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Album Reviews



 
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Ingrid Wanja
Opera Lounge, August 2017

Jedes Mal interessant ist es, festzustellen, wie mehr oder weniger gut es Produktionsteams im Sferisterio von Macerata gelingt, mit den unmöglichen Bühnenmaßen—eine unendliche Breite und eine extrem schmale Tiefe—fertig zu werden. Für Verdis Otello, nach langer Zeit 2016 einmal wieder im Programm, ist es Regisseur und Bühnenbildner Paco Azorín perfekt gelungen, auch wenn die Bühne für das Festival Castell de Peralada entworfen wurde. Nicht nur Videoprojektionen, so von Meer und Himmel, erweisen sich wie gewohnt als hilfreich, stellen allerdings den Video-Direktor vor die heikle Entscheidung, ob ihm die Totale oder das Heranrücken der Solisten an den Videobetrachter wichtiger ist. Dem wird nur ein kurzer Blick auf den brennenden Löwen von Venedig, aber ein längerer auf die sanft vom Wind bewegte Salice gestattet. Allerdings die Shakespeare-Sonette, die beim Wechsel von Akt zu Akt an die hohen Wände geworfen wurden, bleiben ihm vorenthalten. Mit drei verschiebbaren Schrägen wird die Riesenwand weitgehend verdeckt, ihre Beweglichkeit ermöglicht außerdem das Schaffen intimerer Räume wie des Schlafzimmers im letzten Akt.

Verständlich ist die Eifersucht Otellos insofern, als nicht nur Cassio, der zu Beginn schützend den Arm um Desdemona legt, sondern auch Rodrigo und dazu noch sechs höchst attraktive Dämonen im Dienste Jagos einen für ihn herben Kontrast zur eigenen Beleibtheit und dem fortgeschrittenen Alter bilden. Sie beleben die riesige Bühne natürlich ungemein, machen sich aber auch stückentstellend bemerkbar, wenn zum Beispiel im letzten Akt einer der Ihren Desdemona mit dem fazzoletto zu erdrosseln versucht, ehe Otello sie mit dem Kopfkissen erstickt. Ihr ständiges Umlauern der Solisten, ihr Eingreifen in die Handlung, ihre tänzerischen und akrobatischen Bewegungen beleben sie Bühne und erzeugen eine so bedrückende wie verführerische Atmosphäre. Kostümbildnerin Ana Garay, phatasievoll in der Kostümierung Otellos, hat zudem die allgemeine Düsternis noch durch die schwarzen Kostüme und die Masken des Chors im dritten Akt zu unterstreichen vermocht. Dieser, der seit Jahren bewährte Coro Lirico Marchigiano „Vincenzo Bellini“, klingt unter Gian Luca Paolucci gewaltig, während die Voci Bianche doch akustisch recht schüchtern bleiben. Das Orchestra Regionale delle Marche unter Riccardo Frizza ist eher zurückhaltend, als dominierend gestaltend, worüber die Sänger nicht böse gewesen sein werden.

Stuart Neill hatte man zu Beginn seiner Laufbahn eher in Richtung Rossini-Otello marschieren sehen, für den Verdis hat er eine inzwischen dramatisch gewordene Stimme, die durch und durch tenoral ist, ohne das baritonale Fundament, das man von anderen Otellos kennt. Darstellerisch ist er ein Totalausfall, was bei dieser Partie natürlich besonders schmerzlich ist, und auch sein Gesang ist recht eintönig, abgesehen von der Klage im 3. Akt und einem durch Mark und Bein gehenden „Oh gioia“. Eine sehr anrührende, vokal noch sehr lyrische Desdemona ist Jessica Nuccio, deren Sopran jung und frisch klingt, in der Höhe aufblühen kann und im Forte mit weniger Vibrato auskommen könnte. Sie phrasiert sehr schön und weiß ein heikles Stück wie „A terra“ geschickt aus dem Piano heraus zu entwickeln und zu diesem zurückzuführen. Ein erfahrener Jago ist Roberto Frontali mit kraftvollem Credo, das in eine furchterregend grelle Lache mündet, und mit fein nuancierender Traumerzählung. Eine Luxusbesetzung ist der Cassio von Davide Giusti mt schönem, lyrischem Tenor. Eine sichere Stütze in den Ensembles gibt die Emilia von Tamta Tarieli ab. Insgesamt zeugt die Produktion davon, dass Macerata ein Festival ist, bei dem man keinerlei Abstriche machen muss, was die künstlerische Qualität der Aufführungen angeht. © 2017 Opera Lounge




Remy Franck
Pizzicato, May 2017

Wenn Jago am Anfang dieser Inszenierung von Verdis ‘Otello’ dem Dirigenten das Zeichen gibt, mit dem Dirigieren anzufangen, setzt der Regisseur Paco Azorin ein Zeichen. Und es steht auch groß auf der Bühne geschrieben: Iago! Iago ist die Hauptfigur dieser Oper, er hält die Fäden in der Hand…Nicht umsonst hatte Verdi daran gedacht, die Oper nicht ‘Otello’, sondern ‘Iago’ zu nennen.

Vom Opernfestival in der Arena der unweit von Ancona im Landesinnern liegenden italienischen Stadt Macerata kommt dieser ‘Otello’. Paco Azorin hat sein großartiges Bühnenbild den riesigen Ausmaßen der Arena angepasst und die Inszenierung mit stummen Rollen angereichert, so z.B. schwarzen Teufelchen, die überall auftauchen, wo Iago sich zeigt. Mit Projektionen bleibt auch das Meer ein ständig präsenter Hintergrund auf der ziemlich dunklen, zur düsteren Handlung passenden Bühne.  Das alles bleibt im Rahmen und wirkt sehr gefällig. Azorin zeigt, dass man eine Oper modern inszenieren kann, ohne Stoff und Musik zu verraten.

Azorins ‘Hauptrolle’ wird von Roberto Frontali gesungen. Sein Credo in ‘Un Dio crudel’ klingt fast wie eine Meditation, sein Intrigieren ist nicht weniger suggestiv. Er singt mit perfekter Diktion, musikalisch zuverlässig und mit einer angenehmen Baritonstimme.

Stuart Neill (Otello) ist ganz der tragische Held, wie sich ihn Verdi vorgestellt haben mag. Die Stimme klingt nicht schlecht, das kernige Timbre passt, und Neill hat auch eine ziemlich sichere Höhe.

Jessica Nuccio ist eine gute Desdemona, die dem fragilen, verletzten Charakter der Figur die richtige Ausdruckskraft gibt, allerdings ohne je auch nur in den Schatten der größten Sängerinnen dieser Rolle zu kommen.

Die Nebenrollen sind korrekt besetzt, und der Chor singt sehr gut.

Riccardo Frizza mischt Drama und Lyrismus in guter Balance und das ‘Orchestra Regionale delle Marche’ setzt sein Dirigat sehr gut um.

Und so haben wir es im Großen und Ganzen mit einer sehr soliden Aufführung von Verdis Oper zu tun, die zeigt, dass man diese Oper auch heute noch zufriedenstellend aufführen kann.

Die Videos unter Karajan und Muti sind wohl immer noch erste Wahl, aber diese ‘Provinz’-Produktion ist im Vergleich mehr als beachtlich. © 2017 Pizzicato





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