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Album Reviews



 
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Remy Franck
Pizzicato, August 2016

Von Mozarts ‘Entführung aus dem Serail’ gibt es überdurchschnittlich viele gute Videoaufzeichnungen, sowohl was die Inszenierung als auch die Musik anbelangt. Ganz wenige kleine Einschränkungen gibt es für diese Produktion aus Glyndebourne.

Viel Gutes ist von David McVicars Inszenierung zu sagen. Er verlegt die Handlung ins 18. Jahrhundert, aber im wirklich spektakulären Bühnenbild ist der Orient stets deutlich präsent. Dabei verhindern die Opulenz der Bühne und der Reichtum der Inszenierung nicht einen sehr fließenden Ablauf und eine Lebendigkeit der Handlung, wie man sie sich besser nicht wünschen könnte. Zwei Merkmale gibt es in McVicars Inszenierung. Sein Bassa Selim ist ein sehr aufgeklärt vorgehender Fürst. Er liebt Konstanze und er respektiert sie wie auch ihre Liebe, die Belmonte gilt. Selten hat man diese Figur so fein nuanciert gesehen wie hier.

Daneben sind die Personenführung und die Situationsdramatik absolut genial. McVicars Einfälle sind unwiderstehlich und sprühen oft von hinreißendem Humor.

Franck Saurel ist der Bassa Selim, und der Franzose beeindruckt trotz manchmal etwas zu französisch gefärbter Ausdrucksweise durch die Ausstrahlung, die er der Figur gibt.

An die leicht raue Belmonte-Stimme von Edgaras Montvidas muss man sich gewöhnen, aber letztlich imponiert der Sänger durch die Homogenität der Darstellung und der stimmlichen Ausstrahlung. Der britische Tenor Brenden Gunnel ist ein patenter Pedrillo und ein exzellenter Gegenspieler für den jungen deutschen Bass Tobias Kehrer, der dem Osmin eine völlig neue Dimension gibt: die der Jugendlichkeit. Er ist nicht nur ein herausragender Buffoschauspieler, er hat für die Rolle auch die richtige Stimme mit satter Tiefe und viel Agilität. Eine wirkliche Entdeckung!

Sally Matthews ist eine souveräne Konstanze, mit schöner und nuancenreicher, gleichzeitig schmerzgeprägter Stimme.

Die norwegische Sopranistin Mari Eriksmoen ist eine nicht weniger beeindruckende Blonde.

Zusammengehalten und vom exzellenten ‘Orchestra of the Age of Enlightenment’ unterlegt wird das Ganze von Robin Ticciati, der der Partitur ein Maximum an Energie und Lebendigkeit verleiht, ohne in irgendeiner Hinsicht zu übertreiben.

Dieser Dirigent beeindruckt mich immer mehr, und ich halte ihn in einem breiten Repertoire für einen der herausragenden Dirigenten unserer Zeit, besser jedenfalls als so mancher, der in letzter Zeit in eine Spitzenposition vorgedrungen ist. © 2016 Pizzicato



Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, August 2016

Es gibt sie also noch: Unter den Myriaden von schlecht und lustlos abgefilmten Dutzendinszenierungen mit grottenüblen schauspielerischen „Leistungen“ findet sich ja dann doch hie und da die „perle rare“ der Opernvideos, wo (fast) alles stimmt. So gesichtet in der wunderbar realistisch-poetischen Inszenierung von David McVicar, die beim in Sachen Mozart wohl renommierten Festival von Glyndebourne im Sommer 2015 mitgeschnitten worden ist. Und das in wahrer High Definition Qualität, so optisch als auch akustisch. Dank der großartigen Kameraführung (Filmdirektor Francois Roussillon) und spannend kurzweiliger Schnittmontagen ist das auch ein exzellenter Opernfilm per se geworden.

Mozart wird in Glyndebourne ernst genommen. Es wird die gesamte Partitur ungestrichen (spannend etwa in der Marternarie) aufgeführt, von den Originaldialogen werden 90% übernommen, im Gegensatz zu verstümmelten oder gar fehlenden gesprochenen Szenen. Das wahrt den Singspielcharakter und spart Peinlichkeiten wie in Berlin (Premiere an der deutschen Oper 2016 in der Inszenierung von Rodrigo Garcia), wo diese Oper in einem Drogenlabor mit Außerirdischen spielt und statt deutsch gesprochener Dialoge nur noch Einwürfe in englischer Fäkalsprache zugelassen wurden.

