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Album Reviews



 
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Dr. Ingobert Waltenberger
Online Merker, June 2016

Am 30.10.2014 ließ Michael Gielen per Pressemitteilung bekannt geben, dass er seine Dirigiertätigkeit aus gesundheitlichen Gründen beenden müsse. Daher hat sich das Label SWR music daran gemacht, in den nächsten drei Jahren in die verschiedenen Phasen einer langen, legendären Dirigentenlaufbahn hineinzuhören. Aktuelle Etappe: Die zweite Box der Michael Gielen-Edition zum 90. Geburtstag des Dirigenten am 20. Juli 2017 ist eine Offenbarung in Sachen Bruckner. Von meinen jetzt zehn Gesamteinspielungen der Bruckner Symphonien (2x Jochum, 2x Celibidache, Wand, Karajan, Haitink, Maazel, Janowski) ist die nunmehrige Veröffentlichung gemeinsam mit den Aufnahmen des Bayerischen Rundfunks unter Celibidache mein neuer Favorit. Geht das zusammen? Ja, das ist so, wie man gleichzeitig Knappertsbusch und Clemens Krauss oder Pierre Boulez als musikalische Interpreten für Parsifal schätzen kann, obwohl sie gewissermaßen echte Antipoden waren. Große Kunst trägt immer eine unverwechselbare, charaktervolle, präzise Handschrift. Das macht die Faszination gültiger Tonträgeraufnahmen aus – gemeinsam mit einer aus sich heraus sprossenden Geschlossenheit, den Glauben an eine musikalische Botschaft und deren Stellenwert in der Rezeptionsgeschichte.

Michael Gielen hat sich über einen langen Zeitraum seiner Karriere mit Bruckner befasst. Die Aufnahmen dieser Michael Gielen Edition stammen aus den Archiven des Südwestfunks Baden Baden (SWF) bzw. der Nachfolge Organisation SWR und des Saarländischen Rundfunks (SR) aus den Jahren 1968 bis 2013. „Über diese fast fünf Jahrzehnte haben sich der Standard der Orchester, die klangästhetischen Vorstellungen der Aufnahmetechnik und nicht zuletzt der Dirigent Michael Gielen selber verändert. So wie Gielen in den 1960-er und auch 70-er Jahren mit drängenden Tempi und Ausdruck nicht nur bei Beethoven sondern auch bei den Romantikern gegen den Strom schwamm, so fand man ihn bei Bruckner gegen Ende seiner Tätigkeit mit extrem ausformulierten Aufführungen in epischer Breite sich wiederum gegen den Strom stemmend“, ist im Booklet nachzulesen. Nun ich finde, dass sich dennoch ein roter Faden des Musikverständnisses Gielens durch all seine Bruckner-Interpretationen zieht. Gielen geht es mehr um die Architektur der Partituren als um selbstverliebten Weihrauch, um kritisch drängende Fragen dem Schöpfer gegenüber eher als um Anbetung, um Kanten und Ecken eher als um Schönklang und Wohlfühlromantik, um exakte Befolgung der Angaben des Komponisten eher als um exzentrische Eigenschau, mehr um Sachlichkeit als um Pathos. Insoweit ist er sich sehr wohl treu geblieben.

Dabei findet Gielen mit seinen durchwegs hell, transparent, wenngleich wo gefordert auch zart verhalten bzw. mächtig tönenden Rundfunk-Klangkörpern einen traumwandlerisch sicheren Weg, die harmonischen Kühnheiten und melodischen Eingebungen in einem instrumentalen, eigenständig gedachten Kosmos zu formen. In dieser Exegese des schlank-sehnig-fiebernden Spiels, der existenziellen Zwiesprache zwischen Orchester mit den spirituellen Welten Bruckners fällt aber eine „konkrete Leichtigkeit“ im tiefen Sinn für Dramatik, ein leuchtender Optimismus auf, der sich deutlich von anderen Lesarten unterscheidet. Bruckner ist im Gegensatz zu Mahler zwar „mit der Axt gehauen“, wie Gielen es formulierte, aber in einem vital kraftvollen Kontext mit Sonne und Nadelhölzern gewürzt. Diesen Bruckner kann man auch an gar nicht guten Tagen ohne Selbstmordgefahr anhören, vielmehr bei allem instrumentalem Wettstreit in der klaren Formensprache ähnlich wie bei Bach Trost finden.

