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Album Reviews



 
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Rüdiger Winter
Opera Lounge, December 2017

Schlicht wie die Verpackung ist auch das, was drinnen ist. Mit Richard Wagners Rheingold hat Naxoseinen neuen Ring des Nibelungen gestartet (8.660374-75). Im kommenden Jahr soll die Walküre folgen, innerhalb von vier Jahren das gesamte Projekt zum Abschluss kommen. Kleingedruckt ist zu lesen, dass es sich um einen Mitschnitt aus der Hong Kong Cultural Centre Concert Hall mit dem dort ansässigen Philharmonic Orchestra handelt. Dirigent ist Jaap van Zweden. Es gab zwei Aufführungen, nämlich am 22. Und 24. Januar 2015. Daraus wurde sich bedient. Das ging erstaunlich schnell und spricht für die Professionalität des Labels Naxos.

Statt die Liveatmosphäre zu betonen, wurde alles, was darauf verweist, eliminiert. Offenbar soll ganz bewusst Studio simuliert werden. Ich halte das für problematisch, weil solche Aufnahmen weder das eine noch das andere sind. Bei aller Perfektion des Klangbildes, bin ich mit diesem Rheingold nicht richtig warm geworden. Es wird nicht meine bevorzugte Aufnahme werden. Es packt mich nicht. Dafür ist die Konkurrenz zu mächtig. Dieser Produktion sitzen mindestens hundert andere—live und Studio—im Nacken. Das ist kaum zu glauben, aber es ist so—nachzulesen bei Andreas Ommer, der ein „Verzeichnet aller Operngesamtaufnahmen von 1907 bis zur Gegenwart“ erarbeitet hat, das in zweiter Auflage als CD-ROM veröffentlicht wurde (Verlag Directmedia Publishing—ISBN 976-3-89853-640-0).

Für die Neuerscheinung spricht das Rollendebüt von Matthias Goerne als Wotan. Das ist schon mal was. Goerne hat eine große Fangemeinde, gilt als einer der vorzüglichsten Sänger der Gegenwart. Seine Domäne ist das Lied, dem er sich auch auf vielen CDs erfolgreich zugewandt hat. In Opernhäusern macht er sich rar. Auffällig ist, dass er vornehmlich Rollen singt, die auch Dietrich Fischer-Dieskau verkörpert hat—Papageno, Wolfram, Wozzeck, Lear und nun Wotan. Im Gegensatz zu seinem Lehrer will er sich auch dem wortreichen Wotan in der Walküre stellen. Die Termine in Hong Kong hat er mit dem 21. und 23. Januar kommenden Jahres auf seiner eigenen Website bereits bekannt gegeben. Mutig ist das. Goerne hat für den Wotan genug Ressourcen. Naturgemäß gelingen ihm die getragenen Passagen, wenn sich die Stimme deklamatorisch ausbreiten kann, am besten und er der versinkenden Erda zuruft: „Geheimnis-hehr / hallt mir dein Wort: / Weile, dass mehr ich wisse.“ Endlich wird einmal deutlich, dass hier etwas hallt und nichts gehalten wird. Es meldet sich der Liedsänger, der aber in anderen Momenten versagen kann. Wotans große Szene „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ ist nicht immer auf dem Punkt—und auf dem Wort. In dramatischen Situationen und Ausbrüchen—wie sie noch mehr in der Walküre lauern—kommt Goerne an Grenzen. Seine Stimme klingt erstaunlich tief, dunkel und machtvoll, oft aber auch gaumig und verwaschen. Er ist sehr gut zu verstehen, was sich so nicht von allen Mitwirkenden sagen lässt. Wen wundert’s?

Die Sänger vertreten zehn Nationen in Europa, Nordamerika und Asien. Mit dem Dirigenten Jaap van Zweden kommen noch die Niederlande hinzu. Das dürfte Rekord sein. Wo, bitte, wurde ein Rheingold so international, so global und damit politisch so zeitgemäß besetzt? Damit hätte Naxos gesondert werben können. Der Preis ist eine gewisse Unverbindlichkeit in Ausdruck und Wirkung. Donners „Dinste“, „Gedift“ und „Brike“ sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dabei gibt sich der Ukrainer Oleksandr Pushniak, dessen Bariton immer dann wackelt, wenn er das nicht tun sollte, wirklich alle erdenkliche Mühe, seinem Auftritt—vor allem in der wichtigen Gewitterszene—auch den rechten Sinn zu verleihen. Für den Loge bringt Kim Begley zwar das passende Timbre mit, bleibt aber zu eindimensional und zu wenig pointiert. Das gilt nach meinem Eindruck auch für Alberich (Peter Sidhom), Mime (David Cangelosi), Fafner (Stephen Milling) und Froh (Charles Reid). Durch mehr Schöngesang hebt sich Kwangchul Youn (Fasolt) hervor: „Freia, die schöne, / schau ich nicht mehr: / So ist sie gelöst? / Muss ich sie lassen?“ Wunderbar! Stilvoll tritt Deborah Humble als Erda in Erscheinung, hält aber die Eleganz in ihrem magischen Auftritt bis zum Schluss nicht ganz durch. Erstaunlich ausgesungen und unstet wirkt auf mich die Fricka von Michelle DeYoung.

