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Markus Schwering
Kölner Stadt-Anzeiger, January 2017

Die Anfänge in Köln waren hart: “2001 kam ich von Moskau mit dem Bus nach Köln, mit meinem Koffer—das war alles.” Ohne Klavier in Reichweite konnte die 17- jährige Inga Fiolia für die Zulassungsprüfung an der Musikhochschule kaum üben, aber es klappte dann doch: Der Klavierprofessor Vassily Lobanow, den ihr ihr Moskauer Lehrer empfohlen hatte, nahm sie in seine Klasse auf.

Heute ist die gebürtige Georgierin, die mit sieben Jahren ihr Debütkonzert in Tiflis gegeben hatte (mit Bachs f-Moll-Konzert, davon ist im Internet ein Mitschnitt zu sehen), nicht nur in Köln etabliert. Dort betreibt sie mit ihrer Mutter—die Eltern reisten ihr aus Moskau nach, heute haben die Familienmitglieder einen deutschen Pass—eine eigene Klavierschule für Hochbegabte. Vielmehr ist sie—mit Konzertexamen, einigen Wettbewerbssiegen und einem Auftritt in Rolando Villazons Arte-Sendung “Stars von morgen” im Rücken—auch international gut im Rennen. Sie gab erfolgreiche Konzerte in London und Paris, in Japan und Russland, in Deutschland sowieso, und jetzt steht, beim Label Naxos, die Veröffentlichung ihrer Debüt-CD bevor.

Die enthält eine Reihe von Variationen- Zyklen aus der Feder von Michail Glinka (1804-1857)—über russische und spanische Volksweisen sowie über Melodien der italienischen Belcanto-Oper und auch über ein Thema aus der “Zauberflöte”. Glinka ist hierzulande als Schöpfer der russischen Nationaloper bekannt, kaum als Klavierkomponist. “Ich wusste gar nichts darüber, und es war schwierig, an die Noten zu kommen”, berichtet Fiolia im Gespräch mit dem “Kölner Stadt-Anzeiger”: “Aber als ich die erst mal hatte, konnte ich gar nicht mehr aufhören, die Stücke zu spielen.”

Nur Variationen? Ja, denn Glinka komponierte keine Sonaten. Neben den Variationen pflegte er die kleine Form: Tänze, Mazurken, Nocturnes. Mit ihnen will Fiolia auf einer zweiten und dritten CD weitermachen. Die Genres klingen schon nach Chopin, und sicher ist das elegant-melancholische Idiom des Weltbürgers Glinka, der in Deutschland und Italien genauso zu Hause war wie in Russland, ein Vorläufer von Chopins Musiksprache.

Fiolia aber macht vor allem “das Russische” geltend: “Da ist dieser besondere Ton, diese Emotionalität, da sind die großen Gefühle. Sicher ist da Bellini oder Donizetti drin, aber man hat als Spieler mehr Freiheit, das Rubato einzusetzen.” “Freiheit” hat sie selbstredend auch, insofern sie sich nicht an einer ganzen Phalanx bestehender Aufnahmen zu orientieren braucht: “Das gibt mir die Möglichkeit, kreativ zu sein.” Den etablierten Kanon—“der entsteht durch die Wettbewerbe, wo immer dasselbe gespielt wird”—hält sie eh für viel zu klein.

Rezensenten loben an Fiolias Spiel das “Starke”, “Organische”, die “Konzentration” und die “nicht forcierte Deutlichkeit”. All das wird man ihrer ersten CD auch zugutehalten müssen: Pianistisch tadellos, mit einem schönen cantabile- Anschlag, der es aber auch glitzern und funkeln lässt, stellt sie mit feinem Stilgefühl die richtige Balance zwischen Romantik und Salon her. Ausdruck über mechanischer Perfektion—das ist die Musikalität der illustren russischen Neuhaus-Schule, aus der die Tastengiganten Sjatoslaw Richter und Emil Gilels und eben auch Fiolias Moskauer Lehrer Yuri Levin stammen.

Zurück zu den Ursprüngen: In diesem Sinne plant Inga Fiolia derzeit auch eine CD mit georgischer Klaviermusik des 20. Jahrhunderts—die sie übrigens erst in Köln für sich entdeckte. Im Westen hingegen wurde “klassische” Musik aus Georgien lange nicht als solche wahrgenommen, weil das Land Teil des Sowjetimperiums war.

Das alles hat stark mit Fiolias Biografie zu tun: Sie war zwölf, als der Bürgerkrieg in ihrem Heimatland ausbrach, die Mutter, eine Chemikerin, wegen ihrer jüdischen Herkunft die Stelle verlor und die Familie nach Moskau vertrieben wurde. Dort waren dann freilich—in einem von beiden Seiten aufgeheizten Klima nationalistischer Aggression—Georgier zusehends unbeliebt, und Fiolia erinnert sich, “dass man auf der Straße von der Polizei angehalten wurde, wenn man Georgisch sprach”.

Irgendwie war die Reise nach Deutschland, nach Köln dann eine erneute Flucht aus einer unerträglich gewordenen Situation. Was ist für Inga Fiolia Heimat? “Heimat ist da”, sagt sie, “wo die Familie ist und die Freunde sind; wo man sich wohlfühlt”. Ist diese Heimat jetzt Köln? Irgendwie schon, denn hierhin ist sie, die in Marienburg wohnt und in Poll (“Aber ich kann ja nicht rüberschwimmen”) ihren Übungsraum mit einem eigenen Steinway hat, immer wieder zurückgekommen—auch etwa aus Paris, wo sie mit einem Stipendium ein Aufbaustudium absolvierte: “Hier gefällt mir eigentlich alles”, sagt sie in tadellosem Deutsch: “Ich mag die Menschen hier, die Freundlichkeit und Unkompliziertheit—und die Musikszene, die tollen Konzerte auch mit moderner Musik.”

Zu Georgiern hat sie wenig Kontakt. Aber als neulich ihre Landsmännin, die Geigerin Lisa Batiashvili, in der Philharmonie zu Gast war (die lebt inzwischen in München und hat ebenfalls einen deutschen Pass), da “habe ich es doch sehr genossen, mit ihr Georgisch zu sprechen”. © 2017 Kölner Stadt-Anzeiger





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