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Album Reviews



 
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Uwe Krusch
Pizzicato, June 2017

« Im Universum, das plötzlich wieder seinem Schweigen anheimgegeben ist, werden die tausend kleinen, höchst verwunderten Stimmen der Erde laut.“ Dieses Zitat aus dem Mythos des Sisyphos kann als eine Beschreibung zur Annäherung an die Musik des Esten Erkki-Sven Tüür herangezogen werden. Denn seine Werke entwickeln sich oft laut und intensiv, bis sie an einem Punkt abbrechen, in Stille verfallen bzw. zum Stillstand kommen, um dann wieder vehement zu beginnen. Eine andere Assoziation, die aus repetitiven Verarbeitung kurzer Motive erwächst, kann als das Anbranden von Wellen am Meeresstrand gesehen werden.

Ein weiterer Aspekt, der seine Musik geprägt hat, ist der sehr beschränkte Zugang zu anderen neuen Musikrichtungen bis hin zur Isolation, der aus der politischen Situation des Staates als estnische sozialistische Sowjetrepublik herrührte. Diese unfreiwillige Abgeschiedenheit bzw. auch die politischen Vorgaben führten zur Ablehnung großer Schulen und dazu, einen sehr persönlichen Stil zu entwickeln. So erinnern seine komponierten Klangwellen bis hin zur Ekstase sowohl an Naturprozesse als auch an gesellschaftliche Prozesse.

‘Noësis’ stellt insofern eine gewisse Besonderheit dar, als hier verschiedene Elemente zuerst aufeinander stoßen und in einem Prozess untrennbar zusammen kommen. Die aufsteigenden Klarinettenskalen stehen den absteigenden der Violine gegenüber und die Solisten spielen auch nicht zusammen. Das Orchester liefert dazu eine Geräuschkulisse. Diese Skalen entwickeln sich laufend, unterbrochen von orchestralen Ausbrüchen, angereichert mit Anklängen aus der estnischen Volksmusik. Im langsamen Mittelteil des attacca zu spielenden Werkes bildet sich die wahre Liebe der beiden Solisten heraus, die zu einem schnellen, fröhlichen Abschluss führt, der trotzdem mit einer Frage endet.

Im Klarinettenkonzert ‘Peregrinus Ecstaticus’ finden sich wieder die typischen kurzen Motive beim Soloinstrument vor dem Hintergrund eines dichter werdenden Orchesterklangs. Auf der anderen Seite meistert die Klarinette mikrotonale Sektionen, denen das Orchester wuchtige Orgelpunkte als Hintergrund liefert. Diese beiden Seiten kann man als äußerlichen Pilgerweg und innere Meditation ansehen und somit das Werk unter den Gedanken der Erhabenheit fassen.

‘Le poids des vies non vécues’ trennt mit seiner elegischen und abweichenden Struktur die beiden anderen Stücke auf dieser CD. Absteigende Linien nehmen den barocken Gedanken des Lamento auf.

Pekka Kuusisto ist ein vielseitiger Geiger, der sich sowohl in der symphonischen als auch der Kammermusik und darüber hinaus wohl fühlt. Ihm gelingt auch hier eine wegweisende intensive Darstellung seines Parts.

Der Klarinettist Christoffer Sundqvist hat den größeren Anteil an diesen Aufnahmen. Auch er fühlt sich sowohl in den großen als auch den kleinen musikalischen Formaten wohl. Seine Deutung des Klarinettenkonzerts und des Doppelkonzerts vermittelt seine intensive Nähe zu der gespielten Musik und belegt seine große Musikalität.

Das Finnische Radio Sinfonie Orchester unter seinem Chefdirigenten Hannu Lintu ist nicht nur ein bewährter Begleiter, sondern weiß seinen Beitrag intensiv und technisch versiert auszuleben. © 2017 Pizzicato




Michael Kube
Fono Forum, May 2017

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Guido Fischer
Rondo, April 2017

