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Album Reviews



 
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Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, June 2016

Schon im Vorgriff auf den 90. Geburtstag dieses großen Künstlers am 20. Juli 2017 gibt das Label swr music dem Hörer die Möglichkeit, in die verschiedenen Phasen einer langen (Rundfunk-)Laufbahn hineinzuhören. Die vorliegenden zu einem überwiegenden Teil erstveröffentlichten Aufnahmen stammen aus den Archiven des früheren Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR), des Südwestfunks Baden Baden (SWF) bzw. des SWR und des Saarländischen Rundfunks (SR). Schade, dass kaum etwas aus Gielens umfassender Operntätigkeit (u.a. Wiener Staatsoper, Königliche Oper in Stockholm, niederländische. Oper Amsterdam, Oper Frankfurt, deren GMD er von 1977–1987 war oder Staatsoper Berlin), dokumentiert ist. Die vorliegende Edition und die nachfolgenden Teile (Vol. 2 mit den legendären Bruckner Symphonien ist ebenfalls schon erhältlich) befassen sich mit symphonischem Kernrepertoire von Bach bis hinein in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei man sich offenbar bei der Edition für eine den Kompositionen folgende chronologische Reihe entschieden hat.

Im Vol. 1 ist also Bach, Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert dran. Von besonderem Interesse sind die Mozart-Symphonien Nr. 35 (Haffner), 30 und 36 (Linzer) sowie die Chöre und Zwischenaktmusiken zu Mozarts „Thamos, König in Ägypten“ mit Edda Moser (umwerfend gut), Julia Hamari, Werner Hollweg und Barry McDaniel aus der Stuttgarter Liederhalle 1973. Wie spannend zu hören, dass gleichzeitig mit Harnoncourt, Östman oder Gardiner auch Michael Gielen, diesmal jedoch abseits der Originalklangbewegung, einen ganz unverwechselbaren Zugang zu Mozart gefunden hat. Eine klare Artikulation, eine organisch gefühlte Proportionalität in Tempo und Dynamik, durchhörbare Nebenstimmen, ein energisches Vorwärts ohne Weihrauch und Pulver sind seine Markenzeichen. Eine bestimmte Sachlichkeit und lebendige Traditionskritik à la Toscanini, Walter oder Josef Krips stehen ihm sicher näher als die romantischeren Zugänge Furtwänglers oder Böhms. Es liegt etwas Unbeschwertes und Elastisches, eine sehnige Leichtigkeit in seine Interpretationen. Wirbelt die Musik Mozarts bei Gielen schlank und gelenkig wie eine Tänzerin auf dem Parkett, so geht es Haydn (Symphonien Nr.95, 99 und 104) wesentlich subversiver und vielleicht auch utopischer zu. Gielen denkt hier schon Beethoven voraus, dessen Coriolan—und Leonoren Ouvertüren und eine aufregende Tripelkonzertaufnahme mit Edith Peinemann (Violine), Antonio Janigro (Viloncello) und Jörg Demus (Klavier) aus Saarbrücken , allesamt Erstveröffentlichungen, durch eine männliche Geradlinigkeit begeistern, die alle harmonischen Finessen in eine klare Erzählstruktur bettet.

Die letzten beiden CDs sind ganz Franz Schubert gewidmet. Im Zentrum stehen dessen Streichquartett d-Moll (“Der Tod und das Mädchen“) arrangiert für Streichorchester durch Gustav Mahler, bearbeitet und eingerichtet durch den Dirigenten selbst, sowie eine späte Aufnahme der Messe Nr. 5 in As-Dur D 678 mit Sybille Rubens, Ingeborg Danz, Dominik Wortik und Rudolf Rosen aus dem Festspielhaus Baden-Baden aus dem Jahr 2010. Wie sehr Gielen Schubert nahe steht, kann man nicht nur im Booklet nachlesen (vorzüglicher Kommentar von Elvira Seiwert), sondern auch beim Hören spürbar erfahren. Emotion ersteht aus der Klangarchitektur, die Trauer und Träne der „zeitlosen Klage“ (Gielen) dieses Komponisten bedürfen keines Mehr an interpretatorischer Unruhe und schon gar nicht an Sentimentalität. Wienerischer Charme mit Schalk fest an der Hand gepackt.

