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Bernd Hoppe
Opera Lounge, May 2015

Spätestens seit Cecilia Bartolis mit viel Hype begleiteten Bemühungen um den Komponisten, Diplomaten und Bischof Agostino Steffani, die sich 2012 in einem mehrteiligen Project bei Decca niederschlugen, steht der 1654 in Castelfranco Veneto geborene Italiener, der später in München und Hannover wirkte, wieder im Blickpunkt des musikalischen Interesses. Nach Bartolis Einspielungen von diversen Arien und seinem Stabat Mater gibt es seit einigen Jahren Bestrebungen, sein 1688 in München uraufgeführtes Dramma per musica Niobe, regina di Tebe wiederzuerwecken (wenngleich die früheren Ansätze wie die von Newell Jenkins oder Günther Kehr in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts nicht unerwähnt bleiben sollen). Erst kürzlich erschien bei Erato eine Studioeinspielung von 2013 aus dem Sendesaal Bremen mit Katarina Gauvin und Philippe Jaroussky in den zentralen Partien der Niobe und des Anfione, welche einer Produktion beim Boston Early Music Festival 2011 folgte. (Die Veröffentlichung wurde von meinem Kollegen Geerd Heinsen auf diesen Seiten besprochen.) Nun legt Opus Arte den Mitschnitt einer Aufführungsserie im September 2010 am Royal Opera House London unter Thomas Hengelbrock vor, der durch die abweichende Besetzung besonders Interesse erweckt. Vor allem der polnische Sopranist Jacek Laszczkowski als Anfione, König von Theben, der die Rolle bereits in Schwetzingen gesungen hatte und inzwischen in das Fach des Heldentenors gewechselt ist, versprach ein gänzlich anderes Rollenporträt als Jaroussky. Singt der Franzose mit purer Reinheit und Schönheit des Tons, hört man vom Polen wieder seine bekannt hysterischen Ausbrüche (wie in „Ascendo alle stelle“ zu Beginn des 2. Aktes), die zu verschiedenen Rollen (Nerone in Monteverdis Poppea) perfekt passten. Insgesamt aber lässt die Stimme nicht mehr die einstige Souveränität erkennen, klingt oft verschwommen und wattig, in der exponierten Höhe streng vibrierend und in manchen Szenen geradezu kläglich jammernd. Dann wieder vernimmt man Momente, in denen das besondere Timbre des Sängers zu reizvoller Wirkung kommt, wie in der Szene im Palast der Harmonie, wo die Stimme mit ätherisch entrücktem Ausdruck betört, oder in manchen Extremtönen von perfektem Sitz und magischer Aura. Vor allem die wehmütig-getragenen Arien überzeugen, zu denen auch der ergreifende Abschiedsmonolog seiner Selbstmordszene gehört—insgesamt ein uneinheitliches Rollenporträt.

In Katarina Gauvin bei Erato hat Véronique Gens in London eine starke Konkurrenz, aber sie behauptet sich respektabel mit ihrem eingedunkelten, empfindsamen Sopran und dem innigen, schlichten Ausdruck. Bewegend ihr Liebesbekenntnis zu Anfione mit berückender Tongebung („Amami“), ergreifend beider Zwiegesang („Mia fiamma“). In den furiosen Arien mit erregten Koloraturen wirkt der Fluss der Stimme zuweilen etwas bemüht („Qui la Dea“ zu Beginn des 2. Aktes), in den schmerzlichen Gesängen entfaltet die Stimme dagegen ihre ganze Noblesse und Kultur, wozu auch Niobes letzte Szene („Funeste immagini“) gehört. Ein Trumpf der Londoner Besetzung ist Delphine Galou als Amme Nerea mit dunklem Mezzo von beherztem Zugriff, der bestens zur Partie passt. Deren Arien sind durchweg von energisch-resolutem Charakter und munterem Rhythmus, zum Teil vom Orchester reizvoll begleitet mit tänzerischen Affekten, und die Sängerin interpretiert sie in idealer Weise, übertrifft damit die Altus-Besetzung bei Erato, wenngleich diese historisch korrekter sein dürfte. Countertenöre gibt es auch in London: Als Prinz Creonte lässt Iestyn Davies eine Stimme von recht larmoyantem Klang hören, zeigt in seinen Arien („Dove, sciolti“ und „Lascio l’armi“) aber eine bravouröse Flexibilität im Fluss der Koloraturen. Im Duett mit Niobe („T’abbraccio“) verschlingen sich die beiden Stimmen in schöner Harmonie. Und ihm fällt das letzte Solo des Werkes zu, wenn er mit festlichem Trompetenglanz zum neuen Herrscher von Theben gekürt wird und in „Di palme e d’allori“ Koloraturjubel verströmt. Der zweite Counter ist Tim Mead als Höfling Clearte, auch er von melancholisch bis weinerlichem Timbre. Da bildet die heitere Arie „Tutta gioia“ im 3. Akt einen willkommenen Kontrast, und der Sänger amüsiert durch sein atemloses Plappern. Freilich ist diese Stimmung trügerisch, denn kurz darauf folgt ein schreckliches Erdbeben, vom Orchester mit Donnergrollen untermalt. Das glückliche Paar des Stückes sind Tiberino, Sohn des Königs von Alba, und die Priesterin Manto, die am Ende von Creonte vereint werden. Lothar Odinius glänzt mit seinem Tenor, der sich wunderbar entwickelt hat, erfüllt ist von reifer Männlichkeit und auftrumpfender Energie. Aber er überzeugt auch in der reizvollen, von Flöten lieblich umspielten Arie „Quanto sospirera“ am Ende des 1. Aufzugs. Einmal mehr gibt der Sänger einen überzeugenden Beweis einer bedachtsam aufgebauten und klug geführten Karriere. Amanda Forsythe ist die Manto bei Erato und in London, mit ihrem feinen lyrischen Sopran, der vor allem in der nobel gesungenen Arie „Nel mio seno“ bezaubert, eine denkbar stimmige Besetzung. Ihr Vater, der Hohepriester Tiresia, ist eine der beiden tiefen Partien dieses Dramma per musica, die von Bruno Taddia mit grimmigem Bassbariton wahrgenommen wird. Die andere ist Creontes Ratgeber Poliferno, in der Alastair Miles mit zwar dumpfem, auch dröhnendem Bass zu hören ist, aber durch seine enorme Autorität, noch immer gebührende Gelenkigkeit („Nuovo soglio“) und das furiose Rasen im zweiten Akt  („Numi tartarei“) überzeugt.

Hengelbrock nimmt zuweilen sehr breite Tempi, welche die Aufführung im Vergleich zu Paul O’Dette und Stephen Stubbs bei Erato getragener und ernster wirken lassen. Gemessen-feierlich beginnt die Ouvertüre, wechselt dann zu martialischem Fanfarengeschmetter, wo das Balthasar-Neumann-Ensemble ebenso großen Effekt macht wie in den rhythmisch prägnanten Tänzen, ob zur Jagd oder bei Schäfer-Szenen, und beim pompösen Freudenfinale. Das Publikum in Covent Garden reagiert enthusiastisch auf die Aufführung. © 2015 Opera Lounge





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