Die Rheintöchter Eri Nakamura (Woglinde), Aurhelia Varak (Wellgunde) und Hermine Haselböck (Floßhilde) sind die Stützen der Produktion und geben am Grunde des Rheins ein hohes Niveau vor, das im weiteren Fortgang der Dinge leider nicht immer gehalten wird. Sie kommen auch im Ensemble gut zusammen und garantieren so einen versöhnlichen gesungenen Schluss. Das Orchester setzt schöne eigenen Akzenten, vor allem in der einleitenden Szene. Anderes—wie der Gewitterzauber—wirkt zu grell. Und die letzten Takte sind mir zu hastig angelegt. Da ist im Hintergrund vieles nicht zu hören, was nun mal in den Noten steht. Trotz aller Einschränkungen bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. © 2017 Opera Lounge



Ekkehard Pluta
Opernwelt (Germany), February 2017

WAGNER, R.: Rheingold (Das) [Opera] (Goerne, DeYoung, Begley, Sidhom, Cangelosi, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660374-75
WAGNER, R.: Walküre (Die) (Goerne, DeYoung, Skelton, Melton, P. Lang, Struckmann, Hong Kong Philharmonic, van Zweden) 8.660394-97
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival 2008, Thielemann) OACD9000BD
WAGNER, R.: Ring des Nibelungen (Der) [Opera] (Bayreuth Festival Chorus and Orchestra, Kempe, Hines, T. Stewart, Thaw, Stolze, D. Ward, Roth-Ehrang) C928613Y

Man kann sie kaum noch zählen, die kompletten Aufführungen von Wagners « Ring des Nibelungen », die in den letzten Jahren als Mitschnitte auf CD oder DVD erschienen sind. Wien, Hamburg, Frankfurt, Weimar, Lübeck, Kopenhagen, Amsterdam, Seattle usw. Und jetzt also auch noch Hongkong. Dort hat man vor zwei Jahren einen konzertanten Zyklus gestartet, der nun bis zur « Walküre » gediehen ist und in fortgeschrittenster Aufnahmetechnik bei Naxos publiziert wird. In diesem Jahr kommt « Siegfried » heraus, Ende Dezember 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Wer braucht das?, möchte man angesichts des Überangebots fragen. Denn sieht man einmal vom Reiz des exotischen Orchesters ab, findet man auf dem Besetzungszettel durchweg Namen von Künstlern, die schon in früheren Live-Aufnahmen zu erleben sind. Einzige Ausnahme: Matthias Goerne, der bei dieser Gelegenheit sein Wotan-Debüt gibt.

Seine Leistung ist in vokaler wie gestalterischer Hinsicht beachtlich und macht neugierig auf die weitere Entwicklung des Sängers in diesem Fach, auch wenn er kein echter Heldenbariton ist (und wahrscheinlich auch nicht werden wird). Doch die deklamatorische Prägnanz in den Dialogen mit Fricka und Brünnhilde und das vollmundige Legato bei Wotans Abschied lassen auch beim verwöhnten Hörer kaum Wünsche offen. Ihm ebenbürtig an mustergültiger Diktion und liedhafter Phrasierung ist der australische Tenor Stuart Skelton als Siegmund. Das ist Wagner-Belcanto pur, wie man ihn heute nur noch selten erlebt. Falk Struckmann, der Wotan im Hamburger « Ring », hat jetzt den Hunding übernommen, ohne deshalb ein Bassist geworden zu sein. Ihm fehlen die dunklen Farben, die man von Gottlob Frick oder Kurt Moll im Ohr hat, aber dank scharfer sprachlicher Profilierung bringt er die sinistren Seiten der Figur deutlich heraus.