Im Laufe seines inzwischen auch schon 30-jährigen Komponistenlebens hat der aus Estland stammende Erkki-Sven Tüür immer wieder versucht, einen Schritt weiter bzw. in eine andere Richtung zu gehen. Und dank dieser Neugier und Offenheit fürs Unbekannte im eigenen Schaffensbereich ist bislang ein beachtlicher Werkkatalog entstanden, der ein stattliches Spektrum aufweist. Mag Tüür sich und sein Klangdenken anhand einer von ihm entwickelten neuen Kompositionsmethode selbst dezent immer wieder neu befragen, so besitzen gerade seine Instrumentalwerke stets einen exklusiven, in Tüürs Kompositionen so noch nicht angedeuteten oder ausformulierten Kern. Und weil Tüürs Musik sich in einem ständigen Wandlungsprozess befindet, spiegeln denn auch die drei jetzt neu aufgenommenen Stücke den faszinierenden Reichtum einer zeitgenössischen Musik wider, bei der Raffinement, Tiefe und Sinnlichkeit sich in einem ständigen Wechselspiel befinden. Neun Jahre liegen zwischen dem ältesten hier eingespielten Werk (dem Doppelkonzert „Noēsis” für Violine und Orchester von 2005) und dem jüngsten (dem Orchesterstück „Le poids des vies non vécues“ von 2014). Und vielleicht könnte man als einziges verbindendes Band auch mit dem Klarinettenkonzert „Peregrinus Ecstaticus“ (2012) eine Nähe zu den fluoreszierenden, sich vegetativ ausbreitenden Klangorganismen etwa eines Olivier Messiaen ausmachen. Andererseits kommt Tüür sehr gut ohne solche Leitsterne der Moderne aus. Seine Musik besitzt zwar eine ungemeine Anziehungskraft, die sich aus vertrauten Klangmodellen zu speisen scheint. Trotzdem zieht sie einen nicht einfach in den Bann, sondern erfordert höchste Aufmerksamkeit. Sei es nun das auch geheimnisvoll mit Echo-Klängen spielende Klarinettenkonzert, das auch mal wuchtige Orchesterstück „Le poids des vies non vécues“ oder das im Gespenster—und Koboldhaften kulminierende Doppelkonzert „Noēsis”. Dass jedes dieser Stücke einen sofort packt, liegt aber nicht zuletzt mit am großartigen, in allen Belangen engagiert zupackenden finnischen Musikerstab um Dirigent Hannu Lintu. © 2017 Rondo



Martin Blaumeiser
Klassik heute, February 2017

Der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür (*1959) ist nun schon seit bald drei Jahrzehnten gewissermaßen das Aushängeschild einer estnischen Musikergeneration, die zwar noch unter sowjetischer Herrschaft aufwuchs, sich aber bereits vor der Unabhängigkeit der baltischen Staaten künstlerisch eigenständige Wege jenseits des sozialistischen Realismus bahnte. Im Falle Tüürs ist dies freilich nicht der Rückgriff auf nationales Liedgut, sondern eine Reaktion auf die ganze Breite musikalischer Phänomene unserer Zeit, die, angefangen bei der Dodekaphonie, allgemein symphonischer Tradition westlicher Prägung, über Progressive Rock, eine ganz eigene—von seinem großartigen Lehrer Lepo Sumera entwickelte - estnische Interpretation der „minimal music“ bis hin zu neuen, konstruktivistischen Methoden reicht, die wiederum als klare Abgrenzung zum der musikalischen Postmoderne gern gemachten Vorwurf des „anything goes“ gelten dürfen. So verwundert es kaum, dass Tüür seine Werke, die schon immer nicht nur auf ein Spannungsfeld zwischen altbekannten, musikalischen Phänomenen, sondern auch auf jenes zwischen unterschiedlichen „Stilen“ setzten, nicht sozusagen „zwischen allen Stühlen“ verortet sehen mochte, sondern seit etwa 2003 konsequent eine spezifische, sogenannte „vektorielle Methode“ der Komposition verwendet, die seine—freilich schon vorher unverkennbare—Klangwelt bis ins Detail organisiert und legitimiert.

