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Album Reviews



 
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Renate Wagner
Online Merker, March 2018

Wie geht man mit Monteverdi um? Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. Eine Überlegung besteht auch darin, diese meist überlangen Barockopern (misst man sie nicht an Wagner-Länge, sondern am „normalen“ Repertoire) für das Publikum so unterhaltend zu machen wie möglich. Manchmal geradezu schamlos, aber warum nicht? Oder man geht extrem exzentrisch mit ihnen um?

Eine Doppelbox (preiswerte Zusammenstellung von zwei Aufführungen, die es auch als Einzel-DVDs gibt) bietet Beispiele für beide Zugänge.

Robert Wilson hat Monteverdis „L’Orfeo“ 2009 an der Mailänder Scala inszeniert. Man kennt den Stil des Regisseurs, die puppenhafte Starre, die er seinen Interpreten auferlegt, aber nun ist ja auch die Renaissancemusik von Monteverdi ein hoch stilisiertes Konstrukt, also scheinen Werk und Stil besser zusammen zu passen als in anderen Fällen, wo beispielsweise mehr „Temperament“ vorgesehen wäre…

Zuerst stehen die Darsteller wie Scherenschnitte in einer gemalten Landschaft, später rückt ihnen die Kamera näher, aber da erweisen sich die Sänger erst recht als „Opfer“—denn unter dicken weißen Schminkmasken, dazu angehalten, außer den Lippen nichts zu bewegen, treten sie nicht als Individualitäten hervor. Georg Nigl (Orfeo), Roberta Invernizzi (Euridice) und Sara Mingardo (Messaggera / Speranza) können nur als Stimmen beeindrucken und realisieren aufopfernd Minimalismus und auch Manierismus, aber interessanterweise schafft gerade dies bemerkenswerte innere Spannung, die Raum für die Musik lässt. Rinaldo Alessandrini, in seiner italienischen Heimat hoch geachteter Spezialist für historische Aufführungspraxis, gibt die Bewegtheit, die das Bild verweigert.

Einen schärferen Interpretationsgegensatz als zu David Aldens „L’Incoronazione di Poppea“ kann es kaum geben. Der Unterschied zwischen Monteverdis erstem (1607) und letzten Werk (1642) ist natürlich bedeutend, dennoch bieten die Zugänge die denkbar größten Gegensätze. Die Interpretation des Römerdramas durch Robert Alden spielt überall und nirgends und ist von jenem englischen Humor geprägt, der bekanntlich absurd ausflippen kann wie wenige sonst, viele Filme haben es beweisen. Da es keinen Stil gibt außer dem der optischen Üppigkeit, ist alles erlaubt, vom englischen Alltagskleid bis zur Toga, vom barocken Kostüm bis zu absurden Groteskfiguren, und Transvestiten dürfen natürlich auch nicht fehlen. All das in bunt-witzigen, immer wieder Schachbrettmuster zitierenden Szenenbildern, die keinen Sinn machen müssen—der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, das Motto lautet: Wir blödeln uns durch den Abend? Das hat viele Besucher prächtig unterhalten. Und viele Besucher (die an den seriösen Zugang der Ponnelle-Version denken) wirklich empört.

Gesungen wird prächtig, und das war natürlich ausschlaggebend für den Erfolg des Abends. Sarah Conolly hat in vielen barocken Rollen (auch bei Händel) bewiesen, wie besonders gut ihr Männerrollen liegen, sie hat den Habitus männlicher Bewegung und männlichen Verhaltens verinnerlicht, bringt das ironisierend an. Ihr dunkelhaariger, fast knabenhafter, eindeutig neurotischer Nero steht neben dem blonden, unglaublich attraktiven, verführerischen Kätzchen einer Poppea, wie Miah Persson sie gibt. Im wahren Leben war die Situation des römischen Kaisers und der Dame, der er seine Ehefrau und seinen Lehrer opferte, nicht so lustig—hier ist sie es… (Dass Senecas Todesszene—interpretiert von Franz-Josef Selig—in diesem Umfeld nicht angemessen würdevoll tragisch wird, versteht sich.)

Dem Dirigenten Harry Bicket, der das Barockorchester des Gran Teatre del Liceu leitete, stand darüber hinaus eine Besetzung von wirklich hochrangigen Fachleuten zur Verfügung, so dass Monteverdi nicht Gefahr läuft, unter die Räder einer überbordenden Interpretation zu geraten. Bei der man sich, wenn man dazu gewillt ist, sehr gut unterhalten kann. Warum nicht? Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst! um Schiller zu paraphrasieren… © 2018 Online Merker