Die Vorzüge aller beteiligten Klangkörper, Chöre und Solisten kommen auch dank der herausragenden technischen Überarbeitung optimal zur Geltung. Freilich spiegeln die Aufnahmen die unterschiedlichen akustischen Bedingungen als auch die Zeit, aus der sie stammen. Unglaubliche 23 der veröffentlichten Aufnahmen sind erstmals auf Tonträger zugänglich, lediglich fünf Stücke waren schon erhältlich. Auch aus diesem Grund ist der Beginn einer hoffentlich umfangreichen Gielen-Edition ein Grund zum Feiern für Musikfreunde. Das Glas auf den Dirigenten können wir ja jetzt schon wegen seiner grandiosen Interpretationskunst erheben, zum Geburtstag im nächsten Jahr machen wir das gerne noch einmal. © 2016 Der Neue Merker



Stefan Pieper
Klassik heute, April 2016

Michael Gielens letzter Auftritt als Dirigent vor einem großen Sinfonieorchester liegt zwei Jahre zurück. Im nächsten Jahr feiert der gebürtige Dresdener seinen 90. Geburtstag. Michael Gielen war Zeit seines Lebens als Dirigent und Komponist aktiv und machte als kritischer, auch gerne mal unbequemer Erneuerer der Musik von sich reden. Gielens Credo: Das reiche musikalische Erbe aus vielen Jahrhunderten kann in heutiger Zeit erst authentisch aus sich selbst heraus sprechen, wenn es sich mit der musikalischen Gegenwart misst—und dies auch in mutig konzipierten Konzertprogrammen zum Ausdruck kommt. Die eigene distanzierte Haltung zum kommerziellen Musikgeschäft hat Michael Gielen eine gewisse Außenseiterstellung eingebracht. Dafür haben die großen Rundfunksinfonieorchester mit Gielen am Dirigentenpult ihren öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag mit Leidenschaft gepflegt. Viele, heute als legendär betrachtete Aufnahmen wurden bislang nie auf Schallplatte oder CD veröffentlicht. Allein schon deswegen stehen viele Rundfunkmitschnitte heute bei Sammlern hoch im Kurs.

Jetzt füllt das SWR-eigene Label SWRmusic wichtige Lücken, wenn es um eine Gesamtschau von Gielens Lebenswerk geht. Das Volume 1 liegt hiermit vor—und fokussiert in chronologischer Abfolge verschiedene Stilepochen, in denen Gielen nach neuen Bedeutungsebenen in der Musik strebte. Die gewählte Einteilung nach den großen Komponisten eröffnet gute Einblicke in Gielens zeitlose interpretatorische Herangehensweise.

Allein sechs CDs macht diese erste Folge aus. Vereint sind hier Aufnahmen, die Gielen zwischen 1967 und 2010 vor allem mit dem Orchester des SWR, aber auch dem früheren Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken einspielte. Die Gegenüberstellung älterer mit neueren Aufnahmen soll einen Wandel der Interpretationskultur und ebenso den technischen Fortschritt bei der Aufnahmequalität veranschaulichen. Neben solchen Erkenntnissen hinterlässt das Hören dieser Einspielungen umso mehr den Eindruck von Gielens außerordentlicher künstlerischer Kontinuität. Da ist diese allgegenwärtige Stringenz bei den Tempi, zugleich auch ein konsequenter Wille zur lebendigen Entfaltung sämtlicher Energien in der Musik. Den Kompositionen in ihrer Vielschichtigkeit dienen—dafür hat der Musikvermittler Michael Gielen Maßstäbe gesetzt, das macht schon diese umfangreiche Edition deutlich.

