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Christoph Zimmermann
Der Opernfreund, February 2018

HEUBERGER, R.: Opernball (Der) [Operetta] (G. Ernst, L. Marquardt, Kaimbacher, Orešcanin, Mchantaf, Graz Opera Chorus, Graz Philharmonic, Burkert) 555070-2
LEHÁR, F.: Juxheirat (Die) [Operetta] (Boog, Taruntsov, Bad Ischl Lehár Festival Choir, Franz Lehár Orchestra, Burkert) 555049-2
FALL, L.: Brüderlein fein [Operetta] (Krabbe, Bönig, Roider, Freiberg, Cologne West German Radio Chorus and Symphony, Kober) 777796-2
DOSTAL, N.: Prinzessin Nofretete [Operetta] (M. Milev, Wünscher, A. Mehling, J. Krueger, Rydlewski, Musical Comedy Choir and Orchestra, Klingele) ROP6147-48
LEHÁR, F.: Graf von Luxemburg (Der) [Operetta] (Behle, Nylund, Alder, Frankfurt Opera Chorus, Frankfurt Opera and Museum Orchestra, Eun Sun Kim) OC968

Zwar gehört die „Fledermaus“ von Strauß zu den wenigen Werken, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts komplett auf Platte gebannt wurden, aber in der Folge musste die Operette hinter der Oper zurückstehen. Der später aufkommende Rundfunk gab sich schon etwas bemühter (die „Fledermaus“ dirigierte beispielsweise 1936 Hans Rosbaud beim Frankfurter Sender). Nach 1945 boomte die Operette beim Rundfunk sogar regelrecht. Führende Dirigenten waren beim BR Werner Schmidt-Boelcke, beim NDR Wilhelm Stephan, beim WDR Franz Marszalek. Eine Document-Kassette hat ein halbes Hundert dieser Einspielungen nebst Appendices vor etlichen Jahren gebündelt herausgebracht.

Dann begann die Schallplatte allerdings aufzuholen. In London dirigierte Otto Ackermann mit dem Philharmonia Orchestra sechs „Champagner-Operetten“ ein (Strauß, Lehár), so eine Formulierung von Elisabeth Schwarzkopf, Protagonistin dieser Serie neben Nicolai Gedda, Erich Kunz und anderen. Die Spätkarriere von Rudolf Schock lief dann fast ganz auf Operette hinaus, was die Phonoindustrie weidlich nutzte (Margit Schramm war Schocks häufige Partnerin). Anneliese Rothenberger sorgte bei einem Konkurrenz-Label für ähnlichen Aufschwung.

Operetten-Initiativen der jüngsten Zeit bemühen sich erfreulicherweise auch verstärkt um unbekannte Werke, wobei oft auf Festivalproduktionen (Mörbisch) oder Liveaufführungen von Theatern zurückgegriffen wird (Baden bei Wien, Bad Ischl, Dresdner Staatsoperette, Musikalische Komödie Leipzig). Zwangsläufig werden dabei nicht immer „große“ Besetzungen geboten, aber der dokumentarische Aspekt hat Gewicht. So beispielsweise bei Nico Dostals „Prinzessin Nofretete“, die in Leipzig siebzig Jahre nach der Kölner Uraufführung (1936) szenisch erstmals wieder erprobt wurde. Mit Leo Falls „Brüderlein fein“ (WDR-Produktion) und Lehárs „Juxheirat“ (aus Bad Ischl) sind ebenfalls ausgesprochene Raritäten im CD-Angebot. Lehárs „Graf von Luxemburg“ und Richard Heubergers „Opernball“ runden das Ganze gefällig ab.

Auf Tonträgern ist der „Opernball“ noch nie komplett erschienen, sieht man vom Soundtrack eines TV-Films von 1970 ab (Dirigent: Willy Mattes). Dabei hätte es dieses kompositorisch ambitionierte Werk wahrlich verdient. Volker Klotz räumt ihm in seinem nach wie vor maßstäblichen „Handbuch der Operette“ ein längeres Kapitel ein, Indiz für seine Wertschätzung, welche sich stets an der satirischen Verve eines Offenbach orientiert. Es gibt auch Parallelen zur satirischen „Fledermaus“: erotisches Fremdgehen, anschließende Katergefühle und ein fragwürdiges Happy End (bei Heuberger heißt es beschwichtigend „Am allerschönsten ist’s immer zu Haus“).