Bernd Hoppe
Opera Lounge, December 2017

Zwei Produktionen von Opern Claudio Monteverdis aus dem Jahre 2009, die in ihrer Ästhetik nicht unterschiedlicher sein könnten, hat OPUS ARTE in einem Schuber zusammengefasst (OA 1256 BD). Aus dem Teatro alla Scala kommt Robert Wilsons Inszenierung des Orfeo, bei der Rinaldo Alessandrini der kompetente Sachwalter für einen authentischen Barockstil ist und das Orchestra of Teatro alla Scala zu einem lebendigen Musizierstil beflügelt. In der Besetzung finden sich einige prominente Vertreter dieses Genres, allen voran Roberta Invernizzi, die nach La Musica im Prolog noch die Euridice gibt, Sara Mingardo, die als Messagera und Speranza ihren betörenden Alt hören lässt, und Raffaela Milanesi, die als Proserpina ihren Gatten Plutone (Giovanni Battista Parodi) becirct, Orfeo die Geliebte zurückzugeben. Eher ein Interpret für das interessante Charakterfach ist Georg Nigl, der nicht umsonst als Wozzeck und Jakob Lenz auf vielen Bühnen Triumphe feiert. Hier singt er die Titelrolle mit farbigem, flexiblem und ungewohnt weichem Bariton, der aber dennoch den Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen mit expressiver stimmlicher Gebärde formulieren kann.

Wilson zeichnet auch für die Bühne verantwortlich, die in ihrer strengen Ordnung besticht, zunächst eine Zypressenallee mit allerlei Getier zeigt, das auch tanzt und oft als Silhouetten zu sehen ist. Die Unterwelt im 3. Akt sieht man als dunkles, düsteres Mauerwerk. Später wird die schwarze Wand durch helle Flächen mit kubistischer Wirkung unterbrochen, bis im 5. Akt die gesamte Bühne leer ist und einen Lichtstreif, später eine glutrote Abendsonne am Horizont zeigt. A J Weissbard als Lighting Designer taucht die Szene in wechselnde, oft zauberische Stimmungen. Die Personen mit weiß geschminkten Gesichtern, kostbar gewandet von Jacques Reynaud, verharren – auch dies ein Stilmerkmal Wilsons – in statuarischen Posen oder schreiten gemessen. Bei Liebhabern einer artifiziellen Ästhetik dürfte die Aufführung auf besondere Zustimmung stoßen.

Aus dem Gran Teatre del Liceu stammt David Aldens Comic-hafte Inszenierung von L’incoronazione di Poppea, bei der mit Harry Bicket gleichermaßen ein ausgewiesener Barock-Spezialist am Pult steht. Er dirigiert das Baroque Orchestra of the Gran Teatre del Liceu und eine erlesene Besetzung, die Sarah Connolly als cholerischer Nerone anführt. Von androgyner Erscheinung, Aura und Stimme darf sie als Idealbesetzung für diese Rolle gelten. Und mit ihrem Mezzo hat sie – im Gegensatz zu manchen Countertenören – keinerlei Schwierigkeiten mit deren Tessitura.

Auch die Titelpartie ist mit Miah Persson hochrangig besetzt. Von körperlicher Attraktivität und verführerischer Ausstrahlung ist sie optisch die Inkarnation einer Frau, die alle ihre Trümpfe einsetzt, um das gesetzte Ziel zu erreichen. Und der farbige, auftrumpfende Sopran korrespondiert dazu prächtig. Wie so oft ist das finale Duett zwischen Poppea und Nerone, „Pur ti miro“, auch in dieser Aufführung der gesangliche Höhepunkt dank der hochkarätigen Stimmen und der subtilen Interpretation. Jordi Domènech ist der Ottone mit klangvollem, weichem Counter. Geradezu abonniert auf die Rolle des Seneca ist Franz-Josef Selig. Eben hat er sie in der wiedereröffneten Berliner Staatsoper gesungen und auch hier besticht er mit seinem sonoren Bass, der in der Sterbeszene wiederum ergreifende Wirkung erzielt. Maite Beaumont mag optisch die imperiale grandeur für die Ottavia fehlen, Stimme und Vortrag aber sind von singulärer Dimension. Das expressive Pathos bei „Disprezzata regina“geht ans Äußerste und streift die Hysterie, „Addio, o Roma!“ ist von existentiellem Umriss.

Kaum eine Aufführung der Poppea ohne Dominique Visse mit seinem unverwechselbar krähenden Timbre als Amme Arnalta, wie stets in bizarrem Outfit und mit skurrilem Gehabe. Hier gibt er sogar eine Doppelrolle als Ottavias Nutrice in der Kostümierung einer Krankenschwester.

Alden lässt den Prolog und viele weitere Szenen an oder auf einem roten Ledersofa vor einer gläsernen Drehtür spielen (Bühne: Paul Steinberg), wo die Göttinnen in plissierten Renaissance-Kostümen (Buki Shiff) sich mit keifenden Stimmen streiten, Nerone und Poppea ihre Liebe besingen, Ottavia das Los der verstoßenen Kaiserin beklagt und Poppea sich lasziv räkelt. Pat Collins taucht die Szenerie in schrille Bonbonfarben und wechselt gemeinsam mit Steinberg erst im 2. Akt zu einem dunklen Interieur, um im 3. wieder zu greller Buntheit zurückzugehen und am Ende ein flimmerndes Schwarz-Weiß-Raster zu zeigen. Für Freunde von Slapstick, Popkunst und Clownerien ist diese Inszenierung, die an der Bayerischen Staatsoper München während der Intendanz von Peter Jonas ihre Premiere hatte, sicherlich ein großes Vergnügen. © 2017 Opera Lounge





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