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Isabel Fedrizzi
Piano News, July 2018

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Martin Blaumeiser
Klassik heute, March 2018

Paavali Jumppanens Darbietung beider Bände der Debussy-Préludes strotzt nur so von Souveränität. Zu einer Makellosigkeit des Anschlags mit genauester Artikulation jeder einzelnen Note—befinde sie sich auch in einem noch so raschen Kontext (Beispiele: Sextolen in Le vent dans la plaine; La danse de Puck, Brouillards, Beginn von Feux d’artifice)—gesellt sich ein äußerst kontrollierter und subtiler Pedalgebrauch. Dies ist immer eine schwierige, grundsätzliche Abwägung für jeden Debussy-Pianisten, da der Komponist dafür keinerlei konkrete Vorgaben im Notentext gibt. Der Klang bei Jumppanen bleibt durchgängig extrem durchsichtig, dennoch sonor; Harmonien mischen sich dort, wo es offensichtlich intendiert erscheint (Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir). Melodische Linien werden aufs Feinste herausgearbeitet, auch in dichtem Satz. Was für ein tiefes Verständnis gerade der Harmonik Debussys spricht, wirkt dann leider auch manchmal ein wenig bieder: Wenn sich hingegen Maurizio Pollini in seiner brandneuen Aufnahme der Préludes II stellenweise erlaubt, kleinste Noten einer impressionistischen „Klangwolke“ unterzuordnen, ist dies ja nicht etwa Schlampigkeit, sondern stiftet Atmosphäre und meist größeren Zusammenhang; so auch bei Marc-André Hamelin.

Trotzdem gerät Jumppanens extreme Genauigkeit, auch in der weitgespannten Dynamik, keineswegs zur Erbsenzählerei oder erzwingt vom Hörer eine ständige Vergegenwärtigung der diesen wegweisenden Kompositionen zugrunde liegenden Strukturen quasi unter dem Vergrößerungsglas. Obwohl Jumppanen zudem in der Regel auch spürbar langsamere Tempi wählt als ein Großteil der Konkurrenz (neben den oben genannten z.B. Steven Osborne, Krystian Zimerman oder Pierre-Laurent Aimard), hält er in jedem der 24 Stücke die Spannung. Selten hat man manche der langsamen Préludes (Feuilles mortes, Bruyères, …) mit einer derartigen Ruhe und Intensität ausgespielt gehört. Pollini ist hier gut anderthalbmal so schnell (!) und weniger zwingend. Deutlichkeit scheint sich also bei Jumppanen durchaus auszuzahlen. Was jedoch—mit Absicht?—unter den Tisch fällt, sind naturalistische Effekte: Etwa eine Gitarre (la sérénade interrompue—und hier schreibt der Komponist ausdrücklich: quasi guitarra) überzeugend nachzuahmen, wird erst gar nicht versucht. Alles klingt trotz eines breiten Farbspektrums doch nur nach Steinway—also auch kein „echtes“ Feuerwerk am Schluss. Die Assoziationen mit Debussys „Bildern“—wie durch die nachgestellten Titel angeregt—werden konsequent letztlich vom Zuhörer selbst eingefordert; ein durchaus legitimer Interpretationsansatz. Spiegelt Zimermans Sichtweise eher Debussys Weiterentwicklung romantischer, Lisztscher Tonsprache wider, so blickt Jumppanen von heute durch Postmoderne und Serialismus hundert Jahre zurück und entdeckt bei aller Virtuosität vor allem Unaufgeregtheit im musikalischen Diskurs.

