Classical Music Home

Welcome to Naxos Records

Email Password  
Not a subscriber yet?  
Keyword Search
 in   
 Classical Music Home > Naxos Album Reviews

Album Reviews



 
See latest reviews of other albums...

Daniel Hauser
Opera Lounge, September 2017

Die bemerkenswerte Michael Gielen Edition von SWR Music geht in die nächste Runde. Nach dem bereits in operalounge.de besprochenen Vol. 4 (SWR19028CD), das der Romantik und Spätromantik verpflichtet war, ist man jetzt bei Vol. 5 angekommen (SWR19023CD). Im Mittelpunkt der sechs CDs umfassenden Box stehen Werke von Béla Bartók und Igor Strawinsky, beide Anfang der 1880er Jahre geboren. Ihre Musik durchbrach die Grenzen der Spätromantik und ebnete der Moderne den Weg. Kein Wunder, dass sich Gielen in diesem Repertoire heimisch fühlte. Wie bereits in den vorausgegangenen Boxen, umfasst auch die Neuerscheinung einen breiten Zeitrahmen: Es sind Aufnahmen zwischen 1967 und 2014 enthalten, also von den Anfängen bis zum (selbst gewählten) Ende der Karriere des Dirigenten Michael Gielen. Die ersten drei CDs widmen sich Bartók, dessen Musik Gielen als die im Vergleich „apollinischere, bravere“ charakterisiert, die zugänglicher sei, was er auch auf den Publikumsgeschmack zurückführt, dem sich Bartók nicht verschließen konnte. Den Anfang macht die Suite aus dem Ballett Der holzgeschnitzte Prinz, bei der Uraufführung ein großer Erfolg für den Komponisten. Gielen hat den langen Atem, lässt der Musik Raum und Zeit, sich zu entfalten. Schroffheit und Klangpracht ergänzen sich hier zu einem überzeugenden Ganzen. Ähnlich das „Konzert für Orchester“, ein Spätwerk mit parodistischen Einwürfen. Bereits hier merkt man, dass das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, welches den Großteil der enthaltenen Aufnahmen bestreitet, voll in seinem Element ist. Die Jahrzehnte lange, fruchtbare Zusammenarbeit mit Gielen (zwischen 1986 und 1999 Chefdirigent, danach bis 2014 ständiger Gastdirigent und seit 2002 auch Ehrendirigent) ist freilich unverkennbar und ermöglicht derart überzeugende Ergebnisse.

Die „Vier Orchesterstücke“ leiten CD 2 ein. Hierbei handelt es sich um eine eigenartige Erscheinung, die weder Sinfonie noch Suite genannt werden kann und impressionistische Anflüge besitzt. Es folgt das gerade zweisätzige „Violinkonzert Nr. 1“, hier 22 Minuten lang, welches im Schatten des „meisterlichen“ zweiten Violinkonzerts steht, ohne qualitativ wirklich abzufallen. Als Solist fungiert Christian Ostertag, der seine Sache mit Bravour absolviert. Beschlossen wird die zweite Compact Disc mit der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“, seinerzeit ebenfalls durchaus erfolgreich uraufgeführt. Auch hier verweigert sich Bartók abermals einer festen musikalischen Form. Waren auf den ersten beiden CDs nur Einspielungen aus dem 21. Jahrhundert vereinigt, finden sich auf der dritten CD deutlich ältere Aufnahmen, die in die späten 1960er und frühen 1970er Jahre datieren. Als Klangkörper fungierte damals das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, mit dem Gielen in seinen früheren Jahren häufig zusammenarbeitete. Kurz und prägnant die gerade 16-minütige „Tanz-Suite“. Gewichtiger das vom Pianisten Robert Leonardy kongenial vorgetragene „Klavierkonzert Nr. 2“, das deutlich klassischer, drei Sätze umfasst. Den Abschluss der Bartók-Aufnahmen stellt schließlich Der wunderbare Mandarin dar, wiederum eine späte Aufnahme mit den Baden-Badenern und Freiburgern (2007). Dem Stück war in seiner ursprünglichen Fassung als Tanzpantomime wenig Erfolg beschieden und es löste in Köln gar einen Skandal aus (der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer ließ es vom Spielplan nehmen). Gielen legt die später umgearbeitete Suite vor und stellt kompromisslos die Modernität dieser expressionistischen Tonschöpfung heraus.

