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Album Reviews



 
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Remy Franck
Pizzicato, April 2016

Immer wenn ein neuer, angeblicher ‘Startenor’ angekündigt wird, gehen bei mir alle Alarmleuchten an, und in den meisten Fällen haben sich diese Ankündigungen, selbst wenn sie von geschätzten Musikern kamen, als schlimme Flops erwiesen. Wirklich gute Tenöre im italienischen Repertoire sind eben heute so sehr Mangelware, dass viele Menschen aus dem Häuschen geraten, wenn auch nur ein halbwegs ordentlicher Sänger auftaucht.

Der 34-jährige italienisch-albanische Tenor Saimir Pirgu wird glücklicherweise nicht von den ehemaligen Majors vermarktet, und er hat sich mit seiner Arien-Debüt-CD auch Zeit gelassen. Mit dem Repertoire von ‘Il mio canto’ lehnt er sich freilich sehr weit aus dem Fenster und setzt sich in Konkurrenz zu den größten Tenören.

Mit allen Alarmleuchten an hörte ich mir also Pirgus neue Platte an. Und zu meinem großen Erstaunen gingen viele Lämpchen aus. Jedoch nicht alle! Es gibt auf dieser CD so manche Arie, bei der ich hier und da kleine Einwände habe, vor allem was Vokalverfärbungen, ungenügende Atemstütze im unteren Register und Unausgeglichenheit in der Vokalführung anbelangt. Oft fehlt es an Wärme und Geschmeidigkeit. Aber das Timbre ist ja auch nicht wirklich ‘italienisch’. Den Vergleich mit einem Pavarotti, einem Carreras oder einem Bergonzi hält Pirgu nicht aus. Den mit einem di Stefano schon. Und besser als Villazon und Co. ist er allemal. Soviel zum Rahmen, den wir hier abstecken.

Pirgu hat ein charakteristisches und durchwegs angenehmes Timbre, die Stimme sitzt auch meistens sicher und gut, sie ist offen, hat eine gute Portion Schmelz, eine bemerkenswerte (nicht immer unangestrengt wirkende) Höhe und profitiert von einer sicheren Intonation.

Puccinis ‘Che gelida manina’ ist—im Vergleich zu anderen Arien auf dieser CD—erstaunlich farbenarm und es fehlt auch an wirklichem Einfühlungsvermögen. Die Tonqualität der Stimme ist—fast unverständlich!—unausgeglichen und unschöne Töne vergällen einem den Genuss des Gesangs. Auch die ‘Lucia di Lammermoor’—Arie bleibt hinter den Erwartungen zurück, es fehlt die souveräne Freiheit, die ein Pavarotti hier so wunderbar vorexerziert hat. Die Gounod-Arie ‘Salut, demeure chaste et pure’ leidet unter einer problematischgen französischen Aussprache, mit einigen falschen Vokalen und einem etwas schmalen und nasalen Klang.

Bemerkenswerte Passaggio-Fähigkeiten gibt es in ‘E la solita storia’, die etwas bleich beginnt, sich dann aber recht gut entwickelt und auch eine emotionale Beteiligung am Gesang verrät. Aber man denkt doch etwas wehmütig an Carreras…besonders wenn dann das ‘fatale vison’ in dem Ganzen einen Grad an Banalität erreicht, der ärgerlich ist. Aber das sind dann die kleinen Mängel, die unbedingt hätten verbessert werden müssen.

Die beste Leistung ist ‘Oh mio rimorso! Oh infamia’, sportiv und brillant gesungen, ohne jegliche Eintrübung. Ein ähnliches hohes Niveau erreicht Pirgu in den Arien aus ‘Rigoletto’. Sein Duca ist wirklich herausragend, auch gestalterisch und emotional. Auch ‘Pourquoi me réveiller’ von Massenet klingt ganz beachtlich.

Fazit: Saimir Pirgu ist zweifellos einer der besten Tenöre unserer Zeit,

seine Stimme hat viel Potenzial, und wenn sie noch etwas reifer wird, wenn er vor allem versucht, etwas mehr Geschmeidigkeit und Wärme zu erlangen, könnte er tatsächlich in die Kategorie der ganz Großen vorstoßen.

