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Album Reviews



 
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Andreas Friesenhagen
Fono Forum, March 2017

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Remy Franck
Pizzicato, February 2017

Das mittlerweile von Chefschlächter Boudgoust abgeschaffte SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zeigt auch nach seinem Tod, welch hohes Niveau es hatte. Die ‘Symphonia Domestica’ ist ein oft missverstandenes Werk des Komponisten, das Richard Strauss seiner mitunter etwas burschikosen Frau Pauline gewidmet hat. Die Komposition mit deutlich programmatischem und autobiographischem Charakter wurde am 21. März 1904 unter der Leitung des Komponisten in der New Yorker ‘Carnegie Hall’ uraufgeführt. Strauss ‘beschreibt’ durch den Einsatz verschiedener Themen und Instrumentengruppen die drei Akteure, also ihn selber, die Frau und Mutter Pauline sowie den Sohn Franz mit ihren jeweiligen Stimmungen und Handlungen.

Roth bringt die Stimmungen der Domestica-Musik sehr sensibel und ohne jegliches Pathos zum Ausdruck, dafür aber mit viel Raffinement und menschlicher Wärme. Freilich findet man hier weniger von diesem feinen Humor, der Antoni Wits Aufnahme so herausragend werden ließ. Das Orchester spielt hervorragend und mit gesundem symphonischem Atem.

Nach diesem  musikalischen Familienfilm versetzt uns das 1946 in der Züricher Tonhalle uraufgeführte Spätwerk ‘Metamorphosen’ in eine ganz andere Welt.

Mit einer deutlich trauerverhangenen Interpretation ist es für den Hörer nicht leicht, aus dem Haus sozusagen auf den Friedhof der Welt zu wechseln. Die Metamorphosen hat man mit schönerem Streicherklang und auch transzendenter gehört (etwa bei Karajan), aber nicht immer so introspektiv, mit so viel Traurigkeit, die sich am Ende in Zuversicht verwandelt. © 2017 Pizzicato



Ingobert Waltenberger
Online Merker, February 2017

Francois-Xavier Roth, seit 2011 Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg befasst sich ebenso gerne mit Pierre Boulez wie Richard Strauss, Beethoven oder John Cage. Bei der Tour de Force aller Tondichtungen von Richard Strauss ist Roth nun bei Vol. 5 angekommen. Unter den berühmten Strauss‘schen Tondichtungen fristet das sinfonische Selbst—und Familienporträt „Symphonia domestica“ ungerechterweise ein relatives Schattendasein. Dieses quirlige, prächtig humorige und deftig lautmalerische Stück liegt Roth und seinen Mitstreitern des SWR ganz besonders gut. Seien es die Selbstcharakterisierung des Komponisten mit träumerischen, mürrischen, temperamentvollen Motiven, die klangliche Vision seiner Gattin Pauline, sensible Sängerin und bisweilen ruppige Partnerin oder die liebevollen dem Sohn Franzi gewidmeten Sequenzen, Roth legt ein charaktervolles, ausdrucksstarkes Klangkleid über die einzelnen Szenen. Das Alltagsleben der Familie Strauss ersteht vor dem inneren Ohr und der Hörer ist fast unfreiwillig „voyeuristischer“ Zeuge, wie „Mama Bubi zu Bett bringt, Papa arbeitet oder Papa und Mama alleine sind“.

Ein von Strauss verfasster Formplan gliedert das Werk in vier Sätze. Einer Einleitung folgt das Scherzo mit Elternglück, kindlichen Spielen, Wiegenlied, dann schlägt die Glocke 7 Uhr abends. Das Adagio als introspektiverer Teil handelt vom „Schaffen und Schauen“, enthält eine Liebesszene, und setzt mit „Träumen und Sorgen“ fort, bevor die Glocke 7 Uhr morgens kündet. Im rasanten Finale nach dem Erwachen samt lustigem Streit setzt Strauss einen gar fröhlichen Beschluss in Ton. Roth nutzt alle Finessen der üppigen Instrumentierung, vergisst auch das Augenwinkern nicht. Schließlich ist die Symphonia domestica nichts anders als eine unglaublich hingebungsvolle, leicht exhibitionistische, bisweilen bombastisch ironische Hommage an all die Lieben, die abseits des großen Ruhms in Wahrheit doch am meisten dazu beitragen. Vielleicht ist diese Interpretation die gelungenste von allen Einspielungen des ganz fabelhaften Dirigenten Roth.