Mit den weiblichen Protagonisten kann ich mich weniger anfreunden. Heidi Melton nimmt mit schöner Mittellage für sich ein, neigt in der Höhe aber schnell zum Kreischen—mit einiger Skepsis sehe ich ihrer Brünnhilde im demnächst folgenden « Siegfried » entgegen. Die wird hier von Petra Lang mit einer immer noch jugendlich klingenden Stimme gestaltet, die freilich in den exponierten Lagen aus dem Fokus gerät, mit einer Tendenz zum leicht heulenden Portamentieren. Michelle De Young reduziert die Fricka auf den keifenden Ehedrachen: dadurch geht die argumentative Kraft ihrer Auseinandersetzung mit Wotan verloren.

Im « Rheingold » war Goerne der einzige deutsche Sänger im Ensemble, und man muss anerkennen, in welchem Maße auch die anderen um eine präzise Artikulation des Textes bemüht waren, auch wenn sie ihren jeweiligen Akzent nicht leugnen konnten. Loge, Alberich und die beiden Riesen bieten ansprechende, wenn auch nicht sonderlich profilierte Leistungen, das restliche Ensemble hält gutes Stadttheaterniveau. Das chinesische Orchester ist von seinem holländischen Chefdirigenten Jaap van Zweden gut auf Wagner eingeschworen worden. Van Zweden dröselt die Partitur gleichsam auf, nimmt das Orchester oft zurück, um die Sänger plastischer hervortreten zu lassen. Über weite Strecken erlebt man ein Kammerspiel. Das ist wohlgetan und ganz in Wagners Sinne. Die breiten Tempi—der « Vorabend » dauert eine halbe Stunde länger als bei Clemens Krauss und Karl Böhm—werden allerdings nicht durch innere Spannung ausgefüllt, die orchestralen Höhepunkte stehen etwas isoliert da, dem Ganzen fehlt der große epische Atem.

Gleichzeitig mit der « Walküre » aus Hongkong bringt Naxos den schon früher veröffentlichten kompletten Bayreuther « Ring » von 2008 zu einem relativ günstigen Preis erneut auf den Markt. Die Kassette ist in erster Linie ein Dokument des Kultes um den Wagner-Dirigenten Christian Thielemann, der sich hiermit gleichsam selbst Konkurrenz macht, denn seit Jahren ist auch sein Wiener « Ring » von 2011 (Deutsche Grammophon) im Handel. « Auf dem Siegertreppchen » verortet der für alle Teile der Tetralogie identische Booklet-Text den Maestro und prophezeit dem Mitschnitt, dass er nicht nur in die Bayreuther Annalen, sondern auch in die Schallplattengeschichte eingehen werde. Letzteres darf mit Fug bezweifelt werden. Unbestritten ist Thielemanns intime Kennerschaft der Partitur, Geschmackssache bleiben seine in breiten Tempi sich auslebenden Klangvorstellungen, die gewollt eine Gegenposition einnehmen zu den eher analytischen Interpretationen der jüngeren Vergangenheit von Boulez bis Petrenko. Auf vokaler Ebene sind aber kaum denkwürdige Leistungen zu registrieren.

Um die völlig verloren gegangenen Maßstäbe des Wagner-Gesangs in Bayreuth und anderswo wieder zurechtzurücken, kommt der bei Orfeo erstmals publizierte « Ring » von 1961 unter Rudolf Kempe gerade recht. Im homogenen Ensemble finden sich einige Sänger, die mit ihren RollenporRollenporträts eine ganze Epoche geprägt haben. Dazu zählen an erster Stelle Birgit Nilsson als Brünnhilde und Gottlob Frick als Hunding und Hagen. Die Nilsson übernimmt ihre Glanzrolle hier von Astrid Varnay, die im Bayreuth der fünfziger Jahre gleichsam ein Monopol darauf hatte und hier in der « Walküre » noch einmal ihre Klasse zeigen kann. Régine Crespin, später Karajans Brünnhilde, ist eine leuchtkräftige, sinnliche Sieglinde, Regina Resnik eine imponierende Fricka. Loge wurde nie charakterschärfer gezeichnet als von Gerhard Stolze, und Otakar Kraus ist als Alberich ein ernsthafter Gegenspieler von Wotan. Den verkörpern hier die Bayreuth-Debütanten Jerome Hines und James Milligan (« Siegfried »), beide mit großer vokaler Autorität und Gespür für die Finessen von Wagners Deutsch. Der 33-jährige Kanadier Milligan stand am Beginn einer Weltkarriere, erlag aber nur wenige Monate nach diesem Auftritt während einer Probe in Basel einem Herzinfarkt. Thomas Stewart lässt als Donner und Gunther schon erkennen, dass er sich zum führenden Wotan seiner Generation entwickeln wird. Die glücklosen Helden sind hinsichtlich der Stimmfarbe eher ungewöhnlich besetzt. Fritz Uhl gibt mit heller schneidender Loge-Stimme den Siegmund, der sehr baritonal klingende Hans Hopf den Siegfried als gestandenes Mannsbild, nicht als naiven Jüngling. Rudolf Kempe baut in Bayreuth auf seinen Londoner « Ring »-Erfahrungen auf, schafft bei einem schlanken Gesamtklang einen ruhigen Erzählfluss, aus dem sich die dramatischen Höhepunkte organisch entwickeln. © 2017 Opernwelt (Germany)