Die Regie von David McVicar geht ähnlich wie die Arbeiten von Jean-Pierre Ponnelle von einem ganz anderen Prinzip aus: Das Schauspielerische, das Theater an sich und seine Personen in ihrer ureigenen Bedingtheit samt allen paradoxalen Konflikten stehen im Zentrum einer hochästhetischen Visualisierung, die aus der Zeit der Entstehung die menschlichen Konstellationen zeitlos als immer gültige Parabel des Lebens erzählt. Und zwar so, wie sich das der Librettist Christoph Friedrich Bretzner und der Komponist Mozart ausgedacht haben. Da stellt sich nicht die Frage einer verlogenen politischen Korrektheit, unter deren Denkmantel diese Oper dekonstruiert und bis zur Unkenntlichkeit entstellt vielen Opernbesuchern zugemutet wird. Das Stück läuft vielmehr wie eine perfekte Shakespeare-Inszenierung ab, wo starke und skurrile Charaktere aufeinanderprallen und der Humus der Passionen in eine alle Sinne ansprechende Form gegossen wird. Dabei helfen das wandlungsfähige Design und die historischen Kostüme der Vicky Mortimer ebenso wie eine fabelhafte Lichtregie (Paule Constable), die die Bühne mit goldenem Licht flutet. Dass das Ganze nicht in einen “ollen“ Kostümschinken ausartet, dafür sorgt die subtile und in allen Details glaubwürdige Personenregie des David McVicar. Dem gesamten Ensemble ringt dieser Theatermann eine stringente und intensive schauspielerische Aktion ab, wobei das Singen stets im Dienste der existenzialistischen Dringlichkeit im Handlungsrahmen steht und weder einen puren Selbstzweck erfüllt noch völlig neben der von einem Regisseur auf Selbstverwirklichungstrip neu erfundenen Geschichte daher läuft. Das gefällt natürlich so manchen im deutschen Feuilleton nicht (z.B. Manuel Brug), aber das ist ja deren Problem.

Von der musikalischen Seite her kann der Dirigent Robin Ticciati und das Orchestra oft he Sage of Enlightenment gar nicht genug gelobt werden. Lebendig quirlig, orientalisch à la Mozart und rasant sinnlich darf das Orchester von der Ouvertüre bis zum Schlusschor agieren, der Strudel an Emotionen der Protagonisten findet auch im Orchester den gehörigen Widerpart. Transparent und dennoch mit saftigem Fleisch, leichtfüßig und dennoch scharf gewürzt jagt dieses romantische Komödie mit schwarzem Hintergrund und Parabel auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit sexueller Treue wie die Götter im Rheingold auf ihr Ende zu.

Den Schlüssel zum Verständnis legt David McVicar dabei auf das Verhältnis von Konstanze und Pasha Selim. Der viril markante Franck Saurel (Franzose und Schauspieler des Théâtre du Soleil) liefert als Pasha Selim zwar keine Vorzeigenummer an deutschsprachiger Diktion, sorgt dafür aber für atemberaubende Momente großen Theaters. So etwa anlässlich seines Auftritts mit Konstanze, der in einem getanzten Wirbelwind vor der Kamera zum Stehen kommt, um in einen Blick und einen Kuss zu münden, der den inneren Konflikt dieses Paars besser geht nicht visualisiert. Vielleicht eine der aufregendsten Kussszenen in der gefilmten Oper überhaupt. Als schöner sensibler Macho mit Bart und muskelgestähltem Oberkörper hat dieser Selim Konstanze schon längst (innerlich) flachgelegt. Sein Gesicht ist eine Landschaft der Passion und sinnlichen Liebe. Allein die Konvention der Kulturen hindert die beiden am ungehemmten Ausleben ihrer zügellosen Leidenschaft. Die Marternarie in einem kuscheligen Salon mit Riesensofa in der Mitte ist als Kampf der verbotenen Passionen inszeniert. Sally Matthews als Konstanze reüssiert hier vollständig als dramatische Singschauspielerin. Mit individuell herbem Timbre schleudert sie die angst- und zornerfüllten Koloraturen in den Raum. Wenn sie „des Himmels Segen belohne Dich“ singt, führt sie seine Hand an ihre Brust, später streichelt sie den nackt schwitzenden Oberkörper Pashas zärtlich. Dazwischen versucht es Pasha mit Gewalt, die sich sofort in Resignation wandelt. 12 Minuten Kampf um sexuelle Macht und ein Zueinander-Wollen. Das geht mehr unter die Haut als jeder absurde Regietheatereinfall. Klar, dass es da der Belmonte nicht leicht hat, noch dazu, wo Edgaras Montvidas auch die stimmlich am wenigsten überzeugende Figur der Aufführung bleibt. So gepresst und blechern darf die erste Arie nicht klingen. Später singt sich dieser litauische Tenor zwar frei und ist auch als Charakter glaubhaft. Ein Mozart Tenor, der an größte Vorbilder anschließen kann, wird er aber nicht mehr.

Das Buffopaar Blonde und Pedrillo ist mit Mari Eriksmoen und Brenden Gunnell ganz vorzüglich besetzt. Sie spielfreudig als kecke Engländerin mit seidig leuchtendem Sopran, er nicht der junge Spring-ins-Feld, sondern ein gescheiter Drahtzieher, der auch in den dramatischen Passagen beeindruckend reüssiert. Sein erotischer Gegenpart Osmin ist mit Tobias Kehrer optimal besetzt. Als rothaariger Rauschebart-Hippie ist er wohl derzeit rein stimmlich der weltbeste Osmin. Von diesem Timbre, seinem bruchlos und elegant, sonor und dennoch schlank geführten Bass kann nur in höchsten Tönen geschwärmt werden. Das Duett mit Blonde zu Beginn des zweiten Aktes erzählt Regisseur McVicar als stürmische Szene eines alten Ehepaars, das sich auf die Nerven geht. Dabei geht schon so mancher Teller zu Bruch. Einfach köstlich.

Dank eines fantastischen Produktionsteams, das Poesie und die Kraft des Theaters über jede Eitelkeit stellt, eines tollen jungen Dirigenten, eines spielfreudigen und zumeist auch vokal intensiven Ensembles darf (gefilmte) Oper wieder eines sein: „Traumfabrik“. Der Dank des Publikums ist Glyndebourne dafür gewiss! © 2016 Online Merker





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