Bei den Metamorphosen, einem symphonischen Trauergesang um das in Trümmer liegende München, hängt die Qualität der Wiedergabe vorwiegend von den 23 Solo-Streichern ab. Der Klang muss hier verschleierter sein, die weitaus geringeren Kontraste bedürfen einer großen Farbpalette an „Sound“. Die tapferen Freiburger haben hier im Vergleich etwa zu berühmten Einspielungen der Wiener Philharmoniker das Nachsehen. Aber wie Roth das späte Werk formal auffächert, dynamisch verdichtet und die dramatischen Brüche schärft, ist faszinierend. © 2017 Online Merker



Christoph Schl├╝ren
Klassik heute, January 2017

Farewell! Das einstige Flaggschiff des Südwestfunks, das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, wurde im Zuge der strategischen Verarmung unserer Kulturlandschaft—angeführt vom Chefabwickler Peter Boudgoust—wegrationalisiert und mit dem Stuttgarter SWR-Sinfonieorchester fusioniert zugunsten eines—peinliches PR-Neusprech!—‚Superorchesters’, das dann über die Jahre absehbar auf symphonische Normalgröße herabgefahren werden wird. Man setzt aufs kollektive Vergessen, und das Verstummen der Proteste bestätigt die Taktik. Ein internationaler Top-Klangkörper weniger: wen juckt’s letztlich außer den direkt Betroffenen?, werden sich wohl die für die Vernichtung Verantwortlichen „gefragt“ haben, die ja dank der allgemeinen Steuer für die Öffentlich-Rechtlichen jetzt deutlich mehr Geld kassieren als zuvor und dieses wohl in populistischen Projekten wie Sport-Liveübertragungen, seichte Soap-Serien und dergleichen mehr versenken werden.

Dass es sich hier um ein absolutes Spitzenorchester globalen Ranges handelte, dafür dient diese virtuose Strauss-Platte noch einmal als eindrücklicher Beleg. Makelloser dürfte die Sinfonia domestica, dieses privatphilosophische Ungetüm höchster Weißwurstelaboration, kaum je eingespielt worden sein. Man höre nur, wie sauber und klar die hohen Streicher all jene heiklen Passagen absolvieren, bei denen man normalerweise schon vorher weiß, dass es schmutzig klingen wird, und entsprechend gewohnt ist, für einen Moment beide Augen zudrücken zu müssen! Und wie erlesen der Konzertmeister seine Soli darbietet (sein Name ist leider nirgends genannt), wie fabelhaft die Holz und Blechbläser-Solisten ihre Parts zelebrieren! François-Xavier Roth, finaler Chefdirigent des abgewrackten Eliteorchesters, versteht es glänzend, den Apparat rhythmisch zu synchronisieren, schadlos durch die Rubati zu manövrieren, zu animieren und überwiegend auf schlanke, durchsichtige Tongebung zu trimmen, was von der vortrefflichen Tontechnik brillant unterstützt wird. Natürlich haben die Holzbläser in natura nicht eine solche Kraft im Vergleich zu Streichertutti und vor allem Blechbläsern—da hört man (wie in Aufnahmen heute ganz üblich) vieles in aller Deutlichkeit, was im Saal verdeckt wird: Das hat Vorteile für den analytisch Interessierten, entstellt aber auch die vertikalen (und horizontalen) Proportionen, wie sie ein Meisterorchestrator wie Strauss souverän herausmeißelte. Bei aller Verve und teilweise relativen Leichtigkeit, die Roths Ansatz auszeichnet, gibt es auch Schwachstellen in seiner Gestaltung: Das Bewusstsein über harmonische Artikulation, also über die Spannungs- und Entspannungsverhältnisse über das rein Melodische hinaus, ist nicht allzu ausgeprägt, wodurch oft die dynamischen Modifikationen zwar der Partiturvorschrift folgen, jedoch nicht aus der Dynamik des Satzes heraus natürlich motiviert sind—also ein bisschen so, als würde man von den Ereignissen überholt, die immer wieder mit zu wenig Vorausschau eingeleitet werden. Und er neigt zu allzu hitzigem Vorwärtsdrängen, wodurch es dann gelegentlich an der nötigen Reserve mangelt, um noch einmal merklich resolut nachzusetzen, wo die Musik es verlangt. Dessen ungeachtet handelt es sich um eine in ihrer Virtuosität und makellosen Umsetzung der ornamentischen Details beeindruckende Aufnahme der Sinfonia domestica.

