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Album Reviews



 
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Uwe Krusch
Pizzicato, November 2016

Auf der Website des SWR findet man diese Zeilen eines in Köln lebenden Architekten, der eine Buddhastatue restaurieren soll: „Die Buddha-Statue von Bamiyan ist für die Region oder für Afghanistan sehr wichtig, weil das einen Teil der afghanischen Identität bildet. Genauso wie das Symbol von Frankreich der Eiffelturm ist, ist in Afghanistan die Buddhastatue kein religiöses Symbol, sondern ein Teil der Identität, stellt eine Geschichtssymbolik dar. Und mit der Zerstörung dieser Statuen ist auch ein Teil der afghanischen Identität verloren gegangen.“ Man kann sich natürlich fragen, ob in diesem Sinne für eine Region auch ein Symbol verloren gehen kann, dass nicht aus Stein besteht, sondern ein aus Menschen gebildeter Organismus ist, wenn ein Orchester abgewickelt wird? Jedenfalls kann man das vom SWR abgeschaffte SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg nicht einfach wieder restaurieren.

„Jede Kunst setzt eine auswählende Tätigkeit voraus. Wenn ich an die Arbeit gehe, so habe ich meistens kein klares Ziel vor Augen…Sich auf das Ausscheiden verstehen, auf das écarter, wie man im Spiel sagt, darauf beruht die Technik der Wahl.“ Diese grundlegende kompositorisch ästhetische Position, geäußert in der Schrift ‘Poetik’, hat Stravinsky zeitlebens beibehalten: Das Aussondern der Möglichkeiten, das Ordnen des musikalischen Materials war für Stravinsky der Befehl Apollons. Der klare Aufbau, die Kristallisation, des Werkes sei dadurch zu erreichen, dass alle dionysischen Elemente, welch die Vorstellungskraft des Schöpfers anregen und hochtreiben, rechtzeitig, bevor sie Fieber hervorrufen, gezähmt und dem Gesetz Apollons unterworfen werfen.

Die beiden Werke bilden beinahe Ausgangs—und Endpunkt der Zeit der ‘Ballets Russes’, mit denen eine neue Bewegungssprache eingeführt wurde. Gleichzeitig könnten sie in ihrer Präsentation kaum gegensätzlicher gewesen sein. Der ‘Feuervogel’ wird mit aufwändigen Bühnenbildern und Kostümen, ‘Apollon Musagète’ in leerer Bühnengasse getanzt. Und russische Mythen—und Märchenwelt einerseits und reduzierte und stilisierte Bewegungen andererseits als Geburtsstunde der Ballett-Neuzeit weisen auch in unterschiedliche Richtungen.

Davon kann man auf einer CD natürlich nichts sehen. Man ist darauf begrenzt, die Musik zu hören und sich den Rest im Kopfkino selber zu gestalten. Oder sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Und die hat es wirklich verdient. Ohne die Ballettequipe um Diaghilev mit ihren Möglichkeiten und ihrer Bereitschaft, neue Wege zu gehen, wären diese Ballette vielleicht nie oder zumindest nicht so entstanden. Es gehört auch die Gunst des Augenblicks dazu, der diese Entwicklung ermöglichte.

Das komplette Ballett ‘Feuervogel’ wurde bereits 2001 unter der Leitung von Zoltán Peskó aufgenommen, ‘Apollon musagète’ folgte 2012 mit Gérard Korsten. Beiden gelingen mit dem wunderbaren SWR-Orchester erstklassige Deutungen. Bei ‘Apollon musagète’ wird ein intensiver, warmer Streicherklang gepflegt, der einem strengeren Duktus unterliegt. Der Feuervogel bietet mit ganzem Orchester und dem märchenhafteren Sujet orchestral andere Möglichkeiten. Damit ist aber keine Wertung verbunden, sondern Stravinsky bietet den verschiedenen Anforderungen entsprechend unterschiedliche Lösungen an, die beide Meisterwerke sind. Der ‘Feuervogel’ lebt nicht nur von den märchenhaften Kostümen und Bühnenbildern, sondern insbesondere auch von der facettenreichen Musik. Trotz der vielen ballettimmanenten Einzelteile der Komposition formt sich in der Aufnahme ein Ganzes zum Genuss des Hörers. © 2016 Pizzicato



Rasmus van Rijn
Klassik heute, September 2016

Die Serie der Ballets russes hat mir schon manche Kurzweil beschert, und das nicht etwa, weil hier die ganz exorbitanten, nie „dagewesensten” Interpretationen in „höchstkarätigsten” Aufnahmen zu hören gewesen wären, sondern weil sich um das thematische Zentrum eine Vielzahl schöner, auch in der Kopplung reizvoller Einspielungen schart, an denen mir immer eine besonders tänzerische Gangart aufgefallen war: Selbst der ausgewählte Till Eulenspiegel (Folge 6) passte so trefflich zwischen Pulcinella, Feuerwerk und La Valse, als hätten ihn Sylvain Cambreling und das SWR Sinfonieorchester seinerzeit eigens für diese Veröffentlichung aufgeführt.

Auch in der zehnten Folge wurden weder das Thema noch das sehr annehmbare musikalische Niveau verfehlt. Der Feuervogel erzählt seine Geschichte von den elastisch trabenden Fagotten der Introduktion bis hin zur Apotheose auf eine derart fesselnde, auch klanglich äußerst ansprechende Weise, dass die Momente, in denen man sich vielleicht eine etwas verführerische Geste wünschte, gegenüber der Gesamtleistung nicht ins Gewicht fallen und bei Szenen wie dem Zauberglockenspiel, dem Auftritt der monströsen Wächterfiguren und dem Höllentanz vollends vergessen sind.

Die gänzlich andere, parnassische Kühle des Apollon musagète, bereitet kein geringeres Vergnügen. Sei’s, dass die mal etwas wienerischen oder ländlerartigen Einschläge hinreichend ausgekostet sind, sei’s, dass man sich zu wiederholtesten Malen fragt, ob Fürst Igor seinen Musen etwa hier und da einen „Tea for two“ eingeschenkt hat—es ist bemerkenswert, wie prickelnd diese Musik sein kann, wenn ihrer anämischen Anfälligkeit durch einen kräftigen, stählernen Tonfall entgegengewirkt wird: Die Spannkraft steigt beträchtlich, ohne dass die charmant dahin trippelnden Musen darunter zu leiden hätten. Ein gelungenes, empfehlenswertes kleines Jubiläum. © 2016 Klassik heute





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