Zum Auftakt gibt es den „ganz persönlichen“ Michael Gielen am Flügel zu erleben, der Bachs Präludium und Fuge Nr. 4 cis-Moll interpretiert. Bach sozusagen als Ur-Quelle für musikalische Qualität schlechthin—im Livekonzert hat Michael Gielen gerne auch mal Bach direkt mit Morton Feldman kontrastiert, um damit Modernität auf Augenhöhe, sozusagen über alle Jahrhunderte-Grenzen hinweg, zu demonstrieren. Sicher werden solche spannenden, manchmal auch provokanten Bezüge in späteren Folgen der Edition ebenfalls ausgeleuchtet werden!

Mozart ist ein großes Thema für Michael Gielen. Seine Interpretationen begeben sich ans musikalisch Eingemachte, hier lebt Temperament und Stringenz—manchmal in erschütternder Manier. Gielen weiß, wie man alle wohlfeilen, allzu schönfärberischen Herangehensweisen dynamisch umgeht, wie man stattdessen genug kraftvolles Potenzial aufbietet, damit die Musik direkt und unmittelbar zum Hörer spricht, der heute naturgemäß von allerhand zeitgenössischen Gegenwartseinflüssen überflutetet ist. Unter Gielens Stabführung lebt Mozarts Musik in einem Tempo auf, das der heutigen schnelllebigen Zeit entgegenkommt. Solche Straffungen sind zum Markenzeichen Gielens geworden: Immerhin war „seine“ Zauberflöten-Interpretationen fast zwanzig Minuten kürzer als jene von vielen Kollegen.

Auf der vorliegenden CD stürmen mit viel pointiertem Spielwitz die Ouvertüren der Zauberflöte und von Cosi fan Tutte voran. Das ist eine gute Gesellschaft für Mozarts sinfonische Meilensteine, als da wären die Haffner- und die Linzer-Sinfonie. Entdeckerlust bedient die Edition überdies, wenn sie immer wieder den Blick auf seltener gespielte Kompositionen lenkt, wie zum Beispiel die Sinfonie Nr. 30 KV 202. Drei späte Haydn-Sinfonien machen hier das Hörvergnügen in Sachen vital interpretierter Wiener Klassik komplett.

Michael Gielens heute als legendär geltende Aufführungen von Beethovens Sinfonien werden auf dieser Edition nicht berücksichtigt, hingegen Beethovens Coriolan-Konzertouvertüre c-Moll, aber auch die drei Leonoren-Ouvertüren, welche in unterschiedlichen Jahrzehnten eingespielt, die Unterschiede subtil zum Klingen bringen. Nach wie vor lebt hier der Wille zur Stringenz bei den Tempi und zu einer Akzentuierung, die nicht glatt, sondern mit Ecken und Kanten daherkommt—oder im Sinne von Adorno, (den Gielen außerpordentlich verehrte), einer „reduktiven Drastik“, die jedem überstrapazierten Rubato eine klare Absage erteilt. Ein intensives Kapitel Interpretationsgeschichte tut sich in einer historischen Aufnahme von Beethovens Tripelkonzert C-Dur op. 56 auf. Von Wärme durchdrungen ist diese solistische Sternstunde aus dem Jahr 1969 mit Jörg Demus am Klavier, der Violinistin Edith Peinemann und dem Cellisten Antonio Janigro.

Franz Schuberts intime musikalische Botschaften haben Michael Gielen von Jugend an berührt. „Schubert trifft mich an einem Punkt wie kaum eine andere Musik“ gestand Gielen. In seinem unermüdlichen Schaffen, aber auch seiner unbequemen Art und Weise, mit dem Establishment des Konzertbetriebs ins Gericht zu gehen, kommt auch bei Gielen ein persönliches „Wanderer-Motiv“ zum Ausdruck, wie es bei Schubert für getriebene Unruhe steht. Auf CD wird Schubert Œuvre schlaglichtartig angegangen, mal sehr schwelgerisch durch verschiedene Rosamunde-Bearbeitungen und einem deutlich fragiler daher kommenden Andante h-Moll. Eine weitere ganze CD bringt den religiösen Schubert, wenn sich in einer späten Aufnahme der As-Dur Messe das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie das SWR Vokalensemble Stuttgart auf der Höhe der Zeit präsentieren.