Da die Heuberger-Operette auch vom Rundfunk vernachlässigt wurde, fehlt sie zwangsläufig in der Document-Kassette. Das immer so rührige Label cpo schließt diese Lücke nun mit einem Livemitschnitt aus Graz, der Geburtsstadt des Komponisten. Das dortige Opernhaus scheint in jüngster Zeit überhaupt diskografisches Interesse zu erwecken, wie ein andernorts veröffentlichter Mitschnitt von Luigi Dallapiccolas „Prigioniero“ zeigt.

Den „Opernball“ dirigiert Marius Burkert schmissig, allerdings nicht immer ganz filigran, wie es dem raffiniert konzipierten Werk eigentlich gut täte. Auch die Sänger hauen nicht wirklich um, wirken jedoch in jedem Moment amüsant und rollenaffin. Ob die Nummernumstellungen der Grazer Fassung dramaturgisch wirklich von Vorteil sind, wäre erst noch näher zu prüfen.

2016 hatte Marius Burkert auch die Stabführung bei Franz Lehárs „Juxheirat“ in Bad Ischl inne und sorgte für eine kraftvolle Umsetzung der rustikalen Partitur. Zwar lässt sie mitunter etwas von der irisierenden Klangwelt des späten Lehár spüren, doch insgesamt begegnet man einer handfesten Komödie, welche durchaus nach Offenbach schielt. Die Musiknummern sind allesamt dankbar, hier und da könnte man sogar von Ohrwürmern sprechen. Auch wenn die Aufführung in Bad Ischl szenisch offenbar gelungen war (viel Heiterkeit im Publikum – Beifall wurde allerdings verboten oder herausgeschnitten), wäre das Werk anderswo neuerlich auf den Prüfstand zu stellen.

Vielleicht versucht’s mal die sich einschlägig engagierende Komische Oper Berlin. Vonnöten wäre freilich wäre ein Regisseur von delikatem Geschmack. Der Titel der Operette (welcher als „Inhaltsangabe“ durchaus genügt) deutet zwar auf Drastik hin, aber in den Liebesschlingen der Handlung versteckt sich auch Subtileres. Das will ausgewogen präsentiert sein. Große Entdeckungen gibt es im Sängerensemble von Bad Ischl nicht zu machen, die Sopranistinnen Maya Boog und Ilia Staple verdienen allerdings positiv hervorgehoben zu werden. Auf die Tenöre Jevgenij Taruntsov und Christoph Filler achtet man schon wegen eines Duetts im 2. Akt, wo Wagners „Lohengrin“ und „Meistersinger“ anspielungsreich zitiert werden.

Wie bei Lehár ist auch bei Leo Fall das Komponistenleben in mehrere Perioden einzuteilen. Wie weit bei Frühwerken immer noch Offenbach Pate stand, wäre im Einzelnen zu untersuchen. Lehárs lebenslanger Hang zur Oper und zu tragisch angehauchten Stoffen führte jedenfalls bis hin zu extremer Sentimentalität („Land des Lächelns“). Leo Fall war von Natur aus ein eher heiter geprägter Mensch, obwohl die überlieferten Fotografien dies nicht unbedingt mutmaßen lassen. In seinen Werken zeichnet sich eine Spätphase ab, mal mit Tendenz zu Exotik („Rose von Stambul“), mal mit Vorliebe für historische Stoffe („Die Kaiserin“, „Madame Pompadour“). Selbst zum Kabarett fand Fall zeitweilig Kontakt. Insofern ist seine wohl bekannteste Operette, der „Fidele Bauer“, ein Werk mehr „auf Abwegen“ und „Brüderklein fein“ womöglich sogar ein Ausrutscher. Der Stoff frönt dem Anfang des 20. Jahrhunderts nostalgisch geliebten Biedermeier und hält sich mitnichten an die Äußerung der Protagonistin Tomi Drechsler „Nur nicht sentimental werden“ (Originaltext oder Fassung der WDR-Produktion unter Axel Kober?). Die Handlung führt also zurück in die sogenannte gute alte Zeit. Das Ehepaar Drechsler (besagte Toni und Josef, historisch verbürgter, aber etwas frei porträtierter Komponist) feiert die vierzigjährige Wiederkehr ihrer Hochzeit. Da gibt es nicht den geringsten Anflug einer Krise, sondern nur Liebe wie am allerersten Tag. Man schwelgt in Erinnerungen, von der real auftretenden „Jugend“ zusätzlich animiert. Auf der Bühne ist das Werk kaum noch vorstellbar, allenfalls bei einem Marionettentheater. Somit obliegt dem Rundfunk die ehrenvolle Aufgabe von Werkbewahrung. Dem Singspiel „Brüderlein fein“ eignen tatsächlich viele kompositorische und atmosphärische Reize, das Duett „Nicht zu schnell und nicht zu langsam“ ist sogar ein regelrechter Hit. Der vielseitige Axel Kober, bewährt nicht zuletzt im Wagner-Oeuvre (Bayreuth, aktueller Rheinopern-„Ring“) gibt mit dem Funkhausorchester Köln auch der Musik Falls viel Flair mit (Aufnahme 2012). Das Ehepaar Drechsler ist mit Anke Krabbe und Michael Roider sehr liebenswert besetzt, auch Andrea Bönig versieht ihre Parts (Jugend, Haushälterin Gertrud) schönstimmig. Als Appendix wird Falls Walzer „Leben und Lieben“ geboten, gespielt vom gleichen Klangkörper, der sich 1961 allerdings noch Kölner Rundfunkorchester nannte (was das Booklet verschweigt). Am Pult: Franz Marszalek, der sich für Leo Fall zeitlebens besonders einsetzte. Auch er hat „Brüderklein fein“ eingespielt, aber von der Aufnahme des Jahres 1949 existiert nur noch ein Duett.

