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Christoph Schlüren
Klassik heute, March 2016

Ivry Gitlis, geboren 1922 und Schüler von Flesch, Enescu und Thibaud, ist nicht nur aufgrund seines Alters eine Legende, wie das ja ähnlich für Menachem Pressler oder Ida Haendel zutrifft. Er war stets ein höchst eigenwilliger, exaltierter Musiker, und als Geiger lange Zeit sehr umstritten, da er die reine Tonschönheit weniger kultivierte als seine großen Kollegen. Das hat aber auch seinen ganz eigenen Reiz. Fast alles an ihm ist originell: seine Auffassung, seine Manierismen, seine Spontaneität, seine rauchige Tongebung, sein ungezwungen erfrischendes Auftreten, sein schräger Humor. Die hier zusammengestellten Aufnahmen aus den Archiven des SWR entstanden zwischen 1962 und 1986: 1962 als einzige Studioeinspielungen das große Hindemith-Konzert und Roman Haubenstock-Ramatis Séquences mit dem damaligen Sinfonieorchester des Südwestfunks unter dem unvergesslichen Hans Rosbaud; außerdem live mit dem damaligen Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks 1972 unter Skowaczewski Paganinis 2. Violinkonzert (mit Gitlis’ eigener Kadenz), 1985 mit dem Orchester des Mannheimer Nationaltheaters unter Wolfgang Rennert das von Gitlis so geliebte zweite Bartók-Konzert, und Auszüge aus einem Recital vom 31. Januar 1986 mit Daria Horova: Brahms’ dritte Sonate, Debussys Sonate, Saint-Saëns’ Introduction et Rondo capriccioso, Blochs Nigun und die Polonaise op. 4 von Henryk Wieniawski. Da schwanken natürlich Orchesterleistungen und Aufnahmequalität, doch wurde offenkundig von den Restauratoren gute Arbeit geleistet.

Ivry Gitlis phrasiert im Stil einer verruchten Chansonnière. Seine Intonation ist meist bestechend, seine rhythmische Flexibilität, musikantische Verve und Reaktionsschnelligkeit desgleichen. In Bartóks Konzert ist er zuhause wie wenige, und auch die größere Strenge des Hindemith-Konzerts bewältigt er respektgebietend. Haubenstock-Ramatis asketische Avantgarde (warum wird er bei einschlägigen Festivals überhaupt nicht mehr gespielt?) erfährt durch Gitlis’ enthemmte Darbietung eine geradezu musikantisch fesselnde Adelung, und in Paganinis 2. Konzert springen die Funken in Permanenz—wobei hier natürlich auch auffällt, wie wenig sich Gitlis um makellose Tongebung bemüht. Hier kommt einer, der sagt: So mache ich das, ob es euch gefällt oder nicht. Was auch bei Saint-Saëns und Wieniawski durchaus mitreißen kann und in Blochs Nigun eine genussvoll zelebrierte Morbidität offeriert, lässt uns bei Debussy doch manche Feinabstimmung vermissen und wirkt spätestens bei Brahms einigermaßen willkürlich—aber immer spannend. Takt für Takt darf der Hörer auf—teils extreme—Überraschungen gefasst sein. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass weniger zackig-zufällige Betonungen durch Bogenwechsel entstehen und eine größere klangliche Kontinuität auf längeren Tönen vorhanden wäre. Doch, wie gesagt, Gitlis macht einfach, was er will. Er ist ein Rebell geblieben. Im Booklet finden wir ein so informatives wie amüsantes Interview, das Peter Ziegler mit dem Geiger führte und in welchem auch die um keinen Witz verlegene Sprunghaftigkeit von Gitlis’ Geist zum Tragen kommt, und einen kleinen Erinnerungs-Essay von Peter Cossé. © 2016 Klassik heute





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