Der zweite Teil der Box hat sodann Strawinsky zum Thema. Die drei Sinfonien machen auf der vierten CD den Anfang, wobei insbesondere die „Psalmensinfonie“ herausragt. Wiederum handelt es sich um in den 2000ern entstandene Einspielungen aus Freiburg. Für Gielen ist Strawinsky gleichsam „die Versteinerung der Schönberg-Schule in der Dodekaphonie“. Dass er relativ wenig Strawinsky dirigierte, sei äußeren Umständen, keineswegs einer etwaigen Ablehnung geschuldet gewesen, so Gielen. Besonders die „Sinfonie in drei Sätzen“ habe es ihm angetan. Dies kann in der exzellenten vorliegenden Aufnahme durchaus nachvollzogen werden. CD 5 versammelt zwei Chorwerke, zum einen Le roi des étoiles, zum anderen das sogenannte Canticum sacrum, wiederum aus zwei verschiedenen Abschnitten in Gielens Karriere stammend (1971 aus Stuttgart und 2007 aus Freiburg). Dazu gesellt sich das fast schon irrwitzig kurze Requiem, bei welchem die Mezzosopranistin Stella Doufexis und der Bariton Rudolf Rosen als Solisten fungieren. Das jeweils beteiligte SWR Vokalensemble Stuttgart brilliert in allen Fällen. Eine feurige Aufnahme des Balletts Agon rundet diese Platte ab. Auf der letzten CD findet man ein weiteres Ballett, nämlich Pulcinella, in seiner Konzeption bald doppelt so umfangreich und auch um sehr namhafte Solostimmen bereichert (Edda Moser, Werner Hollweg, Barry McDaniel). Das weniger bekannte Apollon musagète, ein Ballett für Streichorchester, muss sich nicht verstecken, entlockt Gielen doch auch demselben unerhörte Töne. Den Abschluss dieser Box bildet schließlich das „Scherzo à la russe“ in der Orchesterfassung, 1943 eigentlich für einen Propagandafilm konzipiert, Gielen zufolge ein „lustiges“ Werk, das 1998 in einer freien Zeit während der Produktionsphase spontan eingespielt wurde. Ich laufe Gefahr, mich zu wiederholen, doch auch Vol. 5 entpuppt sich als höchst begrüßenswerte Ergänzung der Diskographie Michael Gielens (und löst somit die hohen Erwartungen der Vorgänger durchaus ein). Das vorbildliche Niveau in der Aufbereitung der Box (sowohl tontechnisch als auch in der Präsentation) wird anstandslos auch hier gehalten. Ein sehr detailliertes Booklet (deutsch und englisch) ergänzt die Neuerscheinung.

Mit der auf zehn Boxen angelegten Edition würdigen Naxos und SWRmusic Michael Gielen anlässlich seines 90. Geburstag am 20. Juli 2017. Es sei—so der Firmentext— ein „nie dagewesenes Editionsprojekt mit etlichen Erstveröffentlichungen aus allen bedeutenden Karriereabschnitten“ des Dirigenten. „Gielen ist unbestreitbar einer der wichtigsten Dirigenten der Nachkriegsgeschichte“, hieß es weiter. „Naxos und SWRmusic gratulieren Michael Gielen herzlich und werden sich auch weiterhin für den Erhalt und die Verbreitung von Gielens musikalischem Lebenswerk einsetzen.“ © 2017 Opera Lounge



Aron Sayed
www.klassik.com, August 2017

Referenzaufnahmen unter sich: Die Michael Gielen Edition geht mit Bartók und Strawinsky in die fünfte Runde. © 2017 www.klassik.com




Remy Franck
Pizzicato, June 2017

Michael Gielen dirigiert in diesem Bartok-Stravinsky-Programm zunächst die Suite aus ‘Der holzgeschnitzte Prinz’ in einer 2006 in Freiburg gemachten Einspielung. Die großen Spannungsbögen entwickeln sich organisch, und die Musik blüht in ihrer ganzen Farbenpracht auf. Knisternde Spannung, schroffe Kontraste, viel federnde Flexibilität im Klang und ein großartiges Farbenspiel: Gielen nimmt sich Zeit das alles herauszuarbeiten, denn seine Aufnahme ist mit 39’40 eine der längsten in den Katalogen.

