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Renate Wagner
Online Merker, March 2017

Bei einleitender Musik, die man nicht für Richard Wagner halten würde, wüsste man es nicht besser, blickt der Komponist auf den Betrachter, schüttelt den Kopf angesichts der da erklingenden Rhythmen, verzieht auch mal das Gesicht (vielleicht über die ungewohnten Instrumente?), ist interaktiv-fröhlich da: Man darf als Betrachter der DVD mit Sicherheit annehmen, dass diese Pointe auch im Teatro Real angesichts der Live-Aufführung beim Erklingen der Ouvertüre stattfand.

In diesem Teatro Real kam nun (in Co-Produktion mit Londons Covent Garden und dem Teatro Colon in Buenos Aires, wo die Inszenierung später zu sehen sein wird) „Das Liebesverbot“ heraus, die kaum je gespielte frühe Oper von Richard Wagner.

Ein Bayreuther Bannspruch, Bannfluch kann ja nicht ewig währen und nicht für den Rest der Opernwelt verbindlich sein, selbst wenn „der Meister“ selbst ihn verfügt hat. Gut, am Grünen Hügel beginnt Wagner erst mit dem „Fliegenden Holländer“. Aber auch er brauchte seine Aufwärmphase, um das Handwerk zu lernen. Und da bietet das „Liebesverbot“ von 1834 bis 1836 (der junge Mann war Anfang 20) sehr erwünschtes Anschauungs—und Anhörungsmaterial.

Erstens das Libretto: Sich Shakespeares „Maß für Maß“ als Vorlage zu nehmen, war nicht ohne Risiko. Vielleicht hat Wagner die Handlung, die sich ja nur um Liebe, Erotik, körperliche Liebe und verlogene Puritaner dreht, von Wien nach Palermo versetzt, dass sie weit genug „vom Schuss“ war, um der Zensur nicht allzu sehr aufzufallen. Denn da ist schon in hohem Maße behandelt, was dann im „Tannhäuser“ als schwere Tragödie Gestalt gewann—der Eros (der ihn persönlich stets begleitet hat) und Wagners Protest gegen jegliche Einschränkungen. Ein politischer Kopf schon damals, mutig, und vermutlich rannte er mit diesem Werk nur deshalb so ins Leere, weil es nach der kläglich misslungenen Uraufführung in Magdeburg verschwand, also nicht weiter wahr genommen wurde. Und später wollte Wagner, in einem unfreundlichen Akt der Kindesweglegung (vermutlich hielt er es für eine Missgeburt), nichts mehr davon wissen. Aber vielleicht sagte seine spätere Selbstdefinition der Oper als „wunderlichen Jugendarbeit“ mehr, als er selbst ausdrücken wollte?

Denn der Musik wegen ist die Vernachlässigung durchaus ungerechtfertigt. Immer wieder wird vom Einfluss der Opera Comique gesprochen, aber es sind doch der leichte Donizetti, der leichte Rossini, die sich hier als Vorbilder heranschleichen. Und wenn Wagner auch in allen Arien und Ensembles keinen „Ohrwurm“ geschaffen hat (was den Italienern ja immer mühelos gelingt), so merkt man doch seine Begabung und sein Können: Zwar verweigert er klassische Virtuosen-Arien, aber in der Stimmführung und vor allem in der temperamentvollen musikalischen Ausgestaltung der Handlung ist er schon sehr weit gekommen, zumal in einem unglaublich lockeren Habitus.  Dazu gibt es (allerdings nur vereinzelt) Stellen, wo es so sehr „wagnert“ im Sinn der Orchestersprache, die später für ihn typisch wurde, dass man keinen Zweifel hat: Dieser junge Komponist, der zögernd die Wege der anderen nachging, würde sie sehr bald verlassen und seine eigene, unverwechselbare Sprache finden.

Ob das „Liebesverbot“ auch so entzücken würde, hätte man auf DVD/BlueRay nicht die schlechtweg fabelhafte Aufführung vor sich, die Regisseur Kasper Holten mit unbändiger Lust an Jux und Tollerei geschaffen hat, man wäre vielleicht nicht ganz so begeistert. Wenn hier in grotesken Kostümen und einem abstrakt-komischen Bühnenbild (ob Straße, Bordell, Kloster, Gefängnis, alles da) eine tolle, geradezu anarchische Karneval-Atmosphäre geschaffen wird, gegen die die Polizei nur lächerlich vorgehen kann, hat der Abend auch jenes Quentchen Aufmüpfigkeit, das im Protest gegen das „Liebesverbot“ einfach drinnen sein muss. Wenn man es schon nicht wirklich ernst nimmt… irgendetwas daran ist ja doch nicht so lustig. Auch wenn das vom Statthalter Friedrich unter Todesdrohung verkündete Liebesverbot in einer Aufführung von heute gut und gern per Twitter verbreitet wird.

Holten hat mit Witz und seinem bekannten Theaterverstand seinen evidenten Spaß an der Sache auch auf die Darsteller übertragen. Dabei ist an erster Stelle (diese Nonne hat auch ein Handy!) Manuela Uhl als Isabella zu nennen. Auf deutschen Bühnen im dramatischen Wagner—und Strauss-Fach unterwegs, ist sie nicht nur stimmlich nicht überfordert, sondern auch darstellerisch entzückend—sie guckt so verschmitzt aus der Wäsche, dass man sie einfach lieben muss. Wobei ihr die Nonnen-Kollegin María Miró als Mariana an spitzbübischem Humor nicht nachsteht.

Der Bösewicht der Geschichte—mit Blinzeln auf spätere, starke Wagner-Charaktere—ist der wirklich grimmige Friedrich, der mit Christopher Maltman eine adäquate Besetzung erhielt, während der Rest des Ensembles (darstellerisch eine Pracht, da hat Kasper Holten ganze Arbeit geleistet) stimmlich nicht immer ganz den Erfordernissen entsprach. Es stört allerdings den Gesamteindruck nur geringfügig.

Am Ende landet dann noch (das deutsche Flugzeug wird im Hintergrund per Projektion gezeigt) Angela Merkel—Frisur, Jacke, Muttchen-Handhaltung, alles stimmt. Die Deutschen kommen. Und vielleicht begreifen die deutschen Theater auch, dass sie in dem nicht allzu dicht bestellten Feld der deutschen komischen Oper (wie viel Hochkarätiges haben wir schon über „Zar und Zimmermann“, „Martha“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ hinaus?) ein neues Werk finden könnten. Sie müssen es nur sehr gut auf die Bühne bringen…

Ivor Bolton dirigiert den ungewohnten Wagner mit aller lockerer Spritzigkeit, auf tadellosem Niveau agierte der bewegliche Chor, da wurden musikalisch Wünsche erfüllt. Wagner-Freunde können sich freuen—und andere Opernfreunde natürlich auch. © 2017 Online Merker





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