Über Nico Dostal, dessen Werke heute kaum noch gespielt werden, befindet Volker Klotz: Sein Werk „hebt sich durch große handwerkliche Sorgfalt von der Durchschnittsproduktion der dreißiger und fünfziger Jahre vorteilhaft ab.“ Seine Operette „Prinzessin Nofretete“ geht auch stofflich eigene Wege. Pikant der Rückgriff auf die Figur der altägyptischen Prinzessin, deren Büste mit ihren kühl-schönen Gesichtszügen fasziniert, seit sie in den zwanziger Jahren nach Berlin gelangte und dort auch verblieb. Sogar Hitler sagte im Umfeld von Querelen um den heiß diskutierten Verbleib der Statue „Ich werde den Kopf der Königin niemals aufgeben.“ Verständlich, dass die Operette diese Diskussion in pikanter Weise aufgriff. Über die Librettisten (Julius Brammer/Alfred Grünwald) verlautet im Booklet des Mitschnitts aus der Musikalischen Komödie Leipzig freilich nichts. Die Handlung verknüpft Begebenheiten aus Jetztzeit und Vergangenheit, teils witzig, gegen Ende freilich auch trivial. Über die Leipziger Aufführung verlautete indes Positives.

Was passiert? Archäologe Callagan will Tochter Claudia mit seinem Assistenten Totty verheiraten. Beide sind über diesen Plan nicht eben begeistert. Längst hat die junge Dame ein Auge auf den zweiten Assistenten Hjalmar geworfen, und Tottys Interessen gelten einer anderen Dame. Diese Situation spiegelt sich in Begebenheiten aus dem alten Ägypten (Mittelakt). Das ist dramaturgisch clever gestrickt, kommt aber nicht ganz ohne Sentimentalität aus, was vor allem das finale Happy End betrifft. Für eine Bühnenaufführung bedürfte es also eines Regisseurs mit Sinn für subtile Erotik. Dass das Stück mit seiner anspruchsvollen, dennoch nirgends abgehoben wirkenden Musik so radikal vernachlässigt wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar. Nur einmal in jüngerer Zeit kam „Prinzessin Nofretete“ zu Ehren, nämlich ausschnitthaft im Rahmen der historischen Kölner Reihe „Oper am Klavier“. Gast dieser Veranstaltung war Lillie Claus, Gattin des Komponisten und Uraufführungsinterpretin. Die Leipziger Aufführung bietet unter dem Dirigat Stefan Klingeles vollsaftiges Musiktheater. Die meisten Stimmen gefallen, in Sonderheit die der höhensicheren Sopranistin Lilli Wünscher. Bei ihrem Tenorpartner sind aufgrund der engen, schneidenden Stimme allerdings erhebliche Abstriche zu machen.