Ein Highlight, das allein schon den Kauf dieser CD-Box lohnt, befindet sich am Ende von CD Nr. 5: Nämlich die von Gustav Mahler initiierte Fassung für Streichorchester von Schuberts Quartettkomposition Der Tod und das Mädchen. Selten erlebt man ein ganzes Orchester in einer solch gebündelten Homogenität und maximal zupackender Stringenz. Gielen und das SWR-Sinfonieorchester zeigen sich einmal mehr als ein perfekt aufeinander eingeschworenes, intensiv spielendes Ganzes, wie es nur aus einer langen, gemeinsamen—und wohl über lange Zeiträume auch wirtschaftlich abgesicherten—Entwicklungsarbeit hervor gehen konnte. © 2016 Klassik heute




Remy Franck
Pizzicato, April 2016

Dass Michael Gielen ein bedeutender und weithin unterschätzter Dirigent war, kann nicht bestritten werden. Daher ist es mehr als lobenswert, dass SWR Music ihm im Hinblick auf seinen 90. Geburtstag im Jahre 2017 mit dieser Schallplatten-Edition ein Monument setzt. Gielen hat im Jahre 2014 seinen Beruf aufgegeben, in dem er in den Vierzigerjahren im argentinischen Exil—u.a. unter Erich Kleiber—seine ersten Schritte gemacht hatte.

In der ersten Box mit mehrheitlich Dokumenten aus den Sechziger-und Siebzigerjahren sind zunächst feingliedrige Mozart-Aufnahmen ohne Schwere und Pathos zu hören. Besonders eine Einspielung von Chören und Zwischenaktmusiken aus ‘Thamos, König von Ägypten’ verdient hier Interesse.

Es folgen zupackende, aber auch stellenweise verschmitzt-humorvolle oder, im Gegensatz, sehr feierlich-ernsthafte Interpretationen von drei Haydn-Symphonien. Die Beethoven-Ouvertüren und das Tripelkonzert sind schlank, überraschen aber auch durch manchmal bedächtige Tempi mit sehr gefühlvollen Momenten. Janigro singt ganz wunderbar auf dem Cello.

Welche gestaltende und formende Hände Gielen hatte, zeigt sich in einer mit viel dynamischen Nuancen und Rubato angereicherten Interpretation der Musik zu Schuberts ‘Rosamunde’. Besonders die Zwischenaktmusik nach dem 3. Aufzug mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ist eine hinreißende, an manchen Stellen direkt magische Aufführung. Dieses Stück, das ich seit der Kindheit (in der alten Otterloo-Aufnahme) kenne, habe ich in den seither vergangenen über 50 Jahren nie so schön und so bewegend gehört.

Eine packende Aufnahme gibt es ebenfalls vom Streichquartett D. 810b (Der Tod und das Mädchen), in der von Gielen bearbeiteten Mahler-Transkription. Eine kraftvoll strahlende Aufführung der 5. Schubert-Messe beschließt das Programm dieser Aufnahmen, in der sich Gielen auch als ein vorzüglicher Orchestererzieher zeigt, denn schon das Niveau der Aufnahmen aus den Sechzigerjahren ist ganz beachtlich.

*Es gibt in den Begleittexten widersprüchliche Angaben zu den Aufnahmedaten. Auf der Box steht 1967–2010, aber im Textheft steht, die Aufnahme der ‘Sechs Deutschen Tänze’ sei von 2013. © 2016 Pizzicato





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