Gerhard Persché
Fono Forum, February 2016

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Salvatore Pichireddu
artistxite, November 2015

An exzellenten Aufnahmen von Wagner-Opern mangelt es wahrlich nicht. Ob Archiv-Veröffentlichungen mit dem (unwiderstehlichen?) Charme rauschender Mono-Preziositäten, ob Hochglanz-Produktionen aus der goldenen Ära der aufwändigen Hifi-Produktionen oder als technisch brillante Live-Mitschnitte—wer Wagner will, wird mit der Qual der Wahl konfrontiert. Das gilt auch (und im besonderen Maße) für die vier Opern des “Ring des Nibelungen”. Haben da Neuproduktionen der Tetralogie überhaupt noch eine Chance am Markt? Im Falle der Jaap-van-Zweden-Aufnahme von “Das Rheingold” mit dem Hong Kong Philharmonic Orchestra, der ersten Veröffentlichung einer geplanten Gesamteinspielung, lässt sich diese Frage eindeutig mit “Ja!” beantworten. Van Zwedens Rheingold klingt erfreulich luftig und transparent. So werden die vielen intermusikalischen Bezüge und Feinheiten wahrnehmbar, was bei manch einer dick aufgetragenen, monumentalen Aufnahme schon mal in aller Klanggewalt untergeht. Das Hongkonger Orchester folgt Van Zwedens stringenter Vision mit düsterem, samtigen Klang, perfekt eingefangen von einer (nicht nur für eine Budgetproduktion) tadellosen Aufnahmetechnik. Last but not least trägt die exzellente Sängerriege, allen voran Matthias Goerne als Wotan, zum Gelingen dieser Veröffentlichung bei. Wer hätte gedacht, dass solch ein verdienter Lied-Interpret wie Goerne, ein Meister der subtilen Feinheiten also, so viel Überzeugungskraft als Göttervater aufbieten kann? Bemerkenswert stark auch Peter Sidhom als böswilliger Alberich, Michelle DeYoung als Fricka und der unverwüstliche Kwangchul Youn als Fasolt. Ein vielversprechender Auftakt zu einem neuen Ring. Man kann sie jetzt schon auf “Die Walküre” freuen. © 2015 artistxite



Rüdiger Winter
Opera Lounge, November 2015

Schlicht wie die Verpackung ist auch das, was drinnen ist. Mit Richard Wagners Rheingold hat Naxos einen neuen Ring des Nibelungen gestartet (8.660374-75). Im kommenden Jahr soll die Walküre folgen, innerhalb von vier Jahren das gesamte Projekt zum Abschluss kommen. Kleingedruckt ist zu lesen, dass es sich um einen Mitschnitt aus der Hong Kong Cultural Centre Concert Hall mit dem dort ansässigen Philharmonic Orchestra handelt. Dirigent ist Jaap van Zweden. Es gab zwei Aufführungen, nämlich am 22. Und 24. Januar 2015. Daraus wurde sich bedient. Das ging erstaunlich schnell und spricht für die Professionalität des Labels Naxos.

Statt die Liveatmosphäre zu betonen, wurde alles, was darauf verweist, eliminiert. Offenbar soll ganz bewusst Studio simuliert werden. Ich halte das für problematisch, weil solche Aufnahmen weder das eine noch das andere sind. Bei aller Perfektion des Klangbildes, bin ich mit diesem Rheingold nicht richtig warm geworden. Es wird nicht meine bevorzugte Aufnahme werden. Es packt mich nicht. Dafür ist die Konkurrenz zu mächtig. Dieser Produktion sitzen mindestens hundert andere—live und Studio—im Nacken. Das ist kaum zu glauben, aber es ist so—nachzulesen bei Andreas Ommer, der ein „Verzeichnet aller Operngesamtaufnahmen von 1907 bis zur Gegenwart“ erarbeitet hat, das in zweiter Auflage als CD-ROM veröffentlicht wurde (Verlag Directmedia Publishing—ISBN 976-3-89853-640-0).

