde bei der Uraufführung wohlwollend aufgenommen, fand allerdings kaum Verbreitung und hielt sich nicht mal bis zur Mitte von Donizettis Jahrhundert auf den Spielplänen. Bekannt sind die Opera Rara-Ehrenrettungen von 1975 mit Yvonne Kenny und Ludmilla Andrew sowie zwanzig Jahre später die Aufnahme mit Renée Fleming und Nelly Miricioiu als Rosmonda und Leonora. Allerdings—und das wiederum unterscheidet sie von der Aufführung in Bergamo—mit einem Finale, das Donizetti für eine andere Aufführung vorsah: mit der Schluss-Cabaletta von Rosmondas Konkurrentin Leonora. Nur so macht die Oper nach den Geflogenheiten der Zeit Sinn. Der abrupte und brutale Schluss, so wie er in Bergamo gespielt wurde (25. November),—Leonora ersticht Rosmonda und schleudert ihrem, von ihr abhängigen Gatten Henry II. die Worte „Sono al fine vendicata… trema, Enrico! Io regno ancor“ entgegen—verstört auch heute noch. Kurzes Schweigen. Kann es das gewesen sein? So war es am 26. Februar 1834, als Rosmonda d’ Inghilterra am Teatro La Pergola in Floren in einer glanzvollen Besetzung mit Fanny Tacchinardi Persiani, der ersten Lucia, und Gilbert Duprez, dem ersten Edgardo im folgenden Jahr, erstmals in Szene ging. Die dritte Hauptpartie sang Anna Del Sere, die die Elisabetta in Maria Stuarda kreierte. In der Überarbeitung als Eleonora di Guienna wäre sie die Hauptfigur gewesen. Leonora ist die farbigere Partie. Donizetti hatte sich auch mit dem Gedanken getragen, den Schluss, also die Cabaletta, dem König zu überlassen.

Fair Rosamund oder Rose of the world, passt so ganz in die Epoche, die sich für englische Romantik begeisterte. Sie ist eine Figur zwischen Historie und Legende. Fakt ist, dass Rosamund de Clifford die Geliebte von Henry II. war (1135-89), der mit Eleonore von Aquitanien verheiratet war. Rosamund war blutjung, als sie 1165 den damals 30jährigen König kennenlernte. Die Affäre wurde bis 1174 geheim gehalten. Zwei Jahre später starb Rosamund. Keine andere Geliebte eines englischen Königs hat die Phantasie der Nachwelt derart angeregt. 1829 war am La Fenice Carlo Coccias Rosmonda mit einem Libretto Felice Romanis herausgekommen (auch Otto Nicolai hatte 1839 einen Enrico II. geschrieben, doch Chemnitz hat seine einstige Nicolai-Offensive eingestellt), auf das Donizetti mangels anderer Alternativen von Romani zurückgreifen konnte. Er hat gestrafft und ein bisschen geändert, wollte die Hosenrolle des Arturo entfernen, was er nicht tat, und dachte an eine aria finale für den Tenor. Letztlich kam die Oper so heraus, wie beschrieben.

In dieser Originalfassung kam sie 2016 in Bergamo in einer durchgehend fesselnden Produktion zur Aufführung, die nun 2017 als DVD von Dynamic vorliegt. Am Ende entluden sich zwar Buhrufe über der Regisseurin—viel österreichisches, deutsches Publikum, das offenbar den bemalten Leinwänden nachtrauert—doch die hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Auch nicht die Fondazione Donizetti durch einen überzogenen Ausstattungsetat für nur drei szenische Aufführungen in den Ruin getrieben. Regisseurin Paola Rota und ihr Ausstatter Nicolas Bovey halten das englische Geschehen in einem vagen, heutigen Schwarzdunkel mit einer gruselig heulenden Gewitterszene zu Beginn, doch vor allem durch schlichte, atmosphärisch dichte Raumsituationen mit beweglichen Wandteilen, die unterschiedlich weite und enge Räume schaffen und die Bühne seitlich immer neu begrenzen. Sie schaffen Konzentration und Intimität, lassen dem geradezu psychologisch ausgefeilten ariosen Schlagabtausch den Vorrang. Donizettis Epoche ist in den Gewändern der Herren und den wenigen Möbeln gegenwärtig, während Massimo Cantini Parrini die Primadonnen in grandiose Roben steckte, die völlig die sparsame Ausstattung aufwogen.

Jessica Pratt hatte ich zuerst in Wildbad in Rossinis Otello gehört, seit vielen Jahren wird sie mittlerweile in Italien in Partien wie der Lucia geschätzt und entspricht offenbar genau dem Ideal der Uraufführungssängerin, die übrigens in der Lucia gerne Rosmondas „Perchè non ho del vento?“ anstelle von „Quando rapita in estasi“ einschob. Pratt, eine gute erste Sängerin, wirkt durchgehend etwas kalt, glatt, was Donizetti auch an Tacchinardi Persiani bemängelt, ist aber perfekt im kristallinen Cantabile, den sanft dahingleitenden Skalen und Fiorituren, mit der Donizetti die Unschuld der sanften Rosmonda umhüllte. Was sich aus Silben und Worten machen lässt, wie man den Text mit Singenergie auflädt, zeigte Eva Mei—mir war gar nicht bewusst, dass sie noch so aktiv ist—als Leonora mit einer galligen Attacke, wobei es nicht stört, dass einige Töne harsch und grau und unausgeglichen waren, ein Mangel der sich im Lauf der Aufführung legte. Gerne hätte ich die Schluss-Cabaletta mit ihr gehört. Auch Dario Schmunck, der zu Beginn doch sehr nervös und kehlig eng klang, fand im Lauf des Abends zu einer frei leidenschaftlichen Singemphase und gestaltete den Enrico mit höhensicherem, weich leuchtendem Tenor, wunderbarer Artikulation und guter Atemführung. Beider Duett zu Beginn des zweiten Aktes geriet zur beklemmenden Studie über ein Paar, das seine einstige Liebe begraben hat. Rosmondas Vater Clifford sang Nicola Ulivieri mit der nötigen Basswürde, Raffaella Lupinacci war als Arturo, immerhin hat er im zweiten Akt eine eigene Szene und Arie, zufriedenstellend. Sebastiano Rolli leitete Chor und Orchester der Donizetti Oper mit jenem Wissen und Erfahrung, die nur aus dem intensiven Umgang mit Donizettis ernsten Opern resultiert. Die Saison war damals anlässlich seines 20. Todestages übrigens Gianandrea Gavazzeni gewidmet. © 2017 Opera Lounge





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