Die zweite CD beginnt mit den fast impressionistischen ‘4 Stücken für Orchester’, deren nostalgische Grundstimmung er wundervoll herausarbeitet. Sehr sorgfältig wird sodann das nur zweisätzige 1. Violinkonzert aufgeführt, und die CD wird beschlossen mit der bekannten ‘Musik für Streicher, Schlagzeug und Celesta’, von der es ja eine Menge Spitzenaufnahmen gibt, an die diese Aufführung trotz eines herausragenden Adagios nicht ganz heranreicht.

Detailreich und farbig, sehr gut durchleuchtet erklingt die ‘Tanz-Suite’, während das 2. Klavierkonzert in den Ecksätzen brillant von Robert Leonardy und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken musiziert wird, seinen Höhepunkt aber eindeutig in dem sehr stimmungsvollen Adagio findet. Die Aufnahme von Bela Bartoks Konzertsuite aus dem Ballett ‘Der wunderbare Mandarin’ entstand 2007 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und ist eine Gegendarstellung von Interpretationen, in denen die Modernität und Aggressivität dieser expressionistischen Musik gnadenlos geschärft wurden. Gielen betont die Farbenspiele, sucht mehr nach Stimmungen, streicht das Sensuelle hervor. Er differenziert den Orchesterklang, sorgt für größte Durchhörbarkeit, schürt die Spannung, und wird so der Handlung durch klug herausgearbeitete Stimmungsunterschiede gerecht.

Das ‘Pulcinella’-Ballett wurde 1973 live mit dem RSO Stuttgart aufgenommen und überrascht mit einem kernig-frischen, brillant farbigen Klang. Aus Stuttgart kommt ebenfalls ‘Apollon musagète’, und hier geht Gielen erstaunlicherweise genauso expressiv und gefühlsvoll vor wie in den drei Symphonien (Symphony in 3 Movements, Symphony in C, Symphony of Psalms). Der Hörer folgt der Musik von einem Satz zum anderen, als seien es lauter Werke mit musikalischen Erzählungen. In diesem Kaleidoskop nimmt die ‘Psalmensymphonie’ eine ganz besondere Stellung ein, weil sie großartig durchleuchtet wird.

Sehr eindrucksvoll ist auch die Chorplatte, die mit einer ausdrucksstarken Aufführung der kurzen, endzeitlichen Kantate ‘Le Roi des Etoiles’ beginnt, in der die Herren des SWR Vokalensembles im schwierigen, sechsstimmingen Chorpart brillieren. Das 1951 vom ‘Festival di Venezia’ für die Markus-Kathedrale bestellte ‘Canticum Sacrum Ad Honorem Sancti Marci Nominis’, ein serielles Werk, wird zwar hier sehr beeindruckend aufgeführt, aber die vor allem auf Bläsern beruhende Besetzung kommt in der Akustik des Freiburger Konzerthauses nicht wirklich zur Geltung.

Nach der rhythmisch scharfen Wiedergabe des Balletts ‘Agon’ folgt das nur 15 Minuten lange und wohl kürzeste Requiem, das je auf den lateinischen Text komponiert wurde, in einer Freiburger Aufnahme von 2007. Diese CD endet mit den kurzen ‘Variations’, zu denen der Dirigent eine ausführliche Einführung spricht und seine Beziehung zu Stravinskys Musik erläutert. © 2017 Pizzicato





Naxos Records, a member of the Naxos Music Group