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Album Reviews



 
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Rasmus van Rijn
Klassik heute, June 2017

Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll, zu pingelig oder einfach zu naiv—doch ich bilde mir ein, dass eine Produktion, die aus (begreiflichen) Kostengründen auf den Abdruck eines (mehrsprachigen) Librettos verzichtet, zumindest mit einer ausführlichen und nachvollziehbaren Angabe des Geschehens aufwarten sollte, anstatt die kostbaren Seiten des Beiheftes ausführlichsten Lebensläufen zu widmen, die ihrer künstlerischen Informationspflicht auch in gedrängterer Form Genüge täten.

Gewiß könnte man mir entgegnen, dass die hier beigefügte Inhaltsangabe mit ihren knapp zweieinhalb Spalten völlig hinreichte, weil L’Enfant et les sortilèges ohnehin in aller Welt bekannt sei. Doch auf die Erklärung, warum ausgerechnet die witzigsten, schrulligsten Ereignisse in der Nacherzählung fehlen, wäre ich gespannt: Der unwiderstehliche Chor der Frösche und das schnurrig-fauchende Katzenduett etwa werden völlig unterschlagen, der zwerchfellerschütternde Dialog des britisch-chinesischen Teegeschirrs und das arithmetische Bombardement des alten Männleins finden scheinbar nur am Rande statt…

Diese Form der „Textkritik” wäre erheblich kürzer oder gänzlich ausgefallen, wenn ich beim Hören der vorliegenden Aufnahme nicht dasselbe Defizit hätte beobachten müssen: die weitgehende Vermeidung humoriger Aspekte, an deren Stelle eine merkliche Routine steht, die zwar für mancherlei gelungene Episoden sorgt, insgesamt aber sicher nicht hinreicht, um der dreiviertelstündigen Fahrt durch die kaleidoskopische Geisterbahn den gebührenden Schwung oder gar jenen „Jazz” zu verleihen, ohne den Maurice Ravels Zauberkunststück undenkbar ist. Man vergleiche nur den eher klassisch wohlgestalteten, sehr schön im Raum postierten Chor der Schäfer/innen, das feine Bicinium von Flöte und Prinzessin oder den naturhaften Beginn des zweiten Teils mit der bürokratischen Teekanne und dem harmlosen Gemaunze der beiden Stubentiger, die doch Grund genug hätten, dem Kinde (das sich für meinen Geschmack übrigens zu „erwachsen” durch die phantastische Welt singt) die Krallen zu zeigen. Das Potential wäre durchaus vorhanden gewesen: Die Stimmen sind tadellos, das Orchester agiert sowohl kollektiv als auch solistisch vorzüglich—warum also nicht den versammelten Akteuren ein wenig die Zügel schießen und sie mit den Wunderdingen spielen lassen? Auch ma mère l’oye, im Jahre 2013 in der Stuttgarter Liederhalle mitgeschnitten, hätte durch diese Einstellung nur gewinnen können. © 2017 Klassik heute



Ingobert Waltenberger
Online Merker, May 2017

Stéphane Denève, der die Funktion des Chefdirigent des Stuttgarter Radio Sinfonieorchesters von 2011 bis 2016 bekleidete, ist der spiritus rector und musikalische Leiter einer CD-Reihe unter dem Signum des französischen Komponisten Maurice Ravel. In der neuesten Folger sind die wunderlich poetische Kinderoper „L‘enfant et les sortilèges“ (Das Kind und der Zauberspuk) nach einem Libretto von Colette, aufgenommen im Dezember 2015 in der Stadthalle Sindelfingen sowie ein älterer Mitschnitt eines Konzerts vom September 2013 in der Liederhalle Stuttgart mit den fünf Orchesterstücken „Ma mère l‘oye“ (Meine Mutter, die Gans) zusammengefasst.

Wie schon bei der an dieser Stelle beschriebenen CD Vol. 3 (Daphnis et Cloé, Valses nobles et sentimentales) ist zu konstatieren, dass Stéphane Denève ein besonders gutes Händchen für die impressionistische Leuchtkraft der Musik seines Landsmanns Ravel hat. Die Ballett-Oper „L‘enfant et les sortilèges“, von der jüngst eine vielbeachtete Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle auf den Markt kam, ist ja eine Art von Handlungssymphonie mit Gesang. Die imaginierte Welt des Kindes, das sich weigert seine Hausaufgaben zu machen, und während des Stubenarrests in eine blinde Zerstörungswut fällt, ist eine Fundgrube für lautmalerisches Fabulieren. Wann ward es erlebt, dass Lehnstuhl, Polstersessel und Standuhr sich zur Wehr gegen ein Kind setzen, die Teekanne zu boxen beginnt und eine Tasse mit goldenen Krallen droht? Im zweiten Teil ist es dann die empörte Tierwelt, die den Gesang dominiert. Libelle und Fledermaus treten auf, das verletzte Eichhörnchen warnt den Frosch, ein Liebesduett der Katzen und eine neoklassizistische Koloraturarie zum Ausbruch des Feuers aus dem Kamin dürfen dabei auch nicht fehlen. Die surreale Handlung wird von einer Musik getragen, deren Vorbilder sich bis auf die amerikanische Operette (Vorläufer des Musicals) erstrecken. Ravel liebte die „concerts salades“ des Pianisten Jean Wiener als auch die Musik der ersten Jazzbands, die es schon vor 1914 in Paris zu bestaunen gab.

Das SWR Sinfonieorchester Stuttgart spielt diese rhythmisch sowie auch vom Timing und den vielfältigen Klangsprachen her höchst anspruchsvolle Partitur so, als ob es nie etwas anderes getan hätte. Eine rein französischsprachige Besetzung, wobei jede/r außer dem Kind eine Mehrzahl an Rollen zugewiesen sind (Camille Poul/Kind, Marie Karall, Julie Pasturaud, Annick Massis, Mailys de Villoutreys, Paul Gay, Marc Barrard, Francois Piolino), kommt sowohl den witzig deklamatorischen als auch den vom Tonumgang her beträchtlichen sanglichen Anforderungen bestens nach.

Wie schön, wenn nach dem irren Tohuwabohu der kindlich nächtlichen Welten die fünf impressionistischen Wunderwerke aus der Märchensammlung „Contes de ma mère l‘oye“ von Charles Perrault (Pavane von Dornröschen; Kleiner Däumling; Laideronette, Kaiserin der Pagoden; Gespräche zwischen der Schönen und dem Tier; Der Feengarten) in exotisch schwärmerischer Tonsprache das Ohr des Hörers wieder beruhigen. Ursprünglich für Klavier zu vier Händen geschrieben, erstellte Ravel 1911 die (hier eingespielte) Orchesterfassung, die er ein Jahr später zu einem Ballett erweiterte, indem er der Suite ein Prélude, einen Tanz des Spinnrades sowie Interludien hinzufügte. © 2017 Online Merker





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