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Ingrid Wanja
Opera Lounge, January 2016

Man mag sie als des Euripides Tragödie mit hinzugefügtem happy end, als Nietzsches Kampf des apollinischen mit dem dionysischen Prinzip oder Freuds Konstrukt des Ego als Summe von Über-Ich, Ich und Es sehen, Szymanowskis Oper Krol Roger benutzt auf jeden Fall die Geschichte des sizilianischen Normannenkönigs Roger II. aus dem 12. Jahrhundert nur als Hülle für ein höchst komplexes Werk um Versuchung, Verführung und Reifeprozess des Titelhelden. In die festgefügte Gesellschaft, in der Kirche und Regent eine ungefährdete Herrschaft ausüben, dringt ein Hirt ein und verführt das Volk, sogar die Königin zu hemmungslosen Orgien, wenigstens will es so die Musik, während, die sich unsexy windenden männlichen Körper ein weiterer Beweis dafür sind, wie schwer es ist, ein überzeugendes Bacchanal, hier in Covent Garden 2015, auf die Bühne zu bringen (Choreographie Cathy Marston). Als der König der Verführung widersteht, wird er elend geschunden, geht aber geläutert und zur Ausgeglichenheit zwischen Trieb und Verstand gelangt, aus dem schmerzhaften Prozess hervor. Sieht man in ihm das Ich, so könnten sein Berater Edrisi das Über-Ich, der Hirt das Es darstellen.

Was für ein famoses Bühnenbild Steffen Aarfing geschaffen hat, enthüllt sich dem Betrachter erst im zweiten Akt. Im ersten sieht er auf eine Art Logen-Theater, in der Mitte ist ein riesiger Kopf, halb Lenin aus Berlin, halb Mussolini aus Rom, zu erblicken, der mal eintönig grau, bei entsprechender Beleuchtung (Jon Clark) auch schimmernd golden erscheint. Für den zweiten Akt wird der Kopf gedreht und zeigt die drei „Etagen“ menschlichen Seelenlebens: unten findet Bacchantisches statt, in der Mitte hat sich Roger eingerichtet, ganz oben sind viele Bücher und ein Fernrohr als Werkzeuge des Intellekts zu sehen. Im Verlauf des zweiten Aktes erobern die der puren Lust Frönenden auch die oberen Stockwerke, und wenn im dritten Akt anstelle des Kopfes nur noch ein erlöschendes Feuer, in dessen Glut Bücher verkohlen, zu sehen ist, weiß jedermann, was damit gemeint ist. Dass die Regie von Kasper Holten nicht Partei für das hemmungslose Es ergreift, kann man vielleicht auch daran erkennen, dass die Teilnahme an derartiger Lustbarkeit hässliche schwarze Striemen auch auf Leib und Kleid der Königin hinterlässt. Die Gesichtslosigkeit der Vortänzer allerdings bleibt ihr erspart. Der nun die Sonne anbetende Roger scheint glücklich und im Besitz des Wissens darüber zu sein, was den Sinn eines erfüllten Lebens ausmacht.

Die üppig instrumentierte, spätestromantische Musik, der es weniger auf das Herausstellen einzelner Instrumentengruppen als auf einen massiven Gesamtklang anzukommen scheint, wird von Antonio Pappano zu größtmöglicher Geltung gebracht und damit den Sängern das Leben nicht leichter gemacht. Diese sind nicht mittelalterlich, sondern „zeitlos-modern“ gewandet, was insofern Sinn macht, als es die Allgemeingültigkeit des Problems unterstreicht. Es wird in der Originalsprache Polnisch gesungen, und so konnte man sich glücklich schätzen, mit Mariusz Kwiecien einen Muttersprachler für die Titelrolle einsetzen zu können. In der Premiere soll er wegen einer Erkältung angesagt gewesen sein, auf der Blu-ray Disc besticht der schön timbrierte Bariton durch seine Ebenmäßigkeit ohne Registerbrüche und die Prägnanz des Ausdrucks. Saimir Pirgu, der als Verführer zunächst in güldenem Gewand, nach der Machtergreifung in strengem Zivil erscheint, hat zwar eine hübsche, aber um seine Verführungskraft überzeugend erscheinen zu lassen, zu wenig strahlende, in der Höhe trotz Superfermate zu wenig auftrumpfende Tenorstimme. Keine Probleme hat hingegen Georgia Jarman in Pola-Negri-Optik mit ihrer schönen Arie im zweiten Akt. Kim Begley singt einen kraftvollen Edrisi, Alan Ewing hat einen kurzen Auftritt als Erzbischof, so wie Agnes Zwierko ein solcher als Vertreterin der weiblichen Geistlichkeit vergönnt ist. Der Chor (Renato Balsadonna) imponiert besonders durch den quasi aus dem Nichts kommenden, zu gewaltiger Klangpracht sich entwickelndem Eingangschor. Das Werk ist es wert, es kennen zu lernen, die Aufführung ist des Werks würdig (Blu-ray Opus Arte 807 162 D). © 2016 Opera Lounge





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