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Rolf Fath
Opera Lounge, September 2015

Griechische Mythologie, provenzalisches Mittelalter und ein amerikanischer Traum. Zu einer bemerkenswerten Box hat Opus Arte drei Uraufführungen am Royal Opera House London zusammengeschweißt: The Minotaur von Altmeister Harrison Birtwistle aus dem Jahr 2008, Anna Nicole des 1960 geborenen Mark-Anthony Turnage von 2011 und die 2012 beim Festival in Aix-en-Provence uraufgeführte und im Jahr darauf an Covent Garden gezeigte Oper Written on Skin seines gleichaltrigen Kollegen George Benjamin. Gut und teilweise prominent besetzt, vom Chef des Hauses (The Minotaur und Anna Nicole) wie vom Komponisten dirigiert und von führenden britischen Regisseurinnen und Regisseuren in Szene gesetzt (Stephen Langridge, Richard Jones und Katie Mitchell) besitzen die Aufführungen dieser Ausgabe (mit dreisprachigen Booklets in engl., frz. und dt.) dokumentarischen Wert.

“Der Mond gleicht einem Auge, unfähig zu blinzeln” singt Ariadne, die der Ankunft des griechischen Schiffes entgegenblickt, welches die Unschuldigen bringt, die ihrem Halbbruder, dem Minotaurus, geopfert werden sollen. Über der Beschreibung des Mondes entfaltet sich bei Birtwistles Suche nach der griechischen Mythologie kein straussisch spätromantisches Farbenspiel, sondern dunkle, schwere hämmernde Klangstrukturen mit kleinen melodischen Fäden und drei kurzen Toccaten, welche die dreizehn Szenen und zwei Akte bis zum Tod des Minotaurus untergliedern, kräftige Markierungen der Fanfaren und Saxophone, die durch die Familiengeschichte der Ariadne und des Minotaurus weisen, und orffsche Chorattacken, die sich bis zu den Schreien bei dem vom Minotaurus an den Unschuldigen angerichteten Blutbad am Ende des ersten Aktes steigern. Antonio Pappano gliedert diese Musik, formt und beschwichtigt die Klangballungen, so dass die Poesie von David Hersents Text, der bereits für Birtwistles walisische Sagengestalt Gawain Worte gefunden hatte, zum Ausdruck kommt, was vor allem John Tomlinson in seiner berührenden, vom tierischen Schrei und Wüten bis zur menschlichen Resignation und Todesergebenheit reichenden Gestaltung des Mischwesens aus menschlichem Körper und Stierkopf gut gelingt. Christine Rice hält einen durchgehend schönen Ton, ohne dass diese fast ständig anwesende und vokal geforderte, aber eher beobachtende Ariadne wirkliches Profil erhält. Wie auch der wackere Theseus des Johan Reuter oder die Ker von Amanda Echalaz. Die “con gran declamazione” markierte Partie des Hiereus dürfte eine der letzten Kreationen des 2010 verstorbenen Philip Langridge gewesen sein, zu dessen 70. Geburtstag 2009 ihm Birtwistle als Dank für viele Uraufführungen seiner Werke eigens ein Lied komponierte. Die Birtwistle-Verpflichtung reichte Philip an seinen Sohn Stephen weiter, der den Mythos in Allison Chittys antike und moderne Formen aufgreifenden Stierkampfarena prägnant und mit unaufdringlichen Zitaten mythologischer Bilder auf die Bühne brachte. Besondere Bedeutung kommt in Langridges Inszenierung Philippe Giraudeaus Choreographie der Unschuldigen und der Keres, den atmosphärischen Bildern eines in Blau und Schwarz getauchten Gestades und dem mächtig wallenden Meer zu.

