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Album Reviews



 
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Raliza Nikolov
NDR Kultur (NDR.de), December 2019

2020 jährt sich ein besonderes Ereignis im Leben von Lars Vogt zum 30. Mal: 1990 belegte der damals 20-jährige Pianist beim Internationalen Klavierwettbewerb in Leeds den zweiten Platz—es war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere. Auf seiner neuen Brahms-Platte spielt Lars Vogt die Vier Balladen op. 10 und mit “seiner” Royal Northern Sinfonia das erste Klavierkonzert—ohne Dirigenten.

“Brahms ist ein Meister der Psychologie”, sagt der Pianist Lars Vogt—und was er damit meint, hört man vom ersten Ton an. Vogt ist ein Meister der Ausdeutung, er gibt sich rückhaltlos hinein in Brahms’ Welt, und die Royal Northern Sinfonia folgt ihm auf staunenswert beredte Weise. Seit 2014 ist Vogt der künstlerische Leiter des einzigen hauptamtlichen Kammerorchesters in Großbritannien. Und wenn man es nicht besser wüsste, würde man nicht glauben, dass die Musiker ohne einen Dirigenten auskommen. Bis in jedes kleine Detail ist diese Interpretation gemeinsam ausgestaltet, ohne je an Spontaneität zu verlieren.

Wir schauen in Abgründe

Ein kleiner besetztes Orchester für diese komplexe Komposition bedeutet auch noch mehr Möglichkeiten des innermusikalischen Dialogs, des intimen Austauschs zwischen den Musikern, der Differenzierung von Tempi, Rubati, Dynamik, Agogik. Wir schauen in Abgründe—Lars Vogt deutet im Beiheft an, es sei denkbar, dass Brahms an der Komposition saß, nachdem er vom Selbstmordversuch Robert Schumanns erfahren hatte. Was es auch genau war, Lars Vogt möchte die Erschütterung, die in dieses erste Klavierkonzert geflossen ist, in musikalische Energie verwandeln—und das gelingt auf ergreifende Weise.

“Ein virtuoses Zurschaustellen gibt es in dem ganzen Konzert eigentlich nicht”, sagt Lars Vogt. “Das ist eine unglaubliche Sache für einen jungen Komponisten, dass er ein Werk schreibt, das vollkommen der Musik dienlich ist, eine psychologische Geschichte erzählt, ein Leben durchlebt.” Wenn es heute einen Interpreten gibt, der eben dieses hintergründige Erzählen beherrscht, dann ist es Lars Vogt. © 2019 NDR Kultur (NDR.de)



Christian Lahneck
Concerti, November 2019

Lars Vogt gestaltet Brahms erstes Klavierkonzert so souverän, dass es ihm gelingt, immer noch neue Details zutage zu fördern.

Wohl erstmals präsentiert ein Pianist auf CD das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms und dirigiert gleichzeitig das Orchester. Lars Vogt ist seit Jahrzehnten bekennender Brahmsianer und wagt diesen ungewöhnlichen Doppelschritt nun mit der Royal Northern Sinfonia, die er seit einigen Jahren leitet. Die Rechnung geht nicht nur auf, sondern bietet Herausragendes. Zum einen, weil das relativ klein besetzte Orchester geradezu kammermusikalisch spielt und sich die unterschiedlichen Stimmungen dieses vielschichtigen Konzerts berührend unmittelbar vermitteln, zum anderen, weil Vogt dieses Werk so souverän gestaltet, dass es ihm gelingt, immer noch neue Details zutage zu fördern, seien es einzelne Bassakzente, seien es die ungemein lichten fugenhaften Einsätze im Rondo. Außerdem enthält die CD die vier Balladen op. 10, die Vogt ungleich tiefer, feiner deutet als in seiner ersten Aufnahme von 1998. © 2019 Concerti