Michael Gielen ist aber nicht nur ein „sympathisch-dickköpfiger“ Dirigent mit starkem Eigenprofil, sondern hat in der Wahl der eingespielten Fassungen nicht nur auf die üblichen, in der Regel diejenigen letzter Hand, rekurriert, die etwa bei der Dritten, Vierten und Achten sehr zusammengestrichen sind. Also ausgenommen die Fünfte, Sechste und Siebente, wo die Originalfassungen gespielt werden, können in der Box bei der Ersten die Wiener Fassung von 1890/91, bei der Zweiten die Fassung von 1877 /Edition Haas), der Dritten die 2. Fassung 1876/77, der Vierten die 1. Fassung von 1874, bei der Achten ebenfalls die 1. Fassung 1877 und bei der Neunten die Originalfassung von 1894 gehört werden. Besonders faszinierend gerät etwa die Vierte „Romantische“, wo in der gewählten Fassung das ursprüngliche Scherzo zum Tragen kommt. In der Vierten sind dem Rotstift ausgerechnet „das Wagnis des mittelalterlichen Bruckner zum Opfer gefallen, einen Höhepunkt als Ende der Durchführung und einen zweiten als Beginn der Reprise nebeneinander zu stellen.“ Diesem akustischen Abenteuer kann der Musikfreund sich nun getrost aussetzen. Faszinierend.

Live wurden die Erste (2009 Freiburg Konzerthaus), die Achte (Baden Baden Festspielhaus 2007) und die Neunte (Freiburg Konzerthaus 2013) aufgenommen, die anderen Einspielungen sind im Studio entstanden. Bei der Ersten, Zweiten, Achten und Neunten handelt es sich zudem noch um Erstveröffentlichungen. Die Aufnahmen wurden aufwändig restauriert und sind allesamt Meisterstücke deutscher Rundfunktechnik. © 2016 Der Neue Merker




Guy Wagner
Pizzicato, June 2016

SWR Music hat für diese Bruckner-Edition nicht in allen Fällen auf die bereits veröffentlichten Aufnahmen zurückgegriffen, sondern aus den Archiven des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg sowie des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken (der heutigen Deutschen Radio Philharmonie) Live- und Studioaufnahmen vereint, die zwischen 1968 und 2013 entstanden. Vier dieser Aufnahmen werden in dieser Box zum ersten Mal veröffentlicht.

Zweifellos gehört Michael Gielen zu den interessantesten und auch anregendsten Bruckner-Dirigenten der Gegenwart, der sich gerne zum Fürsprecher der Originalfassungen der Symphonien gemacht hat.

Und obwohl fast fünfzig Jahre zwischen der Saarbrücker Einspielung der Zweiten Symphonie (1968) und der Neunten (2013) liegen, bleiben die Hauptcharakteristiken unverändert.

In Bruckners Symphonien sieht Gielen nach eigenen Worten, « absolute Musik » und doch vernachlässigt er ihr seelisches Programm ebenso wenig wie die Darstellung von « Bruckners psychischer Situation, seiner Obsessionen, seiner Zwangsneurosen—und des Kampfes dagegen: seiner Gläubigkeit, seiner (gebrochenen) Naivität ». Das gilt nicht nur für die gewaltige Achte, zu der der Dirigent diese Aussage machte.

Es gibt in allen Symphonien eine ähnliche Rigorosität, eine Klarheit und Durchsichtigkeit der Strukturen, wie selten zuvor. Gielens radikale Klangvorstellungen, seine Bestrebungen, die Musik zu ‘entschlacken’ erreicht er durch ungewohnte Phrasierungen und eine Aufhellung des Klangmaterials.

Selten zuvor hat jemand das Geflecht der Motive so klar herausgestellt, und um nur ja keine falsche Feierlichkeit, kein hohles Pathos aufkommen zu lassen, hat der Dirigent relativ rasche Tempi gewählt (außer in der Neunten, die 2013 auch etwas mehr Fett angesetzt hat). Die Transparenz in den ersten acht Symphonien ist gleichzeitig der Weg zu Klangschönheit und Klangreichtum. Durch intensivierte Klangfarben wird aber auch die Komplexität einsichtig, und unter der Dramatik des Aufbaus offenbart sich eine in sich gekehrte Gedankenwelt, die immer wieder in sich selbst zurück versinkt und dann auch für Emotionen Platz lässt. Nur wird Bruckner dabei nicht zelebriert, sondern es wird deutlich gemacht, wie gewaltig das gedankliche und musikalische Gefüge ist, wie eindrucksvoll die Architektur seiner vieldimensionierten Gedankenwelt ist.

Gielens Bruckner wird mithin durch die ihm verordnete Schlankheitskur nicht bedeutungsarm, wie das bei anderen Dirigenten der Fall war, die die Musik weniger erfolgreich entschlackt haben.