Der Frankfurter Mitschnitt von Lehárs „Graf von Luxemburg“ kann hingegen mit Weltklassestimmen aufwarten. Camilla Nylund ist mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran vor allem im Wagner-Strauss-Fach zu Hause, Daniel Behle wird nicht von ungefähr gelegentlich mit Fritz Wunderlich verglichen. Beide Sänger bringen Lehárs Musik wunderbar zum Leuchten. Das Buffopaar ist mit Louise Alder und Simon Bode ebenfalls vorzüglich besetzt, wobei der exzellente Tenor fraglos ins Lyrische hineinwachsen wird. Dieses Vokalquartett sichert in Sonderheit das Niveau der von Eun Sun Kim schwungvoll dirigierten Aufführung. Dass die Dialoge gestrichen sind (nicht aber der immer wieder aufbrandende Beifall), ist freilich ein Manko. Der Rezensent, welcher die Produktion als Gastspiel in Köln erlebte, kann hierfür absolut keinen Grund sehen.

Das heutige Operettenrepertoire bevorzugt weitgehend Populäres, über viele Werke hat sich aber auch ganz einfach der Mantel des Vergessens gebreitet. Wie weit das mit der katastrophalen Zäsur durch das Dritte Reiches zu tun hat, ist in Kürze nicht beschreibbar, aber zweifelsohne Fakt. Insofern sei am Schluss dieses Beitrags empfehlend auf das Buch „Operette im Dritten Reich – Musikalisches Unterhaltungstheater zwischen 1933 und 1945“ von Matthias Kauffmann hingewiesen, aus dem alle folgenden Zitate stammen.

Jacques Offenbach, sozusagen der Urvater der Operette, war als Jude für die Nazis ein Feindbild Nummer eins. In der Publikation „Meister der Musik und ihre Werke“ heißt es über den gebürtigen Kölner: „Von Frankreich aus hat sich … die als ‚Pariser Operette‘ bekannte Persiflage und Verspottung des Erhabenen, Gekünstelten oder Unverstandenen auf der Operettenbühne durchgesetzt. (Eine) mit dem Namen des begabten, aber künstlerisch skrupellosen Juden … verknüpfte Richtung.“ Das Offenbach-Jahr 2019 wird auf solche ideologischen Idiotien hoffentlich kritisch zurückkommen.

Auch die Werke des Juden Leo Fall wurden nach 1933 aus den Spielplänen gestrichen. Ein Artikel im „Film-Kurier“ dieses Jahres, den „Fidelen Bauern“ betreffend, mutet besonders grotesk an: „Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft hat eine drastische Maßnahme zur Wahrung der Ehre und des Ansehens des deutschen Bauernstandes ergriffen. Wegen der satirisch-abfälligen Behandlung des Bauerntums und der Hervorhebung von Klassenunterschieden, die unvereinbar sind mit dem Gedanken, dass der Bauernstand die Grundlage für das neue Deutschland ist, hat der Reichminister veranlasst, dass weitere Aufführungen dieser Operette unterbleiben.“

Auch Lehár geriet in die Schusslinie der Nazis, da er mit einer Jüdin verheiratet war (die allerdings später zur „Ehrenarierin“ erklärt wurde). Hitler mochte nun einmal die „Lustige Witwe“, und auch Goebbels setzte sich nachdrücklich für den Komponisten ein, der dann pflichtschuldigst einige Propaganda-Konzerte dirigierte. Bezüglich seiner frühen Werke, welche noch burleske Tendenzen erkennen lassen (so auch die „Juxheirat“), konzentrierten sich Angriffe mit ideologischem Unterton ohnehin stärker auf den Librettisten Julius Bauer.

Wer im Dritten Reich für Leib und Leben fürchten musste, passte sich den offiziellen Hetzereien vielfach notgedrungen an. Es ist schwer, Überzeugung und Unterwürfigkeit immer klar voneinander zu trennen. Die Entnazifizierungsverfahren nach 1945 haben nicht überall volles Licht ins Dunkel zu bringen vermocht. Das zwiespältige Verhalten eines Richard Strauss etwa bleibt weiterhin in der Diskussion. Das Kauffmann-Buch vermittelt von ihm u.a. folgende Aussage zum Thema Operette: „Nach meiner Auffassung sind mindestens 70 Prozent der Unterhaltungskomponisten nichts anderes wie Gewerbetreibende. Lehár ist ziemlich niedriges Niveau.“ Da spricht natürlich weniger ein Ideologe als ein Komponist mit unerschütterlichem Selbstwertgefühl.