Die sechs Stücke des Children’s Corner—quasi Debussys „Album für die Jugend“—bleiben verglichen damit etwas unentschieden. Wird hier Brillanz gewissermaßen künstlich auf kindliche Dimensionen zurechtgestutzt? An Walter Giesekings empathische Tiefe des Ausdrucks (Jimbo‘s Lullaby) kommt Jumppanen nicht heran—zugunsten von formaler Klarheit. Insgesamt ein wohldurchdachter und pianistisch überlegener Debussy, stilistisch kohärent und aufnahmetechnisch erstklassig, dabei atmosphärisch leicht unterkühlt. Bahnbrechende neue Einsichten werden allerdings nicht gewährt. © 2018 Klassik heute



Oliver Fraenzke
The New Listener, March 2018

Die 24 Préludes von Claude Debussy gehören zu den absoluten Meisterwerken jener Stilepoche, die gegen den Willen ihrer Hauptdarsteller Debussy und Ravel als Impressionismus bezeichnet wird. Sie präsentieren den ausgereiften Personalstil des Franzosen in all seiner Perfektion, jeder Klang ist ausgewogen, jede Verzierung am rechten Ort. Zugleich bleibt Debussy Neuerer, überschreitet fortwährend Konventionen und widerspricht Hörerwartungen, ohne dies allerdings dem Hörer auf die Nase zu binden wie es die sogenannten Expressionisten beinahe zeitgleich taten. Er verlangt dem Pianisten in jedem seiner Stücke Neues ab, alles Gelernte muss neu überdacht und erweitert werden, das Altbekannte bleibt nur darum im Hinterkopf, um die Modernismen als solche zu verstehen und umzusetzen. Zur adäquaten Bewältigung all dessen braucht der Pianist einen höchst verfeinerten Anschlag mit einer zuvor nie dagewesenen Nuancierung des Piano- und Pianissimobereichs. Dann kann ein beinahe multimediales Gesamtkunstwerk aus imaginären Bildern, Farben und Düften, Poesie und Wortkunst, entstehen, wobei die Namen der Stücke ausdrücklich nicht als Programm, sondern als literarische Charakterisierung des jeweiligen Stücks im Nachhinein fungieren.

Children’s Corner entstand zwei Jahre vor den Préludes und ist der knapp dreijährigen Tochter Emma-Claude, Chouchou genannt, gewidmet. Die Stücke sind nicht für Kinderhände, sondern (wenngleich keineswegs nur!) für Kinderohren geschrieben, erwecken die Spielecke zum Leben und berühren auf schlichte und doch pianistisch anspruchsvolle Weise. Von rauschenden Inspirationen wie dem an Griegs Holberg-Suite erinnernden Doctor Gradus ad Parnassum und dem Tanzenden Schnee reichen die Miniaturen über sanfte Kinderlieder bis zu dem jazzig-swingenden Golliwogg’s Cake Walk (ein seinerzeit dem Ragtime angehöriger Tanz, der eben auch in den Préludes Anwendung fand). Eine zentrale Inspiration für Children’s Corner dürfte Mussorgskys Liederzyklus „Детская“, Kinderstube, gewesen sein, über den Debussy 1901 enthusiastische Lobeshymnen schrieb und dabei die Schlichtheit der Mittel und die verfeinerte Empfindung hervorhob.

Paavali Jumppanen, der sich durch seine Einspielungen vor allem von Beethoven und Boulez bereits als vielseitig befähigter Musiker erwies, tritt nun in die Welt Debussys ein. Sein Gespür für diese Musik ist hinreißend, jedem Prélude verleiht der Finne Individualität und Eigenständigkeit, vereint dabei die Pole von Bodenständigkeit und bodenlos-schwebendem Eindruck. Zart und einfühlsam gestaltet er jede dynamische Nuance und erteilt jeglicher Härte und Starrheit eine klare Absage. So lässt er wahrlich Farben und Düfte entstehen. Children’s Corner bleibt genauso schlicht wie farbenprächtig, so, wie Debussy das Werk auch konzipierte. Es handelt sich um eine rundherum gelungene Einspielung dieser gut einhundert Minuten Musik, wo weder etwas besonders hervorzuheben noch etwas zu tadeln wäre, da schlichtweg alles auf ein und dem selben hohen Niveau erklingt. © 2018 The New Listener





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