Und mit diesem Konzept fügen sich die in einer großen Zeitspanne entstandenen Aufnahmen zu einem Ganzen und zu einem hoch interessanten und wichtigen Bruckner-Zyklus. © 2016 Pizzicato



Stefan Pieper
Klassik heute, June 2016

Die einen sehen in Anton Bruckner einen formstrengen Minimalisten, der über seine gesamten Sinfonien hinweg einem festgelegten Kompositionsprinzip fast statisch treu blieb. Andere, wie zum Beispiel der Dirigent Michael Gielen halten entgegen, dass die vielen musikalischen Ideen viel zu individuell sind, als dass man von der „typischen“ Bruckner-Sinfonie sprechen könnte. Diesem Credo hat Michael Gielen gehuldigt, als er zwischen 1963 und 2013 Bruckners gesamtes sinfonisches Werke eingespielt hat. Jetzt liegt als Teil 2 einer neuen Gesamt-Edition das ganze sinfonische Schaffen Bruckners in der Interpretation durch Michael Gielen mit dem SWR-Sinfonieorchester und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken vor. Das ist gut so, denn die Auseinandersetzung mit dem Sinfoniker Bruckner gelingt am besten in der Gesamtperspektive, vor allem, wenn die Interpretationen trotz unterschiedlicher Entstehungszeitpunkte in dieser Edition wie aus einem Guss anmuten.

Zum ersten Mal liegen hier Gielen-Interpretationen der Sinfonien 1,2,8 und 9 vor. Die Sinfonien Nr. 4 und 8 erklingen gewissermaßen in neuem Gewand, da Gielen hier auf die ersten Ur-Fassungen zurückgriff. Überhaupt ist es ihm ein Anliegen, mit möglichst frühen Fassungen so direkt wie möglich an die Ideen-Ursprünge heran zu kommen.

Man sollte sich die Zeit nehmen, um sämtliche zehn CDs chronologisch zu hören! Denn dies macht den Entwicklungsprozess in der sinfonischen Sprache des Linzers Spätromantikers deutlich. Vor allem die Tatsache, dass Bruckners kompositorischer Reichtum weit über das Etikett „spätromantisch“ hinaus geht. Musikalische Aussagen wachsen und verändern sich über eine lange Lebensspanne hinweg—zugleich bleibt eine formalen Prinzipientreue weitgehend unangetastet, mit der sich Bruckner noch ganz als bewahrender Komponist des 19. Jahrhunderts zeigt.

Die Deutung dieser Musik durch Michael Gielen legt diese Einheit aus objektiver Kontinuität und subjektivem Wandel mit hellhöriger Klarheit offen. Bruckner selbst soll bei seinen ersten Sinfonien noch ein stark Zweifelnder gewesen sind. Das selbstbewusst auftrumpfende Spiel des SWR-Sinfonieorchester macht klar, das höchste kompositorische Vollkommenheit schon ab der ersten Sinfonie vorhanden ist. Ebenso wird packend erfahrbar, wie Bruckners Musik alte und zeitgenössische Einflüsse aufnimmt und zur eigenen Sache macht. Natürlich an vielen Stellen Wagner, aber ebenso das Erbe der Bachschen Polyphonie. Vor allem sie wird in die eigene Tonsprache transformiert—davon zeugt allein schon die spektakuläre Kontrapunktik im vierten Satz der fünften Sinfonie. Später streben großangelegte musikarchitektonische Verläufe immer kolossaleren Höhepunkten entgegen—bis schließlich in der unvollendeten letzten Sinfonie eine spürbare Todesnähe mit innigster Empfindung eins wird.

Michael Gielen und das SWR Sinfonieorchester machen solche Strukturmerkmale und psychologischen Wesenszüge erfahrbar, weil hier die Musik beim Wort genommen wird. Immer geht es um die Architektur und den klaren, wachen Blick auf die Komposition. Klar und leuchtend, manchmal schneidend artikulieren Streicher und Bläser, herbe Reibungseffekte entstehen durch die phasenweise jeden Schönklang konterkarierende Dissonanzen. Bedrohlich verdichten Paukenwirbel die Klangmassen, wenn der sinfonische Kolkoss gravitätisch seine Fahrt aufnimmt. Hypnotische Zustände evozieren ist nicht so sehr das Anliegen, dafür umso mehr das Aufzeigen von Dimensionen, auch in den kühl dosierten, aber nicht minder überwältigenden dynamischen Steigerungen.

Gielen galt bis dahin als Vorkämpfer straffer Tempi, um damit vor allem Mozart und Beethoven eine „zeitgemäßere“ innere Spannung einzuverleiben. Die hier erstmalig vorliegenden Bruckner-Interpretationen überraschen durch den gegenteiligen Eindruck: Die Scherzo-Sätze, die ohnehin in fast allen Sinfonien zu Höhepunkten mit Ohrwurmcharakter werden, pulsieren meist stoisch und mächtig—wo andere (man denke etwa an Paavo Järvi) die Musik hier viel atemloser „swingen“ lassen, was natürlich nicht minder plausibel sein kann. Bei Gielen und den Orchestern aus Baden-Baden und Saarbrücken geht es durchweg anders zur Sache: Das führt dazu, dass nicht nur das resolut auftrumpfende Scherzo in der ersten Sinfonie eine regelrecht mechanistische, durchaus schon moderne Aura entfaltet. © 2016 Klassik heute





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