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Album Reviews



 
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Alain Steffe
Pizzicato, September 2019

Auch Klassikhörer lieben es, in Klischees zu denken. So wird der Dirigent Michael Gielen als reiner Experte für die Moderne und die Musik des 20. Jahrhunderts angesehen. Das dies aber nicht so ist, dass zeigen beispielsweise seine überragenden Interpretationen der Symphonien von Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler. Gielen war niemals ein Star, dafür aber ein Gigant in Sachen Interpretation, ein Dirigent, den ich in diesem Repertoire stilistisch gerne mit Otto Klemperer vergleiche.

Mit dem Vol. 8 der Michael Gielen-Edition wird aber jetzt das Klischee des der Moderne sehr verbundenen Dirigenten erst einmal bestätigt. In der Tat, Gielen—und das spürt man in diesen Aufnahmen von 1954 bis 2013—war der ideale Interpret für die Musik der Komponisten der 2. Wiener Schule und ist somit unbedingt mit einem Pierre Boulez oder Claudio Abbado gleichzusetzen.

In einer Zeitspanne von 60 Jahren hat Gielen alle Meisterwerke von Schönberg, Berg und Webern dirigiert und viele sogar mehrmals aufgenommen, wie hier Schönbergs Pelléas und Mélisande aus den Jahren 1973 und 1996. Seine Partner waren wie meistens das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das SWF Radio- Sinfonieorchester Stuttgart und das Radio-Sinfonieorchester Frankfurt.

Diese Box mit 12 CDs stellt insgesamt nicht nur eine interpretatorische und musikhistorische Glanzleistung dar, sondern ist auch in ihrer Vollständigkeit konkurrenzlos. Neben den bekannten Werken findet der Hörer dann auch die Schönberg-Bearbeitung von Bach-Werken und dem Kaiserwalzer von Johann Strauß, Das Augenlicht sowie die Zehn Stücke für Orchester op. post/op. 10 von Anton Webern und die Konzertarie Der Wein von Alban Berg. Viele der hier vorliegenden Aufnahmen sind Erstveröffentlichungen und besitzen somit einen enormen Repertoirewert. Die musikalische Ausnahmequalität dieser Box wird ergänzt durch wertvolle Werkbeschreibungen von Elvira Seiwert, Rainer Peters und Paul Fiebig. Ein Must für alle Freunde der Musik der Neuen Wiener Schule. © 2019 Pizzicato



Ekkehard Pluta
Klassik heute, June 2019

Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 8
Gesamteindruck: 10

Als Spezialist für die Musik der Neuen Wiener Schule wollte sich Michael Gielen nie abstempeln lassen, aber die Kompositionen von Schönberg, Berg und Webern haben ihn ein Dirigentenleben lang begleitet. Die 8. Folge der ihm gewidmeten Edition umfasst entsprechend Tondokumente aus 6 Jahrzehnten, beginnend mit einer Aufnahme von Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 in Weberns Quintett-Arrangement (Darmstadt 1954), bei der Gielen den Klavierpart übernommen hatte, und endend mit dem Konzert für Streichquartett und Orchester desselben Komponisten (Freiburg 2013). In beeindruckender Weise wird die Entwicklung der drei Musiker von den spätromantischen Anfängen an die Spitze der musikalischen Avantgarde nachgezeichnet, wobei das Aufbrechen der vorgegebenen Formmuster nicht erst mit der Erfindung und Entwicklung der Zwölftonmusik begann. Schönbergs Orchesterstücke op. 16 (1909) etwa verstörten nicht nur Richard Strauss, der es ablehnte, sie zur Uraufführung anzunehmen, sondern auch den Verleger, der anregte, die fünf Sätze mit Titelüberschriften als „Verständnishilfen“ zu versehen, was Schönberg nur sehr ungern tat, da es ihm um einen „bunten, ununterbrochenen Wechsel von Farben, Rhythmen und Stimmungen“ ging.

Mehr als die Hälfte der Aufnahmen werden hier erstmals auf CD veröffentlicht. Es handelt sich dabei überwiegend um Live-Mitschnitte von Konzerten, die Gielens stattliche Diskographie auch in qualitativer Hinsicht bereichern. Sehr interessant ist der Vergleich zweier Konzerte von 1973 und 1996 mit Pelleas und Melisande op. 5, erst vom Stuttgarter Orchester gespielt, dann vom SWR Orchester Baden-Baden und Freiburg. Die Sicht des Dirigenten auf das Werk hat sich zwischenzeitlich vertieft, vielleicht auch etwas distanziert. Von speziellem Sammlerinteresse dürften insbesondere die historischen Dokumente sein. Etwa die ursprünglich für die amerikanische Firma Vox produzierte Aufnahme von Schönbergs Violinkonzert (1957) in der exemplarischen Wiedergabe durch den Geiger Wolfgang Marschner oder Claude Helffers Interpretation von dessen Klavierkonzert (1970). Sehr innig geht Christian Ferras Bergs Violinkonzert „Zum Andenken eines Engels“ an (1970).

Die Vokalkompositionen nehmen vor allem bei Schönberg einen breiteren Raum ein, wobei die mit anderen Orchestern und schon anderweitig veröffentlichten Opern Moses und Aron und Von heute auf morgen fehlen. Die Aufnahme der Gurre-Lieder (2006) sieht sich einer großen Konkurrenz gelungener Einspielungen gegenüber, die sie in sängerischer Hinsicht nicht übertreffen kann. So entspricht Melanie Dieners klangschöner, aufblühender Zwischenfachsopran im Stimmcharakter den Gesängen Toves durchaus, ebenso wie Bergs frühen Liedern und seiner Konzertarie Der Wein. Aber leider nimmt die Stimme nur ein erfrischendes Bad in den Klangfluten des Orchesters, der gesungene Inhalt bleibt dabei auf der Strecke. Auch bei den anderen Vokalkompositionen ist, vor allem bei den Damen, die Textverständlichkeit der Schwachpunkt. Da wäre ein Abdruck der Texte im üppigen Booklet sehr hilfreich, wenn nicht notwendig gewesen. So muß sich der Hörer der Mühsal aussetzen, sie einzeln aus dem Internet zusammen zu klauben.

Gielens Interpretationen—auch von klassischer und romantischer Musik—wurden immer wegen ihrer analytischen Klarheit gerühmt, aber es wäre völlig verfehlt, dieses Analysieren mit sachlichem Sezieren gleichzusetzen. Vielmehr zeigt er bei den ihm so vertrauten Werken der Neuen Wiener Schule das nimmermüde Bestreben, auch das zu vermitteln, was hinter dem Notentext steht: dessen geistige und emotionale Substanz. Das macht auch das Hören der nur scheinbar abstrakten Partituren zu einem tiefen und nachdrücklichen Erlebnis.

Im Booklet findet sich statt schulmäßiger Werkeinführungen eine geschickte Kompilation von Aussagen der Komponisten, einiger ihrer Zeitgenossen und des Dirigenten. Damit wird diese Kassette zu einer lebendigen und überaus informativen Einführung in die Musik der Neuen Wiener Schule, die auch Kennern noch manches Neue zu bieten hat und den „Neulingen“ ein verführerisches Angebot macht, sie nicht nur kennen, sondern vielleicht auch lieben zu lernen. © 2019 Klassik heute





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