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Album Reviews



 
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Manuel Ribeiro
Pizzicato, October 2016

‘Saul’ ist eigentlich keine Oper von Händel, sondern, nach seinen eigenen Worten, « ein Oratorium in englischer Sprache“. Die italienische Oper war schon lange von den Briten als altmodisch angegriffen worden und nicht mehr besonders beliebt, unter anderem auch aus kulturpolitischen und finanziellen Gründen. Das Oratorium war zwar ebenfalls ein fremdes Genre, scheint aber damals in der Gunst des Londoner Publikums geblieben zu sein. Die 16 biblischen Oratorien von Händel kamen gelegen und passten zu den Erwartungen der Aristokratie und der anglikanischen Kirche.

Der vorliegende Mitschnitt von ‘Saul’ stammt vom Glyndebourne Festival 2015. Die Ansichten des Regisseurs Barrie Kosky sind Geschmacksache. Schon gleich am Anfang erlebt der Zuhörer ein kolossal opulentes Fest mit einer riesigen Menge an Essen, exotischen Tieren, Pflanzen und Blumen. So wird Goliaths Tod gefeiert! Die handelnden Personen sind in einem neo-barocken Stil gekleidet, mit übertriebenem Make-up.

Im Kontrast dazu gibt es sehr düstere Szenen, und so alterniert das Stück zwischen bunter Theatralik und dunkler Todesatmosphäre: ein barocker Alptraum!

Die Sänger sind insgesamt darstellerisch wie musikalisch hervorragend. Countertenor Iestyn Davies’ David ist ein Genuss, und Christopher Purves ist perfekt als paranoider Saul. Die Sopranistinnen Lucy Crowe und Sophie Bewan sind stimmlich weitgehend tadellos und zudem auch kontrastreich. Leider schrecken sie nicht davor zurück, das eine oder andere Mal um eines theatralischen Effekts willen, die Stimme zu überfordern.

Der Chor aus Glyndebourne und das ‘Orchestra of the Age of Enlightenment’ fallen durch ausdrucksvolle, gut nuancierte und dynamische Darbietungen auf. © 2016 Pizzicato



Ingrid Wanja
Opera Lounge, July 2016

Von einem Oratorium erwartet man nicht gerade ein Fest für die Augen durch eine Orgie von Ausstattung und den Einsatz einer raffinierten Bühnentechnik. Barrie Kosky allerdings „enttäuschte“ in dieser Hinsicht mit seiner Inszenierung von Händels Saul aufs angenehmste und bietet visuell so Raffinertes wie Ivor Bolton mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment den Ohren Köstliches beschert—und das Publikum in Glyndebourne ist von beiden und beidem begeistert. Szenenbeifall verdient sich die Bühne von Katrin Lea Tag mit einem Blumenmeer für eine Art Bankett einer zwischen Barock und Rokoko, auf jeden Fall aber üppig gewandeten Gesellschaft höfisch geziert sich gebender, bewegungs-, ja tanzfreudiger Choristen und Tänzer (Choreograph Otto Pichler), wobei rein maskuline Paarungen, wie oft bei Kosky, bevorzugt werden, und auch geküsst wird reichlich, wenn auch nicht das einzige Liebespaar, David und Michal, mit dieser lustfördernden Tätigkeit befasst ist. Ebenso eindrucksvoll wie das Eingangsbild sind im weiteren Verlauf des Abends das Kerzenmeer, die in den Aschenboden gescharrten Leichen der Gefallenen auf dem Schlachtfeld, und Wunderwerke der Maske sind die abgetrennten Köpfe erst von Goliath und dann von Saul. Eindrucksvoll und belustigend ist auch das Auftauchen Händels höchstselbst samt Harmonium aus dem Bühnenboden und eine frappierende Idee, den Kopf der Witch of Endor zwischen den Beinen Sauls aus der Asche wachsen und ihn aus ihren welken Brüsten die Milch der Erkenntnis von seinem Untergang saugen zu lassen. Mag auch nicht alttestamentarische Strenge auf der Bühne herrschen, barocke Lebensfreude—und Todesangst gibt es in Hülle und Fülle zu bestaunen.

Das Orchester weiß dem üppigen Treiben auf der Bühne akustisch durchaus Ebenbürtiges entgegen zu setzen, Optik und Musik erschlagen einander nicht gegenseitig, sondern ergänzen sich aufs Schönste. Auch die spielfreudigen Sänger, die Kosky sichtbar mit seiner Konzeption zu begeistern wusste, sind auf höchstem Barockniveau. Christopher Purves als weißgeschminkter Potentat weiß mit geläufigen Koloraturen sein Zärtlichkeitsbedürfnis und mit machtvollem Stimmeinsatz sein Machtstreben auszudrücken, macht auch als Samuel eine gute akustische Figur. Countertenor Iestyn Davies wirkt zunächst etwas schmalbrüstig, auch optisch recht verloren, was auch Absicht sein kann. Im Verlauf der Handlung bewundert man zunehmend das schöne Ebenmaß der Stimmführung, die feine Lyrik für die zärtlichen Momente. Benjamin Hulett singt mit durchdringendem Charaktertenor die vier kleinen Partien. Puren Wohllaut verströmt Paul Appleby als treuer Freund Jonathan. Die beiden Frauenstimmen passen vorzüglich zur herberen Merab, gesungen von Lucy Crowe, und zur sanfteren Michal von Sophie Bevan. Der Glyndebourne Chorus unter Jeremy Bines ist einfach phantastisch im Verdeutlichen all der großen Gefühle, deren Vermittlung ihm im Verlauf des Abends abverlangt wird. © 2016 Opera Lounge





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