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Stefan Pieper
Klassik heute, April 2017

Estelle Revaz strahlt mitreißenden jugendfrischen Schwung aus, wie sie in knallrotem Kleid und mit verzücktem Gesichtsausdruck ihr Cello hoch in die Luft wirft—man muss auch mal für eine auf den Punkt kommende Covergestaltung mit starkem Eye-Catcher-Aspekt ein Kompliment machen! Umso spannender ist dann die Frage, ob die optisch suggerierte Ausstrahlung auch aus der Musik hervorgeht. Ja—das ist der Fall! Mehr noch: Tiefer Ernst, ja sogar ein experimenteller Geist sind nicht ausgeschlossen. Wie Estelle Revaz, 1989 in der Schweiz geboren, spielt, das hat Biss und sprüht vor lustvollem Spielemperament und sinnlicher Klangfantasie gleichermaßen.

Und der experimentelle Aspekt? Sie konfrontiert Bachs „ewige“ Cellosuiten Nr. 1 und Nr. 3 mit Solostücken aus der Neuen Musik, die auch zum Teil schon wieder Klassiker sind. Aber sie platziert das Neue nicht in einer wohlfeilen „Sandwich-Dramaturgie“, die manchen zum Überspringen der „unbequemen“ modernen Musik verführen könnte. Vielmehr gerät alles in direkte Konfrontation zueinander. Also gibt es jeweils ein Stück Bach in unmittelbarem Wechsel mit oft sehr kurzen Kompositionen von Holliger, Zimmermann, Ligeti, Gubaidulina, Penderecki usw. Die erste Frage, die sich beim Hörer stellt: Warum wird zu tonal-gebundener Musik aus früheren Jahrhunderten eine größere Nähe empfunden als zur freigeistigen musikalischen Gegenwart? Die vorliegende CD beantwortet diese Frage zwar nicht, lädt aber umso mehr dazu ein, konventionsbedingte Hör-Grenzen durchlässiger zu machen.

Bindeglied ist der tiefempfundene, zugleich tänzerisch-leichte, aber dabei ausgesprochen ehrlich anmutende Spielfluss von Estelle Revaz. Sie zerstückelt die Bach-Sätze nicht etwa durch zu exaltiertes Gegen-den-Strich-Bürsten und bevorzugt anstelle von irgendwelchem Pathos lieber ein luftig atmendes Klangideal, was durchaus am historisch aufgeklärten Spielideal nah dran ist. Bachs Suitensätze mutieren zum Sprungbrett für neue Abenteuer—bevor der „Bach-Faden“ kontinuierlich wieder aufgenommen wird. Bei mehrmaligem Hören erschließen sich dann auch immer mehr struktuelle Quer-Bezüge zwischen „alt“ und „neu“. Dinge entwickeln sich weiter: Etwa, wenn die sanfte Wellenbewegung der Bach-Allemande in der atmend rezitativischen Struktur eines Stückes von Xavier Dayers namens Cantus II zur Ruhe kommt. Manchmal verdichtet es sich: Bachs leichtfüßig voran eilende Courante aus der G-Dur Suite steigert sich in eine expressive Skizze aus den sogenannten Chants populaires von Pascal Dusapin hinein. Verblüffend direkte Parallelen tun sich auf: Etwa zwischen den stationär verweilenden Doppelgriffen in Bachs Sarabande und einem vergleichbaren Verfahren in Krzysztof Pendereckis ebenso betitelter Sarabande. Ohne Bach würde es ja auch keinen Penderecki, zumindest nicht dessen Musik geben. In seidigem Glanz erstrahlt die flotte Gigue, welches die erste Suite vollendet. Dieses sinnliche Schillern und Funken lebt in einer extrem komprimierten Klangstudie von Kaaja Saariaho fort. Aber es gibt auch wieder neue Ruhepole nach all dem Fließenden, etwa eine hochkomprimierte Klangstudie von Bernd Alois Zimmermann. Fazit: Für die Hinterfragung von Standpunkten, Perspektiven und Konventionen erweist sich Estelle Revaz mit dieser neuen CD als engagierte Mittlerin. © 2017 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, March 2017

Johann Sebastian Bachs soziales Leben war nicht gerade konfliktfrei, aber er hatte seinen Biographen zufolge etliche gute Freunde, freilich keinen, der auf dieser CD aufgeführt ist. Die Liste liest sich wie ein ‘Who ist who?’ der zeitgenössischen Musik, und die junge Cellistin Estelle Revaz splittet die beiden Bach-Suiten BWV 1007 und 1009 auf, um deren einzelnen Sätzen jeweils ein modernes Stück gegenüberzustellen. Ob Johnny das gemocht hätte, ist schwer zu sagen, aber für den Hörer ist es allemal interessant.

Im Übrigen ist die Idee nicht neu: Edouard Ferlet hat es bei Alpha mit Jazz-Inserts versucht, und der Cellist Matt Haimovitz bei Pentatone ebenfalls mit zeitgenössischen Zutaten.

Estelle Revaz spielt ihr anspruchsvolles Programm auf sehr hohem technischem Niveau und mit einem lupenrein intonierten Klang. Revaz’ Phrasierungen sind extrem klar und die dynamischen Abstufungen ungemein raffiniert. Sie gestaltet die modernen Stücke sehr rhetorisch, sehr gestisch, und dazwischen tanzt Herr Bach seine Soli beschwingt und beherzt, so, als wolle er angesichts der Bedeutsamkeit der Musik aus dem XX. und XXI. Jahrhundert sagen: sehr ihr, so wie ich kann’s heute keiner mehr…

Die Suiten-Sätze und die anderen Kompositionen reihen sich aber mit einleuchtender Konsequenz aneinander und machen klar, worum es der Solistin im Aufbau ging. © 2017 Pizzicato





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