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Ingrid Wanja
Opera Lounge, November 2019

Mit einem Riesenbrocken, Olivier Messiaens Turangalila-Symphonie, hatte Simone Young 2005 ihr erstes Konzert in Hamburg bestritten, mit einem von Thema und Bedeutsamkeit her ähnlich anspruchsvollen Werk, Franz Schmidts Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln, beschloss sie den Hamburger Teil ihrer Dirigentenkarriere. Der Komponist ist berühmt-berüchtigt für ein einst überaus beliebtes Wunschkonzert-Stück, das Zwischenspiel aus seiner Oper NotreDame. Wenn auch nicht die Tonalität verlassend, ist sein Oratorium ungleich herber, harmonisch an ihre Grenzen gehend und gewaltige Klangmassen entfesselnd. Der dem Werk zugrunde liegende Text, die Offenbarung des Johannes, nicht des Apostels, dem eines der Evangelien zu verdanken ist, sondern nach neuestem Stand der Forschung des Johannes auf Patmos, legt mit seinen Schreckensbildern der Apokalypse die Ausreizung des musikalisch Möglichen nahe, erfordert einen erstklassigen, vor allem intonationssicheren Chor und einen Tenor als Johannes, der eine ähnliche Aufgabe wie Bachs Evangelist hat, so dass es kein Zufall ist, dass auch Peter Schreier diese Partie aufgenommen hat. Als zweite, aber bei weitem nicht so umfangreiche Partie gibt es die für einen Bass, der die „Stimme des Herrn“ verkörpert. Kleine Bausteine zum Großen und Ganzen tragen ein weiterer Tenor, ein Sopran und ein Mezzosopran bei.

Die Offenbarung schildert die Schrecken, die den Menschen bevorstehen, ehe die „Gerechten“ an der Seite Gottes ein ewiges Leben erringen. Die sieben Siegel des Buches, das dem Lamm anvertraut ist, öffnen den Geißeln Krieg, Hunger, Erdbeben oder Hochwasser die Tür, um alle zu vernichten, die des Paradieses nicht würdig sind. Insbesondere die beiden letzteren Naturkatastrophen fordern vom Orchester Erkleckliches, die „Wasserfuge“ stellt den Chor vor immense Aufgaben. Die Philharmoniker Hamburg und sowie NDR Chor und Staatschor Latvija leisten unter Simone Young fast Übermenschliches, und auch der Organist Volker Kraft, der mit seinem Instrument die Introduktionen zu den einzelnen Teilen spielt, trägt zum Gesamterfolg der beiden Aufführungen im Juni 2015 in der Laeiszhalle Hamburg bei.

Höchst umfangreich ist die Partie des Johannes, des Erzählers, während der Chor die Leiden des Volkes zu Gehör bringt. Klaus Florian Vogt ist mit seiner leidenschaftslos klingenden, weißen Tenorstimme, mit einer sehr guten Diktion beinahe beiläufig naiv berichtend, der geeignete Sänger als Kontrast zu dem sich ekstatisch äußernden Chor. Getragenes und Tröstliches mit einem tragischen Akzent auf das „Letzte“ trägt Georg

Zeppenfeld als die Stimme des Herrn vor. Angemessen klagen Inga Kalna (Sopran) und Bettina Ranch (Mezzo) über Hunger und Elend, Tenor Dovlet Nurgeldiyev klingt fleischiger als sein Kollege (Oehms Classics 1840 /2CDs). © 2019 Opera Lounge



Matthias K├Ąther
Opera Lounge, February 2016

Bei Franz Schmidts großangelegter Kantate Das Buch mit sieben Siegeln handelt es sich um das letzte große abendfüllende Werk des Komponisten, das ihn zwei Jahre Arbeit gekostet hat. Es entstand in einer Zeit, in der sich die Welt zunehmend verdüsterte. Die Uraufführung fand im Juni 1938 in Wien statt, also nur drei Monate nach dem Einmarsch der deutschen Truppen—da dürften entsprechende Weltuntergangsphantasien auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Die Musik ist jedenfalls ein eindrucksvoller Spiegel der Gefühle des Komponisten, der zwischen romantisch-naiver Bewunderung für die Nazis einerseits und dunklen Vorahnungen andererseits hin- und hergerissen wird.

Umstrittener Komponist: Wie viele deutschsprachige Komponisten aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist Schmidt ein sehr ambivalenter Musiker gewesen, dessen genaue Rolle im Musikleben Österreichs noch immer umstritten ist. Zum einen gehörte er einer sehr konservativen Schule an, die an tonalen Kompositionsmodellen festhielt und versuchte, romantische Traditionen auf originelle Weise fortzusetzen. Andererseits setzte er sich als Lehrer und Uni-Dozent bei seinen Studenten immer für die Avantgarde, vor allem Arnold Schönberg ein.

Auch seine Haltung zum Austrofaschismus und den Nazis ist nicht genau festzulegen, er hat sich, ohne klare Positionierung, von beiden widerspruchslos vereinnahmen lassen. Er ist ein durchaus ernstzunehmender Spätromantiker, der in seinen besten Werken deutlich mit einem markanten Personalstil aus dem Schatten der Vorbilder wie Schumann, Mendelssohn und Brahms heraustritt, ohne aber die charismatische Leuchtkraft eines Strauss oder Schreker zu besitzen.

Unbefriedigender Tenorpart: Im Grunde ist dieses Oratorium eine gigantische Kantate für Tenor, Chor und Orchester, denn der Tenor übernimmt die Rolle des Autors, also des Johannes—und hat damit wirklich einen Monsterpart zu singen, der den Aufgaben einer schwierigen Opern-Titelpartie durchaus entspricht. Der Tenor ist omnipräsent, und damit steht und fällt natürlich die ganze Aufführung.

Dafür war bei dieser Neuausgabe von Oehms ein Sänger wie Klaus Florian Vogt die falsche Wahl. Zugegeben, die Höhen erreicht er souverän, die heroische Qualität ist ihm geblieben, aber man muss hier auch über lyrischen Feinsinn verfügen. Und mir klingt für diese sehr eloquente Rolle Vogts Stimme einfach zu ausgewaschen, zu weiß—und zu naiv. Dieser Tenor wird den vielen Facetten der Musik (und des Textes!) nicht so gerecht, dass er alle Nuancen abdeckt, die in der Partie stecken.

Mit der restlichen Besetzung sieht es viel besser aus—was dier Einspielung nicht retten kann. So wie eine Norma ohne gute Norma eigentlich verloren ist. Da kann die Hamburger Philharmonie noch so seidig oder harsch je nach Stimmungslage daherkommen, da kann Volker Krafft noch so virtuos an der Orgel orgeln oder Georg Zeppenfeld Sonores Beitragen : Es bleibt durch die fehlende lyrische Ebene, die nicht vorhandene kongeniale Textinterpretation zwar eine anständige, aber eben keine wirklich aufwühlende Aufnahme. Wirklich schade—besonders, da die exzellenten Chöre, in diesem Fall der NDR-Chor und der Staatschor Latvija, die anspruchsvolle Partitur äußerst souverän meistern.

Und natürlich ist da die engagierte Dirigentin Simone Young, die sich kurz vor ihrem Weggang aus Hamburg dieses große Werk noch gegönnt hat und es in seiner ganzen Widersprüchlichkeit so ernst nimmt, wie es das verdient. Ein schöner Ausstand, vor allem was die provokante Wahl des Stücks betrifft—trotz eines schwächelnden Klaus Florian Vogt (Oehms Classics LC 12424). © 2016 Opera Lounge





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