Für die Neuerscheinung spricht das Rollendebüt von Matthias Goerne als Wotan. Das ist schon mal was. Goerne hat eine große Fangemeinde, gilt als einer der vorzüglichsten Sänger der Gegenwart. Seine Domäne ist das Lied, dem er sich auch auf vielen CDs erfolgreich zugewandt hat. In Opernhäusern macht er sich rar. Auffällig ist, dass er vornehmlich Rollen singt, die auch Dietrich Fischer-Dieskau verkörpert hat—Papageno, Wolfram, Wozzeck, Lear und nun Wotan. Im Gegensatz zu seinem Lehrer will er sich auch dem wortreichen Wotan in der Walküre stellen. Die Termine in Hong Kong hat er mit dem 21. und 23. Januar kommenden Jahres auf seiner eigenen Website bereits bekannt gegeben. Mutig ist das. Goerne hat für den Wotan genug Ressourcen. Naturgemäß gelingen ihm die getragenen Passagen, wenn sich die Stimme deklamatorisch ausbreiten kann, am besten und er der versinkenden Erda zuruft: „Geheimnis-hehr / hallt mir dein Wort: / Weile, dass mehr ich wisse.“ Endlich wird einmal deutlich, dass hier etwas hallt und nichts gehalten wird. Es meldet sich der Liedsänger, der aber in anderen Momenten versagen kann. Wotans große Szene „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ ist nicht immer auf dem Punkt—und auf dem Wort. In dramatischen Situationen und Ausbrüchen—wie sie noch mehr in der Walküre lauern—kommt Goerne an Grenzen. Seine Stimme klingt erstaunlich tief, dunkel und machtvoll, oft aber auch gaumig und verwaschen. Er ist sehr gut zu verstehen, was sich so nicht von allen Mitwirkenden sagen lässt. Wen wundert’s?

Die Sänger vertreten zehn Nationen in Europa, Nordamerika und Asien. Mit dem Dirigenten Jaap van Zweden kommen noch die Niederlande hinzu. Das dürfte Rekord sein. Wo, bitte, wurde ein Rheingold so international, so global und damit politisch so zeitgemäß besetzt? Damit hätte Naxos gesondert werben können. Der Preis ist eine gewisse Unverbindlichkeit in Ausdruck und Wirkung. Donners „Dinste“, „Gedift“ und „Brike“ sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dabei gibt sich der Ukrainer Oleksandr Pushniak, dessen Bariton immer dann wackelt, wenn er das nicht tun sollte, wirklich alle erdenkliche Mühe, seinem Auftritt—vor allem in der wichtigen Gewitterszene—auch den rechten Sinn zu verleihen. Für den Loge bringt Kim Begley zwar das passende Timbre mit, bleibt aber zu eindimensional und zu wenig pointiert. Das gilt nach meinem Eindruck auch für Alberich (Peter Sidhom), Mime (David Cangelosi), Fafner (Stephen Milling) und Froh (Charles Reid). Durch mehr Schöngesang hebt sich Kwangchul Youn (Fasolt) hervor: „Freia, die schöne, / schau ich nicht mehr: / So ist sie gelöst? / Muss ich sie lassen?“ Wunderbar! Stilvoll tritt Deborah Humble als Erda in Erscheinung, hält aber die Eleganz in ihrem magischen Auftritt bis zum Schluss nicht ganz durch. Erstaunlich ausgesungen und unstet wirkt auf mich die Fricka von Michelle DeYoung.

Die Rheintöchter Eri Nakamura (Woglinde), Aurhelia Varak (Wellgunde) und Hermine Haselböck (Floßhilde) sind die Stützen der Produktion und geben am Grunde des Rheins ein hohes Niveau vor, das im weiteren Fortgang der Dinge leider nicht immer gehalten wird. Sie kommen auch im Ensemble gut zusammen und garantieren so einen versöhnlichen gesungenen Schluss. Das Orchester setzt schöne eigenen Akzenten, vor allem in der einleitenden Szene. Anderes—wie der Gewitterzauber—wirkt zu grell. Und die letzten Takte sind mir zu hastig angelegt. Da ist im Hintergrund vieles nicht zu hören, was nun mal in den Noten steht. Trotz aller Einschränkungen bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. © 2015 Opera Lounge





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