Die kleinen Mängel, die wir angesprochen haben, sind im Übrigen auch dadurch hörbarer geworden, weil die Tontechnik die Stimme sozusagen aus dem Orchester herausgelöst und dieses zu sehr in den Hintergrund gedrückt hat. Auch bin ich mir nicht sicher, ob die Dirigentin Speranza Scapucci die Stimme mit dem Orchester so trägt wie das sein sollte.

Pirgu hätte einen Dirigenten wie Karajan gebraucht… Dass Pirgu dennoch auch ohne diesen Meisterdirigenten in einem Opernhaus das Publikum restlos begeistern kann, davon bin ich überzeugt. Die Schallplatte ist eben ein gefährliches Terrain… © 2016 Pizzicato



Udo Klebes
Online Merker, April 2016

Ein Blick auf das Programm dieser ersten, parallel auf einer internationalen Konzerttour präsentierten Solo-CD des albanischen Tenors läßt zunächst die Frage aufkommen, ob es denn mehr oder weniger immer die gleichen Standard-Arien sein müssen, mit denen sich ein Sänger letztlich einer breiten Konkurrenz aussetzt. Doch bereits beim Hören der ersten Stücke relativiert sich dieser Einwand allein schon durch das betörend schmelzende Timbre, mit dem er alle Beiträge zu einem klanglichen Genuss werden lässt und somit auch die rein akustische Vorführung ohne Bühne und Spiel rechtfertigt. Dessen klanglicher Reiz liegt in der farblichen Mischung heller italienischer und dunklerer lateinamerikanisch-spanischer Stimmen.

Die ausgewählten Nummern bilden einen Querschnitt durch das derzeitige Repertoire des Künstlers, ergänzt durch drei oder vier geplante bzw. mögliche Projekte in der Zukunft. Eingedenk des Wissens, dass bei Studio-Einspielungen Defizite kaschiert und aufgefangen werden können, vermitteln die Aufnahmen doch das klare Bild eines Sängers, der nach einer schon mit Anfang 20 mit Mozart-Partien international gestarteten Karriere nun das sichere Fundament für eine Facherweiterung erlangt hat. Egal ob er als Alfredo, Edgardo, Macduff, Rodolfo, Romeo oder Werther mehr mit schwärmerischem oder verzweifeltem Ausdruck gefordert ist, stets lassen seine Verbindung einer leichten Stimmführung mit geschmackvollen, mal seidenweichen, mal kernigen Phrasierungen und schön gerundeten, zentrierten und nie als Einzeltöne platzierten Höhen den Wunsch entstehen, ihn als Gesamtkunstwerk auf der Bühne zu erleben. Die Arien des Adorno (Simone Boccanegra) oder Rodolfo (Luisa Miller) zeigen in gewachsenem Volumen und metallischeren Höhen, wie sicher er diesen dramatischeren Anforderungen zumindest als Ausflug jetzt gewachsen ist. Dennoch wäre es ratsam, das noch lyrisch grundierte Material auch im Sinne seines weiter beibehaltenen Mozart-Repertoires so lange es geht zu bewahren und Gewichtigeres vorerst auf Arien in Konzerten zu beschränken. Denn lyrische Tenöre mit leichten Spinto-Möglichkeiten in seiner Güteklasse gibt es doch nur wenige.

Zwei Beiträge müssen hier noch extra heraus gegriffen werden: das Lamento des Federico aus „L’Arlesiana“, weil er da alle seine Vorzüge mit der größten Leidenschaft steigernd summieren kann, und die Arie des Sängers aus dem „Rosenkavalier“ als Parade-Beispiel einer Demonstration, welcher Parameter es für eine volle Auskostung dieses gefürchteten Stücks weitatmig strahlenden Belcantos bedarf.

Die CD verfügt mit dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino über einen zusätzlichen Bonus, weil ein solches Arien-Programm unterschiedlichster Richtungen selten mit soviel stilistischem Wissen und einem so straffen und gleichzeitig doch elastisch federnden Dirigat wie von der einfühlsamen Dirigentin Speranza Scapucci begleitet wurde.

Eine Neuerscheinung, die rundum Freude bereitet. © 2016 Der Neue Merker





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