Absolutes Kontrastprogramm. Bunt, schrill, kreischend, respektlos, ordinär wie eine Spielshow mit C-Promis, das war drei Jahre nach der düsteren Mythologie der von Mark-Anthony Turnage als Medienereignis nachgezeichneter Lebensweg der Anna Nicole Smith. Es geht Schlag auf Schlag: erste Ehe (“Drecksstück, Arschloch, Stück Scheiße, Schlampe”), auf nach Houston zu den hellen Lichtern und hübschen Jungs, wo Anna Nicole schlecht bezahlte Arbeiten verrichtete (“Knapsen bei Niedriglohn, Bluten bei Niedriglohn. Jeden Cent umdrehen, vorzeitig alt werden”), bald in einen Gentlemen’s Club (“Nur gucken, nicht anfassen”) landet, in die Kunst des Lap-Dance eingewiesen wird und ihr Brüste-Problem erkennt (“Du brauchst ein paar Titten”). Anna selbst erzählt ihr Leben (“wo war ich stehen geblieben”), wie wenn sie sich vor der Kamera einer Arabella Kiesbauer oder einem amerikanischen Pendant offenbaren würde—erkannte doch schon Anwalt Stern, den Gerald Finley bambilieb fies gibt, “ich liebe dich, Anna. Und die Kameras lieben dich auch”—berichtet von den neuen Titten, worauf der Chor das Hohelied auf die “Glocken, Prachtstücke, Rasseln, Whooper, Möpse, Hupen, Kissen” anstimmt. Anna Nicole macht Karriere, d.h. sie schläft sich hoch, bis sie den 63 Jahren älteren Öl-Multi J. Howard Marshall II. (Alan Oke) trifft, der sie am Ende des ersten Akts heiratet. Nach der Pause folgt der allmähliche Fall mit Marshalls Tod, dem Kampf um das Erbe, Abhängigkeit von Schmerzmitteln. Das alles ist bekannt. Bis zum Ende ein Leben als Medienereignis. Die Oper lässt nichts aus.

Der Text von Richard Thomas ist knapp und frech wie eine moderne Moritat, treffsicher in seiner ordinären Schlüpfrigkeit, verbindet Medienkritik mit billigem Witz, er schafft eine gewisse Atmosphäre, was man von Turnages Musik nicht sagen kann, die lyrisch sein kann, wild und dramatisch, in allen Stilen versiert ist, Tempo und Rhythmus hat, der es aber an individueller Zündkraft fehlt. Da hätte es wohl eines Cole Porter bedurft. Es ist keine Komödie oder Satire, keine Tragödie, die Figuren bleiben—wie nicht anders zu erwarten—Typen, die Musik liefert auch zu Anna Nicoles Tod nur eine Folie. So blieb es Richard Jones vorbehalten, das Beste daraus zu machen, damit Anna Nicole nicht als Eintagsfliege startete. Eine Bühnenlaufbahn wie Violetta Valéry dürfte dieser modernen Kurtisanen-Story nicht beschieden sein. Der Erfolg hängt einzig von der Show ab, die Jones an Covent Garden mit aller von ihm erwarteten musicalhaft geschmierten Unterhaltungsbravour liefert, wozu ihm Miriam Buether die abwechslungsreiche Szenerie auf die Bühne schiebt. Die Aufführung ist tadellos und wird ebenso tadellos von Antonio Pappano gesteuert. Eva-Maria Westbroek ist großartig als dralle, später monströs aufgeschwemmte Anna Nicole, vulgär, schamlos, durchsetzungsfreudig, mit dem Herz am rechten Fleck, sie schiebt die Busenfülle vor sich her wie eine stolze Mutter den Kinderwagen, glänzt fiebrig, wenn ihr der zittrige zweite Gatte den Schmuck um den Hals hängt und lässt ihren Sopran in der mittleren Lage, etwa in ihrem Solo “You can pray, you can dream”, kräftig durchscheinen. Mitleid hat man mit ihr nie. Trotzdem: hoher Unterhaltungswert, kurzweilig. © 2015 Opera Lounge





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