Was Matthias Kaufmann auf 448 Seiten detailliert dokumentiert, kann an dieser Stelle im Einzelnen weder referiert noch kommentiert werden. Sein Buch macht aber nachdrücklich bewusst, dass durch das Nazi-Reich das Fortleben der Operette nachhaltig gefährdet wurde, was bis heute nicht gänzlich korrigiert werden konnte. Bequemes Gewohnheitsverhalten beim Publikum kommt hinzu, gegen welches selbst Volker Klotz mit seinen individuellen Spielplanempfehlungen bestenfalls graduell aufkommt. Jede Bemühung, wieder an „bessere Zeiten“ anzuknüpfen, verdient also Respekt und Unterstützung. Die hier vorgestellten Aufnahmen wie auch das materialreiche Kauffmann-Buch sollten einschlägig Interessierte zu näherer Beschäftigung animieren. © 2018 Der Opernfreund



Bernd Feuchtnert
Fono Forum, October 2017

In den Operetten wimmelt es zwar von Adeligen, verhandelt werden aber stets bürgerliche Probleme. Man träumt sich in die scheinbar freie Welt dort droben, weil man sich heillos in der eigenen Doppelmoral verstrickt hat. So ist es auch in Lehárs „Grafen von Luxemburg“, der das Eheverhältnis als ein Geldverhältnis entlarvt. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs komponiert, klingt der Karnevalschor zu Beginn wie der hysterische Aufbruch der Kriegsbegeisterten. Die konzertante Aufführung in Frankfurt zu Silvester 2015 verzichtete auf die Dialoge und setzte auf Tempo.

Wie beim Prinzen Orlofsky ist hier niemand der, als der er sich ausgibt. Bariton Sebastian Geyer legt den Fürsten Basil folgerichtig als köstliche Karikatur an: Der alte Knacker ist so dement, dass er seine Dauerverlobte Kokozow ganz und gar vergessen hat, eine Dame, die am laufenden Band Whisky, Zigarren und Boys konsumiert—Margit Neubauer tritt zwar spät, aber desto nachhaltiger auf. Jetzt hat der Fürst sich in die Primadonna Angèle verliebt—dafür dreht er später noch mächtig auf. Doch weil diese nicht standesgemäß ist, soll sie auf drei Monate mit dem Grafen von Luxemburg verheiratet werden, was jenen mit Geld und diese mit einem Adelstitel versieht.

Die Strauss-Diva Camilla Nylund macht sich prima als Operetten-Primadonna, und wenn sie so fein Duett singt mit Daniel Behle als Graf René, dann ahnt man schon, dass die beiden Scheinehepartner sich auch als echte finden werden. Der Weg dorthin wird von dem Paar Juliette/Brissart aufgehalten, deren Weg zur Liebe Louise Adler und Simon Bode durch manch hübsches Duett führt. Durch flotte Tempi bewahrt Eun Sun Kim die Operette vor den Untiefen der Sentimentalität; der hohe Druck, der hier herrscht, sorgt allerdings eher für preußischen Schmiss als fürwienerischen Fasching. © 2017 Fono Forum



Benjamin Künzel
www.klassik.com, August 2017

Dieser neue ‘Graf von Luxemburg’ kann erstaunlich viel: Er vermittelt Freude am Genre, er ist musikalisch auf hohem Niveau angesiedelt und kann sogar eine zentrale Besetzungsschwachstelle als ungewöhnlichen Coup verkaufen. © 2017 www.klassik.com




Norbert Tischer
Pizzicato, July 2017

Franz Lehars Operette ‘Der Graf von Luxemburg, uraufgeführt unter der Leitung von Robert Stolz am 12. November 1909 im Theater an der Wien, wurde aufgrund ihrer zündenden Melodien ein Riesenerfolg. Es gibt davon auch etliche gute, allerdings alte Aufnahmen, wobei einem die Namen Nicolai Gedda und Rudolf Schock einfallen.

Da heutzutage die Operette gerne als zweitrangig angesehen und auch zweitrangig besetzt wird, muss man es den Produzenten dieser Liveaufnahme hoch anrechnen, mit Daniel Behle als Graf von Luxemburg und Camilla Nylund als Angèle Didier zwei wirklich gute Sänger verpflichtet zu haben, die die Leharschen Melodien deutlich aufwerten und ihre Rollen leidenschaftlich ausleben.

Auch die anderen Interpreten überzeugen, und Chor und Orchester unter der Leitung der koreanischen Dirigentin Eun Sun Kim lassen nichts zu wünschen übrig. Das Ganze klingt vielleicht nicht so wienerisch wie es sich der eine oder andere wünschen würde, aber musikalisches Niveau ist letztlich das Wichtigste. © 2017 Pizzicato





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