Nach diesem Monster überwältigender Oberflächenwirkungen, das besonders in der turbulenten Finalfuge zu fesseln vermag, führen uns die späten Metamorphosen für 23 Solostreicher in die introvertierte Gegenwelt auf der Strauss’schen Ausdruckspalette. Auch hier: herrlich, wie die einzelnen Instrumentalisten aufblühen, wie jeder sich mit Intensität, Klangschönheit und blitzsauberer Geschmeidigkeit einzubringen vermag. Die Schwäche liegt in der plausiblen kontrapunktischen Durchdringung, also darin, dass man oftmals die Hauptstimmen nur dann heraushört, wenn man vorher weiß, wo sie sind. Das ist natürlich ein Problem der Einstudierung, für die kaum ein Orchester die Probenanzahl zur Verfügung gestellt bekommen dürfte, die nötig ist, um wirklich eins aus dem anderen entstehen zu lassen und geistesgegenwärtig stets sofort die Aufmerksamkeit des Hörers suggestiv dorthin zu lenken, wo sich—in ständigem Wechsel—gerade das Wesentliche abspielt. Daher geschieht es, dass im Zweifelsfall die Oberstimme dominiert, und dass besonders die Bassstimme nicht jene Kontur der Phrasierung vorgeben kann, die zur korrelierenden Erfassung des Gesamtgeschehens erforderlich wäre. Wie schon bei der Sinfonia domestica zeigt sich, dass Roth vor allem sein Gespür für den Sinngehalt der Modulationen, die kadenzierenden Entspannungsmomente und die Spannungskräfte der Intervallik vertiefen sollte, und auch, dass das übermäßige Vorwärtsdrängen zu einer gewissen Atemlosigkeit, zeitweise zu einem erregten auf-der-Stelle-Treten führt. Auch sind manche verkürzten Phrasenschlussnoten keineswegs das geeignete Mittel, um in subtiler Weise für Klarheit zu sorgen—was ganz besonders am Schluss auffällt. Oft zieht gar eine unorganisch verkürzte Note mehr Aufmerksamkeit auf sich als die ebenmäßig austarierten Dauern zuvor—was wohl nicht dem erwünschten Effekt entsprechen dürfte. Trotzdem: es ist eine Aufnahme ganz auf der Höhe der Zeit, denn auch die Frage „wer macht es denn besser?“ spielt eine Rolle. Ich kann sie anhand der aktuellen Diskographie nicht beantworten. Der Booklettext ist solide, auch wenn er verpasst, dass das Thema des Trauermarschs aus Beethovens ‚Eroica’ nicht nur am Schluss in voller Gestalt in den Bässen auftritt, sondern als charakteristisches Fragment, fugierend, den ganzen Satz durchwebt. © 2017 Klassik heute





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