Das Klarinettenkonzert Peregrinus Ecstaticus von 2012 ist ein Beispiel für diese Technik. Zwei alternierende Pole—jeweils bereits dialektisch zwischen Solist und Orchester aufgeteiltes unterschiedliches Material—stellen äußere bzw. innere Aspekte einer Pilgerfahrt dar, die bei ihrer Wiederkehr gewissermaßen auf eine höhere Ebene transzendieren sollen und im Ganzen eine große, dreisätzige Form modellieren. Das Stück stellt höchste Ansprüche an den Solisten, insbesondere an Atemtechnik und saubere Intonation von Mikrointervallen. Leider klingen einige Stellen etwas nervig; besonders dort, wo die Klarinette auf- und abwärtssteigende Glissandi produziert, die allzu leicht mit Sirenengeheul von Einsatzfahrzeugen assoziiert werden könnten, was kaum der Intention des Komponisten entsprechen dürfte. Ein Werk, das sicher mehrmaligen Anhörens bedarf, um in seinem Kern fasslich zu erscheinen.

Das Doppelkonzert für Violine und Klarinette Noesis (2005) gehört inzwischen zu den häufiger aufgeführten Werken Tüürs. Nach einem geradezu unheimlichen Beginn im Orchester repräsentieren entgegengesetzte Bewegungsverläufe in den beiden Soloinstrumenten unterschiedliche Herangehensweisen zur Erkenntnis, etwa die induktive bzw. deduktive. Auch hier wird manches Material durch zunächst fast unmerkliche Variation bis fast zum Überdruss ausgekostet, bevor es so „richtig“ weitergeht. Dennoch erfüllt Noesis wesentlich leichter traditionelle Hörerwartungen an ein dreisätziges Konzert.

Als eigentlicher Höhepunkt der CD erweist sich dann aber doch das wesentlich einfacher gestrickte, knapp 12-minütige Orchesterstück Le poids de vies non vécues aus dem Jahre 2014. Dieses ist eine äußerst klar aufgebaute, sich in seiner Emotionalität direkt mitteilende Trauermusik, die an die allerbesten Werke dieser Gattung heranreicht—etwa Martinůs Mahnmal für Lidice. Der Lamento-Charakter wird zunächst vordergründig vor allem durch die Streicher etabliert, was alter Tradition entspricht; im Verlauf steigert sich das Werk über den meisterhaft eingesetzten gesamten Orchesterapparat. Hier zeigt sich Erkki-Sven Tüür als Instrumentator von Weltrang. Das gilt natürlich auch für die beiden Konzerte, jedoch erschließt sich das dem Hörer erst, wenn er dieser Musik bis ins Detail zu folgen bereit ist.

Unabhängig von der Beurteilung der einzelnen, hier vorgestellten Kompositionen, erfreut die CD mit einer lupenreinen Realisierung dieser Partituren. Die beiden Solisten (Christoffer Sundqvist, Klarinette und Pekka Kuusisto, Violine) beherrschen diese Musik wie selbstverständlich und sind in der Lage, neben unglaublicher Klangschönheit an manchen Stellen auch Schroffheiten mutig herauszuarbeiten. Im Doppelkonzert agieren sie mit perfektem Zusammenspiel fast wie ein einziger Organismus. Das Finnische Rundfunk-Sinfonieorchester unter Hannu Lintu begleitet nicht nur ebenso detailbesessen, sondern erschafft überzeugend den sich oft wellenartig entwickelnden Klangteppich, über dem sich die Solisten erst richtig entfalten können. Man beachte nur die Makellosigkeit der Schlussklänge des Klarinettenkonzerts in höchster Lage!

Auch aufnahmetechnisch verdient diese CD höchstes Lob. Gerade der Vergleich mit der Einspielung von Noesis auf ECM zeigt, dass sich die Beteiligten hier vor allem absolute Durchsichtigkeit zum Ziel gesetzt haben mögen, was beeindruckend gelingt—auch wegen des sorgfältiger präparierten Orchesters. Wirkt der Gesamtklang bei ECM vielleicht „atmosphärischer“, so bevorzuge ich bei dieser Musik dann doch den Detailreichtum und die Präzision der vorliegenden Darbietung—lediglich die Abmischung der Solisten ist für meinen Geschmack ein wenig zu sehr im Vordergrund.

Für bereits eingefleischte Fans der Musik Erkki-Sven Tüürs ist diese Produktion ein Muss—für Neugierige erweist sich das zentrale Lamento“ vielleicht als Türöffner zu dieser durchaus eigenwilligen Klangwelt. Booklet-Texte gibt es nur in Englisch und Finnisch. © 2017 Klassik heute





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