Martin Blaumeiser
Klassik heute, November 2019

Hatten bei mir Lars Vogts vom Klavier aus geleiteten Einspielungen der Beethoven-Klavierkonzerte mit der Royal Northern Sinfonia trotz durchaus beeindruckender Momente schon Zweifel aufkommen lassen, ob diese Konstellation letztlich nicht doch suboptimal sei, geht dieses Konzept nun bei Brahms‘ erstem Klavierkonzert wirklich kaum mehr auf. Obwohl auch die Brahms-Konzerte gelegentlich ohne einen „echten“ Dirigenten aufgeführt wurden—so zuletzt von András Schiff—hat dies hier völlig zu Recht keine Tradition, und Argumente wie historisch informierte Aufführungspraxis greifen schon mal gar nicht. Wie immer in seinen Ondine-Booklets reflektiert Vogt aber auch hier höchst intelligent seine Überlegungen zu den vorgestellten Aufnahmen. Natürlich ist evident, dass er sich sehr intensiv mit den möglichen Pros und Kontras einer solchen Aufführungssituation beschäftigt und entsprechend vorbereitet hat. Dennoch bleibt das Ergebnis ziemlich fragwürdig.

Dass bei einer relativ kleinen Streicherbesetzung die Bläserstimmen stellenweise eine ungewohnte Dominanz gewinnen, stört noch am wenigsten. Doch bereits in der langen Einleitung des ersten Satzes wird klar: Hier fehlt es gerade in der tiefen Lage (Celli, Kontrabässe) an Substanz; die Pauken wirken dadurch meist penetrant. Leider kann auch die Aufnahmetechnik—entgegen der diesbezüglich hervorragenden Beethoven-Serie—nicht überzeugen, verstärkt die defizitären Gegebenheiten noch. Das Klangbild ist in den Mitten viel zu präsent, der Bass recht dünn, das Klavier zu direkt, dazu nicht ganz sauber gestimmt; insgesamt allzu topfig. Das Zusammenspiel auch an heiklen Stellen ist ohne Tadel, ebenso Vogts pianistische Leistung. Das ungewöhnlich breite Spektrum an Tempomodifikationen zwingt zwar zum Hinhören, überhöht gewissermaßen die Zerrissenheit des Kopfsatzes. Merkwürdigerweise bleibt aber der Gesamteindruck seltsam flach; echter Schauder, etwa bei den berüchtigten Oktavtrillern, kommt nie auf. Der zweite Satz, der ja eindeutig vom Klavier angeführt wird, geht in Ordnung, aber setzt auch keinerlei Akzente, die aufhorchen lassen. Dem dritten Satz fehlt es vor allem an Farbigkeit. Die hier vorgeführte Durchsichtigkeit betont dessen Beethoven-Nähe, aber so viel Understatement—warum spielen die Streicher ausgerechnet beim Dur-Schluss plötzlich demonstrativ ohne Vibrato?—wird selbst Brahms nicht gerecht und gerät über Strecken schlicht langweilig.

Die Balladen op. 10 ergeben ein positiveres Bild: Vogt artikuliert wohlüberlegt, sehr präzise; sein Anschlag wird vereinzelt ziemlich hart, etwa im Mittelteil von Nr. 2. Die desolaten Stakkati am Schluss des ersten Stückes sind absolut ergreifend. Beim Intermezzo (Nr. 3) demonstriert Vogt sehr schön, wie viel Brahms seit der 1. Klaviersonate an Individualität hinzugewonnen hat. Den großen Bogen, den das längliche vierte Stück fordert, kann aber auch er nicht spannen. Trotzdem legt Vogt hier eine gelungene, interessante Darbietung hin, die sich mit den Spitzeneinspielungen—allen voran Emil Gilels—messen lassen kann. © 2019 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, November 2019

Das Erste Klavierkonzert von Johannes Brahms, manchmal als Symphonie mit obligatem Klavier bezeichnet, ohne Dirigenten zu spielen ist ein Wagnis und es erweist sich in dieser Aufnahme auch als Fehler. Zu wenig spürt man die formende Hand eines (guten) Dirigenten, zu aleatorisch sind manche Einsätze, zu wenig Spannung wird insgesamt aufgebaut, auch wenn es einige schön gespielte Momente gibt, vor allem im langsamen Satz, wo Orchestermusiker und Pianist wirklich aufeinander hören.

Die Brahms-Balladen werden hingegen großartig interpretiert. Hier ist Vogt allein und Herr über das gesamte musikalische Geschehen, das er sehr gut detailliert und aufregend transparent gestaltet. Er ist ein gewiefter Erzähler. Er sagt uns vieles, aber, bei einer gesunden Mischung von Dramatik und Zurückhaltung, nicht alles. So gelingt es ihm, das Mysterium der Balladen, das Unausgesprochene, zwingend zu ergründen. © 2019 Pizzicato





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